Berlinale 2019: „Internationales Forum des jungen Films“

Samstag, 16.02.2019

„Risiko statt Perfektion“ : Unter diesem Motto lieferte das „Internationale Forum des jungen Films“ im Rahmen der 69. „Berlinale“ Filme, die durch ihren formalen Reichtum bestachen

Diskussion

Zu den sicher aktuellsten Beiträgen im diesjährigen Programm des „Internationalen Forum des jungen Film“ gehörte ein französischer Dokumentarfilm, der die Revolutionsfrage stellte: In „Nos défaites“ („Our Defeats“) arbeitet Jean-Gabriel Périot mit zehn Schülern und Schülerinnen eines Gymnasiums im Pariser Vorort Ivry-sur-Seine, die sich im Wahlfach Film zusammengefunden haben. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten im Mai und Juni 2018 sind die Jugendlichen um die 16 Jahre alt und agieren in dem Projekt, das Kino und Politik verbindet, vor und hinter der Kamera.


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Périot reinszeniert mit ihnen Szenen des Arbeitskampfes aus Agit-Prop- und kurzen Interventionsfilmen, die in der Zeit um 1968 entstanden sind. Darunter finden sich Vorlagen von Jean-Luc Godard, Alain Tanner oder Jacques Willemont, die damals das Kino als revolutionäres Medium begriffen. Von Godard stammt etwa eine in wechselnder Besetzung wiederholte Schlüsselszene, in der ein Mädchen einem Jungen ein Gedicht von Heine vorliest, das ein neues Zeitalter am Horizont durchschimmern lässt. Im Kontext der nachinszenierten Revolutionsfilme des Pariser Mai ‘68 befragt der Regisseur aus dem Off seine Laiendarsteller parallel zu Begriffen wie „Klasse“, „Engagement“ oder „Gewerkschaft“, auch zu größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen und der Bedeutung der Politik in ihrem Leben.


"Nos défaites"
"Nos défaites"

Die Antworten wirken anfangs unsicher bis unbedarft. Allmählich folgt aber der Performance die Reflexion des Aufstandes, die die individuellen Perspektiven einer jungen Generation auf Politik und politisches Kino sichtbar macht. Im letzten Augenblick wird dem Film statt eines Abspanns ein Nachdreh hinzugefügt und die Jugendlichen ganz aktuell nach den Protesten der „Gelben Westen“ befragt. Dabei entsteht der Eindruck, im Dezember 2018 politischen Subjekten im Moment ihrer Konstituierung zu zusehen, als sie in Abwesenheit politischer Utopien jeweils ihren eigenen, disparaten Begriff der Politik im Hier und Jetzt entwickeln.


„Risiko statt Perfektion“

Obwohl „Nos défaites“ mit seinem Wiederaufnahme- bzw. Partizipationsmodus nach Hervé LeRoux‘s „Reprise“ („Forum“ 1997) und Claire Simons „Premières Solitudes“ („Forum“ 2018) bewährte dokumentarische Ansätze fortsetzt, liefert die kollektive Erkundung der politischen Tektonik dennoch überraschend wenig konkrete Erkenntnisse zu den jetzigen Umbrüchen in Frankreich. Das „Forum“-Motto „Risiko statt Perfektion“ scheint in diesem Fall seltsam ins Leere zu laufen, lässt sich dafür durch den formalen Reichtum des Programms belegen. Da gab es zum Beispiel den Super-8-Stummfilm und Home-Movie-Horror mit Blasmusik „Die Kinder der Toten“ von Kelly Copper und Pavol Liska, nach einer Vorlage von Elfriede Jelinek. Oder den avancierten Kostümfilm „A portuguesa“ von Rita Azevedo Gomes mit Ingrid Caven, eine Auseinandersetzung mit einem Text von Robert Musil. Und eine rasante Tagebuch-Collage, die in Frank Beauvais‘ „Ne croyez surtout pas que je hurle“ persönliche Krise und aktuelles Weltgeschehen verbindet und dank der Ich-Erzählung und Found-Footage-Montage zum Dokument einer Zeit im Ausnahmezustand verdichtet. Zu sehen waren auch die von Hand entwickelten 16-mm-Bilder des Schwarz-weiß-Films „Bait“ von Mark Jenkin, der in Anspielungen auf die sozialrealistische Tradition des britischen Kinos und auf die „Montage der Attraktionen“ schwelgt, unter seiner visuellen Oberfläche aber mit politischer Aktualität aufwartet, bis hin zu etwaigen essayistischen Analysen von Archivmaterial.


"A portuguesa"
"A portuguesa"

Ausgrabungen und Wiederentdeckungen

Archivmaterialien bildeten ohnehin die Schnittstelle im Programm von „Forum“ und „Forum Expanded“, die mit vielen Ausgrabungen und restaurierten Wiederentdeckungen ihr Programm wechselseitig bereicherten. Neben den traditionell vertretenen Arbeiten mit Fokus auf soziale und queere Themen sowie mit besonderem Faible für ästhetische Selbstreflexion waren Archivprojekte in beiden Sektionen stark vertreten. Unter denjenigen Filmen, die Wagnisse eingehen, ragte Thomas Heises über vierstündiger Essayfilm „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ heraus, der anhand von Dokumenten aus dem privaten Archiv des Autors – Briefen, Fotografien, Tagebucheintragungen –, von ihm selbst im Off vorgelesen, die Geschichte seiner Familie über vier Generationen nachzeichnet. Anhand der Erinnerungsbruch-stücke und aktueller Schwarz-weiß-Aufnahmen von Orten und Landschaften, die in der Korrespondenz erwähnt werden, erzählt Heise nichts weniger als die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert.

Auf unkonventionelle Art befassten sich mit der deutschen Geschichte auch zwei weitere Dokumentarfilme, denen der gewagte Spagat in Abstimmung der Form auf den Inhalt nicht gänzlich gelang. „Fortschritt im Tal der Ahnungslosen“ unternimmt ein Experiment: es konfrontiert junge syrische Flüchtlinge, die im sächsischen Neustadt leben, mit ehemaligen Werksangestellten des dortigen Kombinats „Fortschritt“, in dem zu DDR-Zeiten Landmaschinen hergestellt wurden. Im Gegensatz zur Gegenwart, in der die einst vom Westfernsehen abgeschnittene Region wegen verbreiteter Fremdenfeindlichkeit traurige Medienpräsenz erlangt hat, pflegte das volkseigene Kombinat (verordnet) „freundschaftliche“ Geschäftsbeziehungen mit Syrien.

Regisseur Florian Kunert arrangiert rund um die Ruine des Kombinats, die gerade abgetragen wird, eine Begegnung, die aufgrund der historischen Analogien zwischen gestern und heute aufschlussreich zu werden verspricht. Die Inszenierung des filmischen Erinnerns für die Kamera, bei der die Protagonisten zu Darstellern ihrer eigenen Geschichte werden, verharrt aber von Trabis über FDJ-Lieder bis zu paramilitärischen Exerzitien bei verharmlosenden Stereotypen und zeigt mehr Interesse an skurrilen Reenactments als an der Frage, inwiefern in dieser Konstellation verordnete Utopien wie der Sozialismus und die Integration von Flüchtlingen ineinander hineingreifen. Nicht zufällig gehört Archivmaterial vom Staatsbesuch des syrischen Präsidenten Hafis al-Assad (Vater des heutigen Diktators von Syrien) bei Erich Honecker, kontrastiert durch zeitgenössische Aufnahmen von Pegida-Versammlungen, zu den Höhepunkten des Films.

In „Une rose ouverte/Warda“ von Ghassan Salhab wirkt das Archivmaterial wiederum indifferent eingesetzt. Die essayistische Collage bezieht Rosa Luxemburgs lyrische Briefe aus dem Gefängnis auf heutige Aufnahmen aus dem winterlichen Berlin und Archivmaterial aus dem Ersten Weltkrieg. Die Abstraktheit der Bezüge, die Beliebigkeit der Filmaufnahmen und die Redundanz der anonymisierten Kriegsbilder berauben aber die anvisierte Rückschau auf das 20. Jahrhundert und die deutsche Geschichte ihrer potenziellen Wirkungskraft.


"Fortschritt im Tal der Ahnungslosen"
"Fortschritt im Tal der Ahnungslosen"

Exotismus, Rassismus und (Post-) Kolonialismus

Um die Schatten der Kolonialgeschichte und die mediale Projektionsfläche Afrika ging es in Mischa Hedinger dokumentarischer Fallstudie „African Mirror“, die die komplexen Zusammenhänge von Exotismus, Rassismus und (Post-) Kolonialismus beleuchtet. Und zwar am Beispiel des Reiseschriftstellers, Fotografen, Filmemachers und Vortragsreisenden René Gardi (1909-2000), der durch seine Fernsehsendungen und Bücher in der Schweiz, einem Land ohne eigene Kolonien, das Afrikabild einer ganzen Generation geprägt hat. Hedinger kann dabei auf den reichen Fundus von Gardis Filmaufnahmen (hauptsächlich aus Kamerun), Tonbandaufzeichnungen und Tagebüchern zurückgreifen und aus dem Archivmaterial einen Filmessay montieren, der weniger das Porträt Gardis anvisiert als eine Art kinematografischer Feldforschung, bei der es um transkontinentale Mediengeschichte und ihre Produktionsbedingungen geht. Einzig eine Gegenstimme zu Gardis rassistischen Statements fehlt im Film, der dadurch beim Zuschauer eine hohe Reflexionsebene voraussetzt.

Eine Form ethnografischer Feldforschung betreibt schließlich Igor Drljaca in seinem beobachtenden Dokumentarfilm „Kameni Govornici“, diesmal in findigen Gemeinden Bosnien-Herzegowinas, die angesichts der andauernden Wirtschaftsflaute sich selbst als einzigartige Touristenziele neu erfinden. Ein Geschäftsmodell, das schon Medjugorje mit seinen Marienerscheinungen in eine internationale Pilgerstätte verwandelt hat, und in Visoko angebliche Pyramiden, die kosmische Energiefelder generieren sollen, hervorgebracht hat. Die Schatten der Vergangenheit scheinen hier bis heute die multiethnische Gesellschaft zu überlagern. Die Bestandsaufnahme im Film zeigt Bosnien-Herzegowina als ein Land in einer tiefen Identitätskrise, die die Bewohner durch die Flucht in die Religion und Esoterik kompensieren.



Foto: oben: aus „Une rose ouverte/Warda“ (© Berlinale). Andere Fotos: © Basilisco Filmes („La portuguesa“) / Ton und Bild GmbH („African Mirror“) / tsb, Joanna Piechotta („Fortschritt im Tal der Ahnungslosen“) / Envie de Tempête Productions („Nos défaites“)










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