Horror | USA/Kanada 2021 | (sieben Folgen) Minuten

Regie: Mike Flanagan

Ein Mann, der eine Haftstrafe verbüßt hat, weil er betrunken ein Mädchen überfahren hat, kehrt auf eine entlegene Insel vor der US-Küste zurück. Neben ihm stößt auch ein charismatischer Priester zu der kleinen, maroden Gemeinde, die dort lebt. Als sich wundersam-beunruhigende Begebenheiten mehren, sorgt das für Erschütterungen; Böses hat auf der Insel Einzug gehalten. Eine stimmungsvoll inszenierte „Slow Horror“-Serie, in der mehr als das übernatürliche Grauen menschliche Abgründe wie der Umgang mit Schuld, aber auch die Gefahren von religiösem Fanatismus ausgelotet werden. Im Mikrokosmos der Inselgemeinde spiegelt sich dabei auch die Polarisierung der gegenwärtigen US-Gesellschaft. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
MIDNIGHT MASS
Produktionsland
USA/Kanada
Produktionsjahr
2021
Regie
Mike Flanagan
Buch
Mike Flanagan · James Flanagan · Elan Gale · Jeff Howard · Dani Parker
Kamera
Michael Fimognari
Musik
The Newton Brothers
Schnitt
Mike Flanagan
Darsteller
Hamish Linklater (Pater Paul) · Zach Gilford (Riley Flynn) · Kate Siegel (Erin Greene) · Henry Thomas (Ed Flynn) · Kristin Lehman (Annie Flynn)
Länge
(sieben Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Horror | Serie

Ein verlorener Sohn, ein mysteriöser Priester und seltsame Vorkommnisse sorgen für Unruhe in einer Gemeinde auf einer abgelegenen Insel: Ein neuer Grusel-Serienstoff von Horrorspezialist Mike Flanagan.

Diskussion

Der Regisseur Mike Flanagan ist gewissermaßen von Haus aus dazu vorherbestimmt, Horrorfilme zu drehen. Geboren wurde er nämlich in der für ihre Hexenprozesse berüchtigten US-Stadt Salem, Massachusetts – der unausgesprochenen Halloween-Hauptstadt der Nation. Nirgendwo sonst in den Vereinigten Staaten wird das Gruselfest bis heute inbrünstiger begangen. Dem Gründungsvater der Horrorliteratur, H.P. Lovecraft, diente die „Witch City“ als Vorlage für sein Schauerkaff Arkham. Mike Flanagan hat es zwar bereits in frühen Jahren aus New England ins deutlich sonnigere Hollywood verschlagen, um dort seine Karrierepläne als Filmemacher zu verfolgen, seinem Hang für abgründige Geschichten frönte er aber bereits in seiner High-School-Zeit, wo er begann, das Oeuvre Stephen Kings zu verschlingen sowie in der örtlichen Videothek nach Genreklassikern wie Steven Spielbergs „Der weiße Hai“, David Cronenbergs „Die Fliege“, John Carpenters „The Thing“ oder George A. Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ Ausschau zu halten. Seine Lehrjahre in der Filmschmiede von Los Angeles – Flanagan war dort jahrelang als Cutter und Kameramann tätig – machten sich bald bezahlt.

Menschliche Dramen bilden die Grundlage für das Grauen

2005 veröffentlichte er nach einigen mäßig erfolgreichen filmischen Anläufen seinen per Kickstarter-Kampagne finanzierten Kurzfilm „Oculus“, den er im Jahr 2013 zu einem Feature-Film verlängern sollte. Mit großem Erfolg: Aus der 6-Millionen-Dollar-Produktion um einen antiken Spiegel, der jedem seiner Besitzer sagenhaftes Unheil und schließlich den Tod einbringt, wurde flott ein Box-Office-Hit, der rund 35 Millionen Dollar in den USA einspielte. Flanagan öffnete dieser Durchbruch Tür und Tor. Es folgten weitere Kinofilme wie „Ouija: Origin of Evil“, „Before I Wake“ sowie im Jahr 2019 die Warner-Produktion „Doctor Sleep“ – der zweite Teil des berühmten Stephen-King-Romans „Shining“, dessen Erstverfilmung einst der Regiemeister Stanley Kubrick vorgenommen hatte. Der Überfilm des Horrorgenres schlechthin.

Flanagan zeigt sich in seinen Arbeiten als gekonnter Filmhandwerker, mehr aber noch als Schöpfer subtiler menschlicher Dramen, die bei ihm stets die Grundlage für das gnadenlos durchexerzierte Grauen bilden. Ein „First Look“-Deal mit Netflix eröffnete Flanagan neben der Slasher-Produktion „Hush“ sowie dem als nicht-verfilmbar geltenden „Gerald’s Game“, abermals eine King-Adaption, die Möglichkeit, seine Stoffe auch in Serienlänge zu erzählen. Auf die Spukserie „Spuk in Hill House“, einer Verfilmung des gleichnamigen Romans der Schriftstellerin Shirley Jackson, folgte die Mystery-Dramaserie „Spuk in Bly Manor“, eine Verfilmung, die wiederum auf der Novelle „The Turning of the Screw“ von Henry James beruht.

Ein Rückkehrer mit dunkler Vergangenheit stößt zu der 120-Seelen-Gemeinde

Nun wagt sich Mike Flanagan mit „Midnight Mass“ abermals an einen selbst entwickelten Stoff. Die Handlung der siebenteiligen Serie entführt die Zuschauer nach Crockett Island, eine entlegene Insel vor der US-Küste, die eine fiktive, in Verfall begriffene Kleinstadt mit rund 120 Einwohnern beherbergt. Alles beginnt mit der Wiederankunft eines verlorenen geglaubten Sohnes. Der junge Riley Flynn (Zach Gilford) kehrt nach einem Gefängnisaufenthalt zurück nach Crockett Island. Einst hatte er seine Heimat für ambitionierte Pläne in der Großstadt verlassen. Dort fuhr er im Suff ein Mädchen tot, dessen gespenstische Präsenz ihn bis heute in seinen Albträumen in Form expliziter Bilder ihres Leichnams verfolgt.

Parallel zur Heimkehr Rileys setzt ein Priester Fuß auf die Insel. Vater Paul (Hamish Linklater) ist im Dienst der katholischen Kirche auf Crockett Island. Der angestammte Pastor der Ortschaft hat laut Paul die Stadt verlassen, um einem Ruf ins Ausland zu folgen, er werde aber bald wiederkehren. Während der Geistliche auf beeindruckende Weise beginnt, mittels seines rhetorischen und performativen Geschicks die Kirchenbänke erneut mit einst abtrünnigen Gemeindemitgliedern zu füllen – selbst der widerspenstige Zweifler Riley kehrt schließlich zurück in den Schoß des Gotteshauses –, beginnen äußerst seltsame Ereignisse die Kleinstadt umzutreiben. Einzelne Mitbürger Crockett Islands verschwinden unter ungeklärten Umständen; der angeblich verreiste Priester wird als schemenhafte Gestalt in einer Sturmnacht gesichtet; schließlich werden die Kadaver hunderter verendeter Katzen am Strand der Insel angespült. All diese Geschehnisse beschäftigen bald schon den Sheriff der Kleinstadt (Rahul Kohli), doch schlüssige Antworten auf seine Ermittlungsfragen bleiben aus. Derweil vertiefen Riley und Father Paul ihr Verhältnis – sie treffen sich zu regelmäßigen AA-Meetings, zu denen sich bald schon ein weiterer ortsbekannter Trinker hinzugesellt, der einen fast ebenso schrecklichen Fehltritt begangen hat wie Riley.

Schuld und Sühne

Ganz ähnlich wie seinem erzählerischem Vorbild Stephen King gelingt es Mike Flanagan mit seiner Geschichte rund um die Themen Schuld, Trauma und Schmerz eine tiefe Resonanz zu erzeugen. Das Motiv einer möglichen Vergebung treibt Flanagans Hauptfigur Riley an, und nicht nur ihn. Während für einige der Kleinstadtbewohner mit dem Auftauchen des Gottesdieners eine spirituelle Reise beginnt, nagt das verkörperte Böse sich einen direkten Weg ins Herz der Kleinstadt. „Midnight Mass“ erzählt auch von der steten Gefahr eines Umschlagens von Spiritualität in blinden religiösen Eifer. In schauspielerischer Höchstform präsentiert Samantha Sloyan die durchgeknallte Frömmlerin Bev Keane. Ihr obliegt es, im Lauf der Handlung einen schrecklichen Aufstand in der gespaltenen Kleinstadt anzuzetteln, ein wahrhaftes Terrorregime.

Mike Flanagan erzählt sein fieses Mysterydrama in Form eines entschleunigten „Slow Horrors“. So manchem Genreanhänger wird das alles nicht rasant genug sein, und Fans des gehobenen Filmgeschmacks unter Umständen eine Spur zu heftig. Dabei lohnt sich ein ausgiebiger Trip in die Seelenabgründe von Flanagans handelndem Personal allemal. In dem Moment, in dem in „Midnight Mass“ das Böse eine reale Gestalt erhält, ist schon längst klar, worin das eigentliche Grauen besteht. Mit seiner unheimlichen Parabel über das zerstörte Gemeinschaftsgefüge der einstmals intakten Kleinstadtgemeinschaft und seinen versehrten Individuen erzählt Mike Flanagan auch eine ganze Menge vom polarisierten Amerika dieser Tage.

 

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