Ethnografische Spiegelreflexe

Dienstag, 12.06.2018

Im Porträt: Der französische Regisseur Raymond Depardon

Diskussion

Der 1942 geborene französische Filmemacher Raymond Depardon begann seine Karriere in den 1960er-Jahren als Reporter. Den Hunger auf Wirklichkeit, auf Bilder vom Leben in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen, hat er sich bis heute bewahrt. Ein Werkporträt anlässlich des Kinostarts seines neuen Films „12 Tage“ .


In der Ecke eines verqualmten Büros steht dieser unscheinbare, beinahe schelmisch wirkende Mann mit seiner Kamera. Er macht das, was er sein ganzes Leben tut: Er nimmt wahr. In diesen Sekunden in Paris in den frühen 1980er-Jahren filmt er in den Räumlichkeiten der frisch gegründeten Tageszeitung Le Matin de Paris. Der Film: „Numéros zéros“ (1981). Eigentlich registrieren seine Kamera und das genauso bedeutende Tongerät eine gewöhnliche Situation in einem solchen Büro. Es gibt eine angeheizte Diskussion zwischen drei Männern über inhaltliche Differenzen. Der französische Dokumentarfilmer Raymond Depardon rührt sich nicht, bleibt immer im gleichen Abstand. Die Redakteure bemerken ihn gar nicht. Der Bildausschnitt ist nicht schön, aber er ist richtig. Wochenlang hat er dort zu diesem Zeitpunkt bereits gefilmt. Nach einer Zeit geht das Trio aus dem Zimmer, man hört noch ihre Stimmen durch die offene Türe, aber die Kamera macht keine Anstalten mitzugehen. Sie bleibt an Ort und Stelle.

"Numéros zéros"
"Numéros zéros"


Ein Verfechter des direkten Tons und unbearbeiteten Bildes

Beinahe unsichtbar arbeitet Depardon. Er hört und sieht zu, wandert mit seiner Kamera wie ein Vergessener durch die Welt und bringt Bilder von Menschen und Orten, die man kaum je in solcher Nähe erlebt hat. Gleichzeitig aber gibt es keine Sekunde im Schaffen von Depardon, in der das eigene Blicken nicht reflektiert wird, in der nicht klar ist, dass es einen Autor gibt, der sich in jenem Fall eben dazu entscheidet, nicht mit den Männern mitzugehen. Einen Autor, der immer wieder konfrontiert wird von jenen, die er vor den Sucher bringt und der sich nicht zuletzt durch seine wiederkehrenden Themen und Obsessionen zu erkennen gibt.

Die Autorenhandschrift des Filmemachers wäre an sich keine bemerkenswerte Feststellung, wird aber in der Flut blanken Lebens, die einen bei Depardon überschwemmt, durchaus vergessen. Die Kohärenz seines Werks entzieht sich beständig, weil man in der Betrachtung auf einer Geste oder einem Blick verharrt

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