© Bandenfilm (Artwork zu "The Ordinaries")

39. Filmfest München: Eine Bilanz

Montag, 04.07.2022

Ein voller Erfolg: Trotz ausgedünntem Programm überzeugte das Filmfest München 2022 mit der Qualität der gezeigten Filme und versprühte viel Lust am Kino.

Diskussion

Wen die Herkunft zur Hauptfigur bestimmt hat, kann sich auf ein fantastisches Leben einstellen, voller intensiver Glücksmomente und hochemotionaler Erfahrungen. Prädestinierte Nebenfiguren haben es daneben ungleich schwieriger, aus dem farblosen Dasein im Hintergrund etwas Positives zu machen, und diejenigen mit offensichtlichen Mängeln im Auftreten stehen noch einmal weitaus tiefer und krebsen als Ausgestoßene am Rande der Gesellschaft herum. Diese Konstellation, die eine Metapher für soziologische Befunde sein könnte, ist in der satirischen Komödie „The Ordinaries“ auf bestechende Weise wörtlich genommen worden: In der von Regisseurin Sophie Linnenbaum in ihrem Hochschul-Abschlussfilm an der Filmuniversität Babelsberg erdachten Welt leben die Menschen unterteilt in Hauptfiguren, Nebenfiguren und Outtakes, die Vorurteile gegenüber den unteren Klassen sind groß und die Grenzen streng, wenn auch nicht undurchlässig.


      Das könnte Sie auch interessieren:


Alles außer gewöhnlich

Linnenbaum, ihr Co-Autor Michael Fetter Nathansky und ihre Mitarbeiter in den Filmgewerken gestalten eine von Einfällen überquellende Geschichte um den Versuch eines Mädchens, in die Hauptfiguren-Sphäre aufzusteigen. Dabei wird sie jedoch mit Zweifeln an ihrer Herkunft konfrontiert, die immer weiterwachsen, und erfährt über die nähere Bekanntschaft mit den Outtakes Dinge über sich selbst und die Grundpfeiler des Systems, die alles in Frage stellen, an was sie bis dahin geglaubt hat. Dieses dystopische Motiv in Anlehnung an Orwell, Huxley oder Bradbury findet im Szenenbild mit brutalistischen Bauten, grauen Mietskasernen und düsteren Ghettos eine Entsprechung, denen aber nicht nur die farbenfrohe Oberschicht entgegensteht, sondern auch der optimistische Grundton der Fabel und vor allem die verspielte Inszenierung. Linnenbaum jongliert mit Filmeffekten und Zitaten, dass es staunen macht, deutet „Filmfehler“ wie verzerrten Ton, Jump-Cuts und Zensur kurzerhand zu Figuren um und hält den Überraschungseffekt ihrer Hommage ans Kino über zwei Stunden mühelos aufrecht. „The Ordinaries“ ist alles außer gewöhnlich, eine wahre Ausnahmeerscheinung nicht nur innerhalb des deutschen Filmschaffens, an der bei der Weltpremiere in der Sektion „Neues deutsches Kino“ beim 39. Filmfest München (23.6.-2.7.2022) kein Weg vorbeiführte: Die Doppelauszeichnung mit den Preisen für Nachwuchsregie und -produktion war der hochverdiente Lohn für ein Unterfangen, wie man es im genormten deutschen Filmhochschulbetrieb nicht für möglich gehalten hätte.


"The Ordinaries" (© Bandenfilm)
"The Ordinaries" (© Bandenfilm)

Es sind immer wieder solche anspruchsvollen Entdeckungen, mit denen sich das Filmfest München als wichtiger Standort für deutsche Kinopremieren in der Festivallandschaft bewährt. Auch wenn an den Ideenreichtum von „The Ordinaries“ 2022 kein anderer Film in der Sektion heranreichte, zeigte sich diese insgesamt doch auf einem gehobenen Niveau. Die Bereitschaft zum ambitionierten Dokumentarfilm beziehungsweise Doku-Spielfilm-Hybrid fand sich in Beiträgen wie „Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen“ (Gewinner des FIPRESCI-Preises) über die österreichische Literaturnobelpreisträgerin oder „Solastalgia“ über das Zusammentreffen einer fiktiven mit einer echten Klimaaktivistin wieder, die ewige Vorliebe für Beziehungsausleuchtungen im deutschen Kino wurde immerhin in fein ausgearbeiteten Drehbüchern wie bei Hanna Dooses „Wann kommst du meine Wunden küssen“ umgesetzt.


Die Bedrohung der Kinokultur schwingt mit

Auch „Servus Papa, See You in Hell“ von Christopher Roth ragte heraus: eine fiebrige Annäherung an die berüchtigte Kommune von Otto Mühl, mit der das Paradox einer freiheitlich-ungebundenen, dabei aber autoritär-hierarchisch geführten Gemeinschaft plastisch erfahrbar wurde. Die Kinder und Jugendlichen in der Kommune spielen in Roths Film letztlich eine größere Rolle als der skurril-bedrohliche Leiter, da sich über sie besonders intensiv vermittelt, welche brutale Reduktion ihnen das vermeintlich fröhliche Leben in der Abgeschiedenheit auferlegt. Als einer der Jungen aus der Kommune wegen einer verbotenen Liebesbeziehung „verbannt“ wird und zum ersten Mal ein Kino betritt, trifft ihn die Erkenntnis, nicht nur kein Geld zu besitzen, sondern auch noch nie einen Film gesehen zu haben, wie ein Schlag. Ein Moment, der in kompakter Form auch dem Zuschauer vor Augen führt, wie wenig selbstverständlich die Erfahrung des Kinos im Grunde ist – die aktuelle, durch die Corona-Pandemie und ihre noch nicht absehbaren Folgen bewirkte Bedrohungslage für die Kinokultur schwang beim Filmfest München in diesem Jahr beständig mit.


"Servus Papa, See You in Hell" (© Port au Prince Pictures/Lydia Richter)
"Servus Papa, See You in Hell" (© Port au Prince Pictures/Lydia Richter)

Das gab dem Festival einen leicht verunsicherten Unterton mit Blick auf die Zukunft, zumal die zeitgleich zum Filmfest in Berlin ausgerichtete Verleihung des „Deutschen Filmpreises“ auch auf München überschlug und Debatten um die generelle Ausrichtung speziell des deutschen Filmschaffens neue Nahrung gab. Was die Produzenten der neunfach „Lola“-geehrten Filmbiografie „Lieber Thomas“ – pikanterweise letztes Jahr der deutsche Prestigebeitrag in München – zum langwierigen und beschwerlichen Weg bis zur Verwirklichung des Projekts zu sagen hatten, spiegelt sich auch im Jahrgang 2022 wider: Kompromisse bei der Umsetzung und einfach gehaltene Sujets sind eher die Regel als die Ausnahme; Ambitionen haben es im deutschen Kino erkennbar weiterhin nicht leicht, und es benötigt außergewöhnliches Durchhaltevermögen, um die eigenen Visionen gegen das System der deutschen Filmförderung durchzusetzen. Was in der Praxis dazu führt, dass Filmemacher wie Christopher Roth, Hanna Doose oder auch Stefan Sarazin – in München vertreten mit der Komödie „Nicht ganz koscher“ – nur alle zehn bis zwanzig Jahre eine Arbeit ins Kino bringen. Und auch hinter dem Beifall für eine Kostbarkeit wie „The Ordinaries“ steht ein Fragezeichen, ob Sophie Linnenbaum ihr Talent auch ohne die vergleichsweise große Freiheit ihres Filmschul-Umfelds in Zukunft wird entfalten können.


Die 39. Festivalausgabe war ein klarer Erfolg

Erleichtert kann die Filmbranche immerhin vermerken, dass die Organisatoren des Filmfests München ihre 39. Ausgabe als klaren Erfolg verbuchen können. Die rund 50.000 verkauften Karten am Ende nehmen sich zwar im Vergleich zu früheren Jahren mit rund doppelt so hohen Besucherzahlen eher gering aus. Mit Blick auf den ersten regulären Festivalbetrieb seit 2019 kündet es aber von der erhofften Rückkehr des Publikums, die zu vielen ausverkauften Vorführungen führte – bei einer mit etwa 120 Filmen deutlich ausgedünnteren Programmauswahl als noch vor einigen Jahren.

Das aber ist eher zum Vorteil des Filmfests, das 2022 nicht nur endlich wieder ohne äußere Einschränkungen stattfinden, sondern sich auf seine Stärken konzentrieren konnte. Die für die Ausgabe 2019 unter Druck des Bayerischen Staats eingeführten Ergänzungen verschwanden sang- und klanglos wieder, ohne vermisst zu werden: Dass Virtual-Reality-Arbeiten kaum die Rettung des Kinos sind, sondern allenfalls in den Nischen von Museums- und Konsolenangeboten gedeihen, hat sich nun offenbar sogar in Bayern herumgesprochen. Und auch der 2019 einmalig ausgerichtete, in der Auswahl nicht gerade zwingend wirkende Wettbewerb für internationale Koproduktionen fand keine Fortsetzung, sondern wich einer neuen „CineRebels“-Konkurrenz für „radikale Filmemacher“. Die dort versammelten Werke um Kirill Serebrennikows filmischen Fiebertraum „Petrov’s Flu“ und die animierte Zeitreise „Quantum Cowboys“ erwiesen sich in ihren sperrigen, unvorhersehbaren Erzählweisen durchaus als Bereicherung für das Programm und verhalfen der neuen Sektion zum gelungenen Auftakt – davon darf es in den nächsten Jahren gerne mehr geben.


"Petrov's Flu" (© Xenix Filmdistribution GmbH)
"Petrov's Flu" (© Xenix Filmdistribution GmbH)

„CineRebels“ war der auffallendste Teil eines erneuten Anlaufs zur Profilschärfung, die das Filmfest München mit etwas durchwachsenen Resultaten bereits seit einigen Jahren anstrebt. Die Filmreihe zum Thema „Body Horror“ versammelte zwar auch Arbeiten, deren Zuordnung zu der Filmrichtung eher anfechtbar ist, wich aber immerhin erfrischend von den üblichen Sonderprogrammen anderer Festivals ab. Mit den Ehrenpreisträgerinnen Doris Dörrie und Alba Rohrwacher gab es einmal mehr verdiente Würdigungen von Filmschaffenden, auch wenn die Präsentation ihrer Filme auf dem Filmfest diesmal etwas sehr knapp ausfiel. Was besonders im Fall der seit Jahrzehnten in München tätigen Regisseurin Dörrie, aus deren Oeuvre nur drei Filme (darunter die Premiere „Freibad“) zu sehen waren, bedauerlich und auch verwunderlich war; gerade bei ihr hätte eine umfangreiche Hommage sehr nahegelegen.


Preisgekrönt: „Broker“ von Hirokazu Kore-eda

In der Gesamtrückschau war das aber ein geringer Faktor gegenüber einer Auswahl, die in allen Sektionen solides bis herausragendes Niveau erreichte. Insbesondere dem Ruf als Nachspiel-Stätte für Premieren des Filmfestivals in Cannes wurde München 2022 wieder gerecht: Allein im wichtigsten Wettbewerb um den „CineMasters – Arri Award“ hatten acht der zehn Beiträge ihre Premiere erst wenige Wochen zuvor in Cannes gefeiert; wenig überraschend stammte auch der Preisträger am Ende aus dieser Reihe. Hirokazu Kore-edas „Broker“ empfahl sich dabei sicherlich durch seine zwar vertraute, aber nichtsdestoweniger einmal mehr charakteristisch sensible und humorvolle Beschäftigung mit einer aus der Not geborene Zwangsfamilie, in der sich die anfänglich egoistischen Ziele aller Beteiligten allmählich auflösen.


"Broker" (© ZIP CINEMA & CJ ENM Co., Ltd.)
"Broker" (© ZIP CINEMA & CJ ENM Co., Ltd.)

Preiswürdig wären in einem allgemein hochkarätigen Wettbewerb mindestens auch Marie Kreutzers meisterliches Kaiserin-Elisabeth-Porträt „Corsage“, Emin Alpers kraftvoller Provinzthriller „Burning Days“ und Terence Davies’ abgeklärte Dichter-Biografie „Benediction“ gewesen, doch vielleicht war es der Optimismus, der am Ende den Ausschlag zu Gunsten von Kore-eda gab. Es würde als Begründung jedenfalls perfekt zur Stimmung eines Festivals passen, das sich selbstbewusst und mit Verve zurückgemeldet hat, um der Corona-Tristesse und allgemeinen Kino-Misere mit klarer Ansage entgegenzutreten: Kino muss wieder selbstverständlich werden und bleiben.

Kommentar verfassen

Kommentieren