Leid, Herrlichkeit & Hitler

Montag, 20.05.2019

Cannes-Blog 2019: Notizen zu den neuen Filmen von Pedro Almodovar („Leid und Herrlichkeit“), Terrence Malick („A Hidden Life“), Diao Yinan („The Goose Lake“) und Corneliu Porumboiu („La Gomera“)

Diskussion

In den Kritikerspiegeln liegt Pedro Almodovars autobiografisch angehauchtes Drama „Leid und Herrlichkeit“ (ab 25. Juli im Kino) ganz vorne; die melancholischen Erinnerungen eines gealterten Regisseurs rührten die Herzen der Kritiker. Auf weniger Gegenliebe stößt „A Hidden Life“ von Terrence Malick über den von den Nazis hingerichteten Franz Jägerstätter; viel Applaus gibt es dagegen für Genrefilme wie „The Goose Lake“ von Diao Yinan oder „La Gomera“ von Corneliu Porumboiu.


„Meine Kindheit roch nach Pisse“, erinnert sich Pedro Almodóvars Alter Ego Salvo (Antonio Banderas) an die Jahre, als er mit seiner Mutter (Penélope Cruz) in der Provinz aufwuchs, wo ihn im Freilichtkino immer ein dringendes Bedürfnis überkam, wenn auf der Leinwand Wasser floss. Jetzt sitzt er in der Eingangsszene von Leid und Herrlichkeit in einem Schwimmbecken unter Wasser und weiß nicht, was er mit seinem von Krankheiten und einer tiefen Depression überschatteten Leben anfangen soll. Als ihm die Luft ausgeht, taucht er auf, bildlich wie real. Er stellt sich der Vergangenheit, begegnet Menschen, die ihm einmal wichtig waren, vollendet ein Stück mit dem Titel „Addiction“, nach dessen Premiere die erste große Liebe seines Lebens an seiner Tür klingelt, und findet plötzlich auch die Kraft, über sich und sein Leben einen Film zu drehen, der dann Teil von „Leid und Herrlichkeit“ ist.

Satte Farben, ausgeprägte Kontraste

Manche Details um einen vielfach gehandicapten Filmenthusiasten kennt man aus Almodovars Biografie, etwa das verhasste kirchliche Internat, die große Bedeutung seiner Mutter oder die chronischen Kopfschmerzen, gegen die nur das Drehen von Filmen hilft. Anderes ist aus seinen Filmen vertraut, die Kreativität bei der Gestaltung des Vorspanns, die grandiose symbolische Verdichtung der Eingangssequenz, die satten Farben und starken Kontraste und eine Ausstattung, die es alleine schon wert ist, den Film ein zweites Mal zu sehen.

Szene aus "Leid und Herrlichkeit"
Szene aus "Leid und Herrlichkeit"

Die Mischung aus Zufall und Eigenantrieb, Widerstand und guten Freunden setzt in vier Kapiteln eine zunächst eher flanierende, wenig zielstrebige Energie frei, die in ihrem Vor und Zurück nach und nach biografisch zentrale Momente erinnert, ohne dass daraus dramatische Zuspitzungen erwachsen würden. Die ineinander geschachtelte Struktur von Krankheit und Kindheit, Gegenwart und neuem Film trägt überdies dazu bei, dass das melancholische Biopic eher ruhig und versöhnlich ausfällt.

Vor allzu biografischen Rückschlüssen sollte man dennoch Abstand nehmen. Auch wenn die Produktionsbedingungen hier nur am Schluss als kurze Film-im-Film-Szene aufblitzen, hat Almodovar in seinen Werken, sehr explizit etwa in La Mala Educación – Schlechte Erziehung(2004) immer wieder deutlich gemacht, wie stark biografische Erfahrungen im Prozess ihrer filmischen Adaption transformiert werden.

„Pfui Hitler“ – Terrence Malick und „A Hidden Life“

Bei Terrence Malicks hymnischer Filmsprache erübrigt sich hingegen die Frage nach biografischen Einsprengseln von vorherein. Der endlose Flow seiner oft stark bewegten Bilder, die symphonische Filmmusik und eine Vorliebe für Gedanken aus dem Off bedingen eine reflexive, ins Poetisch-Metaphorische oder Mythisch-Spirituelle tendierende Kunst, die für „große“ Fragen deutlich angemessener erscheint als für konkrete Lebensschicksale. Das ist auch die Crux von A Hidden Life, der sich an der Lebensgeschichte von Franz Jägerstätter (1907-1943) orientiert, einem tieffrommen Landwirt aus Sankt Radegund in Oberösterreich, der 1942 den Eid auf Hitler verweigerte und wegen Wehrkraftzersetzung am 9. August 1943 in Berlin-Tegel enthauptet wurde.

August Diehl in "A Hidden Life"
August Diehl in "A Hidden Life"

Das knapp dreistündige Epos entfaltet mit Malick’schem Pathos Jägerstätters Vita von der Heirat mit Franziska Schwaninger bis zur Hinrichtung und einem kurzen Epilog. Der Film ist mehrheitlich mit deutschsprachigen Schauspielern besetzt; August Diehl und Valerie Pachner spielen sehr überzeugend und zeitgenössisch hager die Eheleute; Bruno Ganz ist in einer seiner letzten Rollen als Militärrichter zu sehen, der Jägerstätter zum Tode verurteilt. Der Film wurde von Studio Babelsberg produziert; die Sprache ist eine Mischung aus Englisch und Deutsch/Österreichisch; das Voice-over mit Jägerstätters Gedanken, die Briefe der Eheleute oder zentrale Dialoge werden in Englisch gesprochen, die Menschen auf dem Land, aber auch die Nazis sprechen deutsch-österreichische Dialekte.

A Hidden Life ist kein Gewissensdrama, sondern eher ein elegischer Hymnus, der im Nachspann explizit den Einfluss einzelner Persönlichkeiten im Kampf um eine bessere Welt unterstreicht. Der Film kontrastiert eingangs zwar sogleich die entgegengesetzten Pole, erhabene Klänge aus einem Oratorium mit Bildern aus Riefenstahls „Triumph des Willens“ und Wochenschauaufnahmen vom Überfall auf Russland; doch dann taucht die Handlung mit trunkener Schönheit ins Glück des beschaulichen Winkels in den Bergen ein, wo Franz und Fani mit ihren drei Kindern ein zwar schweres, aber glückliches Leben führen. Bis erster Flugzeuglärm die heilige Stille erzittern lässt und die Nationalsozialisten den Frieden gefährden. Denn Jägerstätters wachsender innerer Widerstand gegen die braunen Machthaber stößt den Menschen um ihn herum bald auf, die sich der neuen Zeit und ihrem fanatischen Ungeist ergeben.

Bruno Ganz in seiner letzten Rolle als Kontrahent von August Diehl (l.) in "A Hidden Life"
Bruno Ganz in seiner letzten Rolle als Kontrahent von August Diehl (l.) in "A Hidden Life"

Eine erste Einberufung zum Militärdienst leistet er noch Folge, doch bei zweiten Mal leistet er Widerstand, allen Ratschlägen des Dorfpfarrers, wohlmeinender Freunde oder des Bischofs zum Trotz. Über die Folgen seiner Weigerung, den Eid auf Hitler abzulegen, macht sich niemand Illusionen. Doch kein noch so gut gemeinter Ratschlag kann den aufrechten Mann von der Überzeugung abbringen, dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen. Auch wenn dies in der Konsequenz daraus hinausläuft, ermordet zu werden und Frau und drei Kinder einem ungewissen Schicksal zu überantworten.

Malick gibt den äußeren und inneren Anfeindungen Jägerstätters durch die Dorfgemeinschaft und die Torturen im Gefängnis viel Raum, verbal wie emotional mitunter extrem zugespitzt, was neben den Schauspielern zu den großen Stärken des Films zählt. Doch eine „alternative Geschichtsschreibung“, wie man sich das von Tarantinos „Once Upon a Time in Hollywood“ erwartet und die Jägerstätter zu dem von seinem Anwalt ausgearbeiteten Kompromiss hätte greifen lassen, liegt A Hidden Life völlig fern; es geht Malick vielmehr zentral um die Frage, was man der Übermacht des Bösen überhaupt entgegensetzen kann. Zwar klingen mitunter auch skeptische Fragen nach dem Sinn des Daseins an, doch Jägerstätters exemplarische Gewissensentscheidung wird filmisch immer wieder den majestätischen Bergen oder der lebensspendenden Kraft der Sonne gleichgestellt – metaphorischen Dimensionen, die Gutes wie Böses transzendieren.

In ersten Kritiken zu „A Hidden Life“ wird denn auch von einer Christus-Figuration gesprochen oder dualistische Interpretamente in Anschlag gebracht, in denen Jägerstätters Standhaftigkeit dem Zivilisationsbruch des NS-Terrors widerstreitet, als eine allerletzte, radikale Möglichkeit des Widerstandes. Solche „Opfer“-Interpretationen überspringen aber allzu leicht die grundlegende Spannung zwischen Biografie und Metaphysik, dem tragischen Schicksal Jägerstätters und seiner eigenwilligen Ausdeutung; sie schieben auch die sehr spezifische Form von Heimatfilm-Kitsch beiseite, der durch Malicks fluide Filmsprache eine zweifelhafte metaphysische Überformung erhält, wenn der entbehrungsreiche Lebenskampf der Bauern bildreich mit glorifizierendem Gestus entfaltet wird.

"A Hidden Life"
"A Hidden Life"

Bei der Pressekonferenz mit den beiden Hauptdarstellern betonte August Diehl insbesondere den Gewissensaspekt, da Jägerstätter aus einem sehr persönlichen, intellektuell nicht weiter begründeten, aber unüberhörbaren Impuls heraus gehandelt habe; einem „Nein“, das in gegenwärtigen Zeiten allzu oft rationalisierend relativiert und verwässert werde. Jägerstätter aber war einer, der das Gefühl „Das ist falsch“ nicht beiseiteschieben wollte oder konnte.

Starke Genrefilme

Die Genrefilme im Wettbewerb überzeugen: „The Goose Lake“ von Diao Yinan entwickelt als knallharter Neo-Noir-Actionfilm viel Tempo und Herz für die Solidarität unter Mitgliedern rivalisierender Gangsterbanden, obwohl die meisten Mobster hinter der hohen Belohnung her sind, die auf den Kopf eines der ihren ausgesetzt ist, der einen Polizisten erschossen hat. Die unerbittliche Verfolgungsjagd durch die Bezirke einer sich modernisierenden Provinzstadt mobilisiert aber auch eine unübersehbare Zahl an Cops, die mit den Mitteln des Überwachungsstaates nahezu allgegenwärtig sind. Da ein Entkommen für den Gejagten nicht möglich ist, dreht sich alles um die Frage, wem der Fliehende trauen kann und wer am Ende die Belohnung kassiert.

Auch in „Gomera“ von Corneliu Porumboiu geht es um die Solidarität unter Gangstern, mit der es nicht weit her ist, sobald viel Geld ins Spiel kommt. Im ersten von rund einem Dutzend Kapitel landet ein rumänischer Polizist (Vlad Ivanov) auf der titelgebenden kanarischen Insel, um die alte Pfeifsprache „El Siblo“ zu erlernen, die bei der Entführung eines Gefangenen aus einem Gefängnis in Bukarest eine Rolle spielen soll; der hat bei der Geldwäsche für ein Syndikat in die eigene Tasche gearbeitet. Doch auch die meisten anderen Figuren sind bestechlich oder erweisen sich in ihren Loyalitäten als flexibel, was zu einer in zahlreichen Flashbacks entfalteten Reihe kurioser Enthüllungen führt. Im Unterschied zu den bisherigen Arbeiten von Porumboiu ist die Gangstergeschichte für ein internationales Arthouse-Publikum gemacht, weshalb nicht nur das Finale in der spektakulären Kunstwelt der „Gardens of the Bay“ in Singapur spielt, sondern Filmmusik, Kamera und die zahlreichen filmhistorischen Anspielungen auf ein größeres Publikum ausgerichtet sind. Das ist sehr unterhaltsam; geht allerdings auch auf Kosten einer größeren, mit politischen oder anderen Subtexten spielenden Komplexität.

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