© StudioCanal (Yves Montand in „Alles in Butter“)

Der perfekte Entertainer

Mittwoch, 13.10.2021

Yves Montand zum 100. Geburtstag am 13.10.

Diskussion

Yves Montand war bereits Frankreichs beliebtester junger Chansonnier, als er Anfang der 1950er-Jahre mit „Lohn der Angst“ auch als Schauspieler zum Star wurde. Bei seinen Filmen schätzte Montand vor allem Stoffe, die seinem politischen Engagement entsprachen, ohne dabei neben dem Anspruch die Unterhaltsamkeit zu vernachlässigen. Am 13.10.2021 wäre er 100 Jahre alt geworden. Erinnerungen an einen vielseitigen Künstler.


Eigentlich ist Yves Montand Italiener. Und doch ist er einer der beliebtesten Schauspieler Frankreichs. Ein Mann, der dieses savoir vivre, diese nonchalante Weltgewandtheit wie kein zweiter verkörperte – ohne sich besonders anstrengen zu müssen.

Eigentlich ist Yves Montand Sänger, ein erfolgreicher Star des französischen Chansons, geliebt vom Publikum, umschwärmt von den Frauen. Und doch wandte er sich der Schauspielerei zu, das Kino, Hollywood vor allem, hat ihn schon als Teenager fasziniert. Einmal so sein wie Humphrey Bogart oder George Raft!

Eigentlich ist Yves Montand ein engagierter Künstler, der mit seinen Filmen politisch und sozial auch immer etwas bewirken wollte. Und doch hat er auch Filme gemacht, die „nur“ unterhielten, die die Action in den Vordergrund stellten, den Spaß an der Bewegung, die Genauigkeit der Kostümgestaltung oder die Detailfreudigkeit des Sets.

1988 spielte Yves Montand in Jacques Demys „Trois places pour le 26“ eine fiktionalisierte Version von sich selbst (© IMAGO / Everett Collection)
1988 spielte Yves Montand in Jacques Demys „Trois places pour le 26“ eine fiktionalisierte Version von sich selbst (© IMAGO / Everett Collection)


Ein Mann im Einklang mit sich selbst

Yves Montand – ein Mann der Widersprüche? Vielleicht muss man es anders sehen: Yves Montand ist ein Mann im Einklang mit sich selbst. Warum ausschließlich singen, wenn man auch als Schauspieler etwas bewirken kann? Warum ausschließlich anspruchsvolle Filme machen – schließlich ist Unterhaltung auch eine Kunst. Und wenn der Vater vor Mussolini nach Marseille flieht, muss man auch diesen Bruch in der Biographie annehmen und verstehen. Denn erst die Erfahrung mit dem Faschismus hat Montand zu einem politisch radikal denkenden Menschen werden lassen, zu einem Kommunisten, der gegen atomare Aufrüstung oder die Hinrichtung der Rosenbergs, in den USA wegen Hochverrats angeklagt, demonstrierte.

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Wenn ich an die Filme von Yves Montand denke, fallen mir vor allem drei emblematische Szenen ein: wie er in Lohn der Angst, 1953 von Henri-Georges Clouzot inszeniert, mit seinem schweren Lastwagen, der mit Nitroglycerin beladen ist, Charles Vanel, in einer Ölpfütze gefangen, einfach überfährt, weil es kein Zurück mehr gibt. Die grimmige Entschlossenheit, mit der er auf den Sterbenden schaut, lässt den Zuschauer förmlich erschauern. In Jean-Pierre Melvilles Vier im roten Kreis (1970) spielt Montand einen Ex-Polizisten und Scharfschützen, der – bedingt durch seinen exzessiven Alkoholkonsum – glaubt, dass nachts Ratten, Schlangen und andere Reptilien aus seinem Wandschrank kriechen. In der wohl emotionalsten Szene des Films schraubt er während des berühmten, halbstündigen Juwelierraubs ohne Dialog plötzlich, zum Schrecken seiner Kumpane, das Gewehr vom Stativ, hält es an die Wange und schießt freihändig den Kontaktknopf der Sicherheitssperre kaputt. Mit einem kleinen Schuss nur befreit sich hier jemand von seinen inneren Dämonen und seiner Vergangenheit. Das ist ihm Belohnung genug – von der Beute will er nichts haben. In Alain Corneaus Police Python 357(1975) spielt er einen einzelgängerischen Kommissar, der niemandem traut. In einer markanten Szene gießt er sogar die Patronen für die titelgebende Waffe selbst. Doch als er in Verdacht gerät, einen Mord begangen zu haben, er also quasi gegen sich selbst ermittelt, ist er auf das Vertrauen anderer angewiesen.

„Lohn der Angst“ brachte Yves Montand 1953 den Durchbruch als Schauspieler (© Concorde)
„Lohn der Angst“ brachte Yves Montand 1953 den Durchbruch als Schauspieler (© Concorde)


„Die Wahl der Waffen“ und Montands vereinsamter Ex-Gangster

Vielleicht ist mein Lieblingsfilm mit Yves Montand aber auch ein anderer, nämlich Wahl der Waffen (1981), ebenfalls von Alain Corneau inszeniert. Montand spielt hier den ehemaligen Gangster Noël, der sich mit seiner schönen Frau, dargestellt von Catherine Deneuve, auf ein einsam gelegenes Landgut zurückgezogen hat. Er widmet sich nur noch der Pferdezucht, bald will er nach Irland übersiedeln. In diese Idylle platzt Gérard Depardieu als junger, aufbrausender Verbrecher namens Mickey, genannt „Der Verrückte“, der aus dem Gefängnis ausgebrochen ist und nun bei Noël Unterschlupf sucht. Ein übereifriger Polizist lässt Mickey in dem Glauben, dass Noël ihn verraten hat – es kommt unweigerlich zur Katastrophe. „Der Schluss ist von einer radikalen, fast kämpferischen Menschlichkeit: Der vereinsamte Ex-Gangster stellt den Mörder-Polizisten, schießt fünf Patronen seines sechsschüssigen Revolvers millimeternah am Gesicht vorbei, so dass der andere einen Schock erleidet. Dann steigt der Ältere, von der Polizei unbehelligt, in sein Auto und holt das Kind des getöteten jungen Verbrechers zu sich, um das er sich künftig kümmern will“, schreibt Wilfried Wiegand.

Was für ein Schluss, packend, beklemmend und ergreifend! Einer der ganz großen französischen Gangsterfilme ist so entstanden – ein junger und ein alter Gangster tragen einen Generationskonflikt aus, für den es keine Lösung gibt. Das Entsetzen, als Gérard Depardieu tödlich getroffen auf der Windschutzscheibe seines Wagens landet, ist in Yves Montands Gesicht eingeschrieben, ebenso die mühsam unterdrückte Wut, mit der er den Polizisten traktiert, nicht zu vergessen das zärtliche Interesse, mit dem er das kleine Mädchen nach dessen Namen fragt.

Das Duo Montand und Gérard Depardieu trägt im Gangsterfilm „Wahl der Waffen“ einen Generationenkonflikt aus (© Concorde)
Das Duo Montand und Gérard Depardieu trägt im Gangsterfilm „Wahl der Waffen“ einen Generationenkonflikt aus (© Concorde)


Die Anfänge: Unter den Fittichen von Edith Piaf

Rückblende. Yves Montand wird am 13. Oktober 1921 in Monsummano Alto, in der Nähe von Florenz gelegen, geboren. Sein Name: Ivo Livi. Als Mussolini an die Macht kommt, flieht sein antifaschistischer Vater mit der Familie nach Marseille. Hier lebt Montand im Hafenviertel in Armut. Schon als Elfjähriger verlässt er die Schule, er arbeitet als Friseurlehrling, Aushilfskellner und Fabrikarbeiter. Bis er mit 18 Jahren in einem kleinen Club zu singen anfängt. Rasch wird er immer erfolgreicher, 1944 geht er nach Paris und singt fortan in den Musikhallen, vom „ABC“ bis zum „Bobino“. Schließlich das berühmte „Moulin Rouge“, wo ihn Edith Piaf, die Königin des Chansons, unter ihre Fittiche nimmt. Unter ihrer Anleitung steigt Montand zu Frankreichs führendem Chansonnier auf. Ein Star – beliebt und umjubelt. Edith Piaf verschafft ihm 1946 auch sein Leinwanddebüt, an ihrer Seite, in einer ihrer wenigen Filmrollen: Stern ohne Namen. Kurz darauf ist er in Marcel Carnés Pforten der Nacht zu sehen. Doch noch bleibt Montand der Musikstar, dem die Herzen zu Füßen liegen. Bis 1953 Lohn der Angst alles verändern soll.

In Raymond Rouleaus Arthur Miller-Verfilmung Die Hexen von Salem“, einer Co-Produktion zwischen Frankreich und der DDR, spielt er 1956 den John Proctor, an seiner Seite Simone Signoret, die er 1949 kennen gelernt und zwei Jahre später geheiratet hat. Mit ihr beginnt auch sein öffentliches politisches Leben. Beide sympathisieren mit der Kommunistischen Partei – ohne ihr beizutreten, Montand geht auf Tournee durch die UdSSR und andere Ostblockstaaten, Nikita Chruschtschow spricht er beim Abendessen auf die Massaker Stalins und die Unterdrückung des Aufstands in Ungarn an. Doch als zwölf Jahre später wieder russische Panzer vorfahren, diesmal in Prag, geht Montand auf Distanz zum Kommunismus.


Kein Glück in Hollywood

Ähnlich wie Maurice Chevalier und Charles Boyer streckt Montand seine Fühler auch nach Hollywood aus. Machen wir’s in Liebe, 1960 von George Cukor inszeniert, wird aber eher mit Marilyn Monroe assoziiert, mit der Montand eine leidenschaftliche Affäre verbindet. Er spielt einen Millionär, der sich als mittelloser Schauspieler ausgibt, um in einer Revuetruppe das Herz des weiblichen Stars zu erobern. Die Ironie: Bing Crosby soll Montand, dem perfekten Entertainer, das Singen beibringen, Gene Kelly ist für die richtigen Tanzschritte zuständig. Er spielt in Meine Geisha, Geständnis einer Sünderin und Lieben Sie Brahms? (an der Seite von Ingrid Bergman). Doch Hollywood bringt Montand kein Glück, vielleicht hat er sich dort nicht wohlgefühlt, vielleicht waren ihm die Filme zu oberflächlich. Ein weltweit bekannter Star wird er nicht werden.

„Machen wir's in Liebe“ führte Yves Montand mit Marilyn Monroe zusammen (© Fox)
„Machen wir's in Liebe“ führte Yves Montand mit Marilyn Monroe zusammen (© Fox)

Montand kehrt nach Frankreich zurück und lernt den griechischstämmigen Regisseur Constantin Costa-Gavras kennen, gemeinsam drehen sie 1964 Mord im Fahrpreis inbegriffen. Montand ist hier ein Inspektor, der eine mysteriöse Mordserie aufklärt. Gedreht wurde in seinem Landhaus in Autheuil, zahlreiche seiner Freunde spielen mit. Mit Costa-Gavras habe er mehr entdeckt als einen Regisseur, nämlich einen Komplizen, der seine wahre Persönlichkeit enthüllt habe, wird Montand später in einem Interview gestehen. Drei weitere Filme werden sie noch zusammen drehen: Z (1968), Das Geständnis (1969) und Der unsichtbare Aufstand (1972).

In „Z“, so etwas wie der Prototyp des französischen Politthrillers, spielt Montand einen Universitätsprofessor, der bei einer Friedensversammlung sprechen soll. Doch die Polizei verhindert nicht nur die Demonstration – anschließend sieht sie tatenlos dabei zu, wie Schläger die Teilnehmer verprügeln und der Professor von einem LKW überfahren wird. Kurz darauf ist er tot. Die Regierung setzt nun alles daran, die Hintergründe zu vertuschen. Eine Anklage gegen Terror und Unterdrückung, angelehnt an den Fall des griechischen Abgeordneten Lambrakis, der 1963 bei einem Verkehrsunfall starb. Montand hat in diesen Filmen von Costa-Gavras schon etwas Soigniertes und Weltmännisches, ohne die Ironie eines Michel Piccoli, ohne die Kühle eines Alain Delon. Man merkt, dass ihm diese Filme wichtig sind, weil sie mit den Mitteln des Thrillers die Gesellschaft kritisieren. Anspruch und Unterhaltung müssen sich nicht ausschließen.

Zwischendurch, 1965, ist noch Der Krieg ist vorbei entstanden, unter der Regie von Alain Resnais. Montand spielt darin einen spanischen Untergrundkämpfer, der sich während eines dreitägigen Aufenthalts in Paris klar zu werden versucht, wie der Kampf gegen das Franco-Regime weitergehen soll. Sein Zögern und Zweifeln, seine Müdigkeit und Resignation, seine jahrelange Auseinandersetzung mit der Revolution – all das liegt in Montands brillantem Spiel offen da.

In „Das Geständnis“ spielte Montand einen tschechoslowakischen Politiker, der Opfer des kommunistischen Regimes wird (© Warner)
In „Das Geständnis“ spielte Montand einen tschechoslowakischen Politiker, der Opfer des kommunistischen Regimes wird (© Warner)


Aufgehen im Ensemblefilm

In Vincent, François, Paul und die anderen (1974) von Claude Sautet kann man schön beobachten, wie Yves Montand als einer von drei Freunden, die sich jeden Sonntag treffen und dabei über ihre Arbeit und persönlichen Probleme sprechen, in einem Ensemblefilm aufgeht, ohne hervorzustechen. Die Sorgen, die sie haben, reflektieren die Sorgen der Gesellschaft, in der sie leben, und so schleicht sich ein wenig Sozialkritik in den Film. „Montand, Piccoli, Reggiani, Depardieu: Dieser Film ist die Geschichte eurer Stirn, eurer Nase, eurer Augen, eurer Haare, ich weiß jetzt alles über euch, ihr habt hier (…) erst einmal einen großartigen Dokumentarfilm gedreht“, schrieb François Truffaut anlässlich des Kinostarts. Ein schöneres Kompliment kann man den Schauspielern nicht machen.

I wie Ikarus (1979) ist noch einmal ein Politthriller, diesmal inszeniert von Henri Verneuil. Yves Montand ist der Generalstaatsanwalt Volney, in einem fiktiven Staat untersucht er den Mord am soeben gewählten Präsidenten – gegen den Widerstand der politischen Machthaber. Doch kurz vor der Aufklärung wird er umgebracht – aus der Ferne erschossen, als Volney am Fenster seines Büros steht. „Der Flug des Ikarus verlief zu nah an der politischen Sonne, die ihn verbrennt.“ (Hans Gerhold) Montand trägt hier kurze, blonde Haare und eine Brille mit Goldrand. Etwas Kühles und Strenges geht von ihm aus. Ein Mann, der sich nur seiner Mission verpflichtet fühlt.

Die Pagnol-Adaptionen „Jean Florette“ und „Manons Rache“ verschafften Montand eine markante Altersrolle als skrupelloser Bauer (© IMAGO / Cinema Publishers Collection)
Die Pagnol-Adaptionen „Jean Florette“ und „Manons Rache“ verschafften Montand eine markante Altersrolle als skrupelloser Bauer (© IMAGO / Cinema Publishers Collection)


Mit dem Alter immer besser

Dann kommen die 1980er-Jahre. „In his final decade, Montand did maybe his best and most challenging work“, gibt David Thomson in seinem Filmlexikon zu bedenken, fast so, als sei Montand mit dem Alter immer besser geworden. Er dreht mit Jean-Paul Rappeneau 1982 Feuer und Flamme und 1983 mit Claude Sautet Kollege kommt gleich und mit Jacques Demy 1988 Trois places pour le 26. Doch am schönsten sind die beiden Pagnol-Verfilmungen, die unter der Regie von Claude Berri entstanden: Jean Florette und Manons Rache. Montand spielt hier Le Papet, einen alten Bauern im Hochland der Provence, der dem aus der Stadt zugezogenen Jean Florette rasch das geerbte Land abkaufen will. Darum schüttet er gemeinsam mit seinem Neffen die Quelle zu – Florette hat kein Wasser für sein Land und muss es von weither schleppen. Doch der Sommer ist so heiß, dass er zwangsläufig scheitern muss. Die Gnadenlosigkeit und Kühle, mit der Montand, angetan mit buschigem Schnäuzer, hohem Hut und dunklem Cordanzug, diesem Scheitern zusieht, es durch vorgetäuschte Hilfe noch befördert und mitleidlos den Tod seines Rivalen registriert, ist beängstigend. Ein Monster in scheinbar idyllischer Umgebung.

„Mal war er heroisch, mal innerlich zerrissen, mal war er zartfühlend, mal direkt sentimental, mal war er ironisch, mal sehr verschmitzt. Und oft ging etwas Verletzliches von ihm aus – und eine ungeheure Stärke, die allem trotzte,“ schreibt Norbert Grob in einem Nachruf. Yves Montand starb am 9. November 1991, wenige Wochen nach seinem 70. Geburtstag. Auch wenn er sich in Hollywood nicht durchsetzen konnte – ein großer Star ist er doch.

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