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"rhizom.film" im Deutschen Filmmuseum

Dienstag, 23.03.2021

Das Deutsche Filminstitut & Filmmuseum (DFF) in Frankfurt startet mit „Rhizom Filmgeschichte“ ein virtuelles Netzwerk, das sich um hundert wichtige Werke der deutschen Filmgeschichte spinnt.

Diskussion

Der erste Eindruck zählt. In Sekundenbruchteilen entscheidet man über Sympathie, Gleichgültigkeit oder Antipathie. Ganz ähnlich verhält es sich bei der Dramaturgie künstlerischer Formate – im Theater, in der Musik, der Malerei und auch im Film. Wenn im Fernsehen nach zwei oder drei Minuten nicht ein grundsätzliches Interesse geweckt ist, wandert das Publikum zur Konkurrenz ab oder wendet sich anderen Dingen zu. Dieses Phänomen reflektiert und nutzt das neue Online-Angebot „Rhizom Filmgeschichte“ des Deutschen Filminstitut & Filmmuseum (DFF), eine gelungene Erweiterung der Plattform „filmportal.de“.


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Ein Film führt zum anderen

Der aus Biologie und Philosophie hergeleitete Begriff „Rhizom“ versteht sich als dreidimensionale, ästhetisch-inhaltliche Vernetzung. „Rhizom Filmgeschichte“ lädt zur Erkundung kuratierten Themen ein. Für die cineastische Spurensuche stehen hundert Filmbeispiele bereit, die sich über jeweils 15 Schlagworte verknüpfen lassen. Eine audiovisuelle Verführung, die dem Urtrieb der Schaulust huldigt. Fünf Minuten lang ist der jeweilige Filmanfang eines Werkes in bester Bild- und Tonqualität zu sehen und zu hören. Auf diese Weise werden die begleitenden knappen, aber informativen Texte optisch und akustisch grundiert.

© DFF
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Seit 2005 hat das DFF mit „filmportal.de“ einen wahren Fundus deutscher Filmgeschichte zugänglich gemacht – kostenlos, werbefrei, top recherchiert, mit weiterführenden Materialien hinterlegt und stets aktuell. Auf dem Portal finden sich inzwischen Informationen zu mehr als 100.000 Filmen und 200.000 Personen. Die amtierende Direktorin Ellen Harrington verwies bei der Vorstellung des neuen „Rhizom“-Angebots zu Recht auf ihre Vorgängerin Claudia Dillmann, die das digitale Feld als wegweisend erkannte und namhafte institutionelle wie private Unterstützer für das Vorhaben begeistern konnte. So trug das 2019 vom Bund, den Ländern und der Filmförderungsanstalt FFA aufgelegte Programm zur Digitalisierung des nationalen Filmerbes dank des gesammelten Know-how und des Innovationsgeistes innerhalb kürzester Zeit mannigfaltige Früchte.

Vergleichendes Sehen

Anregungen erhielt das für „Rhizom Filmgeschichte“-Team um Ines Bayer und David Kleingers von der „Activatingthe Archive“-Tagung des EYE Filmmuseums in Amsterdam sowie vom „smARTplaces. Innovation in Culture“-Projekt des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien (ZKM). Weiterentwickelt wurden die Ideen im Master-Studiengang „Filmkultur: Archivierung, Programmierung, Präsentation“, den das Deutsche Filminstitut gemeinsam mit der Frankfurter Goethe-Universität 2013 aufgelegt hat. Als Förderer engagierten sich auch zwei gemeinnützige Stiftungen: die Art Mentor Foundation Lucerne sowie die Kulturinitiative experimente#digital – Aventis Foundation.

Unter dem Stichwort „Vergleichendes Sehen“ lässt sich die inhaltlich-technische Entwicklung des Films nachvollziehen, da Filmgeschichte ja nicht linear verlief. Die Erfahrung der Ungleichzeitigkeit eröffnet bei „Rhizom Filmgeschichte“ die Option, vor- und zurückzublicken, wodurch sich auch Nebenstraßen entdecken lassen. Als Zielgruppe wird ein filmaffines Publikum anvisiert, das etwa das Filmmuseum vor Ort oder virtuell besucht; aber auch Studierende, Journalisten und Wissenschaftler aus den entsprechenden Fachbereichen.

Über den Button „Themenpfade“ sind die wegweisenden Stationen zu finden: eine kleine Stilgeschichte des Filmanfangs (mit „Nordsee ist Mordsee“, „Jagdszenen aus Niederbayern oder dem grandiose „Spur der Steine etwa); die Sektion Buchstaben in Bewegung: Schrift und Typographie im Filmanfang („Ohne Dich wird es Nacht“, Solo Sunny, der kultige Die Legende von Paul und Paula oder Rotation“); die Kategorie Die Stadt: urbane Schauplätze im Filmanfang wartet mit den Klassikern „Kuhle Wampe: oder Wem gehört die Welt?“ von Slatan Dudow und Wolfgang Staudtes „Die Mörder sind unter uns auf.

"Die Legende von Pual und Puala" (© DEFA-Stiftung/Icestorm)
"Die Legende von Pual und Puala" (© DEFA-Stiftung/Icestorm)

Parallelen durch die Zeiten hindurch

Unter dem Schlagwort „Reise“ führt der Pfad von Wenders melancholischer „Lisbon Story“ zu Heiner Carows selbstbewusster Defa-Produktion „Die Reise nach Sundevit“, über Niklaus Schillings „Die Vertreibung aus dem Paradies“ zur impressionistischen Hölderlin-Doku „Lyrische Suite/Das untergehende Vaterland von Harald Bergmann.

Durch die vorgeschlagenen Verknüpfungen lassen sich rasch verblüffende Parallelen erkennen, Erfahrungen mit inneren und äußeren Grenzen machen, deutsche und europäische Dispositionen vergleichen – trotz eines Zeitunterschieds von Jahrzehnten.

Eine andere lohnende Abzweigung führt vom Stummfilm-Gruselkrimi „Das unheimliche Haus (Richard Oswald, 1916) zu „Das große Licht“ (1919), Carl Froelichs „Zuflucht“ (1928), „Damals (Rolf Hansen, 1942/43), „Am Ama Am Amazonas“ (1969/1980) und „Das Gesicht im Dunkeln (1969). Bunte, anregende Momente einer Passage durch Film- und Kinogeschichte unter ästhetischen, technischen, schauspielerischen Vorzeichen. Was verspricht der lockende Pfad „Verbrechen“? Helmuth Ashleys Schwarz-weiß-Produktion „Mörderspiel“ von 1961 im Vergleich mit „Damals (1942/43), Thomas Arslans „Im Schatten“ (2009) und fünf Edgar-Wallace-Schocker laden zum Kennenlernen ein.


Hinweis

Für die Webseite rhizom.film wird die Verwendung des Chrome-Browser empfohlen. Das Angebot der für Notebook und PC konzipierten Anwendungen funktioniert auf Smartphones nur eingeschränkt . Die Schnittstellen zur Plattform www.filmportal.de sind dagegen für alle Geräte zugänglich.

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