Das Arvo Pärt Gefühl

Dokumentarfilm | Niederlande 2020 | 78 Minuten

Regie: Paul Hegeman

Annäherungen an den estnischen Komponisten Arvo Pärt und seine meditativ-experimentellen Kompositionen, die sich auch in Soundtracks unzähliger Filme finden. Die komplexe Einfachheit und Klarheit seines „Tintinnabuli“-Stils korrespondiert mit einer offenen Spiritualität, die seine Bewunderer im Film zu wortreichen, mitunter recht unscharfen Ausdeutungen provoziert. Der Musiker selbst tritt als freundlicher, den Menschen zugewanderter Virtuose in Erscheinung, der um die perfekte Aufführung seiner Tondichtungen ringt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
HET PÄRT GEVOEL - HET UNIVERSUM VAN ARVO PÄRT | THAT PÄRT FEELING
Produktionsland
Niederlande
Produktionsjahr
2020
Regie
Paul Hegeman
Buch
Paul Hegeman
Kamera
Paul Hegeman
Schnitt
Caitlin Hulscher
Länge
78 Minuten
Kinostart
10.09.2020
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Musikdokumentation

Annäherungen an den estnischen Komponisten Arvo Pärt und seine meditativ-experimentellen Kompositionen, die sich in Soundtracks unzähliger Filme finden.

Diskussion

Was haben so unterschiedliche Filme wie „Lektionen in Finsternis“, „Der schmale Grat“, „Winterschläfer“, „Insider“, „Bella Martha“, „Gerry“, „Fahrenheit 9/11“, „There Will Be Blood“, „Loveless“ und „Ein verborgenes Leben“ gemeinsam? Ihren hohen Ton? Einen leichten Hang zur Prätention? Vielleicht. Aber zunächst: In ihren Soundtracks findet sich die eingängig-meditativ-melodische Musik des tief religiösen estnischen Komponisten Arvo Pärt. Der feiert am 11. September 2020 seinen 85. Geburtstag und erreicht mit seinen Platten Verkaufszahlen, von denen die meisten anderen nur träumen können.

Die Stille & das Schweigen

Arvo Pärt, Jahrgang 1935, hatte zu Beginn seiner Karriere durchaus konventionell mit Techniken der Zwölftonmusik und der Serialität experimentiert. In den 1970er-Jahren wandte er sich dann aber der russisch-orthodoxen Kirche und der Gregorianik sowie der Musik der Renaissance zu und entwickelte seinen auf Reduktion basierenden „Tintinnabuli“-Stil des Dreiklangs. Pärt dazu: „Die drei Klänge eines Dreiklangs wirken glockenähnlich. Deshalb habe ich es Tintinnabuli genannt. Ich arbeite mit wenig Material, mit einer, mit zwei Stimmen, ich baue aus primitivstem Stoff. Dieser eine Ton, die Stille oder das Schweigen, beruhigen mich. Mit der Tintinnabuli möchte ich gewissermaßen unterstreichen, dass die Wahrheit Gottes ewig währt. Ich möchte sagen, dass sie einfach ist. Man möchte direkt zu ihr hingehen. Ich denke, es ist der Klarheit und Einfachheit der Konstruktion zu verdanken, dieser absolut klaren Ordnung, die wir alle bewusst oder unbewusst wahrnehmen. Meiner Meinung nach handelt es sich um Schwingungen, die eine Art Resonanz entstehen lassen. Das ist das Geheimnis von Musik, von jeder Musik.“

Das minimalistische Klavierstück „Für Alina“ bezeichnete 1976 den Ausgangspunkt der Pärt’schen Ästhetik, deren offene Spiritualität in der Sowjetunion als Provokation empfunden wurde und den Komponisten ins Exil trieb. Pärt ging zunächst nach Wien, später dann nach Berlin. Seit 2008 lebt Pärt wieder in Estland.

Im Westen erhielt Pärt nach seinem Durchbruch mit „Tabula Rasa“ (1977 komponiert; 1984 beim ECM-Label veröffentlicht) schnell das Image eines weisen Asketen und Mystikers verpasst, eines weltvergessenen Genies, das nach innen blickt. Die der Moderne verpflichtete Musikkritik wittert hinter dem Anspruch des Essentiellen eher Schlichtheit. Dem Publikum indes gefällt es. Alex Ross schreibt zu Pärts Erfolg und seiner Massenwirkung (und Gleichgesinnter wie der Komponisten John Tavener und Henryk Górecki): „Sie lieferten einer technisch übersättigten Kultur Oasen der Ruhe und Entspannung. Für einige Menschen erfüllte Pärts seltsame spirituelle Reinheit auch verzweifeltere Bedürfnisse: eine Stationsschwester in einem New Yorker Krankenhaus spielte jungen Männern, die an AIDS starben, regelmäßig ‚Tabula rasa‘ vor. An ihren letzten Lebenstagen verlangten sie es immer und immer wieder zu hören.“

Eine weit offene Projektionsfläche

Das ist nicht ohne Polemik, aber ein ähnlicher Gedanke kommt auch in Paul Hegemans Dokumentation „Das Arvo Pärt Gefühl“ vor. Hier allerdings auf spezifische Weise anders gewendet. Gleich zu Beginn heißt es, dass Pärt und/oder seine Musik vielleicht von einem anderen Planeten käme. Zu seltsam und ungewöhnlich sei es in dieser aufs Äußere fixierten Zeit, dass ein Komponist sich nicht vom Äußeren inspirieren ließe, sondern nach innen blicke. Und was er dort stellvertretend für sein Publikum finde, sei eben ein großes Angebot. An anderer Stelle heißt es vollmundig: „In seiner Musik und seiner Person gibt es etwas, was Menschen universell anspricht. Jede/r erhascht etwas, das er erkennt oder nach dem er sich sehnt. Das kann Friede sein, Spiritualität oder einfach nur eine absolut schöne Note. Es kann Freundschaft sein oder aber ein Gefühl der Zugehörigkeit.“ Man sieht: In „Das Arvo Pärt Gefühl“ fungieren der Komponist und seine Musik als Projektionsfläche, auf die man nach Lust und Laune draufraunen kann. Hier sprechen Fans zu Fans, horchen stellvertretend in sich hinein und geben zu ahnen, dass diese Musik fragt: Wie willst du leben?

Arvo Pärt selbst ist in dem Film zwar präsent, aber vor allem als Medium, das seine Musik den Musikern zu vermitteln versucht: singend, tanzend, gestikulierend und mit Worten, die nach dem treffenden Ausdruck suchen. Es ist durchaus spannend zu beobachten, wie er um die perfekte Performance seiner Kompositionen ringt, deren komplexe Einfachheit eine andere Form von disziplinierter Virtuosität erfordert. Hier wird kein Ton, kein Akkord verschwendet, eher geht es darum, den einen Ton im Ensemble perfekt zu spielen.

Der Film, der sein Material offenbar im Rahmen eines Pärt-Festivals in Amsterdam gesammelt hat, zeigt diese Arbeit in allerlei Facetten, dokumentiert Tanztheater, kleinere und größere Ensembles wie das Amsterdam Cello-Oktett, einen Chor und einen Workshop. Da Pärt selbst offenbar nicht für ein Gespräch zur Verfügung stand, sprechen Musiker(innen) wie Candida Thompson und Daniel Reuss, Choreografen wie Jiri Kylián oder die Techno-Performerin Kara-Lis Coverdale über den Komponisten, seine Musik und die zentrale Bedeutung ihrer Nuancen sowie über ihre mutmaßliche Spiritualität. Sie hören sich dabei so apodiktisch an wie Quacksalber, die die Qualität ihrer Wundertropfen preisen.

Den Menschen zugewandt, ohne eitel zu wirken

Beobachtet von der Kamera, zeigt sich Arvo Pärt, dessen Auftreten immer ein wenig an Stanley Kubrick erinnert, als den Menschen sehr zugewandt und freundlich; er begleitet die Arbeit der Musiker(innen) extrem konzentriert und ernsthaft, kann beim Gelingen aber auch große Freude, ja geradezu Rührung zeigen, ohne eitel zu wirken.

Für die passenden Anekdoten vom Eremiten, dem Kind Gebliebenen ohne jegliches Interesse am materiellen Besitz sorgen dann seine „Jünger“, deren Aussagen erstaunlich unscharf und lapidar ausfallen, vielleicht auch ausfallen müssen, weil es um Gefühle und nicht um Analyse geht. Ein Gespräch mit Alain Gomis, der Pärts Musik in seinem Film „Félicité“ (2017) einsetzte, belegt gewissermaßen die universelle Qualität dieser Klänge. Folglich gilt: Filmemacher! Wenn es existentiell wird, greife ruhig zu Arvo Pärt! Dem Film „Das Arvo Pärt Gefühl“, obwohl nur 75 Minuten lang, hätte dagegen, auch im Sinne des Auskostens der Musik, etwas mehr Kontemplation ganz gutgetan.

Kommentar verfassen

Kommentieren