Wem gehört die Wahrheit?

Dienstag, 05.11.2019

Der politische Gegner im Visier der Kamera: Ein Symposium beim Dokfestival Leipzig

Diskussion

Ist es politisch fahrlässig, wenn ein Dokumentarfilm wie „Lord of the Toys“, der rechtsradikale Youtuber porträtiert, eine klare Positionierung gegenüber seinen Protagonisten missen lässt? Im Rahmen des Dokfestivals Leipzig ging ein Symposium der Frage nach, wieviel Haltung man Dokumentarfilmen über politische Themen abverlangen kann oder muss.


„,Notre Nazi  hatte auf den Filmfestspielen in Venedig 1984 Premiere. Nach den ersten Vorführungen wurde ich am Kinoausgang verprügelt.“ Die Nüchternheit, mit der Thomas Harlan die Publikumsreaktionen auf seinen Film über den Kriegsverbrecher Alfred Filbert rekapituliert, ist beeindruckend.

Anfang der 1990er-Jahre begleitete Thomas Heise mit dem Auftrag, „Rechte zu filmen“, jugendliche Neonazis in Halle-Neustadt. Aus einem Gespräch über Zahnschmerzen mit einem Protagonisten in einem rechten Jugendclub in Halle-Neustadt wird „Stau – Jetzt geht‘s los“, einer der besten Filme über rechte Jugendliche in den Baseballschläger-Jahren. Nach dem Kinostart im Herbst 1992 wurden Vorführungen von „Stau“ wiederholt gestört. Heise filmte die Ausschreitungen bei der Premiere des Films in Halle (das gedrehte Material ist in seinem Film „Material“ von 2009 enthalten): Steine fliegen durchs Fenster, die Stiefel-Nazis tigern im Kinosaal auf und ab. Am Ende gibt es ein Wortgemenge zwischen den Protestierern und dem Kinopublikum, das den Film sehen will. „Geht studieren. Dann könnt ihr reden.“ Ein autonomes Flugblatt bemängelt: „Der Film zeigt an keiner Stelle, was diese unschuldig in die Kamera lächelnden, etwas dümmlich dargestellten Jugendlichen […] an Terror ausüben.“ Ein anderes Flugblatt ruft zum „aktiven Boykott“ auf; „der Film soll möglichst nicht gezeigt werden.“ „Stau“ wird in den Protesten dafür kritisiert, seinen Protagonisten eine Bühne geboten zu haben. Die subtilen Positionierungen des Films gehen im Getöse unter.


Kontroverse Darstellungen der rechten Szene

Beide Filme trafen neuralgische Punkte ihrer jeweiligen Entstehungszeit: „Notre Nazi“ breitete mitten in der rassistischen Welle der frühen 1980er-Jahre und der Stagnation während der Kohl-Ära die sorgfältig verdrängte NS-Vergangenheit aus. „Stau“ zeigte jugendliche Neonazis, während ihre Gesinnungsgenossen zeitgleich – von Polizei und Justiz weitgehend ungehindert – in den Nachwende-Jahren in Ost- und Westdeutschland mordeten. So gesehen ist es keine große Überraschung, dass im Jahr 2018 auch der Film „Lord of the Toys“ heftige Proteste ausgelöst hat, als er auf dem Dokumentarfilmfestival in Leipzig inmitten einer neuen Welle rechten Terrors gezeigt – und ausgezeichnet – wurde. Der Film porträtiert eine Gruppe von YouTubern aus Dresden, deren Videos in ihrer toxischen Mischung aus Rassismus, Sexismus und Antisemitismus jene rechtsradikale Gesinnung befeuert, die sich in den Attentaten von München, Christchurch und Halle brutal manifestierte.

Lust an der Provokation: Die rechten Youtuber aus Dresden
Lust an der Provokation: Die rechten Youtuber aus Dresden

„Wir woll’n den Streit und haben Streit“

Die Kontroverse um „Lord of the Toys“ bildete den Ausgangspunkt für ein Symposium mit dem Titel „Wem gehört die Wahrheit? Der politische Gegner im Visier der Kamera“, das während des Dokfilm-Festivals in Leipzig (26.10.-1.11.2019) stattfand. Zur Eröffnung blakte, schrie und säuselte Wolf Biermann sein „Selbstporträt für Rainer Kunze“: „Wir woll’n den Streit und haben Streit / Und gute Feinde, viele / Von vorn, von hinten, und zur Seit / Genossen und Gespiele / Ach du, ach das ist dumm: / Wer sich nicht in Gefahr begibt / - der kommt drin um“. Der Programmleiter des Festivals, Ralph Eue, erläuterte später, dass das Lied während der Planung des Symposiums als „temporärer Streitraum“ ein musikalischer Leitstern gewesen sei. Biermann als Leitstern eines Streitraums ist eine gewagte Wahl: weiß man als Zuhörer doch nie, ob man es mit dem des Landes verwiesenen dissidenten Liedermacher oder dem selbstgefälligen Hofbarden des deutschen Konservativismus zu tun hat.


Wer was wann wie filmt und wo und wie es gezeigt wird

In seiner Eröffnungsrede skizzierte Eue aus Marcel Ophüls’ Reflexionen über seinen Film „Nicht schuldig?“ (1975) das Problem, einen politischen Gegner wie Albert Speer zu filmen, und verwies auf Frederick Wiseman als Säulenheiligen des Dokumentarfilms, um die Konstruktion von Wahrheit in dem Genre zu thematisieren: Bilder, die vermeintlich bloß Bestehendes zeigen, werden in der Auswahl und Montage zu einer Sichtweise geformt. Die beiden Themenstränge, die im Titel und Untertitel des Symposiums angelegt sind – die Frage nach Wahrheit und das Problem, den Gegner zu filmen – drifteten schon in der Diskussion der Eröffnungsrede auseinander. Den über dem Streit um Wahrheitsfragen trat die politische Frage, was wer wann wie filmt und wo und wie es gezeigt wird, zunehmend in den Hintergrund. Einig war man sich, dass man keine Erklärfilme mag, dass „Dokus“ (als Fernsehformat) im Gegensatz zum Dokumentarfilm meist stärker berichten und dass Strategien der Verunsicherung im kollektiven Raum des Kinos vermutlich besser funktionieren.

Die Kritik an „Lord of the Toys“ hob im Kern auf die mangelnde Positionierung der Filmemacher gegenüber den rechten YouTubern ab. Die Verteidiger des Films hoben die dichte Darstellung hervor. Die Frage der Positionierung zu den Gezeigten im Kontext der gesellschaftlichen, filmpolitischen, ästhetischen Umstände der Zeit stand also im Zentrum der Diskussion. Auf dem Symposium wurde über Filme geredet, als fänden sie im leeren Raum statt.

Was sieht man, was übersieht man: "Lord of the Toys"
Was sieht man, was übersieht man: "Lord of the Toys"

Das bliebt auch bei den Filmbeispielen so. Tamara Trampes Film „Der schwarze Kasten“ dokumentierte 1992 eine Reihe von Gesprächen der Regisseurin mit einem Psychologie-Dozenten der Staatssicherheit. Die Montage des Films stellt den Versuch zu verstehen jenen Momenten des Gespräches gegenüber, in denen die Konflikte und die Beschönigungen des eigenen Handelns durch den Stasi-Mann deutlich werden. Trampes Film entstand inmitten der Aufarbeitung von Opfergeschichten und der Diskussion um Inoffizielle Mitarbeiter. Dabei verlagert der Film den Blick auf das Selbstverständnis der Täter; Trampe ringt verbal mit ihrem Gegenüber. Im Gesprächsstil liegt Trampes Positionierung.


Sachlicheres Kino versus aufgeheiztere Debatte

Andere Formen der Positionierung skizzierte der französisch-italienische Filmhistoriker Federico Rossin, der gemeinsam mit der Kuratorin Barbara Wurm eine Tour de force durch die Geschichte radikaler Positionierungen unternahm. In einem Bogen von den Agitprop-Clips des kubanischen Regisseurs Santiago Álvarez, die Videoarbeiten von Nam June Paik und Emile de Antonios polemischem Film über Richard Nixon, „Millhouse: A White Comedy“, bis hin zu „Der Kandidat“ über die Kanzlerkandidatur von Franz Josef Strauß zeigte Rossin verschiedene Formen der Auseinandersetzungen mit dem politischen Gegenüber auf. An diesen Überblick schloss sich die Beobachtung an, dass die radikale, polemische Selbstpositionierung als politische Intervention im heutigen Dokumentarfilm aus der Mode gekommen sei. Ein sachlicher gewordenes Kino steht einer aufgeheizten gesellschaftlichen Debatte gegenüber. Rechtes Geschwurbel wie das der Protagonisten von „Lord of the Toys“ bleibt nicht zuletzt durch das Medium des YouTube-Channels weitgehend unerwidert. Inmitten der Nischenvielfalt gedeiht der Faschismus. Rossins anregender Vortrag wurde wenig kontrovers diskutiert; Polemiken und radikale Positionierungen schienen sich auch beim Publikum des Symposiums keiner großen Beliebtheit zu erfreuen.


Kritik an offiziellen Sichtweisen

Bei der Präsentation zweier Beispiele filmischer „Gegenermittlungen“ am zweiten Tag des Symposiums befand man sich erkennbar mehr in der Komfortzone. Die Gruppe Forensic Architecture unterzieht in „77sqm_9:26min“ die Rekonstruktion des hessischen Verfassungsschützers Andreas Temme einer kritischen Prüfung, der sich während des NSU-Mordes an Halit Yozgat in dessen Internetcafé aufhielt. Mario Pfeifer reinszeniert die Misshandlung des irakisch-kurdischen Geflüchteten Schabas Saleh Al-Aziz in einem Supermarkt in Arnsdorf durch eine „Bürgerwehr“ und die Einstellung des anschließenden Gerichtsverfahrens. Beide Filme skandalisieren juristische Blindstellen bei der Aufarbeitung rechter Straftaten. Sie stellen offiziellen Sichtweisen alternative Annäherungen an Tathergänge gegenüber, mit denen die Scheuklappen der offiziellen Versionen erkennbar werden. Das Gegenüber bleibt in beiden Filmen schematisch; der Schwerpunkt liegt auf der Gegenermittlung. Dieser Schwerpunkt zog sich auch durch den Beitrag der Berliner Informationswissenschaftlerin Tatiana Bazzichelli, die von ihren Recherchen und Aktionen zu Whistleblowern berichtete.

"77sqm_9.26min": Rekonstruktion des Mordes an
"77sqm_9.26min": Rekonstruktion des Mordes an Halit Yozgat

Dass sich zwischen den Diskussionen über Wahrheit im Dokumentarfilm und der Frage nach Perspektiven und Positionierungen gegenüber einem politischen Gegner keine produktive Verbindung ergab, wurde am Ende noch einmal deutlich. Die Wahrheitsdebatten schienen wie weggewischt, als sich die Diskussion entlang der eingespielten Rezeptionsgräben von „Lord of the Toys“ strukturierte. Die Filmemacher verteidigten ihre Entscheidungen beim Dreh des Films, Helene Hegemann, die bei der Auszeichnung des Films in der Jury saß, verteidigte die Auszeichnung, Matthias Dell bekräftigte seine Kritik, die sich vor allem an der fehlenden Positionierung entzündete.


Keine Balance zwischen Konkretem und Allgemeinem

„Durch reines Zugucken erkennt man hier nichts“, hat Matthias Dell sehr treffend zu „Lord of the Toys“ beobachtet. Im Verlauf der Diskussion über den Film konnte man sich kaum des Eindrucks erwehren, dass die Faszination für den vermeintlichen Erkenntniswert von „Lord of the Toys“ schlicht eine selbstgewählte Unkenntnis über den rechten Terror der 1990er-Jahre ist. Die behaupteten Differenzen zwischen der Situation, die Thomas Heise in „Stau“ gezeigt hat, und derjenigen in „Lord of the Toys“ erwiesen sich als unhaltbar, was den Gesamteindruck verstärkte, dass die Balance zwischen der Diskussion des konkreten Falls „Lord of the Toys“ und einer grundlegenderen Diskussion über Fragen der Positionierung nicht gelungen ist. Wie bei so vielen Konferenzen wurden auch hier die Diskussionen zum Anhängsel degradiert, die oft genug dem Zeitmanagement zum Opfer fielen, so sie denn überhaupt in Gang kamen.

Um die recht disparaten Teile der Konferenz zusammenzuhalten, hätte es erheblich mehr Bündelung gebraucht. Vorstellbar wäre ein externer Kommentar auf die Vorträge vor Eröffnung der Diskussion gewesen. Das hätte vor allem den Vorträgen in Form eines Werkstattberichts gutgetan. Insbesondere sollte das Verhältnis zwischen konkretem Anlass und allgemeinem Thema klarer gefasst werden. Denn nicht immer war klar, ob die Vortragenden „Lord of the Toys“ als Ausgangspunkt der Diskussion überhaupt präsent hatten.


Fotos: Glotzen Off, Max Borka


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