© Arseni Khachaturan

Weil das Universum indifferent ist: Interview mit Dea Kulumbegashvili zu „Beginning“

Donnerstag, 28.01.2021

Ein Gespräch mit der georgischen Filmemacherin Dea Kulumbegashvili über ihren Film „Beginning“

Diskussion

Im Corona-Jahr 2020 gehörte Beginning, das Spielfilmdebüt der 1986 geborenen Georgierin Dea Kulumbegashvili, zu den meistbeachteten Festivalpremieren mit Preisen in San Sebastián, Toronto und Mannheim-Heidelberg (zur Filmkritik). Mit hohem Stilwillen beschreibt die Regisseurin das Leben einer Zeugin Jehovas aus einem georgischen Bergdorf, die durch Überfälle auf ihre Gemeinde und sich selbst alle Gewissheiten verliert. Der Film läuft ab 29. Januar exklusiv beim Streamingdienst Mubi läuft.


„Beginning“ führt in ein entlegenes Dorf in Georgien. Yana ist die Frau eines der Vorsteher einer Gemeinde der Zeugen Jehovas. Geht es in "Beginning" vorrangig um die Rolle der Frau in einer zutiefst patriarchalischen Religionsgemeinschaft?

Dea Kulumbegashvili: Ich wollte die Geschichte der Frau eines Führers dieser religiösen Gemeinschaft erzählen. Der Hintergrund war mir sehr vertraut, weil ich in dem Dorf in einer sehr ländlichen Region aufgewachsen bin, ähnliche Werte vermittelt bekommen habe und in einem ähnlichen Erziehungssystem aufgewachsen bin wie in dem Film. In „Beginning“ geht es in erster Linie um die tiefe existenzielle Krise dieser Frau, es geht aber auch um ein bestimmtes Gesellschaftsmodell, um Machterhalt und die Kettenreaktion von Macht und Unterdrückung. Es gibt immer welche, die unterdrücken und gleichzeitig unterdrückt werden. Aber diese Frau gehört nicht zur direkten Machtelite, sie ist mehr ein Instrument in ihren Händen. Die Männer denken gar nicht, dass sie irgendwelche eigenen Wünsche hat. Für sie ist Yana nur ein Instrument. Selbst wenn sie vergewaltigt, gedemütigt und verfolgt wird, bleibt sie ein Werkzeug innerhalb dieses Machtsystems, einem System männlicher Dominanz. Yana ist eine Frau, die immer im Hintergrund steht. Das war die Ausgangsidee.


Ist Yanas Geschichte auch außerhalb des georgischen Kontextes verständlich?

Dea Kulumbegashvili: Ja, auf jeden Fall! Selbst in den großen westlichen Metropolen, in denen ein aufgeklärtes, emanzipatorisches Weltbild dominiert, bleibt die wirkliche Befreiung der Frau eine Illusion. Denn es wird die lange Vergangenheit ignoriert, in der Frauen in einer bestimmten Weise auf ein Rollenbild hin abgerichtet wurden. Ich glaube, dass eine wirkliche Emanzipation ein langer, komplexer und schmerzhafter Prozess ist. Mit dem Schmerz meiner Protagonistin wollte ich auch an die persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen des Publikums anknüpfen. Ich glaube, dass das Mitgefühl mit Yanas Schmerz, ihrem Leiden und ihrem Ausbruch auch eine emanzipatorische Erfahrung bewirkt.


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Ist das Verbrechen am Ende mehr der Geschichte Abrahams oder mehr der Geschichte Medeas geschuldet?

Dea Kulumbegashvili: Das ist eine interessante Frage. Ich habe oft an Medea gedacht. Und ich habe oft überlegt, ob dieser Gewaltakt nur Verzweiflung, göttliche Gerechtigkeit oder gar ein Akt der Liebe ist. Oder ein auf irgendeine Weise mythologischer Akt. Für mich ist sie keine Medea. Ich glaube, der Film arbeitet mehr mit dem Paradox der Abraham-Geschichte. Für manche Menschen mag Medea hier relevanter sein, aber Medeas Verbrechen ist ein Verbrechen aus Leidenschaft. Mein Film hat mit dieser Form der Leidenschaft nichts zu tun.

Ia Sukhitashvili in „Beginning“ (© Wild Bunch International)
Ia Sukhitashvili in „Beginning“ (© Wild Bunch)


Die Abraham-Isaak-Geschichte vom verhinderten Opfertod taucht ganz am Anfang auf, noch vor dem Brandanschlag auf die Gemeinde. Am Ende schließt sich der Kreis mit einem doppelten Todschlag. Welche Bedeutung hat die biblische Geschichte für das Schicksal der Protagonistin?

Dea Kulumbegashvili: Mich hat von Anfang an das Paradoxe an der Geschichte fasziniert. Wenn Abraham Gottes Willen folgt, würde er gleichzeitig den Willen seines Gottes in Frage stellen, der ihm eben diesen Sohn geschenkt hat. Die Geschichte ist in sich selbst widersprüchlich. Ich habe mich dann weitergefragt: Was wäre, wenn Yana selbst hinterfragt, was ihr heilig ist? Oder wenn sie genau das Gegenteil tut von dem, an was sie immer geglaubt hat, etwa indem sie ihre Religion in Frage stellt oder ein Verbrechen begeht? Und ich habe mich weitergefragt: Was wird aus ihr nach dem Verbrechen? Bisher hatte sie keinen Platz und keine Aufgabe außer der, die ihr die Gesellschaft zuschrieb. Mit dem Verbrechen hätte sie zum ersten Mal etwas aus sich heraus geschaffen. Aber was bleibt dann noch von ihr?


Welche Rolle spielt die Natur in Ihrem Film? Die Protagonisten wirken wie hineingeworfen in diese gewaltige Landschaft. Besonders stark hat mich die Vergewaltigungsszene beeindruckt. Diese nächtliche, fast idyllische Winterlandschaft, der fließende Bach und dann mittendrin diese Schockszene aus Gewalt und Erniedrigung.

Dea Kulumbegashvili: Die Natur, ob sie nun schön ist oder nicht, existiert einfach, sie ist einfach da. Die Spinne ist einfach da, sie lebt für sich selbst. Der Drehort der Vergewaltigung liegt genau hinter dem Haus, wo die Hauptfiguren leben und wo wir gedreht haben. Für mich ist es sehr wichtig, die Wahrheit und die Glaubwürdigkeit des Augenblicks auch über den Ort so direkt wie möglich einzufangen. Ich gehe nicht Kilometer weit weg, um die Szene an einem besseren Ort zu drehen, ich drehe direkt hinter dem Haus. Als wir die Szene drehten, kamen viele und fragten: „Warum hier, hier ist es doch so schön? Willst du damit etwas Besonderes ausdrücken?“ Aber die Szene stellt nicht die Schönheit der Natur in Frage, sondern eher die menschliche Natur. Ich idealisiere die Natur nicht, die Natur ist gewalttätig oder eigentlich gleichgültig, sie kümmert sich nicht um uns, sie ist nur ein Teil von uns.


Die Distanz in dieser Szene spiegelt aber auch ein grundsätzliches Gestaltungsprinzip des Films wider. Ist das eine Art „göttlicher Blick“ eines auktorialen Erzählers, der beobachtet, aber nicht bestraft, der miterlebt, aber nicht eingreift?

Dea Kulumbegashvili: Es gibt auch Szenen, wo die Kamera ganz nahe an die Protagonistin herangeht. Aber die Distanz, die Sie erwähnen, hat ja auch mit dem Respekt vor Grausamkeit und Gewalt zu tun. Schon im Drehbuch hatte ich genau festgelegt, dass diese Szene aus großer Distanz aufgenommen werden muss, denn ich wollte sie so darstellen, wie sie ein Zuschauer selbst wahrnehmen würde. Der Zuschauer würde aber erwarten, dass man viel stärker werten oder eingreifen müsste, wenn die Kamera näherkäme und die Szene in viele Einstellungen aufgelöst wäre. Die Distanz der Kamera machte es ebenfalls unmöglich, den Ton direkt aufzunehmen. Als wir versuchten, ihn nachträglich aufzunehmen, wurde uns klar, dass es ohne den Ton viel eindringlicher war. Viele Zuschauer haben mich auf die Vergewaltigungsszene angesprochen und gefragt, warum die Kamera hier so weit entfernt ist und warum es keine Schnitte gibt. Ich habe immer geantwortet: Weil das Universum indifferent ist. Das können wir jetzt Gott nennen oder wie auch immer; wahr ist nur, dass die Natur um uns herum grausam und gleichgültig ist. Vielleicht müssen wir auch erkennen, dass wir imstande sind, Entscheidungen jenseits unserer religiösen oder sozialen Zusammenhänge zu treffen.

Die kleine Gemeinde wird von der Gewalt heimgesucht (© Wild Bunch International)
Die kleine Gemeinde wird von der Gewalt heimgesucht (© Wild Bunch)


Im Laufe der ganzen Handlung gibt es sehr wenige Kamerabewegungen. Warum ist die Bildgestaltung so statisch?

Dea Kulumbegashvili: Wir leben in einer Zeit der schnellen Verbreitung von Bildern, schneller Kamerabewegungen, die auch in einem schnellen Rhythmus geschnitten sind. Ist das die Essenz des Kinos? Wenn ich die Kamera gar nicht oder sehr langsam bewege, ruft das eine ganz andere Reaktion beim Zuschauer hervor, und ich provoziere vielleicht durch diese Momente der Ruhe ganz andere Assoziationen und Lösungen. Wenn wir von einer persönlichen, von einer subjektiven Kameraführung sprechen, bezieht sich das fast immer auf die Handkamera, die den Personen in dichtem Abstand folgt. Aber ich sehe das anders und ich glaube auch nicht, dass es für eine ruhigere Kamera mit größerer Reichweite großartig eingerichtete Drehorte braucht, um die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu fesseln. Ich glaube aber auch nicht an eine immer gültige Filmästhetik. Die eine Geschichte braucht eine statische Kamera, eine andere mehr Bewegung. Jeder Film ist da einmalig.


„Beginning“ lebt von starken Metaphern und Metamorphosen. Ich denke besonders an die lange Einstellung, wo Yana im Herbstlaub liegt und man spürt, wie ihr ganzes Leben an ihr vorbeizieht.

Dea Kulumbegashvili: Ich plane keine Metaphern. Für mich ist es sehr wichtig, mit filmischen Elementen zu arbeiten. Die wichtigsten sind Licht und Ton. Wenn das Licht sich ändert, ist das einer der schönsten und magischsten Momente. Und als sie so im Herbstlaub lag, habe ich wirklich den Wechsel des Lichts abgewartet, um zu sehen, was passiert. Ich wusste, es wird etwas passieren! Auch mein Kameramann war sehr angespannt, er wusste wirklich nicht, was das sollte. Ich wollte aber nicht über diese Szene sprechen, denn über Metaphern zu reden, bevor sie gedreht werden, hat so einen erzwungenen Beigeschmack. Ich glaube, es kommt darauf an, dem Film einfach zu vertrauen; wenn ich dann mein Material durchsehe, fällt mir auf, dass doch viel mehr dahintersteckt. Ich entdecke, dass meine Aufnahmen über das hinausgehen, was ich eigentlich vorgehabt habe. Wenn ich drehe, ist ein Baum für mich ein Baum. Aber wenn der Baum dann im Film eingeschnitten ist, ist er für viele Zuschauer mehr als ein Baum. Für mich war es sehr wichtig, den Film auf das zu verdichten, was für die Geschichte wesentlich ist. Gerade bei dieser Szene versuchte mich alle Welt zu überzeugen, sie doch zu kürzen. Für mich ist sie aber die zentrale Sequenz des Films, der Moment, in dem Yana versucht, sich selbst zu finden, und in dem sie Abschied von ihrem Sohn nimmt.


Können Sie noch etwas zur Hauptdarstellerin Ia Sukhitashvili sagen, die den Wandel und die Widersprüchlichkeit Yanas so beeindruckend reflektiert?

Dea Kulumbegashvili: Sie ist sehr berühmt in Georgien, aber mehr als Theaterschauspielerin. Sie kommt wie ich aus einem kleinen Dorf, doch als ich den Film plante, war sie schon eine Diva. Ich hatte sie auf der Bühne gesehen. Sie hatte kein großes Interesse, im Film zu arbeiten, fand aber, dass unser Projekt viel mit ihr zu tun hatte, und so kam es, dass sie die Rolle der Yana übernahm.

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