© Ana de Armas in „Blond“ (© Netflix)

Venedig 2022: Das Gift des „male gaze“

Freitag, 09.09.2022

In „Blonde“ wirft Andrew Dominik weniger einen biografischen Blick auf das Leben und Sterben von Marilyn Monroe, sondern entfaltet einen wahren Albtraum über strukturelle Misogynie im klassischen Hollywood

Diskussion

Kurz vor Festivalende feierte Andrew Dominiks Film „Blond“ in Venedig Premiere. Auf der Basis des gleichnamigen Romans von Joyce Carol Oates’ imaginiert der Film das Leben und Sterben von Marilyn Monroe. Rund um Hauptdarstellerin Ana de Armas entfaltet sich weniger ein Biopic als vielmehr ein phantasmagorischer Albtraum über strukturelle Misogynie im klassischen Hollywood.


In zwei Szenen dringt die Kamera direkt in die Vagina von Marilyn Monroe ein. „Der süße Engel des Sex“, wie Norman Mailer den Star in seinem 1973 erschienenen Monroe-Buch bezeichnete, wird in „Blond“ von Andrew Dominik buchstäblich von jenem Apparat penetriert, mit dem sie laut Mailer ihre „größte Liebesaffäre“ hatte. Es sind allerdings keineswegs Liebes- oder Erotikszenen, sondern gynäkologische Horrorszenarien. Die Vagina-Shots sind Teil von zwei zwischen Realität und Albtraum oszillierenden Episoden, in denen es um Abtreibungen geht, zu denen die Schauspielerin (verkörpert von Ana de Armas) gegen ihren Willen genötigt wird – eine in den frühen 1950er-Jahren kurz vor den Dreharbeiten von „Blondinen bevorzugt“, eine in den 1960er-Jahren im Zuge der Affäre mit John F. Kennedy.

In diesen Szenen manifestiert sich besonders krass, um was es Andrew Dominik geht: die Degradierung und den Missbrauch von Marilyn Monroe durch den „male gaze“. Der Filmemacher hat bewusst eine „NC17“-Einstufung in Kauf genommen, um deutlich zu werden. Ähnliches gilt für eine Szene, in der gezeigt wird, wie die aufstrebende Norma Jeane Mortenson erstmal mit einem Studio-Exekutive (angelehnt an Darryl F. Zanuck) mit lakonischer Beiläufigkeit schlafen muss, bevor sie ihren ersten Screen-Test bekommt. Oder für ein groteskes Blow-Job-Rendezvous mit John F. Kennedy, gezeigt unter anderem als frontale Großaufnahme auf Monroes Gesicht und von ihrer Gedankenstimme aus dem Off kommentiert: Jetzt nur nicht würgen!

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Eine Heldin ohne Kontrolle über ihren Körper

„Blond“ beleuchtet das Leben von Monroe auf Basis von Joyce Carol Oates’ gleichnamigen Roman aus dem Jahr 2000, der eine fiktionalisierte, um Fakten, Gerüchte und Erfindungen ergänzte Geschichte der Hollywood-Ikone entfaltet. Es geht ums Sich-Hinein-Versetzen in die imaginierte Perspektive der 1926 als Norma Jeane Mortenson geborenen Frau, aus der in den 1940er-Jahren das Pin-up-Model und die Schauspielerin Marilyn Monroe wurde.

Mit fliegenden Röcken: Der Dreh zu „Das verflixte 7. Jahr“ (© Netflix)
Mit fliegenden Röcken: Der Dreh zu „Das verflixte 7. Jahr“ (© Netflix)

Aus dieser Perspektive erscheint die „Liebesaffäre“ der „Blonde Bombshell“ mit der Kamera als missbräuchliche Umarmung, der Mortenson aufgrund ihrer Kindheitstraumata keinen Widerstand gegenzusetzen hatte. Man darf nicht den Fehler begehen, „Blond“ als biografischen Film zu interpretieren; es handelt sich vielmehr um einen phantasmagorischen Horrorfilm mit einer Protagonistin, die ähnlich wenig Kontrolle über ihren Körper hat wie weiland Mia Farrow in Roman Polanskis „Rosemarys Baby“, und um ein Hollywood, das ähnlich unheimlich ist wie in David Lynchs „Mulholland Drive“.


Karriere und Leben von Männern geprägt

Der Film beginnt in den 1930er-Jahrenn mit markanten Szenen aus Monroes Kindheit, die um die Beziehung des Mädchens zu seiner psychisch kranken Mutter und die Sehnsucht nach dem abwesenden Vater kreisen, eine Art „Origin Story“ ihrer psychischen Labilität, die sie Jahre später für Alkohol und Medikamente anfällig macht und 1962 schließlich das Leben kostet. Die Szenen mit ihrer von Julianne Nicholson verkörperten Mutter Gladys Pearl Baker, die 1934 nach einem psychischen Zusammenbruch in eine Nervenklinik eingeliefert wird und ihre Tochter als Quasi-Waisenkind zurücklässt, sind die einzigen, die Norma Jeane in bedeutsamer Interaktion mit einer anderen Frau zeigen.

Ihre Karriere und ihr Leben werden von da an von Männern geprägt – von denen, die in Hollywood das Sagen haben, und von den Liebhabern und Ehemännern, bei denen sie ebenso hartnäckig wie vergeblich nach einem Ersatz für die Liebe sucht, die ihr durch die Abwesenheit des Vaters als Kind vorenthalten blieb. Weder Joe DiMaggio (Bobby Cannavale) noch Arthur Miller (Adrien Brody) machen dabei eine sonderlich gute Figur.

Eine weibliche Passionsgeschichte (© Netflix)
Eine weibliche Passionsgeschichte (© Netflix)

Getragen von einem suggestiven Soundtrack von Nick Cave und Warren Ellis, mit denen Andrew Dominik schon bei dokumentarischen Porträts zusammengearbeitet hat, oszilliert „Blond“ zwischen Schwarz-weiß-Ästhetik und Farbaufnahmen, die ein bisschen an alte Kodachrome-Bilder erinnern. Ähnlich wie die lose dramaturgische Struktur, die eher traumgleich durch Monroes Leben gleitet, als eine stringente Geschichte zu spinnen, trägt das dazu bei, dem Porträt ein Flair des Surrealen zu geben.

Man kann „Blonde“ den Vorwurf machen, Monroe als Künstlerin nicht gerecht zu werden und ihre Stärken als Schauspielerin, vor allem auch als Komödiantin, zugunsten einer tief bewegenden weiblichen Passionsgeschichte unter den Tisch fallen zu lassen. In seiner brutalen Härte wird der Film aber dem gerecht, was Marilyn Monroe trotz dieser Stärken zerstört hat: der strukturellen Misogynie einer Branche und einer Gesellschaft, die ihren Körper zum Objekt gemacht hat.

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