© Fireflies Press (aus: "Memoria")

Filmliteratur: "Memoria"

Mittwoch, 04.05.2022

Mehr als ein Buch zum Film: „Memoria“ über und zum gleichnamigen Werk von Apichatpong Weerasethakul

Diskussion

Der Berliner Verlag Fireflies Press hat ein Filmbuch herausgegeben, das Produktionsnotizen und Hintergrundinformationen zu Apichatpong Weerasethakuls neuem Film Memoria(Kinostart: 5. Mai) versammelt. Das liebevolle gestaltete, reich bebilderte Buch zeigt den komplexen Entstehungsprozess des Werks und gibt reichhaltigen Einblick in Weerasethakuls persönliche Beweggründe für seinen Film.


In einer der schönsten Szenen in „Memoria“ von Apichatpong Weerasethakul sucht die in Medellín arbeitende Orchideenexpertin Jessica einen Sounddesigner in einem Tonstudio auf. Sie möchte dem mysteriösen Geräusch auf die Spur kommen, das sie verfolgt und das nur sie allein zu hören scheint. Was die Szene, gerade in einem Medium, in dem das Primat des Bildes immer noch vorherrscht, so besonders macht, ist der Umstand, dass man als Zuschauerin Teil der gemeinsamen Annäherung an das Geräusch wird und diesen auditiven Prozess unmittelbar miterlebt. Auch dadurch, dass hier nach einer Sprache für die Beschreibung von Klängen gesucht wird, was im Kino ebenfalls eine Seltenheit ist.

„Es ist wie ein großer Ball aus Beton, der in einen Metallschacht fällt, der von Meerwasser umgeben ist“, versucht Jessica ihre Hörerfahrung in ein Bild zu fassen, das sofort ein inneres Geräusch evoziert und von dem Sounddesigner Hernán wiederum in Klang übersetzt wird. Auf Nachfragen zu Größe und Tonalität des Balls findet sie zu einer noch präziseren Beschreibung: „Es ist wie ein Rumpeln aus dem Kern der Erde.“

Ein Text- und Bildberbuch in blauem Leinen (© Fireflies Press)
Ein Text- und Bildberbuch in blauem Leinen (© Fireflies Press)

Mehr über das Rumpeln

Mehr über das „Rumpeln“, das Jessica vor allem im Schlaf heimsucht und sich in der medizinischen Sprache „Exploding Head Syndrome“ nennt, lässt sich in einem Buch erfahren, das ebenfalls „Memoria“ heißt und in enger Zusammenarbeit mit Apichatpong Weerasethakul entstanden ist. Herausgegeben wurde es von Fireflies Press, einem von Annabel Brady-Brown und Giovanni Marchini Camia geleiteten und in Berlin ansässigen Verlag. Seine Publikationen, etwa Magazine zu Angela Schanelec, Agnès Varda, Alain Guiraudie, Albert Serra oder eingehende Lektüren zu James Bennings „Ten Skies“ und Hong Sangsoos „Tale of Cinema“ produziert Fireflies gewissermaßen nach der Autorentheorie, das heißt unabhängig, formbewusst, mit sehr viel Sorgfalt und Liebe und an eine eher kleine cinephile Leserschaft adressiert.


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„Memoria“ ist ein in blaues Leinen gebundenes Text- und Bilderbuch in englischer Sprache, das den langen und weitverzweigten Prozess abbildet, der einem fertigen Werk vorausgeht. Man kann darin umherschweifen, sich verlieren oder es auch einfach nur betrachten. Texte sind auf Bilder gedruckt, Skizzen liegen über Kopien; noch hat sich das Material nicht zu einer kohärenten Geschichte sortiert, alles steht gleichberechtigt nebeneinander: persönliche Tagebucheinträge und Traumnotizen, E-Mail-Korrespondenzen, Skizzen und verschiedenste Recherchematerialien, von wissenschaftlichen Artikeln über die Rolle Kolumbiens auf dem Schnittblumenmarkt und Studien über das Lernen von Zebrafinken oder neue Erkenntnisse zu Schlafkonzepten bis hin zu Artikeln über parasitäre Pilze und Schamanismus.

Faszinierende Einblicke in die Entstehung von „Memoria“ (© Fireflies Press)
Faszinierende Einblicke in die Entstehung von „Memoria“ (© Fireflies Press)

Eines der persönlichsten Werke des Filmemachers

All das findet sich neben Materialien aus der Produktion des Films wie Setfotos, kommentierten Seiten aus dem Drehbuch oder Storyboard-Panels. Hinzu kommt ein ausführliches Interview mit Tilda Swinton, die im Film Jessica spielt. Weerasethakul beschreibt sie im Buch als Wiedergängerin von Jessica Holland, der in Trance verfallenen Protagonistin aus Jacques Tourneurs I Walked with a Zombie.

Der Film „Memoria“, obgleich erstmals außerhalb Weerasethakuls thailändischer Heimat in Kolumbien gedreht, ist sicher eines der persönlichsten Werke des Filmemachers. Eingang fanden eigene Erfahrungen wie Weerasethakuls Insomnie und die damit verbundenen auditiven Halluzinationen. Wie Jessica sucht und findet auch der Film eine Sprache für das Geräusch: „It feels like someone snapping a rubber band inside your skull. Your skull seems to be made of metal. The immense noise reverberates around in the brain, but instead of waking you up fully, it puts you in a semi-conscious state, listening, anticipating.“ Während der Dreharbeiten verschwand der „Bang“ und Weerasethakul konnte wieder schlafen.


Hinweis

Memoria. Von Apichatpong Weerasethakul. In englischer Sprache. Fireflies Press, Berlin 2021. 192 S., zahlreiche Abb., 40 EUR. Bezug: Fireflies Press

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