Drama | Spanien 2020 | 119 Minuten

Regie: Salvador Calvo

Drei Geschichten ums Verhältnis von Afrika und Europa und die Flüchtlingsthematik, die sich schließlich kreuzen. Ein Sechsjähriger flieht mit seiner Schwester aus Kamerun und versucht, sich im Fahrwerksschacht eines Flugzeugs nach Europa zu schmuggeln; ein spanischer Umweltaktivist setzt sich in Afrika für den Schutz bedrohter Tiere ein; die dritte Episode schließlich spielt in Marokko bei Melilla, wo Wachpersonal Flüchtlinge aus der Subsahara-Region daran hindern will, die Grenzzäune zu der spanischen Exklave zu stürmen. Dem spanischen Drama gelingt eine vielschichtige Herangehensweise, die eindringlich die humanitären Folgen der Fluchtbewegungen und des europäischen Umgangs damit beleuchtet, wenn der Film auch manchmal über die Stränge schlägt, wenn er das Geschehen etwa durch Musik emotionalisiert. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
ADÚ
Produktionsland
Spanien
Produktionsjahr
2020
Regie
Salvador Calvo
Buch
Alejandro Hernández
Kamera
Sergi Vilanova
Musik
Roque Baños
Schnitt
Jaime Colis
Darsteller
Moustapha Oumarou (Adú) · Luis Tosar (Gonzalo) · Álvaro Cervantes (Mateo) · Anna Castillo (Sandra) · Miquel Fernández (Miguel)
Länge
119 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama

Diskussion

Der Stacheldraht reißt die Haut des Mannes auf, der auf dem Grenzzaun hängt. Er sei ein politischer Flüchtling aus dem Kongo, schreit er. Keiner der anderen, die den Zaun erklettern, scheint dazu in der Lage, ihn von dem messerscharfen Draht zu befreien. Die meisten rütteln verzweifelt am Zaun. Eine Panik ist nicht mehr aufzuhalten. Migranten aus Melilla kommen protestierend hinzu, denen die Flucht früher gelang. Der Handvoll Männer der spanischen Guardia Civil entgleitet die Situation. Sie schneiden den Kongolesen vom Stacheldraht los. Doch der tritt um sich. Einer der Polizisten schlägt mit dem Knüppel zu. Das Gerüttel am Zaun nimmt zu. Dann passiert es: ein Polizist und der Kongolese fallen sechs Meter tief zu Boden. Beide schlagen sie mit dem Kopf auf. Einer bleibt reglos liegen. Er trägt keinen Helm.

Drei Migrationsgeschichten

„Adú“ von Salvador Calvo, der bisher vor allem im Fernsehen und bei Serien Regie führte, beginnt mit hoher Dramatik und macht deutlich, worauf es ihm ankommt: Davon zu erzählen, dass die Zunahme und Zuspitzung von Migration und Flucht Menschen in Situationen zwingt, die Grenzen des Menschenwürdigen überschreiten und denen sie nicht mehr gewachsen sind. Die Geschichte von drei Polizisten der Guardia Civil in Melilla, gegen die ein Verfahren eingeleitet wird, weil ein Mann beim Überschreiten des Grenzzauns zu Tode kam, ist eine von drei Geschichten, die erzählt werden.

Die zweite Geschichte ist die des titelgebenden Adú (Moustapha Oumarou). Er ist ein kleiner Junge aus Kamerun, der mit seiner älteren Schwester Alika (Zayiddiya Dissou) aus seiner Heimat flieht, weil sie ihnen keinen Schutz mehr vor der Gewalt eigener Landsleute bietet. Und da ist drittens die Geschichte von Gonzalo (Luis Tosar), einem Spanier, der in Afrika für Tierschutzorganisationen arbeitet. Den im Tierreservat Dja arbeitenden Männern aus Kamerun bleibt er fremd, und fremd ist er auch schon längst seiner eigenen Tochter Sandra (Anna Castillo) geworden, die ihn besuchen kommt.

Vielfalt der Charaktere

Erzählerisch überzeugend begegnen sich die drei Geschichten immer wieder. Doch was verbindet die Charaktere? Da sind die Polizisten: der eine ist von seiner Unschuld überzeugt, der zweite eher Mitläufer, der dritte – auf ihm liegt der Fokus – ein Zweifler. Gonzalo will helfen, merkt aber nicht, dass er in Ansätzen neokolonialistisch belehrend wirkt sowie den Eindruck vermittelt, Elefanten seien ihm wichtiger als Menschen. Und da sind Adú, seine Schwester und später der junge Massar, die eindeutig die Opfer einer globalisierten Welt sind, die nicht dazu in der Lage und auch nicht willens ist, Menschen in Afrika Lebensgrundlagen zu ermöglichen. Die drei erleben eine Odyssee, die sie jeglicher Kindheit beraubt.

In der Adú-Geschichte ist die vielleicht stärkste Szene des Films. Endlich bei ihrer Tante in Yaoundé, der Hauptstadt Kameruns, angekommen, ändert sich plötzlich der Plan. Alika und Adú sollen sich im Fahrwerksschacht eines Flugzeugs verstecken, das nach Paris fliegt. Eine solche Flucht mit dem Flugzeug hat tatsächlich schon einmal stattgefunden. In dieser Szene wird uns vor Augen geführt, wozu Menschen gezwungen sind, was sie auf sich nehmen, um ihrer Heimat, die sie verlassen hat, zu entrinnen und einen Überlebenswillen zu entwickeln, der sie ein kleines Stück vorwärtsbringt in eine letztlich doch offene und nicht allzu verheißungsvolle Zukunft. So werden die drei Geschichten zusammengehalten von Schuld und Unschuld, von Flucht und dem Suchen nach Zuflucht und ein bisschen Menschlichkeit.

Melilla, Migration und Film

Über Melilla und die zahlreichen Versuche von Menschen aus afrikanischen Ländern vor allem südlich der Sahara, über den Zaun nach Spanien und Europa zu gelangen, ist schon oft berichtet worden. Die Zäune sind über sechs Meter hoch. Die spanische Guardia Civil und marokkanische Grenzschützer bekämpften Geflüchtete auch mit Gummigeschossen und Tränengas. Die Diskussion im Film, dass es sich bei dem Toten nachweislich um einen politischen Flüchtling gehandelt habe, dem das Recht auf Asyl nicht hätte verwehrt werden können, zeigt die Ambivalenz dieses Themas. 

Bei der Anzahl an Filmen der vergangenen etwa zehn bis fünfzehn Jahre zu Migration, speziell von Afrika nach Europa, lässt sich von einem kleinen Genre des Migrationsfilms sprechen. Da sind unter anderem „Als der Wind den Sand berührte“ (Marion Hänsel, 2006), „Die andere Seite der Hoffnung“ (Aki Kaurismäki, 2017), „Die Piroge“ (Moussa Touré, 2012) oder „Mediterranea“ (Jonas Carpignano, 2015). Im Dokumentarfilm ist das Thema noch viel präsenter. Mit „Als Paul über das Meer kam“ (Jakob Preuss, 2017) gibt es sogar einen Film, der starke Überlappungen mit „Adú“ aufweist. Der Film handelt von Paul Nkamani aus Kamerun, der in Melilla in einem der Camps darauf wartete, nach Europa zu gelangen.

Im Spielfilm ist es möglich, anders zu erzählen, die Dramatik im geeigneten Zeitpunkt zuzuspitzen, die Figuren in Situationen zu zeigen, denen wir realiter niemals beiwohnen können. Darin überzeugt „Adú“ über weite Teile. In den Mitteln der Emotionalisierung geht der Film jedoch oft zu weit. Dies liegt nicht zuletzt an der Musik. Hier wird ohnehin schon stark aufgeladenen Bildern von Leid, Trennung und Tod zu viel weiterer Ballast verabreicht. Dies führt gelegentlich fast zum Kitsch und dazu, die ansonsten starken Geschichten nicht mehr ernst genug zu nehmen.

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