Der Märchenrealist: Matteo Garrone

Ein Porträt des italienischen Regisseurs

Diskussion

Der italienische Filmemacher, der mit „Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra“ international bekannt wurde, erzählt in seinen Filmen Märchen mit einer beinahe unheimlichen Verankerung in der Realität. So düster-gewalttätig sie oft sind, liegt ihnen doch immer eine humanistische Perspektive zugrunde. Aktuell läuft sein Film „Dogman“ (Link zur Kritik) in den deutschen Kinos.


Die Suche nach Matteo Garrone beginnt in Castel Volturno. Der bunte Putz der Ferienbungalows ist lange vom Salz des Meeres zerfressen worden, die Löcher in den Fenstern wirken wie die hohlen Augen der italienischen Gegenwart. Die kampanische Kleinstadt einige Kilometer nördlich von Neapel hätte ein Badeparadies werden können. Zumindest wenn es nach der Camorra gegangen wäre. Bis zum Meer reichende Kiefernwälder, ein Naturreservat um die Variconi-Oase, gleich zwei Flussdeltas und eine gute Infrastruktur, die Rom, Neapel und Caserta verbindet, boten eine perfekte Ausgangslage. Es kam aber anders. 1980 erschütterte ein heftiges Erdbeben die Region. 300.000 Menschen wurden vorübergehend in die leerstehenden Ferienhäuser in Castel Volturno gebracht. Als die Menschen wieder gingen, ließ man die Häuser einfach leer stehen. Hotelruinen und vom Zerfall bedrohte Häuser wurden schnell Anlaufstelle für Migranten aus Nigeria und Ghana. Heute wirkt der Ort wie eine Müllhalde. Beinahe 65 Prozent aller Gebäude in der Stadt sind illegal gebaut. Zwei Drittel der Bewohner kommen aus Afrika, viele von ihnen müssen in den Ruinen hausen. Immer wieder kommt es zu Mafia-Morden, im Zentrum des Ortes gibt es einen Sexshop; schwarze Prostituierte tummeln sich auf der Straße. Vor einem Jahrzehnt hat ein Drogenkrieg Tote gefordert. Es herrscht Badeverbot wegen Giftmüll, man sieht ihn im Wasser schwimmen. Gewissermaßen ist Castel Volturno ein Siedepunkt aktueller politischer Konflikte in der italienischen Innen- und Außenpolitik. Die einen sehen dort die von Flüchtlingen hervorgerufene Hölle, die anderen ein Totalversagen der Regierung.

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Matteo Garrone hat drei Filme in diesem Ort gedreht: „L’imbalsamatore“, „Gomorrha– Reise in das Reich der Camorra“ und seinen neuen Film „Dogman“. Mit Ausnahme von „Gomorrha“, der den internationalen Durchbruch für den inzwischen 50-jährigen Römer markierte, erscheint dieser so reale Ort in seinen Filmen surreal. Er ist Schauplatz eines Stimmungsbildes, repräsentiert ein Sinnbild. Ein Schleier hängt zwischen der Realität des Drehortes und der Art und Weise, in der Garrone ihn filmt. In „Dogman“ bekommt man zwar das Gefühl einer Verlassenheit und hohen Kriminalitätsrate, aber der städtische Mikrokosmos ist weitaus funktionsfähiger im Film als in Castel Volturno. In „L’imbalsamatore“ gibt es immer wieder stimmungsvolle Fahrten durch die Stadt. Einen Migranten sieht man dabei nicht. Die Mafia schon, aber sie ist mehr ein Genre-Element als eine real existierende Bedrohung. Wenn Garrone über den Ort gefragt wird, spricht er weder über Migration noch über die Mafia. Stattdessen spricht er davon, dass er den verlassenen Ort liebe, dass es dort perfekte Drehbedingungen gebe. Das mutet mitunter merkwürdig unkritisch an und wird dem Filmemacher auch vorgeworfen.

"Dogman"
"Dogman"


Ein Drang zur Abstraktion

Spätestens mit seinem starbesetzten „Märchen der Märchen“ wurden in Italien Stimmen laut, die ihm und seinem Kollegen Paolo Sorrentino vorwarfen, den Blick vor nationalen Problemen abzuwenden und lieber alles auf internationale Anerkennung zu setzen. Ein Vorwurf, der durchaus verständlich ist, aber auch zu einfach übersieht, dass Garrones Kino schon immer zwischen dem Realen und dem Märchen changierte. Garrone ist ein Fantast im Negativen, ein menschenliebender Schwärmer im Positiven. Er beginnt an realen Orten und verwandelt sie in Fabeln oder moralische Lehrstücke. Ständig bewegen sich Garrones Filme von der Verortung im Realen hin zum Fantastischen. Er selbst betont gerne, dass er als Maler begonnen habe und demnach einen Drang zur Abstraktion verspüre.

Der Titel seines Films „Reality“ erzählt hier viel. Dennoch ist der Film die Umkehrung seiner eigentlichen Arbeitsweise. Statt eines realistischen Ausgangspunktes, der sich in ein Märchen transformiert, beginnt alles in einem Zauberland, dessen Fassaden nach und nach zu bröckeln beginnen. Das Zirkusland Italien wird hier im Big-Brother-Modus gespiegelt. Es ist ein trauriger Blick hinter die Kulissen einer Massenkultur. Man denkt an Fellini dabei, aber auch an Alice Rohrwachers „Land der Wunder“, in dem eine Fernsehshow auf die Realität von Landwirten trifft.

Aniello Arena, der Hauptdarsteller von „Reality“, steht emblematisch für die Möglichkeiten, die sich in Garrones Kino öffnen: Er ist ein verurteilter Mörder und ehemaliges Mitglied der Mafia. Garrone entdeckte ihn in einem Theaterstück, das von Insassen des Volterra-Gefängnisses gespielt wurde. Er wollte ihn bereits in „Gomorrha“ besetzen, in „Reality“ durfte er dann. Die Reise des Mannes, der in einen brutalen Massenmord in Neapel involviert war, hin zu seiner ersten Rolle in einer Adaption von Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ bringt der Schauspieler vielleicht am besten auf den Punkt, wenn er frei nach Shakespeare sagt: „Ganz Neapel ist eine Bühne.“



Ich wähle immer eine humanistische Perspektive. (Matteo Garrone)

Über Garrones Märchen lässt sich nie sagen, dass sie im Land der Wunder angesiedelt sind. Sie behalten eine beinahe unheimliche Verankerung in der Realität. Frühe Arbeiten wie „Terra di mezzo oder „Ospiti erarbeiten sich die Poesie förmlich. Nie geht Garrone dabei in die Regionen des Magischen Realismus, wie es etwa Vittorio De Sica in seinem „Das Wunder von Mailand“ tat. Dennoch lassen sich Parallelen ziehen, weil das eigentliche Wunder bei beiden Filmemachern die Menschlichkeit ist. Garrone ist der größere Skeptiker diesbezüglich.

"Das Märchen der Märchen"
"Das Märchen der Märchen"

Der eingesperrte Geier zu Beginn von „L’imbalsamatore“ ist ein typisches Element für Garrone. In seinem Käfig sitzend, beobachtet er die späteren Protagonisten des Films: Den älteren Peppino im Akt der ersten Verführung des hübschen Valerio. Später wird Peppino den jungen Mann überreden, mit ihm als Taxidermist zu arbeiten. Es öffnen sich die Abgründe einer ungewöhnlichen Dreiecksbeziehung, als eine junge Frau das Glück des lüsternen Peppino durchkreuzt. Mehrere Schnitte lassen uns die Perspektive des Tieres nachempfinden. Wir sehen die beiden Männer durch die Augen des Geiers. Sie werden zu Aas. In der beinahe analytischen, kühlen Betrachtung von dunklen, nicht immer sofort ausformulierten Abhängigkeiten findet das Kino von Garrone seine größten Stärken. In den besten Augenblicken seiner Filme schämt man sich, dass man sehen muss, was man sieht.


Ein intelligentes Spiel zwischen nüchterner Abgeklärtheit und Voyeurismus

Passend, dass Garrone zusammen mit seinem 2012 verstorbenen Kameramann Marco Onorato eine Vorliebe für extreme Objektive entwickelte. In „Gomorrha“ sehen wir etwa viele Dinge aus einer Tele-Perspektive, in „L’imbalsamatore“ ist es eher das Fischauge, das auch in der Perspektive des Geiers angewendet wird. Derart spürt man, dass man hier etwas sieht, was einem sonst entgeht. Es ist ein intelligentes Spiel zwischen nüchterner Abgeklärtheit und Voyeurismus.

Dabei vermag der Filmemacher groteske Züge in unaufgeregten, subtilen Bildern festzuhalten. Beinahe unbeteiligt erweckt er so ein Verständnis für die krassesten Taten. Es geht nicht um ein Verständnis im Sinne eines Verzeihens, sondern um die Möglichkeiten einer moralischen Einordnung. Warum wird etwas getan? Was bringt uns dazu? Würden wir anders handeln? Welche gesellschaftlichen Muster spiegeln sich darin? Gewalt spielt in dieser Hinsicht eine große Rolle. Sie erscheint in allen Facetten von an Tarantino erinnernder Comicgewalt bis zu düsterer und schwer ertragbarer Direktheit. Wirklich cool erscheint dabei niemand. Man spürt eine Empathie unter den Bildern. Es sind nicht die Menschen, die gerne Gewalt anwenden. Sie werden eher dazu gezwungen, sind Opfer.

"Gomorrha"
"Gomorrha"


Der Herzschlag einer lange ermüdeten Leidenschaft

Immer wieder zeigt uns Garrone Männer, die in den sozialen Umständen ihres Lebens und ihrer Arbeit gefangen sind. In ihnen schlägt das Herz einer lange ermüdeten Leidenschaft, die sie nicht wirklich leben können. Selbst in Garrones früher Dokumentation „Oreste Pipolo, Fotografo di Matrimoni“ spürt man bereits diese Müdigkeit, die auch die Müdigkeit vor der Repräsentation an sich ist. Der in Neapel allseits bekannte Hochzeitsfotograf Oreste Pipoli hat seine Arbeit satt. Nach über 30 Jahren gewinnt er nichts mehr aus dem Blick in die Gesichter von frisch Verheirateten. In einem Schwenk über die müde-starrenden Gesichter, deren Schminke in der Sonne zu zerrinnen droht, macht Garrone diese Erschöpfung der immer gleichen Bilder, begleitet von wiederkehrenden Hochzeitswalzern, spürbar. Pipolos Arbeit kommt jedoch eine extreme Bedeutung zu, da sie die so wichtigen Familienwerte der Region für die Zukunft festhält. Es geht darum, die Realität dieser Märchen – denn nichts anderes sind diese gesellschaftlich gefeierten Hochzeiten letztlich – zu bewahren.

Dieses Festhalten und Konservieren findet sich in vielen Filmen von Garrone. Das gilt zum Beispiel für den Goldschmied Vittorio in „Körper der Liebe“. Er versucht, seine Freundin seinem Schönheitsideal anzupassen. Sie nimmt dafür 20 Kilogramm ab. Ein schmerzvolles Psychodrama, das auf den kaum greifbaren Rasierklingen zwischen Perversion und Zärtlichkeit pendelt, genau wie zwischen jenen der Farce und des Thrillers. Wie in „L’imbalsamatorefaszinieren die dunklen Seiten des Merkwürdigen. Es gibt keine Liebe in diesem Film, nur das verzweifelte Konstruieren einer Welt, in der Liebe möglich wäre. Nackt und zitternd steht die völlig entkräftete junge Frau vor dem grausamen Idealist. Vielleicht wollte er nur sein Märchen real werden lassen? Sie tötet ihn. Es dürfte kein Zufall gewesen sein, dass „Märchen der Märchen“ sich an Giambattista Basiles Schreibkunst orientiert. Basile, ein neapolitanischer Märchenautor des 16. und 17. Jahrhunderts, teilt mit Garrone eine Vorliebe zum Extremen und Grotesken. In „Lo cunto de li Cunti“erzählte er von einem Mädchen, das von seinem Vater und seiner Stiefmutter gefangen gehalten und ausgehungert wird. Seine Märchen behandeln oft den Verlust einer Realitätswahrnehmung. Garrones Filme tun es ihm gleich.

In Castel Volturno würde man Matteo Garrone nicht finden. Er ist nicht wirklich dort. Vielleicht hat er sich sein eigenes Castel Volturno in einem Studio nachbauen lassen. Orte sind für Garrone nur der Ausgangspunkt. Realitäten gibt es viele für ihn. Dazu zählen auch jene Welten der Imagination. Die Frage ist nur, ob die sozialen und politischen Realitäten einen Schatten auf die Fantasien werfen oder andersherum. Eines wird schnell klar in seinen Filmen: Es gibt weder Traum noch Grausamkeit losgelöst vom sozialen Leben. Selbst wenn wir und auch die Filme manchmal alles dafür tun, um das zu vergessen.


Fotos: Porträtbild Matteo Garrone © Stefano Baroni; "Dogman"/Alamode, "Das Märchen der Märchen"/Concorde

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