Leni Riefenstahl bei der Arbeit an "Triumph des Willens"
Leni Riefenstahl bei der Arbeit an "Triumph des Willens" (© imago/CPA Media)

Filme im Dienst der Nazis

In dem großformatigen Reader „Muster der Propaganda“ untersucht Rainer Rother vier sogenannte „Vorbehaltsfilme“ und deren subtile NS-Botschaften

Aktualisiert am
10.06.2026 - 15:11:38
Diskussion

Das faktenreiche, aufwendig gestaltete Buch „Muster der Propaganda“ analysiert vier Filme aus den ersten Jahren der NS-Diktatur zwischen 1933 und 1938, die heute als Vorbehaltsfilme gelten. Dabei handelt es sich um die berüchtigten Filme „Hitlerjunge Quex“ und „Triumph des Willens“, aber auch um die weniger bekannten Werke „Der Herrscher“ und „Urlaub auf Ehrenwort“. Eine kluge Studie über Filme als Instrument ideologischer Manipulation.  

 

Zu den Klassikern der deutschen Weihnachtsunterhaltung zählt ein auf den ersten Blick anscheinend gänzlich unpolitischer Film mit Heinz Rühmann: „Die Feuerzangenbowle“ aus dem Jahr 1944. In einigen Szene schimmert die Nähe zur damaligen Staatsräson aber doch hervor, wenn ein Lehrer glaubt: „Junge Bäume, die wachsen wollen, muss man anbinden. Genauso ist es mit den jungen Menschen. Disziplin muss das Band sein, das sie bindet – zu schönem geraden Wachstum.“ In der Einleitung zu seiner Untersuchung über den Spielfilm „Die große Liebe“ (1942) notiert der Filmwissenschaftler Rainer Rother: „Der Film mit Zarah Leander galt nie als Vorbehaltsfilm, wurde jedoch mitunter stark zensiert und gekürzt. Heute kann man beide Filme problemlos auf DVD oder Blu-Ray erwerben. Allerdings mit dem Unterschied, dass „Die Feuerzangenbowle“ eine FSK-Freigabe von 12 Jahren hat, während „Die große Liebe“ erst ab 18 freigegeben ist.

Heinz Rühmann, Hans Leibelt in "Die Feuerzangenbowle"
Heinz Rühmann, Hans Leibelt in "Die Feuerzangenbowle" (imago/United Archives)

 

Der inkonsequente Umgang mit den beiden Filmen verweist auf ein bleibendes Dilemma im Umgang mit (Propaganda-)Werken aus der NS-Zeit. Berüchtigte Machwerke wie Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“, der infame Hetzfilm „Der ewige Jude“ oder Veit Harlans „Jud Süss“ dürfen nur unter Auflagen öffentlich vorgeführt werden und sind in Deutschland auch nicht auf DVD oder anderen Medien verfügbar. Sie gehören zu den sogenannten Vorbehaltsfilmen, die zwischen 1933 und 1945 gedreht wurden und nach dem Krieg wegen antisemitischer, rassistischer, militaristischer oder volksverhetzender Tendenzen von den Alliierten auf den Index gesetzt wurden. 1952 umfasste diese Verbotsliste noch 219 Filme; heute sind es etwas über 60 Filme. Diese „Vorbehaltsfilme“ dürfen nur in Sondervorführungen gezeigt werden, wenn sie mit einer wissenschaftlichen Einführung verbunden sind.

 

     Das könnte Sie auch interessieren

 

In dem umfangreichen Reader „Muster der Propaganda“ unternimmt Rainer Rother den Versuch, an vier ganz unterschiedlichen Werken ebenso ausführlich wie exemplarisch den politischen wie wirtschaftlichen Kontext zu analysieren, in dem sie entstanden. Jeder der vier Filme erhält in dem großformatigen Bildband zwischen 60 und 90 Seiten und einen Untertitel: „Hitlerjunge Quex“ (1933) als „erster nationalistischer Film“; „Triumph des Willens" (1935) als „der definitive Film zum Führerkult“; Veit Harlans „Der Herrscher“ (1937) als „Der Patriarch im Dienst der Volksgemeinschaft“ und Karl Ritters „Urlaub auf Ehrenwort“ (1938) als „der ,zeitnahe‘ Film zur Dolchstoßlegende“.

 

Die Qualität der NS-Filme analysieren

Neben ausführlichen Inhaltsangaben, zeitgenössischen Kritiken oder Kommentaren geht Rother auch auf die Begleitumstände und die Produktionsgeschichte ein. So wollte die UFA mit „Hitlerjunge Quex“ einen Film drehen, der die neuen Machthaber, die sich an den unpatriotischen Filmen der UFA störten, besänftigen sollte. Dieser frühe „Märtyrerfilm“ um einen idealistischen Jungen, der aus einem kommunistischen Haushalt stammt, sich dann aber begeistert der Hitlerjugend anschließt und am Ende einen gewaltsamen Tod findet, ist ebenso manipulatorisch wie propagandistisch – und äußerst geschickt gemacht.

 

Es ist ein großer Verdienst des Autors, Propagandafilme nie mit abgegriffenen Vokabeln zu behängen, sondern auf die filmischen Mittel, die Ästhetik und die Qualitäten des jeweiligen Werkes einzugehen. So sieht man in „Hitlerjunge Quex“ Heinrich George in einer wichtigen Nebenrolle als alternden Kommunisten, der strikt dagegen ist, dass sich sein Sohn der Hitlerjugend anschießt. George galt durch Rollen in sozialkritischen Filmen wie „Berlin Alexanderplatz“ (1931) von Phil Jutzi als links. Er wirkte aber auch an NS-Propagandafilmen wie „Kolberg“ (1945) mit. Rother betont, dass Heinrich George 1933 noch kein UFA-Star wie Hans Albers oder Heinz Rühmann war, die Filmemacher sich aber bewusst seine Aura als bislang linker Schauspieler zunutze machten, der nun aber auch für die Botschaft der Nationalsozialisten empfänglich ist.

Das längste Kapitel ist Riefenstahls „Triumph des Willens“ gewidmet. Ausführlich geht Rother auf die Entstehungsgeschichte ein, die Intrigen einflussreicher Nazis gegen die Regisseurin oder den weniger bekannten Aspekt, dass der Film über den Reichsparteitag 1934 in Nürnberg, der den Führerkult um Hitler verabsolutierte, ursprünglich von Walter Ruttmann als Co-Regisseur mitverantwortet wurde. Riefenstahl war lediglich als künstlerische Leiterin vorgesehen. Von Ruttmann stammen Szenen, die in Babelsberg mit Komparsen nachgedreht wurden, um die NSDAP und ihre Geschichte zu verherrlichen. Doch dieses Material wurde nicht verwendet und Ruttmann ab einem gewissen Punkt nicht mehr erwähnt, als der Film immer mehr zu Riefenstahls Werk wurde.

Besonders interessant wird „Muster der Propaganda“ durch die beiden in Vergessenheit geratenen Unterhaltungsfilme „Der Herrscher“ und „Urlaub auf Ehrenwort“. Emil Jannings verkörpert in „Der Herrscher“ einen Großindustriellen, der sich ganz in den Dienst der Volksgemeinschaft stellt und seine Kinder bewusst enterbt. Das Familiendrama spitzt sich zu, als der autoritäre Fabrikdirektor eines Stahlwerks sich nach dem Tod seiner Ehefrau in seine von Marianne Hoppe gespielte Sekretärin verliebt. Eine Liaison, gegen die seine Kinder aus erster Ehe Sturm laufen. Das Drehbuch von Thea von Harbou basiert auf dem Theaterstück „Vor Sonnenuntergang“ von Gerhard Hauptmann, das jedoch sehr viel melodramatischer mit einem Doppelselbstmord endet. Regie führte Veit Harlan; die künstlerische Oberleitung unterstand jedoch Emil Jannings. Der Film ist bieder inszeniert und voller dramaturgischer Schwächen. Die große Liebe des Patriarchen zur Sekretärin ist frei von jeder erotischen Komponente, kreuzbrav und nahezu platonisch. Hinzu kommt, dass Emil Jannings oft chargiert, am Ende aber voller Pathos von der Volksgemeinschaft und dem Genie eines Führers schwadroniert.

 

Subtile Botschaften

Filmisch wesentlich ambitionierter ist „Urlaub auf Ehrenwort“, ein Ensemblefilm von Karl Ritter über die Soldatenehre einer ursprünglich aus 70 Mann bestehenden Kompanie, die im Oktober 1918 wenige Stunden Aufenthalt in einem Berliner Bahnhof hat, bevor es weiter an die Westfront gehen soll. Ein idealistischer Offizier gewährt seinen Soldaten einen Kurzurlaub, obwohl er vor dem Kriegsgericht landen würde, wenn auch nur einer der Soldaten desertieren würde. Der Film konzentriert sich ganz auf die unterschiedlichen Protagonisten. Etwa den linkssozialistischen Intellektuellen (Carl Raddatz), einen gemütlichen Straßenbahnfahrer mit einer Horde liebenswerter Kinder, einen jungen Mann, der von seiner Verlobten wegen eines älteren Professors verlassen wurde, plus einen noch sexuell unerfahrenen Jungen, der während des Kurzurlaubs zum „Mann“ wird.

Der Film spricht Themen wie Hunger und Not an, aber auch Pazifismus und Kriegsmüdigkeit, allerdings durchaus im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie. Eine lange Texttafel macht vorab deutlich, dass der Krieg an der Heimatfront verloren wurde; im mehreren Handlungssträngen werden linke Pazifisten, Profiteure und Kleinkriminelle verunglimpft. Im Unterschied zu offensichtlichen Propagandafilmen schwingen diese ideologischen Aspekte in „Urlaub auf Ehrenwort“ aber eher unterschwellig und fast schon „subtil“ mit.

Ursprünglich sollten parallel zur Veröffentlichung des Buches auch alle vier Filme auf einer DVD-Box mit viel Bonusmaterial zugänglich gemacht werden. Doch angesichts der Erfolge der AfD und des Erstarkens des Antisemitismus in Deutschland hat man bei der Bundeszentrale für politische Bildung davon wieder Abstand genommen. Offensichtlich schrecken die Verantwortlichen vor der eigenen Courage zurück. Dafür sind alle Filme natürlich längst im Internet verfügbar, teilweise sogar auf YouTube. Kurioserweise ist der bekannteste Film „Triumph des Willens“ im digitalen Lesesaal des Bundesarchivs frei zugänglich.

 

Macht und Wirkung der NS-Filme

Verwirrend ist übrigens, dass sowohl „Der Herrscher“ wie auch „Urlaub auf Ehrenwort“ lange Zeit nicht mehr auf der Verbotsliste standen, sondern sogar auf VHS erschienen und auf Ebay nun zu horrenden Preisen gehandelt werden. Schon um diesen Filmen den Anstrich des Verrucht-Verbotenen zu nehmen, hätte man sie zumindest digital zugänglich machen sollen. Der Einwand, dass diese Filme immer noch verführen und manipulieren können, ist schon auf Grund ihrer altmodischen Machart nicht mehr stichhaltig. Und seitdem es das Internet gibt, können sich überzeugte Alt- und Neo-Nazis so ziemlich jeden Propagandafilm aus der Vorbehaltsliste besorgen, auch weil sie in Ländern wie den USA nicht verboten sind und auf DVD vertrieben werden.

Dieser Aspekt, dass man diese vier Filme eigentlich nicht oder kaum sehen kann, ist der einzige Wehrmutstropfen bei „Muster der Propaganda“, das man schon jetzt als Standardwerk über die Macht und Wirkung der Filme im NS Staat bezeichnen kann.

"Muster der Propaganda" von Rainer Rother
"Muster der Propaganda" von Rainer Rother (© bpb)

 

Literaturhinweis

Muster der Propaganda. Filme des Nationalsozialismus. Von Rainer Rother. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2025. Zahlreiche schwarz-weiße Abbildungen. 370 Seiten. 7,50 EUR. Bezug: www.bpb.de/shop

 

Jetzt den FILMDIENST-Newsletter bestellen

Ja, ich möchte wöchentlich den FILMDIENST-Newsletter abonnieren. 
 
In jedem Newsletter befindet sich ein Link zum Abbestellen. 
 
Hinweise zum Widerruf und der Verarbeitung der Daten geben wir in unserer Datenschutzerklärung.
Kommentar verfassen

Kommentieren