© Claire Healy & Sean Cordeiro („Life Span“-Installation, Biennale Venedig 2009)

Kino gegen den Stream (VI) - Meine Jahre mit VHS

Freitag, 18.11.2022

Kino gegen den Stream (VI): Reflexionen über die Sammelleidenschaft von Filmen, deren Verfügbarkeitsversprechen sich noch mit jedem Medium als (Selbst-)Täuschung erwies

Diskussion

Riesige Sammlungen von VHS-Kassetten waren in der Blütezeit des Videozeitalters bei Cinephilen gang und gäbe. Das Versprechen der jederzeitigen Verfügbarkeit war aber im Grunde eine (Selbst-)Täuschung, denn tatsächlich dienten die Videos vor allem dazu, Aufnahmen anzuhäufen, die dann nie gesehen wurden. Dennoch lösen sie wie jedes obsolet werdende Medium gerade im Rückblick besondere Gefühle aus, die durch neu aufkommende Speicherformen nicht einfach so ersetzt werden können.


Es waren die Jahre der Videomania. Die bis dahin ungekannten Möglichkeiten, Fernsehausstrahlungen aufzuzeichnen, entfesselten in jener Zeit bei vielen Filminteressierten einen uferlosen Sammeltrieb, so auch bei mir. Dabei war der Triumphzug der schwarzen Bänder anfangs nicht nur bejubelt worden. Auf dem Höhepunkt der Begeisterung für das damals neue Medium Heimvideo in den 1980er-Jahren wurde vielfach vor einer neuen, schwer zu kanalisierenden „Bilderflut“ gewarnt. Bei dieser Medienkritik waren Vertreter anderer Medien besonders engagiert, etwa die des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, das dadurch noch vor Einführung des Privatfernsehens seinen exklusiven Zugriff auf deutsche Wohnzimmer verloren hatte.

In dieser Sicht war der Videorekorder ein Einfallstor für alles potenziell Schamlose oder Gefährliche, für Pornografie und Gewaltdarstellungen, für die als unpädagogisch gescholtenen „Schweinchen-Dick“-Zeichentrickfilme der Looney-Tunes-Serie oder die Werke von Leni Riefenstahl. Die ersten Videotheken standen im Ruf von Sex-Shops und durften erst ab 18 Jahren betreten werden.

Ein Dokument aus dieser Zeit ist der Cameo-Auftritt von Wim Wenders in Hans-Christoph Blumenbergs Neo-Noir-Thriller „Tausend Augen“ (1984). Man sieht ihn einen John-Ford-Western aus einer Videothek stehlen. Als er erwischt wird, verteidigt er sich: Es gebe Filme, die man dort einfach rausholen müsse. Da aber offenbar weder Regisseur noch Hauptdarsteller mit den Gepflogenheiten der Videothekenbenutzung vertraut waren, konnte Wenders bestenfalls das leere Cover gestohlen haben.

Aus der Installation „Life Span“ bei der Biennale Venedig 2009 (© Claire Healy & Sean Cordeiro)
Aus der Installation „Life Span“ bei der Biennale Venedig 2009 (© Claire Healy & Sean Cordeiro)

Der Schock der dauerhaften Verfügbarkeit

Die Erfindung des Videorekorders hatte mich wie viele Kollegen aus der cinephilen Filmkritik in tiefe Verwirrung gestürzt. In dieser vordigitalen Zeit lebte das Kino noch in der Sicherheit eines uneinholbaren technisch-ästhetischen Überschusses: Hier die Tiefe des Zelluloidfilms, dort die geradezu erbärmliche horizontale Auflösung von 220-240 Linien, die sich wabernd über den auch nur 625 Bildzeilen des PAL-Fernsehstandards verteilten. Wollten wir also wirklich einem möglicherweise unvergesslichen Werk der Filmkunst, das vielleicht dem eigenen Leben eine andere Richtung geben würde, einen derart unwürdigen Auftritt in eben diesem, unserem einzigen Leben verschaffen?

Während uns der Fluch schlechter Videoauflösung nahtlos ins heutige digitale Zeitalter begleitet hat, erscheint der eigentliche Schock des Neuen kaum noch vorstellbar: die plötzliche dauerhafte Verfügbarkeit filmischer Werke.

Mit einem Mal war all das Flüchtige materialisiert, das, wofür man weite Festivalreisen und schlaflose Nächte riskierte, das man aber auch nie zu besitzen gewagt hatte. In den 1980er- und frühen 1990er-Jahren überboten sich Fernsehsender noch täglich mit Ausstrahlungen von Spielfilmen aus allen Epochen. Es regnete potenziell Beglückendes förmlich vom Himmel, man musste nur wie im Märchen vom Sterntaler irgendetwas darunter stellen, damit der kostbare Niederschlag nicht verloren ginge.

1996 stapelten sich in meiner 20-Quadratmeter-Studentenwohnung etwa 1000 Videokassetten, in der Regel mit mindestens zwei Filmen bespielt. Das war keineswegs viel. Auf der anderen Straßenseite in der Kölner Innenstadt, mir gegenüber, lebte ein WDR-Redakteur, dessen gesamte Wandflächen fein säuberlich mit Videoregalen bedeckt waren. Und von einem Berliner Kritiker-Kollegen hieß es, dass man sich zwischen den Videostapeln kaum noch bewegen könne, in einer Wohnung, deren Statik wegen seiner wachsenden Filmbibliothek schon habe neu berechnet werden müssen.

Andere Cinephile verweigerten sich dem Sammelwahn. Die Filmkritikerin Brigitte Desalm, meine Mentorin beim „Kölner Stadt-Anzeiger“, schrieb missmutig, dass sich Kinoliebe in eine Frage privater Besitzverhältnisse verwandelt habe.

Einstmals Teil mancher Wohnungen von Filmfreunden: Die Videowand (© IMAGO / Steinach)
Einstmals Teil mancher Wohnungen von Filmfreunden: Die Videowand (© IMAGO / Steinach)

Widersprüche der Sammlerexistenz

1996 verarbeitete ich die Widersprüche meiner Sammlerexistenz in einem Essay für die Zeitschrift „Steadycam“ unter dem Titel „Time Bandits – Die Videokassette und der Tod“.

„Als ich vor ein paar Jahren meine Wohnung bezog, sollte wenigstens eine Wand der bildenden Kunst vorbehalten bleiben. Doch obwohl ich die Bilder von damals nie abgehängt habe, sind sie längst nicht mehr zu erkennen. Ein einstmals unscheinbarer Haufen von Videokassetten hat sie einfach überwuchert. Zu Hunderten aufgetürmt, haben sich die Magnetaufzeichnungen der ganzen Wandfläche bemächtigt, und darüber hinaus gibt es hier kaum ein Eckchen, in dem man vor ihrer Gegenwart sicher wäre.

In Vermehrungsrate und Hartnäckigkeit, ganz besonders aber in ihrem stabilen schwarzen Körper (sei es Plastik oder Chitin), sind sie dabei der gemeinen Küchenschabe gar nicht unähnlich. Sie könnten einen das Fürchten lehren, diese Videokassetten. Um welchen Preis nur teilen Menschen ihren spärlich bemessenen Wohnraum mit derart hässlichen Hausgenossen, die sich ihrerseits um Geräte scharen, die auch nicht gerade eine Augenweide sind [Man hatte ja mindestens zwei Videorekorder, um überspielen zu können].

Es begann mit einem Versprechen. Haben wir nicht als Kinder von den ‚Zeitdieben‘ gelesen, jenen ominösen grauen Herren, denen nur Michael Endes Momo trotzen konnte? Diese Herrschaften verführten ihre Opfer mit dem trügerischen Versprechen, ihre eingesparte Zeit zu verwalten, auf dass diese Zinsen trüge und man sie irgendwann einmal mit Gewinn verbrauchen könne.

Auch der Video-Recorder hat sich unter dem Deckmantel des freundlichen Helfers millionenfach in unseren Haushalten eingenistet. Er wollte uns die Zeit abnehmen, so wurde es versprochen, aber es war eine Milchmädchenrechnung, vergleichbar jener unverfrorenen Behauptung der Werbung, man könne Geld sparen, indem man Geld ausgibt. Man macht es sich selten bewusst, aber das Video ist im täglichen Umgang geradezu zu einer Versicherung gegen den Verlust von Zeit geworden.

Wim Wenders beim Video(hüllen)-Klau? Szene aus „Tausend Augen“ (© Pidax)
Wim Wenders beim Video(hüllen)-Klau? Szene aus „Tausend Augen“ (© Pidax)

Die Perfidie des Ganzen aber ist, dass potenziell nichts mehr zu versäumen keineswegs bedeutet, nun etwa alles zu erleben. Wer einmal befürchtet hatte, als Besitzer einer Privat-Videothek für den Rest seines Lebens fernsehen zu müssen, sieht sich eines Besseren belehrt. Denn seither braucht man sich überhaupt nichts mehr anzusehen, man hat es ja schließlich auf Video. Die lateinische Grundbedeutung des Wortes (ich sehe) ist der reine Hohn. ‚Ich bin blind‘, sollte es richtiger heißen, und der Kameramann Henri Alekan ist sogar der Überzeugung, wer einen Film im Fernsehen gesehen habe, der habe gar nichts gesehen. Wenn es wenigstens dazu käme, im Fernsehen ‚gar nichts‘ zu sehen. Man unternimmt ja nicht einmal mehr den Versuch, sich etwas anzusehen. Die wichtigste Funktion des Video-Recorders ist die Programmier-Funktion, die Play-Taste dient nur zur Klärung der bangen Frage, ob eine Aufnahme auch tatsächlich gelungen ist, und zur Suche nach der geeigneten Bandstelle für die nächste.

Videosehen ist ein einsames Vergnügen, man kann schlecht jemanden dazu einladen, denn schließlich weiß man aus Erfahrung, wie solche Abende zu enden pflegen: Man stellt fest, dass man sich eigentlich viel lieber unterhält, weil man sich ohnehin so selten sieht, den Film aber theoretisch immer sehen könnte. Also verschiebt man ihn getrost auf ein andermal: den St. Nimmerleinstag, eben jenes Datum, an dem man sich schon immer die Schätze seiner Videosammlung zu Gemüte führen wollte. Jeder noch so unbedeutende neue Kinofilm ist ein zwingenderer Anlass, die Lust auf bewegte Bilder zu befriedigen.

Videosucht hat ursächlich mit der Manie von Sammlern zu tun, ist also, amateur-psychologisch, eine Form des Fetischismus. Absurderweise schachert der Video-Sammler im Gegensatz zum Kunst- oder Antiquitätensammler keine Originale, sondern obskure Kopien.“


Die meisten sammeln wertlose Dinge

An dieser Stelle muss kurz über das Sammeln an sich gesprochen werden. Jeder Sammler hat früher mal etwas anderes gesammelt, worüber er nicht gerne spricht. Meist wertlose Dinge, wie die meisten Menschen. Es wird selten über Sammlungen berichtet, die nichts wert sind. Warum das so ist, ist ein anderes Thema, hat aber viel mit dem Kunstmarkt zu tun und einer ins allgemeine Bewusstsein vorgedrungenen Wertschätzung, also einer Schätzung des Wertes an sich. Viele Sammler sammeln ja tatsächlich Wert, was keineswegs schlecht ist, aber zu einer Missachtung von Sammlungen führte, wie sie zum Beispiel meine Oma anlegte, darunter Zuckerwürfelpäckchen mit aufgedruckten Horoskopen, bunte Banderolen von Obstdosen oder das Seidenpapier, in dem Citrusfrüchte manchmal noch immer einzeln eingewickelt werden. In ihren Achtzigern sammelte sie nur noch Zebras, das allerdings, wie ich glaube, aus Mitleid mit uns Verwandten, die wir bis dahin nie gewusst hatten, was wir ihr schenken sollten.

Der Künstler Harmony Korine gestaltete aus Videokassetten die Ausstellung „Blockbuster“ (© Gagosian Gallery)
Der Künstler Harmony Korine gestaltete aus Videokassetten die Ausstellung „Blockbuster“ (© Gagosian Gallery)

So viel Schönheit hatte mein Sammlungsgut nicht zu bieten, was mir in dem zeitgenössischen Text besonders zu schaffen machte: „Interessant ist das äußerlich Unschöne der gehorteten Objekte. Video-Fetischisten sammeln hässliche, schwarz-graue Gegenstände aus einer billigen Sorte Plastik, für die die Bezeichnung ‚Kunststoff‘ ein glatter Euphemismus wäre und die zudem ohne Beschriftung nicht einmal unterscheidbar wären. Dass sie darüber hinaus kaum recyclefähig sind, ist ihren Käufern natürlich völlig gleichgültig. Schließlich sammelt man für die Ewigkeit, und die Vorstellung, solche Schätze könnten irgendwann einmal zu Plastikmehl zerstampft werden, grenzt an Blasphemie. Aber die Rache des Systems ist bereits geplant: In wenigen Jahren wird es heißen, dass es nun HDTV gibt, archivierbar auf kleinen Silberscheiben, und wir sollten uns doch von unserem antiquierten Video schleunigst verabschieden. Die Ironie des Schicksals wird dann darin bestehen, dass wir uns von Aufnahmen trennen werden, ohne sie jemals angesehen zu haben, um sie durch neue zu ersetzen, die wir uns auch nie ansehen werden.

Auf einer Etage des Düsseldorfer Filmmuseums hat man es sich nicht verkneifen können, neben den zahlreichen Filmformaten auch einen Streifen Videoband auszustellen: schwarzgrau widersetzt sich dieses schmucklose Trägermaterial aller Schaulust. Video heißt hier: Ich sehe nichts. Die Tristesse seiner Materialität entspricht dem nekrophilen Charakter seiner Benutzer. Damit meine ich nicht die liebenswürdige Art von Nekrophilie von Horrorfans, die ja – ähnlich den Pornofetischisten – das Medium nicht als Sekundärform begreifen, sondern es positiv nutzen, weil sie nur hier bestimmte Filme zu sehen bekommen, und überdies die mit dem Medium verbundene Einsamkeit schätzen. Ich meine die uneingestandene Nekrophilie, die darin besteht, die Augen vor der Tatsache zu verschließen, dass man in diesem Leben bestimmt nicht mehr dazu kommen wird, sich seine Videosammlung anzusehen und auf das nächste hofft. Vielmehr dürfte der Materialberg bis zum Ende unserer durchschnittlichen Lebenserwartung babylonische Ausmaße erreicht haben.

Nun hat sogar Wim Wenders eine Videoedition seines Gesamtwerks herausgegeben. Das Video und der Tod: je näher er rückt, desto größer die Sehnsucht der Filmemacher, Bilanz zu ziehen und in den Regalen der Videophilen die Zeiten zu überdauern. Auch wenn sich das Material unbemerkt löschen oder zersetzen sollte, werden doch zumindest die buntbedruckten Schachteln vom Ruhm ihrer Urheber künden.

Wem aber werden wir unsere kostbaren und wohlkatalogisierten Sammlungen vererben, wenn wir nicht mehr sind? Wer wird sich ihrer würdig erweisen und sich nicht bloß über einen unverhofften Vorrat an Leerkassetten zum Überspielen freuen? Die grauen Zeitdiebe aus Michael Endes Buch „Momo“ konnten uns als Kinder nicht schrecken, hatten wir doch alle Zeit auf der Welt. So verhallte auch ihre Warnung ungehört: Keine Zeit zu haben, das war die Ausrede der Erwachsenen, die wir Kinder eigentlich nur dann untereinander gebrauchten, wenn gerade etwas Gutes im Fernsehen kam. Damals war die Welt noch in Ordnung: Das wenige Interessante wurde auch angesehen und zwar in Realzeit und selbstverständlich im Augenblick seiner Ausstrahlung. Wer etwas verpasst hatte, der konnte auf dem Schulhof nicht mitreden und hatte Unwiederbringliches versäumt.“

Aus „Life Span“ (© Claire Healy & Sean Cordeiro)
Aus „Life Span“ (© Claire Healy & Sean Cordeiro)

Der Anfang vom Ende des VHS-Zeitalters

Soweit der alte Text. Nach gut einem Vierteljahrhundert ist meine panische Angst, eine Videoaufnahme versäumt zu haben, aus der heraus ich fluchtartig auch von aufregenden Partys nach Hause stürmen konnte, nur noch eine blasse Erinnerung. Ironischerweise wurde diese mediengetriebene Angst, etwas zu versäumen, im selben Jahr erstmals durch den Marketingstrategen Dan Herman im Zusammenhang mit der verstärkten Nutzung von Mobiltelefonen, SMS und Sozialen Medien beschrieben. Erst 2004 prägte der Autor Patrick J. McGinnis in seiner Kolumne den heutigen Begriff FOMO (Fear of missing out).

1996 sah aber auch, von mir noch unbemerkt, den Anfang vom Ende des VHS-Zeitalters. Erste DVD-Abspielgeräte kamen auf den Markt. Ab der Jahrtausendwende verdrängte das neue Speichermedium die VHS-Kassette; 2002 wurden erstmals mehr Silberscheiben als Bänder verkauft, und 2007 war deren Marktanteil auf unter ein Prozent gefallen.

Obsolet erschien mir das so leidenschaftlich gesammelte Medium allerdings damals noch nicht. Seit ich einmal den Philosophen Slavoj Žižek dabei bewundert hatte, wie er bei einem Vortrag über Hitchcock so virtuos wie ein Diskjockey mit sorgsam präparierten VHS-Kassetten hantierte, schätzte ich die Beweiskraft des physisch-analogen Materials. Wenn man die Ausschnitte sekundengenau voreinstellte, konnte man sie bei Vorträgen ebenso gut platzieren, wie ich es in der Kunstgeschichte mit Dias gelernt hatte (auch so ein obsoletes, damals unverzichtbares Medium). DVDs mussten zu diesem Zweck erst aufwändig „gerippt“ und am Computer geschnitten werden.

Ihren letzten Auftritt hatte meine VHS-Sammlung 2006 bei einem Lehrauftrag an der Fachhochschule Dortmund. Mein Ausschnittarchiv bekam da bereits Konkurrenz. Denn am 15. Februar 2005 hatte Youtube seinen Betrieb aufgenommen, das zunächst nur Kurzfilmformate speichern konnte beziehungsweise Spielfilme in entsprechend zahlreichen Einzelteilen. Zugleich begann sich das Internet mit vielen legalen und noch mehr illegalen Videodateien zu füllen. Bis heute erscheinen noch immer DVDs und seit etwa 2007 als besonderes Liebhabermedium auch Blu-rays. Letztere haben sich als Sammlermedium trotz der Streamingkonkurrenz halten können.

Wer sich gerade mit dem Gedanken trägt, seine DVD-Sammlungen wie schon die VHS-Kassetten zuvor, in Pappkartons „zum Mitnehmen“ auf die Straße zu stellen, sollte bei Amazon oder eBay den Marktwert checken. Klassiker, die nicht mehr verlegt werden, steigen oft dramatisch im Wert. Auch Sammlermärkte wie die regelmäßigen Filmbörsen haben wieder verstärkten Zulauf – nur dass dort kaum noch jemand mit Zelluloidfilmen oder Filmdevotionalien handelt, sondern DVDs an eine Sammler-Klientel gebracht werden, die offensichtlich dem physischen Objekt mehr traut als der jederzeit kündbaren Nutzungslizenz eines Streamingdienstes.

Gefährliche Videos: Der Horrorfilm „Ring“ baut auf einem gefährlichen Tape auf (© IMAGO / Allstar)
Gefährliche Videos: Der Horrorfilm „Ring“ baut auf einem gefährlichen Tape auf (© IMAGO / Allstar)

Die Regale füllen sich nur noch langsam

Meine Regale allerdings füllen sich nur noch sehr langsam weiter. Worte wie „Collector’s Edition“ reizen mein Sammlerherz wenig. Mein Sammelimpuls speiste sich aus der seltenen Gelegenheit. Wer etwas aufzunehmen verpasst hatte, konnte kaum auf Möglichkeiten hoffen, das Versäumte nachzuholen. Und eine Kopie von einem Kollegen zu ziehen, war schon wegen des Generationsverlustes beim Videokopieren nur im äußersten Notfall eine Option.

Auch wenn ich das cinephile Verlegertum bewundere, das hinter den oft liebevollen Editionen steckt, regt sich kaum ein Kaufimpuls. Ich habe nicht mehr das Gefühl, nur noch durch den Besitz einer eigenen physischen Videokopie in die Lage versetzt zu werden, eines Tages einen bestimmten Film sehen zu können. Die vernetzte Welt bietet tausend Alternativen. Und materieller Besitz spielte bei den unverkäuflichen VHS-Bändern ohnehin nie eine Rolle. Aber warten wir es ab. Dies ist nicht die tröstliche Geschichte eines geheilten Süchtigen. Meine Sammelwut suchte sich einfach andere Kanäle.

1998 zog ich in eine Wohnung, die keinen Fernsehanschluss besaß. Sofort begann ich Leerkassetten an Freund:innen zu verteilen, doch ihre Hilfsbereitschaft ließ sich nicht unendlich strapazieren. Glücklicherweise wurde das Fernsehprogramm für Filmfans zugleich immer uninteressanter, und mein professioneller gewordenes Filmeschauen ließ mich die noch immer obligatorischen Synchronfassungen meiden. Der größte kulturelle Gewinn des DVD-Booms war die Verfügbarkeit von Originalversionen.

Unbewusst lenkte ich meine Sammelleidenschaft auf das weniger leicht Verfügbare. Seit der Jahrtausendwende entstand eine Sammlung von vielen Hundert Vintage-Fotografien, Starporträts aus dem klassischen Hollywood. Ebenso wie Youtube das einstmals Rare zum Allgemeingut machte, erlaubte es eBay urplötzlich, Stecknadeln in Heuhaufen zu finden. Gestempelt oder signiert von den Fotografen, erlauben mir diese Glamourfotos, die oft nur als Einzelstücke für Hochglanzmagazine produziert wurden, einen untergegangenen Teil der Filmkultur aus erster Hand zu erforschen. Eine zweite Sammlung entstand in den letzten Jahren mit historischen Originalzeichnungen aus den Filmen Walt Disneys.


Das Vergnügen des Teilens

In beiden Fällen besitzen die Artefakte etwas, das über die Beschäftigung mit den Filmen hinausweist, einen ästhetischen Überschuss, der sich nur in der Anschauung der Originale erfassen lässt. Und anders als die misslungenen Videoabende lässt sich das Vergnügen auch teilen. Im vergangenen Jahr konnte ich die in Deutschland noch unbekannte MGM-Fotografin Ruth Harriet Louise, die erste Porträtistin von Greta Garbo und eine der wenigen Frauen in diesem Beruf, im Kunsthaus Göttingen in einer Einzelausstellung zeigen. Und die kommende Tierfilm-Ausstellung im Düsseldorfer Filmmuseum wird auch eine Auswahl von „Bambi“-Zeichnungen aus meiner Sammlung enthalten.

Vintage-Fotografien von Hollywood-Stars als Ersatz fürs Videosammeln (© Sammlung Kothenschulte
Vintage-Fotografien von Hollywood-Stars als Ersatz fürs Videosammeln (© Sammlung Kothenschulte)

Doch auch wenn ich mich von einer virtuellen Sphäre – dem Sammeln von aufgeschobener Zeit – in die Objektwelt des Kunsthandels begeben habe, beschäftigen mich dieselben Widersprüche: Woher kommt der Wahn, etwas besitzen zu wollen in einer Zeit, wo viele Menschen nicht einmal mehr Bücher in ihren Wohnräumen dulden?

Kürzlich las ich die psychologische Erklärung, dass meine Generation als Kinder von Kriegsüberlebenden das Festhalten an materiellen Gütern unbewusst erlernt habe – verbunden mit einer Angst vor Verlust. Die nachfolgenden Generationen leben ohne diesen Ballast, wofür ich sie ein gutes Stück beneide. FOMO, die Angst, etwas zu versäumen, handelt heute andere Währungen als filmisches Bildungsgut: seien es Skins aus der Gaming-Welt, Pokemons oder nur Likes für besonders gelungene Selbstäußerungen auf TikTok. Oder ist es noch immer der Bildungshunger und die Aussicht auf die Glücksversprechen kostbarer Erlebnisse, wie ich sie mit wunderbaren Filmen verbinde?

Im 18. Jahrhundert, als die ersten Museen gegründet wurden und sich auch ein Bürgertum mit Kunstwerken umgab, schrieb Goethe in „Der Sammler und die Seinigen“ über den damals grassierenden Hunger auf Porträts. Er beschreibt drei Typen von Sammlern. Zunächst den Nachahmer, einen Sammler, der besonderes Interesse an lebensgroßen, realitätsnahen Porträts habe. Er ist der Schrecken seiner Nachkommen, die sich später mit den dicken Schinken herumschlagen müssen, die so recht zu keiner Wohnzimmereinrichtung passen wollen. Da macht es der Punktierer seinen Erben schon leichter. Dieser zweite Typus sammelt Miniaturbildnisse, Gemälde also, für die sich immer ein nettes Plätzchen finden lässt. Wohl nicht ohne Grund ließ auch Goethe sich und seine Familie später auf Miniaturgemälden festhalten. Der dritte schließlich sammelt Skizzen, Bilder, die nie wirklich fertig wurden, von Künstlern, die über das Skizzieren nicht hinauskommen. Ein wenig scheint mir das sehr gut in unsere heutige Zeit des Selfie-Sammelns zu passen.


Die Zukunft der virtuell generierten Kunstwerke

Eine mögliche Zukunft, in der das Virtuelle und das Einmalige fusionieren, steht bereits in der Tür: Wer NFTs sammelt, virtuell generierte Kunstwerke, erhält mit ihnen ein unzerstörbares Einmaligkeits-Zertifikat. Er oder sie kann seine Sammlungen in virtuellen Galerien weltweit zugänglich machen. Aber auch leider nur dort: Ein Ausdruck wäre vollkommen wertlos. Ich kann mich bislang nicht damit anfreunden. Der Fetischismus physischer Präsenz, so diffus er sich seinerzeit bei den analogen Videobändern auch zeigte, steckt zu tief in meinen Gliedern.

Noch immer streiche ich gelegentlich in den wenigen verbliebenen DVD-Abteilungen der Mediamärkte um die Sonderangebotsauslagen. Zuletzt verkaufte Saturn die Blu-ray-Edition von „FP1 antwortet nicht“, dem deutschen Science-Fiction-Klassiker von 1932, für 2 Euro. Ich habe gleich fünf Stück eingepackt, vielleicht möchte ja jemand mit mir tauschen. Der Weg zur Kasse, wohin ich früher weit größere Stapel beförderte, weckte melancholische Gefühle.

Videowände als Bild für Nostalgiker (© IMAGO / Michael Eichhammer)
Videowände lösen nostalgische Gefühle aus (© IMAGO / Michael Eichhammer)

Die Popkultur besaß stets eine besondere Sensibilität gegenüber dem Medienwandel, mit dem ihre eigene Geschichte zugleich untrennbar verwoben ist. In US-amerikanischen Filmen stehen obsolete Medien oft für das abrufbare Sentiment kollektiver Erinnerungen: Phonographen, Grammophone, die billigen Tin-Type-Fotografien der Jahrhundertwende, Stummfilme. Ein in den 1970er-Jahren angesiedeltes Road Movie ist nicht komplett ohne die in den USA so populären 8-Track-Kassetten, wenn nicht gleich die warmen Farben eines imitierten Film-Looks über den Bildern liegen. Audio- und VHS-Kassetten stehen für die wahrhaft sozialen Medien vor Social Media, das liebevoll für andere zusammengestellte Mix-Tape und das vom nerdigen Videothekar empfohlene Horrorvideo, hoffentlich ohne den langhaarigen Geist aus „The Ring“ darin. Natürlich kommt das Sentiment selten ohne eine gewisse Herablassung daher, dem Überlegenheitsgefühl der Nachgeborenen.


Noch immer herrscht die Proust’sche Melancholie

Video Killed the Radio Star“, der Hit der Buggles von 1979, gab vor, das Ende des Dampfradios zu betrauern, feierte aber unmissverständlich und geradezu prophetisch den Aufbruch der Videokultur, der elektronischen Keyboards und den Neon-Look des anbrechenden Jahrzehnts. Doch die sich wandelnden Medien ändern nichts an der Proust’schen Melancholie, die mich überhaupt zum manischen Videosammler hatte werden lassen – der Utopie, sich mit aufgeschobenen Freuden gegen eine ungewisse Zukunft zu versichern.

Noch immer ist etwas davon in meiner cinephilen Welterfahrung lebendig. Wie lange schob ich seinerzeit den „letzten Hitchcock“ auf, den ich noch nicht gesehen hatte. Nie fühlte ich mich würdig, diese VHS-Kassette von „Saboteure“ anzuschauen und damit die eigentliche Sammlung, die Hitchcock-Abteilung in meinem Gehirn, abzuschließen. Gesehen habe ich ihn dann später irgendwann auf DVD; einen großen Eindruck machte das Nebenwerk dabei nicht. Ähnliche aufgehobene Heiligtümer gibt es noch, ein paar mühsam an Land gezogene Werke eines meiner Lieblingsregisseure, Frank Borzage. Ob ich sie mir jemals ansehe? Insgeheim hoffe ich dann doch auf eine große Festivalretrospektive mit Vorführungen von echten Filmkopien. So wie mich Locarno in diesem Jahr mit dem Luxus beschenkte, den mir noch fehlenden Douglas-Sirk-Filmen gleichsam in persona zu begegnen. Irgendwann fanden mich die besonders ersehnten Filme meistens doch.

Meine letzte VHS-Kassette erwarb ich vor einigen Jahren bei einem Bücherei-Verkauf, und nur die Seltenheit des Materials ließ mich noch einmal zugreifen. Es ist der Film „Das große Abenteuer“ des schwedischen Tierfilmers Arne Sucksdorff von 1953. Seit ich vor vielen Jahren seinen fast surrealistischen Kurzfilm „En kluven varld“ über das nächtliche Treiben in einem Winterwald gesehen habe, möchte ich auch sein übriges Werk möglichst vollständig kennenlernen. Doch bevor ich das Band noch anschauen konnte, kam das wirkliche Kino dem gespeicherten zuvor: Vergangene Woche lud mich das Düsseldorfer Filmmuseum ein, eine Filmreihe mit den Originalen von Arne Sucksdorff einzuführen.

Ich glaube inzwischen, dass das mit dem Wort Video gemeint ist: Man weiß, dass man es schon irgendwann sehen wird. Es muss ja nicht auf Video sein.

Wird eine echte Kinopremiere für Daniel Kothenschulte statt ein Videoabend: „Das große Abenteuer“ von Arne Sucksdorff (© IMAGO / Everett Collection)
Wird eine echte Kinopremiere statt ein Videoabend: „Das große Abenteuer“ (© IMAGO / Everett Collection)


Hinweis

Die Beiträge des Kracauer-Blogs „Kinomuseum“ von Daniel Kothenschulte und viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, finden sich hier.

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