Die 42. Duisburger Filmwoche

Ein Rückblick auf die 42. Duisburger Filmwoche und den Abschied von Werner Ruzicka, dessen Nachfolge noch immer nicht geregelt ist

Diskussion

Die „Distanzmontage“, wie sie Artavazd Peleschjan 1972 in „Die Jahreszeiten“ etablierte, entpuppte sich bei der diesjährigen Dokfilmwoche am Dellplatz als zentrale Metapher. Der Abschied von Werner Ruzicka warf lange Schatten, zumal seine Nachfolge bislang noch immer nicht geregelt ist.


Die 42. Duisburger Filmwoche (5.-11.11.18) stand ganz im Zeichen des Abschieds von Werner Ruzicka, der das Festival seit 1985 leitete und 34 Jahre lang Garant der fortwährenden Entwicklung seiner in der deutschen Festivallandschaft einzigartigen Formel blieb: an sechs Tagen in einem Kino gemeinsam ein Filmprogramm zu schauen und im Anschluss an die Vorführung mit den Filmemachern intensiv ihre Arbeit zu diskutieren. Die Filmwoche war und bleibt hoffentlich ein Festival des künstlerischen Dokumentarfilms, ein Arbeitsfestival, das in diesem Jahr nicht nur die Doku-Branche aus Deutschland, Österreich und der Schweiz versammelte, sondern auch viele Weggefährten des scheidenden Festivalleiters, Mitglieder der Auswahlkommission aus drei Jahrzehnten und langjährige Gäste.

Dem von Ruzicka geprägten „Duisburger Diskurs“, der sich in jeden Film und jede Debatte einschrieb, war auch der Gesprächsband „Duisburg Düsterburg“ (Verbrecher Verlag Berlin 2018) gewidmet, den Matthias Dell und Simon Rothöhler mit Werner Ruzicka erarbeitet haben. Ruzickas spezielle Rhetorik der Präzision und pointierten Zuspitzung im Nachdenken über Dokumentarfilme bleibt dem interessierten Publikum dank dieser Schrift erhalten.

Filmwoche Duisburg: Zusammen Filme sehen, zusammen diskutieren
Duisburger Filmwoche: Zusammen Filme sehen, zusammen diskutieren

Ein doppelter Abschied flankierte den Inhalt des aktuellen Katalogs: durch eine Hommage an den kürzlich verstorbenen Klaus Wildenhahn, dem die Filmwoche ebenfalls vieles verdankt, und ein zweiseitiges Schwarz-Weiß-Foto in der Mitte des Hefts, mit dem sich die Filmwoche von Ruzicka verabschiedet, auf dem der Vielraucher, in Rauchschwaden gehüllt, mit der obligatorischen Zigarette in der Hand abgebildet ist.

Zum Abschluss des Festivals gab es zwei „Wunschfilme“ von Werner Ruzicka zu sehen, die sein Verständnis vom Dokumentarfilm verdeutlichten, „dass hinter den Werken, hinter den Bildern, zwischen den Tönen eine weitere Welt aufscheint: die der dokumentarischen Kunst, der Kunst, die Welt zu zeigen“. Zwei Klassiker des dokumentarischen Genres, die durch ihren markanten Stil Filmgeschichte geschrieben haben: „Zehn Minuten“ (1978) von Herz Frank, mit einer einzigen Einstellung auf Kindergesichter, in denen sich ein Puppentheaterspiel über Gut und Böse spiegelt. Ohne Schnitt, durch den Zoom auf ein Jungengesicht und seine Mimik, die eine Achterbahn der Gefühle offenbaren, gesteigert noch durch die expressive Musik. Der andere war „Die Jahreszeiten“ (1975) von Artavazd Peleschjan, eine Filmsymphonie zu Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ über ein archaisches, durch eine „Distanzmontage“ hypnotisch rhythmisiertes Hirtenleben im Kampf mit den Naturelementen und der Schwerkraft, atemberaubend in ihrer dramatischen Komposition und visuellen Suggestivität.


Unsichtbares sichtbar machen: „Kulenkampffs Schuhe“

Ergiebiger als das diesjährige Festival-Motto „Handeln“, das auf die prekären Entwicklungen in der politischen Welt wie in den sozialen Medien Bezug nahm und die Notwendigkeit beschwor, Position zu beziehen, erwies sich Peleschjans Begriff der Distanzmontage: Statt aufeinanderfolgende Takes fließend miteinander zu verbinden, ermöglicht die Entkoppelung einzelner Filmteile, etwa durch eine Schwarzblende, eine größere Autonomie der Einzelbilder und hebt als Montage „auf Distanz“ mitunter auch die Linearität auf, um zu neuen Bedeutungsebenen und Wahrnehmungen vorzustoßen.

In dieser Zielsetzung traf die „Distanzmontage“ explizit auf den Eröffnungsfilm „Kulenkampffs Schuhe“ zu, in dem Regina Schilling Archivaufnahmen aus alten Fernsehshows nach verbalen Spuren der Nazizeit „durchscannt“ und sie zur eigenen Familiengeschichte als Projektionsfläche ins Verhältnis setzt. Der Film decodiert in der Fernsehunterhaltung der Wirtschaftswunderjahre Anspielungen, Freud’sche Fehlleistungen oder Witze, in denen Schrecken des Krieges, Schuld und Scham, Demütigungen und Traumata aufscheinen; durch die distanzierende Bild-Ton-Montage macht er Unsichtbares sichtbar und verwandelt vordergründig Unzusammenhängendes in Wissen.

Die Vergangenheit besser verstehen will auch Andreas Goldstein, der sich in seinem minimalistischen Film „Der Funktionär“ auf die Spurensuche nach seinem Vater begibt. Klaus Gysi, Jude, Kommunist, Exilant, der nach Jahren der Illegalität in der DDR Karriere macht und als Kulturminister von Honecker abgesetzt wird. Seine Auftritte in politischen Runden des DDR-Fernsehens werden auf ihre systemischen Funktionsweisen hin seziert, mit Fotografien des Sohnes konfrontiert, die in ihrer Beiläufigkeit eine bleierne Zeit festzuhalten scheinen, und auf die Bedeutungen von Bildern, Idealen und Ideologien befragt.


Tektonische Verschiebungen im Gefüge der Demokratie: „Aggregat“

Spannend ist auch der Versuch von Marie Wilke, eine Formel für jene tektonischen Verschiebungen im Gefüge der Demokratie zu finden, die den gesellschaftlichen Umbruch in Zeiten von Pegida, Migrationsdebatten und schwindsüchtiger Volksparteien kennzeichnen. Sie findet sie in der Metapher „Aggregat“, einem Maschinensatz aus mehreren Einzelteilen oder einer Verbindung, die sich aus Fragmenten zusammensetzt. Wilke trennt alle Szenen des Films – Bürgergespräche von Politikern, eine Kunstführung im Reichstag, eine Session im Besucherzentrum des Bundestags, Redaktionssitzungen bei „Bild“ und „taz“ – durch lange Schwarzblenden, was ihnen zu größerer Autonomie verhilft und die Linearität aufhebt, da sie weder eine Geschichte erzählen noch Erklärungen liefern, sondern auf Wahrnehmungs- und Bedeutungszuwachs sinnen.

"Aggregat" von Marie Wilke
"Aggregat" von Marie Wilke

Die nüchterne Distanz von Wilkes teilnehmender Beobachtung in Situationen, in denen sich Politiker, Bürger und Journalisten mit ihrer eigenen Rolle auseinandersetzen, ruft Assoziationen an ein Werk wach, das sich mit den von Menschen geschaffenem Konstrukt Demokratie beschäftigt – Frederick Wisemans Institutionsporträt „Gesetzgeber“ (2006), in dem man der Demokratie bei der Arbeit zuschauen kann.


Skurriler Gedenkmarathon: Sergei Loznitsas „Victory Day“

Distanziert und nüchtern beobachtet auch Sergei Loznitsa in „Victory Day“ eine Anlage, die zur Kulisse eines riesigen Menschenauflaufs wird: das sowjetische Ehrenmal im Treptower Park am 9. Mai, dem Siegestag der Roten Armee über Nazi-Deutschland. Die imposante Gedenkstätte ist alljährlich Schauplatz einer Feier der russischen Diaspora aus Berlin, die der sowjetischen Mythologie huldigt. Ungeachtet der Verbrechen der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg, die bis heute nicht in den russischen Erinnerungsdiskurs integriert werden: die Teilung Polens und die Ermordung seiner militärischen Elite, der Krieg gegen Finnland, die Okkupation der baltischen Staaten, massenhafte Deportation von Polen und Balten in den Gulag sowie Stalins vernichtende Politik gegenüber der eigenen Bevölkerung und Armee.

"Victory Day" von Sergei Loznitsa
"Victory Day" von Sergei Loznitsa

Vom frühen Morgen an dokumentiert die Kamera im statisch-strengen Einstellungen das Geschehen auf dem Gelände um den Ehrenmal: den Einzug von Besuchergruppen mit Blumen und Stalin-Porträts, folkloristische Prozessionen von Frauen in Trachten und deren patriotische Kriegsgesänge; Männer in sowjetischen Uniformen, die bei Wodka „Hurra“ skandieren, nationalistische Ansprachen halten und Selfies verschicken; gespenstisch anmutende Exerzitien von Kindern, die Schritte für eine Militärparade einüben, und den martialischen Auftritt des ultranationalistischen Rockerclubs „Nachtwölfe“ aus Moskau mit sowjetischen und russischen Fahnen, deren Wahlspruch „Wo wir sind, ist Russland“ bewusst usurpatorisch-furchteinflößend klingen soll.

In einer Atmosphäre, in der sich Geschichtsverklärung mit Geltungsbedürfnis mischt, wird nicht nur eine identitätsstiftende Kontinuität zwischen der sowjetischen Großmacht und dem heutigen Russland als ihrem Nachfolgestaat beschworen. Der skurrile Gedenkmarathon dient auch individueller Selbstaufwertung der im besiegten Deutschland gestrandeten Besucher über das imperiale Geschichtsnarrativ der alten Sowjetunion und des neuen Russlands, das in militärischer Großmannssucht und Propaganda sein Heil sucht. Ein erinnerungspolitisch befeuertes Spektakel, in dem sich mehr Gegenwart als Vergangenheit manifestiert.


Die Nachfolge von Werner Ruzicka ist nicht geklärt

Zu guter Letzt bleibt die offene Frage nach der Zukunft der Duisburger Filmwoche. Obwohl Werner Ruzicka seinen Abschied bereits vor einem Jahr angekündigt hat und die Kandidatensuche längst abgeschlossen sein soll, wurde bis zum Schluss kein Name für die Nachfolge der Festivalleitung verkündet. Dies irritiert umso mehr, weil Vertreter der Stadt bei der Verleihung ihres Förderpreises an Andreas Goldstein angesichts der klammen Stadtkasse eine rasche Einlösung des Schecks empfahlen. Es ist zu hoffen, dass dies kein böses Omen für das Ausnahmefestival war, welches seit dem anhaltenden Rückzug öffentlich-rechtlicher Sender aus der Doku-Programmsparte zu den letzten öffentlichen Bastionen des künstlerischen Dokumentarfilms in Deutschland zählt.

Werner Ruzicka (l.) im Gespräch mit Regina Schilling
Werner Ruzicka (l.) im Gespräch mit Regina Schilling

Kommentar verfassen

Kommentieren