Mystery | Großbritannien/USA 2020 | 344 (sechs Folgen)+ 715 (Special) Minuten

Regie: Philippa Lowthorpe

Eine Psychothriller-Miniserie um eine geheimnisvolle Insel vor der britischen Küste, eingeteilt in mehrere Kapitel. Im ersten Teil „Sommer“ kommt ein Fremder auf die Insel, nachdem er ein Mädchen von dort vor dem Selbstmord gerettet hat; der Aufenthalt auf dem von der Außenwelt weitgehend abgeschnittenen Eiland, wo die Einwohner seltsame archaische Riten pflegen, wird zur Grenzerfahrung zwischen Wirklichkeit und Fantasie, bei der ein altes Trauma des Mannes an die Oberfläche drängt. Im zweiten Teil „Winter“ steht die Exfrau der Hauptfigur aus "Sommer" mit ihren beiden Töchtern im Mittelpunkt, deren geplanter Urlaub auf der Insel sich als Albtraum erweist, weil auch sie die Schatten der Vergangenheit plagen. Durch das Special „Herbst“, als Live-Performance gefilmt und online gestreamt, werden die beiden Serienteile verbunden. Eine vor allem in Teil 1 höchst suggestiv inszenierte Reise in menschliche Abgründe, wobei persönliche innere Dämonen und kollektiver Wahn eine fatale Mischung ergeben. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE THIRD DAY (2020)
Produktionsland
Großbritannien/USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Philippa Lowthorpe · Marc Munden
Buch
Dennis Kelly · Felix Barrett
Kamera
David Chizallet · Benjamin Kracun
Musik
Cristobal Tapia de Veer · Dickon Hinchliffe
Schnitt
Nicolas Chaudeurge · Simon Smith · Dan Roberts · Luke Dunkley
Darsteller
Jude Law (Sam) · John Dagleish (Larry) · Paddy Considine (Mr. Martin) · Mark Lewis Jones (Jason) · Emily Watson (Mrs. Martin)
Länge
344 (sechs Folgen)+ 715 (Special) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Mystery | Psychothriller | Serie

Eine Psychothriller-Miniserie um eine geheimnisvolle Insel vor der britischen Küste, eingeteilt in drei Kapitel. Eine suggestiv inszenierte Reise in menschliche Abgründe, wobei persönliche innere Dämonen und kollektiver Wahn eine fatale Mischung ergeben.

Diskussion

Das Brutale am Prinzip einer Reuse ist, dass sich Tiere in ihr quasi selbst in ihr Unglück manövrieren. Voller Erwartungen durchquert man sie, nicht wissend (oder vielleicht doch in Kauf nehmend?), dass es kein Zurück mehr gibt. Egal, man hat die Reise begonnen und merkt, dass der Weg schmaler und unangenehmer wird; doch die reiche Belohnung wartet sicher am Ende – oder doch nicht?

Ein Mädchen spielt im Wald – oder doch nicht? Sam (Jude Law) nimmt sie zunächst nicht wahr. Seine immer noch nicht verarbeitete Trauer über den (höchst wahrscheinlich) von ihm selbst verschuldeten Tod seines Sohnes (Stanley Auckland) hat eine nicht enden wollende Taubheit in seinem Kopf hiterlassen – und zudem erzählt seine Frau Helen via Handy gerade etwas von 40.000 Pfund, die im Büro nicht mehr zu finden sind. 40.000 Pfund? In diesem Augenblick entschlüsselt sich das Jauchzen des Mädchens als Todesgrunzen einer Selbstmörderin, die sich gerade mit einem Seil um den Hals von einem Baum hat schwingen lassen.

Ein abgelegener Ort, seltsame Einheimische und ein archaisches Festival

Ob der Rettungsversuch erfolgreich ist, wird Sam erst wissen, wenn er das benommene Mädchen nach Hause gebracht hat. Osea Island scheint nur einen Katzensprung von besagtem Waldstück entfernt. Nur ein paar Minuten über den nie ganz trocken werdenden Schotterweg, der nur bei Ebbe den verschlungenen Pass auf das kleine, nur von wenigen Leuten besiedelte Eiland freigibt.

Nur kurz rüber, das Mädchen Epona (Jessie Ross) in Gesundheit und Sicherheit wähnen und dann das Problem mit den 40.000 Pfund lösen. Doch das Fatale einer Reuse ist: es gibt kein Zurück!

Mister Martin (Paddy Considine) ist ein herzlicher Mann mittleren Alters, der zusammen mit seiner Frau (Emily Watson) das einzige Pub der Insel betreibt. In ihm findet Sam – wenn schon keinen Handyempfang – wenigstens die Hilfe, die er benötigt. Schutz vor Eponas jähzornigem Vater, eine karge, aber bequeme Unterkunft und ein paar Andeutungen – und nicht zuletzt Jess (Katherine Waterston). Die umgängliche Anthropologin mit dem nicht nur bei reichlichem Alkoholkonsum gewinnenden Wesen ist auf der Insel wegen des alljährlichen Festivals, das archaische Rituale mit christlichem Glauben und besagtem Alkohol verbindet.

Die Realität changiert ins Albtraumhafte

Was ist Traum, was ist Wirklichkeit, was ist das Trauma ob seines toten Sohnes Nathan, das sich in Schüben aus Sams Unterbewusstsein Bahn bricht? Ist es Feindschaft vor dem Fremden, die ihm von Teilen der Inselbewohner entgegengebracht wird, oder vielleicht eine absonderliche Art von Demutsbekundung? Ist die Beziehung zu Jess nur eine kurze Ablenkung von seiner in Trümmern liegenden Ehe oder ist da mehr? Und ist der Junge, dem er in seinen häufigen Wachträumen begegnet, realer als ihm lieb sein kann? Die Stunden verfließen und die Proben zum Festival, der Alkoholkonsum zum Vertreiben der Kälte und der Sex mit Jess nehmen ihren Lauf.

Und die Klaustrophobie der Reuse nimmt Sam langsam die Luft zum Atmen.

Britische Folklore und Filmgeschichte

Showrunner Dennis Kelly ist bekannt für absonderliche Stoffe. Sein Originaldrehbuch zur britischen Paranoia-Serie „Utopia“ gehört zu den radikalsten der letzten zehn Jahre und wurde zurecht mit dem „International Emmy Award“ für die beste Drama-Serie gewürdigt. Für „The Third Day“ taucht er nun tief in die britische Folklore, die Verschrobenheit deprivierter Hinterwäldler, die absonderliche Naturverbundenheit und die religiöse Vernarrtheit der isolierten Küstenbewohner ein. Und ganz nebenbei in die Filmgeschichte.

Fans des unheimlichen Kinos mag das Sujet „The Third Day“ bekannt vorkommen. Bereits zu Beginn der 1970er-Jahre unternahm ein ahnungsloser Mann einen Ausflug auf eine abgelegene schottische Insel, deren Bevölkerung einem unsagbaren, religiös verbrämten Fruchtbarkeitskult frönte. Auch dort bezahlte jener Mann seine Neugier mindestens mit seinem Seelenheil. Auch „The Wicker Man“ war beseelt von beschwingten Folkklängen und einer atemberaubenden Tonspur, die den Niedergang der Menschheit besang.

Ein suggestiver Trip in menschliche Abgründe

Doch „The Third Day“ ist mitnichten ein Remake von Robin Hardys epochalem Ausflug ins finstere Tal menschlichen Wahns. Allenfalls dient der Horrorfilm von 1973 als Steinbruch für die sechsteilige Serie, die um eine Enklave einer degenerierten Zivilisation kreist. In den ersten drei Teilen treibt Regisseur Marc Munden seine Inszenierung in allem Belangen auf die Spitze. Seine archaischen Bilder von der wunderbar trostlosen, in ewigem Nieselregen gefangenen Insel sind voll unwirklich sattem Grün, die Schärfe seiner UHD-Kamera offenbart kleinste Details bis hin zu den ewig vom Moder beschmutzten Poren der auf Osea Island agierenden Protagonisten. Langsam, aber stetig wandelt sich die pittoreske Szenerie in ein Inferno, in dem sich die Gebäude, die Bäume, die Altäre, die Lebenden und die Toten in atmende, amorphe Fratzen verwandeln. Ist alles nur der LSD-Traum Sams oder wird der Zuschauer tatsächlich Zeuge eines großen, großartigen Hexenwerks? Sucht hier ein verstohlenes Völkchen am Rande der Metropolen Europas nach seinem neuen Messias oder ist das alles nur Trauerarbeit eines sich schuldig fühlenden Vaters?

Am Ende der ersten drei Teile ist der Sommer vorbei, das Werk vollbracht und – wäre „The Third Day“ tatsächlich ein Remake von „The Wicker Man“ – die Serie hätte ein würdiges Finale erlebt. Doch es folgen noch „Herbst“ und „Winter“.

Multimedialer Exkurs: „Autumn“

„The Third Day (Autumn)“ verlässt die gewohnten seriellen Erzählpfade mit ihren wohlgewägten Spannungskurven und Cliffhangern. Für einen Moment lösen sich Form, Inhalt und Struktur auf und verlassen, wie eine Seele den toten Körper, das Werk zu neuen Ufern. „Autumn“ ist ein Experiment, das Drehbuchautor und Regisseur wagen konnten, weil wir in einer Zeit leben, in der das klassische Fernsehen nur noch ein Teil einer multimedialen (digitalen) Landschaft ist. Entstanden ist das Kapitel als zwölfstündige Live-Action-Performance, die zeitgleich gestreamt wurde (und von der jetzt noch eine geschnittene, stark gekürzte Version online zu sehen ist). Inhaltlich widmet sie sich im Groben dem, weswegen die zweite Hauptfigur (Jess) eigentlich auf die Insel gekommen ist: Der Ritus wird vollbracht!

In einem Stream of Consciousness wird der Zuschauer nochmals auf die Insel geführt, doch nun dauert via subjektiver Kamera die steinige, schleichende Überfahrt vom Festland aus allein bereits über eine halbe Stunde – nur begleitet vom elektronischen, permanent Spannung suggerierenden Klangteppich des aus Chile stammenden Kanadiers Cristobal Tapia de Veer. Seine Musik ist es, die die Serie zuvor bereits in einen unterschwelligen Wahnsinn taucht. Hier nun kann er sich völliger Elegie ergeben. Auch Kamera und Regie sind nicht mehr von dieser Welt: Man muss schon den Dokumentaristen James Benning oder den visionären russischen Filmdekonstrukteur Alexander Sokurow zitieren, um anzudeuten, wie hier in gefühlt einer einzigen langen Einstellung mit Zeit und der in ihr vergehenden Handlung umgegangen wird. Wir erleben das Festival und Sams Initiation, die ihn zu einem essenziellen Bestandteil der Insel und seiner Bevölkerung macht.

Einerseits ein großartiger, radikaler „Moment“ in der Fernsehgeschichte, andererseits ein Intermezzo, das für den dramaturgischen Kern der Serie (leider, muss man sagen) völlig unerheblich bleibt. Für die Serie selbst beginnen gleich nach den ersten drei Teilen des Sommers die letzten drei des Winters.

Das Finale: „Winter“

Erneut bewegt sich ein Auto auf der kaum noch wasserfreien Schotterpiste durchs Meer Richtung Osea Island. An Bord sind Helen (Naomie Harris) und ihre beiden halbwüchsigen Töchter Ellie (Nico Parker) und Talulah (Charlotte Gairdner-Mihell). Die Übernachtung in der Abgeschiedenheit wird eine Geburtstagsüberraschung für Ellie werden. Airbnb soll es möglich machen. Doch die drei sind alles andere als willkommen. Seit dem besagten Sommer-Festival sind Monate vergangen, und die Insel liegt in Agonie.

Doch Helen will sich nicht so einfach abschütteln lassen. Immerhin hat sie, nachdem sie von ihrem Mann abrupt verlassen wurde, nur noch 40.000 Pfund Schulden und den Willen, dass es wenigstens ein schönes Wochenende für sie und ihre Töchter werden soll. Und natürlich ist sie noch auf der Suche nach etwas anderem…

Der letzte Teil der Serie erscheint wie ein Bruch mit den Stunden zuvor. Zwar stammt das Drehbuch weiterhin von Dennis Kelly, doch die Regie hat gewechselt und mit ihr die Ausrichtung. Eigentümlicherweise nicht nur die audiovisuelle, für den nun Regisseurin Philippa Lowthorpe verantwortlich zeichnet, sondern auch die dramaturgische. Die Serie wandelt sich von der ätherischen Unnahbarkeit einer visualisierten Zwischenhölle zu einem geerdeten Familiendrama mit einem handfesten Ziel. Es geht um die Suche, es geht um Antworten, und es geht um Geld. Das ist zunächst ein wenig ernüchternd, da es die Szenerie ein Stück weit entzaubert. Die Geschichte mäandert weniger, ist konzentrierter, man könnte despektierlich meinen: konventioneller. Das macht sie indes nicht weniger spannend, was nicht zuletzt an der Meisterschaft der Agierenden liegt; allen voran an Naomie Harris, die als Helen neu ins „Osea Island“-Universum stößt und wie ein Virus die Realität auf die Insel bringt. Und die ganze Szenerie von „The Third Day“ verlässt die Zwischenwelt des Horrors.

Zwar offenbaren sich im kalten Licht der Logik letztlich einige Drehbuchschwächen der letzten Folgen, inklusive eines etwas banalen Finales; doch das trübt nur ein wenig den Gesamteindruck einer ansonsten herausragenden Serie, die eigentlich doch nur ein Ende verdient hätte: das was jedem blüht, der bis zum Ende der Reuse schwimmt.

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