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Zum Tod von Fernando Solanas

Montag, 09.11.2020

Ein Nachruf auf den argentinischen Regisseur Fernando Solanas (1936-2020)

Diskussion

Der argentinische Filmemacher Fernando Solanas (1936-2020) verstand sich von Anfang an als politischer Künstler, der mit der Filmkunst die ausbeuterischen Verhältnisse seines Landes durchsichtig machen wollte. Die Militärdiktatur zwang ihn 1976 ins Exil nach Paris. Als er 1989 wieder nach Buenos Aires zurückkehrte, mischte er fortan auch aktiv als Politiker mit, überlebte ein Attentat und wirkte zuletzt als UNESCO-Botschafter. Ein Nachruf.


„Ich bin Teil einer Generation, aus der ein ganz großer Teil meiner Freunde und Kollegen bereits verschwunden ist. Das erscheint uns normal, aber ich bin dankbar, weitermachen zu können“, erklärte der argentinische Regisseur Fernando Solanas im Februar 2004, als ihn die „Berlinale“ mit einem „Ehrenbären“ ehrte. 2018 war er zum letzten Mal auf dem Festival in Berlin, mit seinem beklemmenden Dokumentarfilm „Viaje a los pueblos fumigados“ („Besuch der vergifteten Dörfer“). Darin brach er eine Lanze für die biologische Landwirtschaft als Teil einer umfassenden politischen Auseinandersetzung, als Gegenpol zur Vergiftung des Essens durch skrupellose Konzerne und eine profitsüchtige Agrarindustrie. Solanas interessierte sich immer wieder für die unterschiedlichen Facetten wirtschaftlicher, politischer und sozialer Unterdrückung.


Funkelnde Augen, wehende Haare

Scheinobjektivität war seine Sache nicht. Seine Dokumentarfilme kommentierte er selbst aus dem Off, mit seiner angenehmen Stimme, die so eindringlich erzählen, aber auch ebenso vehement polarisieren und polemisieren konnte. Fernando Solanas war ein großartiger Redner, ein Rhetoriker gegen das Unrecht, wenn er mit funkelnden Augen und wehenden weißen Haare die Miseren der Globalisierung und der korrupten Eliten in Lateinamerika anklagte. Er war Teil einer Generation, die in den 1960er- Jahren antrat, das südamerikanische Filmschaffen radikal zu ändern. Neben seinem Landsmann Fernando Birri, dem Brasilianer Glauber Rocha und dem Kubaner Julio Garcia Espinosa zählte Solanas zu den wichtigsten Figuren des „Neuen lateinamerikanischen Films“, der vehement gegen die Erzählstrukturen Hollywoods und für einen neuen sozialen Realismus eintrat, auch für eine filmische Analyse der sozialen und politischen Misere des Subkontinents.

Die Ursachen der Wirtschaftskrise: "Memoria del Saqueo" (trigon-film)
Über die Ursachen der Wirtschaftskrise: "Memoria del Saqueo" (© trigon-film)

Damit geriet Solanas schnell in Konflikt mit der argentinischen Obrigkeit. 1967 schuf er mit seinem Dokumentarfilm „Die Stunde der Hochöfen“ ein bewegendes Bild der sozialen Ungerechtigkeit am Rio de la Plata. Diesen politisch-sozialen Ansatz des Filmemachens bewahrte er sich bis in seine letzten Dokumentarfilme: „Memoria del Saqueo – Chronik einer Plünderung (2004) ist eine schonungslose, dezidiert parteinehmende Analyse der großen Wirtschaftskrise Anfang des Jahrtausends, über eine Nation im Aufstand, zwischen Straßenkämpfen und brutalen Polizeieinsätzen. Solanas kommentiert darin Nachrichtenbilder einer 20-jährigen Entwicklung, die zur schwersten sozialen, wirtschaftlichen und politischen Krise des Landes führte, zum Zusammenbruch des politischen und wirtschaftlichen Systems. Der Film skizziert die Entwicklung des Landes von der Militärdiktatur bis zur „Mafiakratie“, so seine Bezeichnung für den neoliberalen Ausverkauf Argentiniens.


Kämpfer für Gerechtigkeit

„Die argentinische Führungsschicht“, sagt Solanas, „ist in vollem Umfang gescheitert, von den wirtschaftlichen Führungseliten, die das neoliberale Modell unterstützten, über die politische Führungsschicht, die es mit viel Korruption durchsetzte, bis hin zu den Spitzen internationaler Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank.“ Mehr als die Hälfte der argentinischen Bevölkerung, so Solanas, lebte nach der Jahrtausendwende unterhalb der Armutsgrenze. „Die Schilderung der Armut in ,Die Stunde der Hochöfen‘ wirkt heute wie ein Prolog, wie die Einführung in den sozialen Völkermord der 1990er-Jahre.“ In „La dignidad de los nadies“ (2005) widmete sich Solanas dann den unterschiedlichen Protestbewegungen gegen die Privatisierungswelle und den sozialen Ausverkauf: Arbeitern, die ihre geschlossenen Fabriken übernehmen, Bauern, die Zwangsversteigerungen verhindern, und Arbeitslose, die mit ihren Organisationen die Regierung unter Druck setzen.

Auch in seinen Spielfilmen setzte sich Solanas mit den sozialen Bewegungen und Umbrüchen in Argentinien und Lateinamerika auseinander. Sein Spielfilmdebüt „Fierros Söhne (1972) wurde verboten. Nach dem Militärputsch im Jahre 1976 erhielt er Morddrohungen und war wie viele andere seiner Landsleute gezwungen, ins Exil nach Paris zu gehen. In dieser Zeit entstand 1980 der Dokumentarfilm „Le regard des autres“ über die gegenseitige Wahrnehmung von behinderten und nicht behinderten Menschen. 1984, ein Jahr nach dem Ende der Militärdiktatur, kehrte er nach Argentinien zurück. In „Tangos“, „Süden (Sur)“, „Die Reise“ (1992) und „La nube“ (Die Wolke) setzt er sich mit Diktatur, Exil und insbesondere mit der mangelnden Vergangenheitsbewältigung auseinander.

Quer durch Südamerika: "Die Reise" (trigon-film)
Quer durch die Seele Südamerikas: "Die Reise" (© trigon-film)


Parlamentarier, Senator, UNESCO-Botschafter

Der Kampf gegen die Umstände und gegen soziale Ungerechtigkeit, verbunden mit einer innovativen filmischen Darstellung, ist die wichtigste Konstante im Werk von Fernando Solanas. „Heute tragen die konservativen Regierungen die Fahne der Modernisierung vor sich her. Aber das macht alles noch viel schlimmer.“ Diese Überzeugung trieb ihn in die Politik: Von 1993 bis 1997 saß er als unabhängiger Linksabgeordneter im argentinischen Parlament. Einen rechtsradikalen Anschlag überlebte er mit sechs Einschüssen im Bein nur knapp. Davon ließ er sich aber nicht abhalten. Von 2003 bis 2007 und von 2009 bis 2013 war er erneut Mitglied des argentinischen Parlaments, amtierte von 2013 bis 2019 als Senator und bekleidete nach dem Wahlsieg des Linkskandidaten Alberto Fernandez ab 2019 den Posten des argentinischen UNESCO-Botschafters in Paris.

Am Freitag, 6. November 2020, ist der argentinische Filmemacher Fernando Solanas in Paris im Alter von 84 Jahren an den Folgen seiner Covid-19 Infektion gestorben.

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