Drama | USA 2020 | 395 (7 Folgen) Minuten

Regie: Scott Frank

Eine Drama-Serie über den Aufstieg einer fiktiven US-Schachmeisterin in den 1960er-Jahren: Nachdem seine Mutter bei einem traumatischen Unfall ums Leben gekommen ist, entdeckt ein Mädchen im Waisenhaus mit Hilfe des dortigen Hausmeisters seine Liebe zum Schach und entwickelt schnell ein überragendes Talent für das Spiel. Im frühen Teenageralter gelingt es der jungen Frau, bei ersten großen Turnieren anzutreten, und schnell entwickelt sie sich zum weiblichen Shooting Star in der bisher fast ausschließlich männlichen Schachszene. Innere Dämonen und ein Suchtproblem drohen die glänzende Karriere allerdings just dann zum Straucheln zu bringen, als es beim Spiel gegen einen russischen Schachmeister zu bestehen gilt. Die durchweg faszinierende Geschichte einer konfliktreichen weiblichen Selbstentfaltung in einer Zeit, in der Frauenleben zu oft unter dem Unstern ungenutzter Potenziale standen, ist in der Hauptrolle charismatisch verkörpert, trumpft mit einem lustvoll-stilisierten Mid-Century-Look auf und schafft es brillant, die Spannung von Schachpartien dramaturgisch und visuell umzusetzen. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE QUEEN'S GAMBIT
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Scott Frank
Buch
Scott Frank · Scott Allan · Walter Tevis
Kamera
Steven Meizler
Musik
Carlos Rafael Rivera
Schnitt
Michelle Tesoro
Darsteller
Anya Taylor-Joy (Beth Harmon als junge Frau) · Isla Johnston (Beth Harmon als Mädchen) · Chloe Pirrie (Alice Harmon) · Bill Camp (Mr. Shaibel) · Marielle Heller (Alma Wheatley)
Länge
395 (7 Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama | Serie

Eine Mini-Serie über ein weibliches Wunderkind, das in den 1960er-Jahren die Welt des Schachs erobert. Anya Taylor-Joy glänzt als schillernde Heldin in einer Romanadaption, die als spannendes Sportdrama ebenso wie als sylisches und kluges Frauenporträt aus der Mitte des 20. Jahrhunderts begeistert.

Diskussion

Andere mögen Schäfchen zählen, wenn sie schlaflos im Bett liegen. Beth Harmon (Isla Johnston) bewegt im Kopf Figuren über ein Schachbrett, das sie an die Zimmerdecke des Schlafsaals im Waisenhaus imaginiert. Die Grundzüge des Spiels hat sie sich durch Beobachtung beigebracht. Der Hausmeister Mr. Shaibel (Bill Camp) pflegt im Keller gegen sich selbst zu spielen; Beth schaut verstohlen zu und lernt – unglaublich schnell. Schach wird für das Mädchen, dessen Mutter unter traumatisierenden Umständen bei einer Autokarambolage gestorben ist, zur großen Leidenschaft in ansonsten kargen Lebensumständen im Kentucky der 1950er-Jahre. Vielleicht auch zu einer Art Droge, wie die grünen Beruhigungspillen, die das Heimpersonal seinen Schützlingen systematisch verabreicht. Süchtig ist Beth jedenfalls nach beidem.

Mr. Shaibel, der bald Beth’ Mentor wird, warnt sie einmal davor, dass es zwei Seiten der Medaille gäbe: ihr Talent – und das, was es sie kosten wird. Beth ist das erstmal egal. Hauptsache, Schach bewegt sie fort aus den Unkontrollierbarkeiten des realen Lebens in eine klare, für sie beherrschbare Welt aus 64 Feldern. Und schließlich zu einem Ort, an dem noch keine Frau vor ihr gewesen ist: in den Olymp der männlichen Schachgroßmeister.

Der Schach-Realität voraus

Wirklich gegeben hat es dieses Wunderkind Beth Harmon nicht; bis heute sind Spielerinnen, die jenseits der Frauenturniere mit Männern konkurrieren können und es unter die Großmeister schaffen, rar gesät. Darüber, woran das liegt, ist schon viel spekuliert worden. Ist es das weibliche Gehirn? Sind es die Erziehung und die Macht alter Stereotype? Die ungarische Spitzenspielerin Judith Polgar mutmaßte 2002 in einem Interview, dass es Frauen schlicht an Chupze mangele: „Frauen glauben nicht daran, dass sie es schaffen können.“

Vielleicht hilft es, wenn die Fiktion ermutigend vorausgeht: Chupze hat Beth Harmon ohne Ende! Erfunden hat sie der Schriftsteller Walter Tevis schon 1983. Mehrere anvisierte Verfilmungen scheiterten. Showrunner Scott Frank, der schon die herausragende Netflix-Serie "Godless" schuf, hat die Figur nun zur Heldin einer weiteren ungemein faszinierenden Serie gemacht. „Damengambit“ entwickelt großen Drive als Sportdrama – selten wurden Schachspiele im Film dermaßen spannend in Szene gesetzt – und überzeugt zugleich als vielschichtig-schillerndes Frauenporträt wie auch als exquisit ausgestattetes Gesellschaftsbild aus der USA Mitte der 20. Jahrhunderts.

Zwischen Triumphen und Suchtproblemen

Die sieben Episoden folgen Beth’ Weg von der Kindheit im Heim bis zum Leben als junge Frau in den 1960er-Jahren. Nach der frühen Förderung durch den stillen Mr. Shaibel liegt ihr Talent brach, als sie als Teenager adoptiert wird, weil niemand mehr in Sicht ist, mit dem sie sich messen könnte. Doch Beth erweist sich als zielstrebig: Hungrig verschlingt sie alles, was ihre über Schach an Lesestoff in die Finger fällt. So kommt sie dahinter, wie Schach als Sport in den USA organisiert ist und wie sie sich Einlass in diese Welt verschaffen kann.

Danach geht es steil nach oben. Gemanagt von ihrer Adoptivmutter spielt Beth (als junge Frau dargestellt von Anya Taylor-Joy) die männlichen Gegner reihenweise an die Wand und erlangt bald Berühmtheit. Es folgen Turniere in US-Metropolen und Einladungen zu internationalen Turnieren, bis es schließlich gilt, sich mit den Zwölfendern des Schach zu messen: mit den russischen Großmeistern. Hier allerdings droht Beth zu straucheln. Das Suchtproblem, das sie seit den kleinen Pillen im Waisenhaus mit sich herumschleppt, wird virulent; der prekäre Balanceakt zwischen Tranquilizern, um die Nerven zu behalten, und Alkohol, um wieder locker zu werden, führt irgendwann zum existenziellen Absturz.

Eine Heldin, die um ihr Leben spielt

Bestätigt „Damengambit“ damit schließlich doch, dass die weibliche Natur den Anforderungen im Spitzenschach einfach nicht auf Männer-Niveau nicht gewachsen ist? Tatsächlich erweist sich die Serie sowohl in der Darstellung von Beth als auch der Welt, in der sie sich bewegt, als wesentlich differenzierter. Denn Beth ringt keineswegs mit Defiziten ihrer Konstitution, sondern mit den Folgen der besonderen Umstände, unter denen sie als Frau ihre Karriere in Angriff nimmt – denn die erzeugen einen Druck, der anders ist als der, der auf ihren männlichen Kollegen lastet. Wenn Beth Schach spielt, dann spielt sie förmlich um ihr Leben.

Schon wenn sie als Jugendliche in ersten großen Turnieren antritt, geht es nicht nur um ihre Obsession für den Sport, sondern auch um Preisgelder und eine materielle Basis für eine unabhängige Existenz. Andere Berufsperspektiven sind für die mittellose Waise dünn gesät. Die Männer, gegen die sie antritt (und aus denen mitunter Freude, Verehrer oder Liebhaber werden), finden andere gute Jobs, wenn sie im Schach an ihre Grenzen stoßen. Doch was für Alternativen würden für Beth bleiben? Wenn sie kein Meister der 64 schwarz-weißen Felder ist, dann ist sie nur eine Frau in den 1960er-Jahren.

Die Tragödien ungenutzter weiblicher Potenziale

Was das für sie bedeutet, lässt die Serie immer wieder durchblicken. In dem Benimm-Lehrfilm, der den Mädchen im Waisenhaus gezeigt wird. In der staunenden Befremdung, mit der Beth Mitschülerinnen in der High School begegnet, die später gute Partien machen, Kinder kriegen und offensichtlich nicht mehr wollen. Oder durch das Beispiel der Mutterfiguren, die in der Serie eine wichtige Rolle spielen. In bruchstückhaften Rückblenden geht es immer wieder um Beths Erinnerungen an ihre verstorbene Mutter und deren wachsende Verzweiflung angesichts eines Lebens, in dem sie keinen Platz fand. Gespiegelt wird das im Schicksal der Adoptivmutter (Marielle Heller), an der der Frust einer scheiternden Ehe und einer unerfüllten Hausfrauen-Existenz nagen – zwei Tragödien ungenutzter weiblicher Potenziale (einmal als Mathematikerin, einmal als Musikerin). Für Beth, die sich zwar die weiblichen Dresscodes der Ära zu eigen macht, ansonsten aber über die Grenzen konventioneller weiblicher Entfaltungsmöglichkeiten hinausstrebt, ist ihr Schacherfolg die Rettungsleine. Entsprechend schlecht kann sie mit der Möglichkeit des Scheiterns umgehen.

Wenn Schach sich als Teamsport entpuppt

Das Resultat dieses Drucks ist nicht zuletzt Einsamkeit. In ihren Beziehungen zu den Männern, die im Lauf der Serie in ihr Leben hinein, hinaus und wieder hinein diffundieren, bleibt sie bestrebt, sich nicht abhängig zu machen. Ein Auf-sich-selbst-gestellt-Sein, dass Beth stark, aber auch labil macht. Bis die Serie ihr gegen Ende eine schamlos optimistische Volte gönnt. Die Zeiten ändern sich, ohne dass Beth dies bemerkt hätte. Es gibt längst auch andere Frauen, die Dinge machen wollen, die für sie früher außer Reichweite waren. Eine von ihnen wird unerwartet auftauchen und Beth retten.

Anya Taylor-Joy dürfte mit dieser Serie endgültig in die A-Liga aufsteigen. Mit einem Gesicht, das an die füchsische Schönheit der Frauenfiguren auf den Bildern von Lucas Cranach dem Älteren erinnert, hat sie in Horrorfilmen wie „The Witch“, „Das Geheimnis von Marrowbone“ oder „Split“ von sich reden gemacht – ihre Star-Persona scheint eine gewisse Nähe zum Unheimlich-Beunruhigenden zu haben. In „Damengambit“ fungiert sie damit bestens als feminines Irritationsmoment in der männlich dominierten Schachwelt, das Provokation und Faszinosum gleichermaßen ist. Ihre Qualitäten als Schauspielerin sieht man indes nicht zuletzt in den Szenen, in denen Beth jenseits des Schachbretts damit ringt, wer sie ist, was sie sein könnte und was für eine Frau sie sein möchte. Dabei verbreitet Taylor-Joy eine Art Energiefeld um sich, das den eigentlichen Antrieb der Serie darstellt.

 

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