Ein Comic über Godzillas „Vater“

Mittwoch, 02.01.2019

Diskussion

Mit "Das Ritual" hat der Österreicher Nicolas Mahler einen fasziniernden Comic über Eiji Tsuburaya, einen Special Effekt-Meister japanischer Monsterfilme, gemacht, der u.a. zur Erschaffung „Godzillas“ wesentlich beitrug. Ein nuancenreiches Porträt eines Filmhandwerkers.

Nicolas Mahler präsentiert in seinem Comic „Das Ritual“ ein Interview mit Eiji Tsuburaya. Mahler, Jahrgang 1969, ist ein vielfach ausgezeichneter Comic-Künstler aus Österreich. Der Japaner Tsuburaya gilt mit seiner Arbeit für die „Godzilla“-Filme als einer der bedeutendsten Meisters für Spezialeffekte des 20. Jahrhunderts. Gestorben ist er 1970. Es ist also unwahrscheinlich, dass sich Mahler und Tsuburaya jemals begegnet sind. Tatsächlich ist das Interview, das die erzählerische Grundlage für Nicolas Mahlers neuesten Comic bildet, frei erfunden. Auch wenn man weiß, wer gemeint ist – der Name Tsuburaya fällt ebenso wenig wie Godzilla. „Keine Namen“, bittet der Interviewte am Ende den Zeichner. „Und verändern sie die Monster ein bisschen. Das alles ist Eigentum des Studios. Nichts davon gehört mir … nichts. Da muss man aufpassen … japanische Rechtsanwälte sind erbarmungslos“.

„Das Ritual“ ist kein biografisches Werk, kein Comic-Sachbuch, es ist Fiktion. Aber natürlich sind die japanischen Monster-Filme der 1950er Jahre von Regisseur Ishirō Honda der Ausgangspunkt für Nicolas Mahler. „Die Godzilla-Filme habe ich mir als Kind immer angeguckt, aber natürlich war das eine Skurrilität.“ Für „Das Ritual“ hat er sich viele der alten Filme noch mal angesehen. „Das war schon zäh“, erinnert er sich mit gemischten Gefühlen. Nachdem er ein Buch über den Trickfilmer Eiji Tsuburaya in die Hände bekam, keimte die Idee für das Projekt: „In dem Buch gab es großartige Fotos, auf denen Tsuburaya mit Darstellern in Monsterkostümen in den Miniaturbauten steht. Das war zeichnerisch eine tolle Ausgangssituation, die mich gereizt hat.“



Der Text des Comics ist eine Mischung aus Zitaten – teils von Tsuburaya, teils von anderen Special Effect-Kollegen, teils sind sie frei erfunden. Die Perspektive auf die Arbeit des Tricktechnikers nennt Mahler „respektvoll, fast schon pathetisch überhöht“. Natürlich hat das ganze Thema der trashigen Monsterfilme auch etwas Kurioses, er sieht seinen Protagonisten aber vor allem als „Ehrenmann, der aus der Zeit gefallen ist“.

Eiji Tsuburaya, geboren 1901, wollte eigentlich Flieger werden. Doch weil die Flugschule schloss, landete er beim Film. Seit 1925 arbeitete er als Kameramann, und schon 1930 war er erstmals bei einem Film an den Spezialeffekten beteiligt. Ab 1938 war er in Tokio bei den Toho-Studios verantwortlich für die Spezialeffekte, ein Jahr darauf wurde eine eigene Abteilung dafür gegründet, die er von Anfang an leitete. Infiziert mit seiner Leidenschaft hatte ihn 1933 „King Kong“. Seit 1954 der große Erfolg „Godzilla“ ins Kino kam, arbeitete er im sogenannten „Goldenen Trio“ mit Ishirō Honda und dem Produzenten Tomoyuki Tanaka bis zu seinem Tod an über 60 Monster-, Science Fiction- und Fantasyfilmen. Tsuburayas Spezialisierung auf die Effekte hat Nicolas Mahler dazu gebracht, ihn zu einem ganz eigenen Charakter zu stilisieren: „Ich sehe ihn als einen illusionslosen, abgeklärten Typen, der mit seiner Arbeit nichts vermitteln und keine Aussage treffen will, sondern sich nur in das Bauen von Modellen und Entwerfen von Monsterkostümen reinkniet und das einfach gut machen will. Das reicht ihm“.

„Um die Handlung ist es mir nie gegangen. Beweggründe, Psychologie, Logik, Emotion … All das hat mich nie Interessiert!“, lässt Mahler seinen Protagonisten gleich zu Beginn sagen. Nicolas Mahler gefällt die Idee des Künstlers als Handwerker. „In den Filmen gibt es zwar Inhalte – es geht um Umweltthemen und die japanische Gesellschaft. Aber Tsuburaya inszeniert immer nur, wie sich die Riesenmotte bewegt oder wie das Haus einstürzt und dann alles explodiert“. Wenn Mahler so von Tsuburaya spricht, spricht er zugleich von sich.




Nicolas Mahler wurde Anfang der 2000er-Jahre mit seiner Serie „Flaschko, der Mann mit der Heizdecke“ und unzähligen autobiografisch geprägten Alltagsbeobachtungen bekannt. Von Anfang an pflegte er mit seinen Zeichnungen einen sehr minimalistischen Pragmatismus, während der Ausstoß an Publikationen enorm war. Sowohl der Pragmatismus als auch die hohe Veröffentlichungsfrequenz verbindet ihn mit Tsuburaya. Über fünfzig Bücher hat er bei unzähligen Verlagen, darunter auch klassische Literaturverlage wie Suhrkamp oder Insel, veröffentlicht, in neun Sprachen wurden sie bislang übersetzt. Es gibt diverse Kurzfilmadaptionen seiner Strips, die auf über 100 internationalen Filmfestivals zu sehen waren. Zwei Theateradaptionen und zwei Hörspieladaptionen wurden realisiert. Die Ausstellungen zu seinen Arbeiten lassen sich ebenso schwer zählen wie die Auszeichnungen, die er erhalten hat.

Doch all die hochkulturelle Anerkennung ist ihm ein zweifelhaftes Vergnügen. „Mich nervt, dass die Werke oft auf den Inhalt, den Gehalt, die Relevanz reduziert wird mit dem Hintergedanken: ‚Was sagt uns das über den heutigen Zustand der Welt?‘ Ich mag diese Deutlichkeit nicht. Ich finde nicht, dass die Kunst das abzubilden oder zu wiederholen hat, was eh um einen herum ist“. Auch das lässt Mahler in „Das Ritual“ seinen Helden sagen: „Mir ging es nur um Rhythmus. Und Timing“. Die Aussage betont er mit den Möglichkeiten der Sprache der Comics. Er setzt unter jedes Bild nur ein einziges Wort: Mir – ging – es – nur – um – Rhythmus. Die Bilder zeigen, wie ein merkwürdiger Nasenbohrer-Flügelwurm eine etwas holprige Landung hinlegt. Mahler redet natürlich auch hier wieder zugleich von sich. „Das Material ist mir nicht egal, aber es geht mir trotzdem hauptsächlich um den Rhythmus, um den sprachlichen Moment, oder die Spannung zwischen dem sprachlichen Moment und dem Bild“.




Vielleicht teilt nicht nur der Protagonist aus „Das Ritual“ diese Ansicht, sondern auch der echte Eiji Tsuburaya. Zumindest könnte man sich so erklären, warum er während des Zweiten Weltkriegs keine Probleme damit hatte, japanische Propagandafilme zu produzieren. Die Loslösung der Form von Inhalt war nicht zuletzt die Mantra-mäßig wiederholte Rechtfertigung von Leni Riefenstahl. „Riefenstahl glaube ich das ja nicht“, sagt Mahler. „Vielleicht, weil man hier mit dem Thema viel kritischer umgeht. Aber sie hat ja die Nähe der Politik gesucht und kann nicht sagen, sie kriegt nicht mit, was die machen. Sie stand ja in der ersten Reihe. Ich finde es allerdings glaubwürdig, wenn jemand sagt, es interessiert ihn nicht und er beschäftigt sich nicht damit, weil er so in seinem Ding versponnen ist. Ich glaube schon, dass es das gibt. Diese abgeklärte Haltung kennt man auch aus alten japanischen Gangsterfilmen von Seijun Suzuki. Mir geht es auch eher darum, wie ich den Fluss und den Rhythmus einer Bildsequenz verfeinere“.

Ganz zu Beginn von Nicolas Mahlers Karriere, die in Frankreich bei dem bekannten Independent-Verlag L‘Association startete, versuchte sich der Zeichner an seiner Version einer Graphic Novel, eines längeren Comic-Romans. „Damals wollte ich gezielt mit jedem Bild Handlung vorantreiben“. Hier kamen andere filmische Einflüsse des österreichischen Zeichners zum Tragen wie der 70-minütige Film noir „The Set up“ („Ring frei für Stoker Thompson“) von Robert Wise aus dem Jahr 1949. „Da gibt es Szenen, die erzählen in drei Minuten so viel wie andere Filme in einer halbe Stunde“. Seit 2010 gibt es von Nicolas Mahler auch Roman-Adaptionen: In seinem lakonischen Tonfall hat er stark verkürzte Versionen von Weltliteratur seiner Landsleute Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek als Comic veröffentlicht, sich aber auch an Musil, Proust und Lewis Carroll gewagt.

„Wie man mit Zitaten umgeht, sie miteinander oder das Zitat mit einem Bild verbindet, habe ich von der Arbeit an den Adaptionen mitbekommen“, sagt Mahler. „Letztendlich kann man ja sagen, so wie es in den Godzilla-Filmen immer um das Gleiche geht, hat auch Bernhard immer wieder das gleiche Buch geschrieben.“ Wiederholung und Variation – das sind auch seine Themen. Von der Arbeitsteilung zwischen Ishirō Honda, einem langjährigen Freund von Akira Kurosawa (der sich jahrelang darum bemüht hat, einen Monsterfilm drehen zu können), und Tsuburaya hat sich Nicolas Mahler auch wieder eine ganz eigene und wie er findet recht romantische Vorstellung gemacht: „Der eine macht den Film und lässt dem anderen Lücken – für die Zerstörung Tokios.“



„Das Ritual“ von Nicolas Mahler ist erschienen im Reprodukt Verlag (64 Seiten, farbig, 16 × 21 cm, Hardcover, EUR 14,00).

Im Österreichischen Filmmuseum in Wien findet am 6.1.2019Buchprasentation plus „Godzilla“-Screening statt.


Abbildungen: © Reprodukt


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