Eigentlich läuft im Leben des Schauspielers Matt Hagen (Tom Rhys Harries) alles prächtig. Der Mann mit dem Million-Dollar-Lächeln wird fleißig für Rollen gebucht. Er ist für einen „Oscar“ nominiert, Gast beim „Talk of the Town“ in Coast City, dem Pendant von Los Angeles im DC-Universum, und auch die Frauenwelt liegt dem Sunnyboy, der eigentlich aus einem düsteren Viertel von Gotham City stammt, zu Füßen.
Doch dann gerät er in einem Club an eine verführerische Frau, mit der er eine Nacht verbringt. Auf der Tanzfläche warnt ihn sein Kumpel noch, dass es sich bei der Frau um die Partnerin des berüchtigten Gangsters Marko Szabo (David Dencik) handelt. Doch Matt schlägt den Hinweis in den Wind und folgt seinemTrieb. Als er am nächsten Morgen neben der Frau erwacht, stehen Szabo und seine Handlanger bereits um das Bett. Unverzüglich machen sie sich daran, den Schauspieler für seinen Fehltritt zu bestrafen und zu verstümmeln.
Comicverfilmung als Body-Horror
Die Szene, in der die Verbrecher Matt das Gesicht förmlich zerschneiden, ist nichts für Zartbesaitete. Aber auch viele andere Szenen in der ultrabrutalen Comicverfilmung tragen deutliche Züge eines Body-Horror- und Splatterfilms. Matt überlebt den Angriff, doch sein Antlitz, das er hinter einer Maske verbirgt, ist auch nach mehreren plastischen Operationen von dem traumatischen Geschehen gezeichnet.
Seine Hoffnungen richten sich auf die Wissenschaftlerin Caitlyn Coss (Naomi Ackie), die ein revolutionäres Verfahren zur Behandlung schwerer Gewebeschäden entwickelt hat. KI-gesteuerte Nanoroboter sollen im Blutstrom der Patienten regenerative Prozesse anstoßen und zerstörtes Gewebe wiederherstellen. Während Matt auf diese Weise versucht, sein früheres Aussehen zurückzugewinnen, sucht er auch auf dem Rechtsweg nach Gerechtigkeit. Er verklagt Szabo und seine Bande, doch der Prozess offenbart vor allem, wie tiefgehend das organisierte Verbrechen die Justiz und Polizei von Gotham City unterwandert hat. Eine Schmierenkampagne gegen den Schauspieler tut ihr Übriges – die Filmbranche wendet sich von ihm ab.
Die Behandlung von Dr. Coss scheint zunächst tatsächlich anzuschlagen. Tag für Tag regeneriert sich Matts Gesicht, bis seine Züge wiederhergestellt sind. Aber bei einer Premiere, die eigentlich seine Rückkehr ins Rampenlicht markieren sollte, passiert etwas Schreckliches: Matts Gesicht beginnt zu schmelzen. In seiner Verzweiflung verabreicht er sich eine Überdosis der Nanoroboter und setzt damit eine Mutation in Gang, die seine Existenz verändern wird.
Figur aus der zweiten Reihe
Mit „Clayface“ verfolgen Regisseur James Watkins und seine Drehbuchautoren Mike Flanagan sowie Hossein Amini einen vielversprechenden Ansatz, um dem von Abnutzungserscheinungen geplagten Superheldenkino neues Leben einzuhauchen. Statt zum x-ten Male eine der DC-Ikonen aufzubieten, widmen sie sich einer Figur aus der zweiten Reihe des Comic-Universums. Clayface gehört zu den ältesten Widersachern Batmans. Bereits 1940 hatte die Figur einen ersten Auftritt in der Reihe „Detective Comics“. Ursprünglich war die Basil Karlo benannte Figur ein alternder Hollywood-Schauspieler, der aus Rache für seine berufliche Zurücksetzung zum Mörder wird. Erst spätere Inkarnationen, insbesondere der 1961 eingeführte Matt Hagen, machten aus dem Verbrecher einen Gestaltwandler, dessen Körper sich in eine formbare Masse verwandeln kann.
Die Verbindung von Schauspiel- und monströsem Verwandlungsmotiv ist der Figur damit von Anfang an eingeschrieben. In der Zeichentrickserie „Batman: The Animated Series“ aus den frühen 1990er-Jahren taucht Clayface in ähnlicher Form auf. Dort ist Hagen ein durch einen Unfall entstellter Schauspieler, der mithilfe einer experimentellen Substanz sein Gesicht wiederherzustellen versucht und schließlich zum Monster mutiert. Diese tragische Geschichte beeindruckte den Horrorregisseur Mike Flanagan bereits als Kind. Die Inszenierung des Superheldenfilms übernahm schließlich James Watkins, der mit „Eden Lake“ und dem Remake von „Speak No Evil“ bereits sein Händchen für psychologisch zugespitzte Horrorszenarien bewiesen hat.
In der Tradition tragischer Monster
Dass Clayface dem Batman-Universum entstammt, spielt hier eine untergeordnete Rolle. Vielmehr steht die Figur in der Tradition jener traurig-tragischen Monster, die das Horrorkino seit James Whales „Frankenstein“ (1931) bevölkern, in dem man das Monster gleichermaßen fürchtet und bemitleidet. Matt Hagen wird zum Ungeheuer, weil er verzweifelt versucht, sein altes Gesicht zurückzubekommen und mit ihm sein Ansehen.
Filmgeschichtlich und ästhetisch bewegt sich „Clayface“ deutlich mehr in der Nachbarschaft von Sam Raimis „Darkman“ (1989) oder David Cronenbergs „Die Fliege“ (1985) als im konventionellen Superheldenkino. Wie bei Cronenberg wird der eigene Körper zum Schauplatz einer Katastrophe, bei der die Grenzen zwischen menschlicher und monströser Existenz verschwimmen. Die grotesken Transformationen – plötzlicher Riesenwuchs von Gliedmaßen oder die Verschmelzung mit anderen Figuren – werden mit beeindruckendem Einfallsvermögen inszeniert und erinnern an den Körperhorror von John Carpenters „The Thing“ (1982).
Gleichzeitig besitzt der Film etwas von der moralisch verwahrlosten Welt, die Todd Phillips in „Joker“ (2019) mit großer Düsternis entworfen hat und auf die sich „Clayface“ mit einer Reihe visueller Referenzen bezieht, etwa einem Joker-Graffiti im Hintergrund. Gotham City erscheint als ein Ort, an dem sich Verbrechen und Politik, Korruption und gesellschaftlicher Opportunismus sowie der damit verbundene moralische Niedergang gegenseitig bedingen. Die Geschichte eines Mannes, der von den Institutionen im Stich gelassen wird und schließlich zur Selbstjustiz greift, erhält dadurch eine zusätzliche gesellschaftliche Dimension.
Geschmolzene Projektionsfläche
Mit seinen neu gewonnenen Fähigkeiten beginnt Matt, sich an seinen Peinigern zu rächen. Es folgt eine brutale Tour de Force, deren Gewaltexzesse nicht bloß dem Schauwert dienen. Vielmehr entwickelt der Regisseur aus dem Rachemotiv eine differenzierte Charakterstudie, die grundsätzliche Fragen nach dem Wesen der menschlichen Identität aufwirft. Clayface kann jedes beliebige Gesicht annehmen, nur sein eigenes nicht dauerhaft bewahren; darin besteht seine Tragik. Was zuvor eine künstlerische Fähigkeit des Schauspielers war, wird damit zum Fluch.
Dabei stellt der Film auch die Frage, ob überhaupt so etwas wie ein authentisches Selbst existiert, das hinter den verschiedenen Rollen eines Menschen zum Vorschein kommen könnte. Matt Hagen verfügt von Anfang an über eine merkwürdige Leere. Hagen dient als Projektionsfläche für die Erwartungen seiner Umgebung; er ist ein Mann, dessen Identität sich wesentlich aus seiner Attraktivität, seinem Ruhm und seiner Wirkung auf andere speist. Doch als diese Attribute wegbrechen, scheint kaum etwas übrig zu bleiben, woran er sich festhalten könnte.
Dass ausgerechnet die Filmindustrie, die von der Verwandlungsfähigkeit ihrer Stars lebt, Matt nach seiner Entstellung fallen lässt, verleiht der Geschichte eine Ebene, die sich kritisch an den Voraussetzungen des Hollywood-Startums abarbeitet. Der Schauspieler wird zum Opfer einer Branche, die den menschlichen Körper an seiner ästhetischen Verwertbarkeit bemisst. Hier ergeben sich auch Parallelen zu „The Substance“ (2024) von Coralie Fargeat, der den gesellschaftlichen Zwang zur körperlichen Perfektion ebenfalls in eine groteske Horrorfantasie übersetzt. In einer Zeit, in der sich selbst ernannte Schönheitsoptimierer unter dem Schlagwort „Looksmaxxing“ einer immer radikaleren Arbeit am eigenen Körper verschreiben, besitzt die Geschichte eines Mannes, der für die Wiederherstellung seines Aussehens buchstäblich seine Menschlichkeit aufs Spiel setzt, eine besondere Dringlichkeit.
Eine am Charakter orientierte Erzählung
Dass diese Überlegungen nicht in einen kopflastigen Film münden, verdankt sich der entschlossenen Regie von James Watkins und seinem exzellent gecasteten Ensemble. Tom Rhys Harries verleiht der Figur von Matt Hagen eine schillernde Charakteristik aus narzisstischer Selbstbezogenheit, Verletzlichkeit und wachsender Verzweiflung. Naomi Ackie überzeugt mit ihrem Charisma als Wissenschaftlerin Caitlyn Corr; und selbst die Nebenrollen sind nie nur Staffage, sondern bleiben als ausformulierte Charaktere in Erinnerung.
Watkins gelingt damit eine sehenswerte Wiederbelebung einer bislang eher randständigen Comicfigur. Ähnlich wie die Serie „The Penguin“ (2024), die aus einem klassischen Batman-Widersacher den Protagonisten eines düsteren Gangsterdramas macht, demonstriert „Clayface“, welches Potenzial in einem Genre steckt, das sich allzu häufig in immer gewaltigeren Effekt- und Materialschlachten erschöpft. Statt auf die nächste weltbedrohende Über-Katastrophe setzt „Clayface“ auf eine charakterorientierte Erzählung, die ihre fantastischen Elemente nutzt, um von aktuellen menschlichen Konflikten zu erzählen. „Clayface“ erweist sich damit als höchst gelungene Frischzellenkur für das Comickino: ein ebenso brutaler wie melancholischer Horrorfilm über einen Mann, der jede erdenkliche Gestalt annehmen kann und sich darüber endgültig selbst verliert.