Als Hitler das rosa Kaninchen stahl

Drama | Deutschland/Schweiz 2019 | 119 Minuten

Regie: Caroline Link

1933 flieht eine Neunjährige mit ihrer jüdischen Familie vor dem NS-Regime aus Berlin. Während die Eltern erst in der Schweiz und später in Frankreich mit Sorge die politischen Ereignisse verfolgen, lernen die Kinder andere Sprachen und neue Regeln, suchen nach Geborgenheit und müssen doch immer wieder Abschied nehmen. Ohne klischeehafte Bilder erzählt die Adaption des gleichnamigen Kinderbuchs von den ersten Jahren des NS-Regimes, Antisemitismus, Flucht und Vertreibung. Bemerkenswert ist sowohl der stetige Wechsel zwischen Betrübtheit und Lebensfreude als auch die Erzählperspektive: Durch ein Kind im Mittelpunkt öffnet sich das komplexe Themenfeld sensibel auch für ein junges Publikum. - Sehenswert ab 10.

Filmdaten

Originaltitel
ALS HITLER DAS ROSA KANINCHEN STAHL
Produktionsland
Deutschland/Schweiz
Produktionsjahr
2019
Regie
Caroline Link
Buch
Caroline Link · Anna Brüggemann
Kamera
Bella Halben
Musik
Volker Bertelmann
Schnitt
Patricia Rommel
Darsteller
Riva Krymalowski (Anna Kemper) · Oliver Masucci (Arthur Kemper) · Carla Juri (Dorothea Kemper) · Justus von Dohnányi (Onkel Julius) · Marinus Hohmann (Max Kemper)
Länge
119 Minuten
Kinostart
26.12.2019
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 10.
Genre
Drama | Familienfilm | Jugendfilm | Literaturverfilmung

Verfilmung des gleichnamigen Kinderbuchs über ein jüdisches Mädchen, das mit seiner Familie 1933 aus Deutschland in die Schweiz flieht und sich mit neuen Regeln konfrontiert sieht.

Diskussion

Als Annas Familie schon ein paar Wochen in der Schweiz lebt, in einem kleinen Dorf am Zürichsee, erreicht sie eine schlechte Nachricht. Das Haus in Berlin, das sie fluchtartig verlassen musste, wurde mit dem gesamten Hab und Gut von den Nationalsozialisten beschlagnahmt. Die Hoffnung, bald wieder in ihr Zuhause zurückzukehren, wird damit erst einmal zerschlagen. Anstatt in die Schranken gewiesen zu werden, haben die Nationalsozialisten an Macht und Einfluss gewonnen und nach den Reichstagswahlen im März 1933 sogar damit begonnen, alle Grundrechte auszuhebeln.

Die politische Reichweite dieser Entwicklung ist der neunjährigen Anna allerdings noch nicht bewusst. Für sie zählt etwas ganz Konkretes: Die Nationalsozialisten sind nun im Besitz ihres Lieblingskuscheltiers, das sie in Berlin zurücklassen musste: Hitler hat ihr rosa Kaninchen gestohlen.

Die Regisseurin Caroline Link behält in ihrer Verfilmung die Perspektive der ??? mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichneten Vorlage von Judith Kerr bei und stellt ebenfalls die Sichtweise der jungen Anna in den Mittelpunkt. Aus Annas Augen beobachtet sie, wie sich die politischen Verhältnisse in Deutschland 1933 allmählich verändern.

Buch und Film brechen damit die großen Ereignisse auf die Lebenswelt von Kindern herunter. Neben Fannys Reiseund der Zeichentrickserie Die langen großen Ferien ist „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ einer der eindrucksvollsten jüngeren Filme, die sich darum bemühen, sensibel, kindgerecht und ehrlich über die NS-Zeit zu erzählen.

Keine typischen Bilder des Nationalsozialismus

Es ist eine Stärke des Films, auf die typischen Bilder des Nationalsozialismus zu verzichten, die in so vielen anderen Filmen bedient werden. Es gibt keine Konfrontationen mit zwielichtigen SS-Männern und keine dramatischen Fluchtszenen; markante historische Ereignisse fließen nebenbei in die Handlung ein. Verharmlost wird dadurch allerdings nichts. Unmissverständlich macht der Film zu Beginn deutlich, dass Annas Vater, ein bekannter jüdischer Autor und Kritiker der Nationalsozialisten, schleunigst das Land verlassen muss, um sich in Sicherheit zu bringen. Wenige Tage später ist die ganze Familie auf dem Weg in die Schweiz. Nur die geliebte Haushälterin Heimpi bleibt in Berlin zurück.

Anna, ihren älteren Bruder Max und ihre Eltern verschlägt es erst in ein kleines Dorf am Zürichsee, später dann nach Paris. Immer wieder stehen Anna und Max vor denselben Problemen: Sie müssen neue Freunde finden, sich an ungewohnte Regeln und Traditionen gewöhnen, ihren Platz in der Schule erkämpfen, Sprachbarrieren überwinden, Ausgrenzungen ertragen. Und immerzu werden sie auch mit dem Antisemitismus konfrontiert, der sich zunehmend in Europa ausbreitet.

Ein Glücksgriff in der Hauptrolle

Erneut beweist Caroline Link ihr besonderes Gespür im Casting und in der Schauspielführung von Kindern. Mit Riva Krymalowski ist ihr ein Glücksgriff gelungen. Die Rolle der Anna spielt die Nachwuchsschauspielerin mit einer Mischung aus Neugier, Frechheit, Witz und Zerbrechlichkeit, womit sie genau zu der starken Persönlichkeit wird, die diese Geschichte tragen kann. Die Inszenierung wirft zudem einen genauen Blick auf die Beziehungen innerhalb der Familie. Mit prägnanten, warmherzigen Szenen erzählt „Als Hitler das rosarote Kaninchen stahl“ vom Verhältnis zwischen dem Vater und seinen Kindern, für die er zum Mentor wird, aber auch von dem Familiengefüge als Ganzes.

Von Station zu Station engt sich der Handlungsspielraum der Kempers immer mehr ein; die weitläufige Villa in Berlin wandelt sich zur viel zu kleinen Wohnung mitten in Paris. Und doch bewahrt sich die Familie auch unter widrigsten Umständen ihren Humor und ihre Lebensfreude. Das gemeinsame Essen wird zum verbindenden Element; der Zusammenhalt untereinander garantiert die dringend notwendige Sicherheit und Geborgenheit auch ohne festen Wohnsitz.

Niemals den Lebensmut verlieren

Diese positive Grundhaltung überrascht zunächst. Ist es angemessen, derart leichtfüßig über Flucht und Vertreibung – im konkreten Fall des Holocaust, aber auch mit Blick auf die Schicksale gegenwärtiger Geflüchteter – zu erzählen? Damit aber bleibt Caroline Link der Erzählhaltung der Romanvorlage treu, ohne die Augen vor dem Ernst der Lage zu verschließen und die Entbehrungen, die Ängste und die Sorgen deutlich zu machen. „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ ist keine optimistische Geschichte über Flucht. Wohl aber eine darüber, seinen Lebensmut niemals zu verlieren. Vielleicht wirkt diese Botschaft hier umso glaubwürdiger, weil sie aus dem Mund eines Kindes kommt.

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