Tagebuch eines Skandals

Drama | Großbritannien/USA 2006 | 92 Minuten

Regie: Richard Eyre

Eine Lehrerin Mitte 30 erregt die Leidenschaft einer altjungferlichen, verbitterten Kollegin und macht sich durch ihr Verhältnis mit einem minderjährigen Schüler erpressbar. Dem Film geht es weniger um reißerischen "Thrill" als um die Durchdringung der Charaktere, deren Nöte und Einsamkeit, aber auch deren Hoffnungen bedrückend erfahrbar werden. Stimmig in Atmosphäre und in der Besetzung bis in die kleinsten Nebenfiguren, wird er von zwei großartigen Hauptdarstellerinnen getragen, wobei ihm das Kunststück gelingt, auch für die vom Leben enttäuschte, verzweifelte Erpresserin ein gewisses Maß an Sympathie zu wecken. - Sehenswert ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
NOTES ON A SCANDAL
Produktionsland
Großbritannien/USA
Produktionsjahr
2006
Produktionsfirma
DNA Films/BBC Films/UK Film Council/Scott Rudin PRod.
Regie
Richard Eyre
Buch
Patrick Marber
Kamera
Chris Menges
Musik
Philip Glass
Schnitt
John Bloom
Darsteller
Judi Dench (Barbara Covett) · Cate Blanchett (Sheba Hart) · Bill Nighy (Richard Hart) · Andrew Simpson (Steven Connolly) · Philip Davis (Brian Bangs)
Länge
92 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama
Externe Links
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Heimkino

Die Extras umfassen u.a. einen Audiokommentar des Regisseurs.

Verleih DVD
Fox (16:9, 1.85:1, DD5.1 engl./dt.)
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Diskussion
Sex mit einem Minderjährigen, noch dazu mit einem Schutzbefohlenen! Die Lehrerin Sheba weiß, dass sie sich auf schlüpfrigem, abschüssigem Gelände bewegt, als sie sich an ihrem neuen Arbeitsplatz, einer nicht gerade feinen Londoner Schule, auf eine Affäre mit ihrem Schüler Steven einlässt. Aber der hartnäckige, irritierend selbstbewusste Teenager lässt sich nicht mehr so einfach aus ihrem Leben und ihren Gedanken verbannen, nachdem er das erste Mal mit Sheba geschlafen hat. Dabei will diese eigentlich aufhören, ihn zu treffen. Weil sie Familie hat, einen liebe- und humorvollen, wenn auch um einiges älteren Ehemann, eine pubertierende Tochter und einen geistig behinderten Sohn, mit denen die Pädagogin in einer Art fröhlichem Villa-Kunterbunt-Haushalt zusammenlebt – kein Heim, aus dem ein Ausbruchsversuch naheliegend zu sein scheint. Sheba ist bewusst, dass sie gegen ein Tabu verstößt und ihren Job verlieren wird, sollte die Affäre publik werden. Und als es dann so kommt, wie es kommen muss, ist der Skandal perfekt, die Sex-Lehrerin auf den Titelseiten der Klatschpresse und ihre Familie kurz vorm Zerbrechen. Schuld daran ist jedoch nicht nur Shebas verbotene Liebschaft, sondern die destruktive Leidenschaft ihrer altjüngferlich-resoluten Kollegin Barbara. Diese ist die eigentliche Hauptfigur in Richard Eyres beklemmendem Psycho-Drama, die Agierende und Intrigierende, während sich die schöne, ätherische Sheba mit ihrer unbestimmten Traurigkeit und ihrem Lebenshunger zum Spielball fremder Sehnsüchte machen lässt. Es ist Barbara, deren Perspektive der Zuschauer teilt – durch die Kamera, die zärtlich Cate Blanchetts Körper und Gesicht abtastet und damit das lesbische, nie ausgesprochene Begehren Barbaras für die jüngere Kollegin vermittelt: Sheba erscheint als Lichtgestalt, die Farbe und Schönheit in eine triste Lebenswelt bringt. Und da ist die Voice- Over, die Einblicke in Barbaras Tagebuch gibt und ihre Gedanken enthüllt: gnadenlos desillusionierende und negative Betrachtungen, was ihre Umwelt und ihre Mitmenschen betrifft, aber hoffnungslos romantisch und weltfremd, wenn es um ihre Beziehung zu Sheba geht. In dieser glaubt die alleinstehende, bittere Dame eine verwandte Seele gefunden zu haben, und sie geht davon aus, dass es ihnen bestimmt sei, ihr Leben in Zukunft zu teilen. Die Glanzpunkte der Woche – jene Tage, an denen sie kleine goldene Sterne in ihr Tagebuch klebt – sind für sie die Erlebnisse, die ihr den Eindruck vermitteln, Sheba wieder ein bisschen näher zu kommen. Und dieses Ziel verfolgt Barbara gänzlich unromantisch mit dem strategischen Geschick eines Nelson oder Wellington. Ihr Hauptverbündeter dabei ist Shebas Unsicherheit: ihre Verführbarkeit durch Steven, ihr Bedürfnis, bei der älteren Kollegin Halt zu finden. So nutzt Barbara Shebas „Fehltritt“ geschickt aus, um diese an sich zu binden und die junge Frau letztlich so zu isolieren, dass ihr nur noch die angebliche Freundin als letzte Zuflucht bleibt. Ein perfides, verstörendes Spiel einer Obsession, die keinerlei Unrechtsbewusstsein kennt, wenn es darum geht, sich den Gegenstand ihrer Liebe zu Eigen zu machen. „Tagebuch eines Skandals“ erzählt eine Genregeschichte, den Krimi einer „verhängnisvollen Affäre“, wie man ihn bereits aus etlichen Filmen kennt – aber wie man ihn selten so überzeugend erzählt bekommen hat. Der Film schöpft seinen Thrill dabei nicht aus einer reißerischen Überspitzung, sondern aus der Eindringlichkeit seiner Charaktere, aus der schmerzhaften Intensität ihres Sehnens und ihrer Nöte, die einem direkt unter die Haut gehen, auch wenn die Grundkonstellation weidlich bekannt ist. Das liegt an der präzisen Bildsprache, die eine große Nähe zu den Figuren herstellt und gleichzeitig ein bedrückendes Bild glanzloser Großstadt-Alltäglichkeit entwirft, während die Musik von Philip Glass konsequent eine Atmosphäre der Unbehaglichkeit und Bedrückung aufbaut: manchmal als unterkühlte Drohung, manchmal schrill den Schmerz akzentuierend. Eyre inszeniert einen Ensemble-Film vom Feinsten mit stimmigen, lebendigen Nebenfiguren und zwei großartigen weiblichen Stars. Judi Dench verleiht der ältlichen, fülligen Barbara eine bedrohliche Aura, um die sie so mancher Film-Bösewicht beneiden muss, ohne sie aber zum „Monster“ zu degradieren (wobei es sich empfiehlt, nach Möglichkeit die englische Originalfassung des Films anzusehen, um in den Genuss ihrer eigenen Stimme als Voice-Over zu kommen). Eine gewisse Empathie kann man ihrem ebenso verzweifelten wie rücksichtslosen Gieren nach Shebas Zuwendung, ihrer tiefen Einsamkeit kaum verwehren.
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