Drama | Großbritannien 2020 | 117 Minuten

Regie: Ben Wheatley

Eine junge Frau zieht mit ihrem frisch angetrauten Ehemann in dessen nobles Anwesen an der englischen Küste. Dort legt sich allerdings ein Schatten auf das neue Glück: In dem alten Anwesen scheint die neue Herrin permanent im Schatten der verstorbenen ersten Frau ihres Mannes zu stehen, nicht zuletzt, weil die Haushälterin des Anwesens deren Gedenken ständig präsent hält. Eine Neuverfilmung des Romans von Daphne du Maurier, die im Vergleich zu Alfred Hitchcocks Film wenig eigene Akzente setzt. Versuche, das Material dem Zeitgeist anzupassen, wirken etwas halbherzig. Dank der Qualitäten des Stoffs, guter Schauspielleistungen und einer Betonung mehr der zwischenmenschlichen und materiellen als der schauerromantischen Aspekte aber trotzdem ein unterhaltsamer Film. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
REBECCA
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2020
Regie
Ben Wheatley
Buch
Jane Goldman · Joe Shrapnel · Anna Waterhouse
Kamera
Laurie Rose
Musik
Clint Mansell
Schnitt
Jonathan Amos
Darsteller
Lily James (Mrs. de Winter) · Armie Hammer (Maxim de Winter) · Kristin Scott Thomas (Mrs. Danvers) · Keeley Hawes (Beatrice Lacy) · Sam Riley (Jack Favell)
Länge
117 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Literaturverfilmung | Mystery-Film

Eine Neuverfilmung des gleichnamigen Romans von Daphne du Maurier, den Alfred Hitchcock bereits 1940 verfilmte: Eine junge Frau zieht mit ihrem frisch angetrauten Ehemann in dessen nobles Anwesen an der englischen Küste, fühlt dort indes immer den übermächtigen Schatten von dessen verstorbener erster Ehefrau auf sich.

Diskussion

Es liegt eine tragische Poesie in dem Versuch, Daphne du Mauriers Roman „Rebecca“ nach Alfred Hitchcocks Erfolg mit diesem Stoff („Rebecca“, 1940) noch einmal zu verfilmen. Schließlich handelt es sich um die Geschichte einer Frau, die im Schatten einer anderen steht. Mühsam kämpft sie darum, mehr als das traurige Echo des übermächtigen Originals zu werden. Wenn jetzt der britische Filmemacher Ben Wheatley seine Version dieser Geschichte erzählt, dann wird jedes Bild von der Vergangenheit heimgesucht. „Rebecca“ tritt im Jahr 2020 die beschwerliche Rolle der zweiten Mrs. de Winter an, die Bemühungen um Eigenständigkeit von Film und Hauptfigur werden eins. Eine Verdopplung, ein Reim. Zweifelsohne Poesie, aber eben tragische.

Wieder verliebt sich eine junge Gesellschafterin (früher Joan Fontaine, heute Lily James) während eines Aufenthalts in Monte Carlo in den eleganten Witwer Maxim de Winter (Armie Hammer statt Laurence Olivier). Eine stürmische Romanze mündet in einer schnellen Hochzeit, und plötzlich findet sich die Braut im türmenden Anwesen Manderley in Cornwall wieder. Doch Maxim hat den Tod seiner ersten Frau Rebecca nie ganz verwunden, und auch seine Haushälterin Mrs. Danvers (Kristin Scott Thomas) hängt ihrer alten Herrin nach. In den zahllosen Zimmern lauern düstere Geheimnisse, und die Verstorbene ist immer noch unheimlich präsent.

Dem Unverortbaren wird ein Platz zugewiesen

Du Mauriers Roman von 1938 und Hitchcocks meisterliche Adaption von 1940 leben von ihren Leerstellen, vom Unausgesprochenen und Abwesenden. Sie präsentieren Gothic Horror, in dem die Geister der Toten immer nur im Trauma der Lebenden existieren. In ihren Gesten und in der Art, wie ihre Gedanken und Gefühle den Verlorenen nachhängen. Selten wirklich subtil, dafür aber sardonisch und in einen dichten, fast strahlenden Nebel gekleidet. Worte wie „Geist“ kommen weder im Roman noch im Drehbuch vor, weil das Offensichtliche nicht ausgesprochen werden muss. Wheatleys Inszenierung und das Skript von Jane Goldman sind expliziter. Sie erklären und benennen, sie füllen Lücken. Jeder Blick und jede Geste wird ein wenig zu stark betont, jede Anspielung hängt zu lange und zu deutlich in der Luft. Aus Fingerzeigen werden die Signale von Fluglotsen. Dem Unverortbaren wird ein Platz zugewiesen, die Sehnsucht nach Ordnung wiegt schwer auf den aufgeräumten Bildkadern.

„Rebecca“ präsentiert sich visuell blankpoliert, aseptisch wie die Pilotfolge einer teuren Fernsehserie. Als Spachtelmasse für alle Unebenheiten muss der Zeitgeist herhalten. Die kontrastreichen Schwarz-weiß-Bilder, die Manderley in Hitchcocks Film in ein Schattenkönigreich verwandelten, weichen einer etwas einfältigen Farbdramaturgie. Hier und da erinnert eine expressionistische Lichtstimmung an Giallo-Filme, doch der sonst oft zum Exzess neigende Wheatley bleibt erstaunlich bieder. Bei aller Opulenz wirken Monte Carlo und das Anwesen nunmehr wie Schauplätze aus „50 Shades of Grey“ oder einem Rap-Video. Olivier erschien in schwarz unwirklich elegant, Hammer in senffarben erinnert an ein Anzugmodel.

Die moderne Liebe ist bodenständiger

Olivier und Fontaine verliebten sich während Autofahrten, bei denen sie durch die Rückprojektionen fast durch Monte Carlo zu schweben scheinen. Die moderne Liebe ist bodenständiger. In klar unterteilten Dates kommen sich Hammer und James näher und lernen einander kennen. Die stereotypen Geschlechterrollen werden ein wenig aufgebrochen, etwa, indem die zukünftige Mrs. de Winter jetzt von ihrem Vater alles Mögliche über Autos gelernt hat. Der vorsichtige Protofeminismus des Romans wird klarer umrissen, wobei die Metaphern dafür oft etwas plump geraten. So nimmt die Hauptfigur in einer Reitszene im wahrsten Sinne des Wortes „die Zügel“ in die Hand. Auch der queere Subtext der Beziehung zwischen Rebecca und Mrs. Danvers wird deutlicher herausgearbeitet. Die Fixierung auf die Nachthemden ihrer verblichenen Herrin wird zum Fetisch, wo sie in einer Szene sichtbar ein sehr ähnliches Kleidungsstück trägt. Liebte sie Rebecca? Als Frau oder als Symbol einer Zeit? Oder war sie auch nur ein Opfer ihrer Intrigen, wie so viele andere? Noch da, wo ihre Trauer lodert und vernichtet, bleibt sie abstrakt. 

Wie bei seiner Verfilmung von J.G. Ballards „High-Rise“ reizt Wheatley die Schilderung von Klassenunterschieden. Eingangs wird die jung verwaiste Mrs. de Winter von ihrer Arbeitgeberin Mrs. van Hopper (Ann Dowd) schikaniert. In den monegassischen Luxushotels ist sie fehl am Platz, als Bedienstete darf sie nicht einmal allein den Speisesaal benutzen. In Manderley und der Welt des alten Geldes mag sie nominell die Hausherrin sein, doch ihr Habitus entlarvt sie gegenüber Dienern und Maxims adeligen Freunden schnell als Fremdkörper. „Rebecca“ ist sicher auch ein Film über das Verschwinden der Aristokraten, die sich auch nach ihrem Ende noch gegen die Herrschaft des Bürgertums wehren. Noch die Geister eines Standes intrigieren gegen die neue Welt. (Hitchocks Adaption von du Mauriers „Jamaica Inn“ endet auf einer ähnlichen Note.) Eine schon vor achtzig Jahren verspätete Erzählung über den Eroberungsfeldzug der Moderne, der heute ein wenig verloren im Raum steht.

Die Geister sind lebendiger als die Menschen

Die vielen Anlehnungen an aktuelle Diskurse wirken ein wenig halbherzig. Weder löst sich Wheatley wirklich vom Stoff oder der bekannten Adaption, noch spielt er auf interessante Weise mit den Möglichkeiten des Remakes, mit leichten Variationen große Effekte zu erzielen. „Rebecca“ ist ein inkonsequenter Film.

 Man würde ihn gerne als eigenständige Schöpfung begreifen und im luftleeren Raum analysieren, doch alles in ihm deutet auf die Vorväter. So ist dann auch die Geschichte von Befreiung und Selbstfindung der zweiten Mrs. de Winter wenig überzeugend. Wie kann sie mehr werden als eine Leerstelle, wenn selbst die Welt um sie herum eine ist? Vielleicht ist es passend, dass ferne Geister in und um diesen Film lebendiger sind als die Menschen. Ben Wheatley braucht für diesen Film nicht unbedingt bessere Darsteller oder talentiertere Techniker, sondern zuallererst einen Exorzisten.

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