Fantasy | USA 2021 | Minuten

Regie: Kate Herron

Spin-off-Serie aus dem Marvel Cinematic Universe um die Figur des Tricksters Loki. Dieser kann im Zug der Zeitreise-Verwicklungen in "Avengers: Endgame" dem Schicksal, das ihm in den Filmen beschieden ist, entgehen, und wird prompt von einer kafkaesk-bürokratischen Behörde aufgegriffen, der TVA (Time Variance Authority), die den ordnungsgemäßen Ablauf der Zeit überwacht und über Lokis Aktivitäten alles andere als begeistert ist. Er entgeht der Eliminierung nur, weil ihn ein Agent der Behörde dazu anheuert, einen anderen Querulanten dingfest zu machen. Der Auftakt der Serie überzeugt als satirisch-komödiantische, retrofuturistisch gestaltete Science-Fiction-Fantasie ums Zeitreise- und Multiversums-Thema, deren Spiel mit existenzphilosophischen Fragen um Freiheit vs. Determinismus das Flair britischer Genre-Ikonen wie Douglas Adams, Terry Pratchett und „Doctor Who“ versprüht und sich zugleich an den seelischen Untiefen der schillernden Hauptfigur abarbeitet. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
LOKI
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Kate Herron
Buch
Michael Waldron
Kamera
Autumn Durald
Musik
Natalie Holt
Darsteller
Tom Hiddleston (Loki) · Owen Wilson (Mobius M. Mobius) · Erika Coleman (Florence Schaffner) · Gugu Mbatha-Raw (Ravonna Renslayer) · Wunmi Mosaku (Hunter B-15)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Fantasy | Serie

Zum Niederknien: Der Trickster aus dem Marvel Cinematic Universe bekommt es in seinem Serien-Spin-off mit einer Behörde zu tun, die den ordnungsgemäßen Ablauf der Zeit überwacht.

Diskussion

Ursprünglich hatte Schauspieler Tom Hiddleston für die Rolle des Donnergottes Thor vorgesprochen; dass er stattdessen im ersten „Thor“-Film als dessen listiger Ziehbruder Loki besetzt wurde, bescherte dem MCU seine schillerndste Figur: Hiddleston erweckte den Gott des Schabernacks und der Lüge, der sich sowohl in der nordischen Mythologie als auch in den damit spielenden Marvel-Comics als Gestaltwandler und Trickster körperlich, geschlechtlich und moralisch fluide zeigt, kongenial zum Leben, changierend zwischen schelmischem Unruhestifter, clever taktierendem Bösewicht, zickiger Drama-Queen und seelisch lädiertem „rebel with a cause“.

Ab dem ersten „Avengers“-Film, in dem Loki als Möchtegern-Despot mit Erdunterwerfungsabsichten den Katalysator dafür darstellt, dass sich die Heldenriege überhaupt erst zum Team zusammenrauft, wandelte sich die Figur in den weiteren „Thor“- und „Avengers“-Filmen vom Antagonisten zu einer Art Joker, den die Filmemacher immer wieder einsetzten, um für ironisch-spielerische Brechungen und ein Element des Unberechenbaren zu sorgen – zum Entzücken der Fans, für die Loki längst zu einem der Lieblinge des Franchise avanciert war (legendär ist sein hysterisch umjubelter Auftritt bei der ComicCon 2013 zum Promoten von „Thor: The Dark World“).

Querulant im ordnungsgemäßen Ablauf der Zeit

Nachdem zu Beginn von „Avengers: Infinity War“ die „Akte Loki“ mit dem Tod der Figur durch die Hand des Superschurken Thanos geschlossen worden war, lieferte „Avengers: Endgame“ eine Steilvorlage fürs Auferstehen des Tricksters und auch den motivischen roten Faden für die Serie, in der er nun im Zentrum steht: Durch die Zeitreise der Avengers zurück ins Jahr 2012 zum Zeitpunkt unmittelbar nach der Schlacht gegen Loki und seine Chitauri-Truppen im ersten „Avengers“-Film tut sich ein alternativer Zeitstrang auf, in dem Loki die Möglichkeit beim Schopf packt, mit Hilfe des Tesserakts aus New York zu fliehen, bevor ihn die Avengers seinem Ziehvater Odin ausliefern können – ab durch die Mitte. Und, wie man nun im Serienauftakt sieht, direkt in die Hände und Gerichtsbarkeit einer Institution, die keinen Spaß versteht, wenn es um den ordnungsgemäßen Ablauf der Zeit geht: Die sogenannte TVA („Time Variance Authority“, eine Erfindung aus den Marvel-Comics der 1980er-Jahre) ist eine Behörde von retrofuturistisch-kafkaesker Gewaltigkeit (das Production Design von Kasra Farahani ist ein Genuss!), die dafür sorgt, dass der Zeitstrahl intakt bleibt, alle Ereignisse sich so entwickeln, wie sie sollen, und keine Querulanten ins Rad des Schicksals eingreifen – und Loki ist ein solcher Querulant.

Der drohenden Eliminierung entgeht er zum Glück, weil ein Agent der Behörde, Mobius M. Mobius (Owen Wilson), in Lokis Expertise in Sachen Ränkeschmieden ein Potenzial sieht: Loki soll helfen, einen noch gefährlicheren Ränkeschmied, der schon mehrere TVA-Trupps das Leben gekostet hat und Chaos zu stiften droht, ausfindig und dingfest zu machen. Worauf sich der Trickster widerwillig einlässt, nachdem er eingesehen hat, dass seine magischen Kräfte gegen die TVA nichts ausrichten können: Wie sich wehren gegen eine Autorität, für die selbst die Infinity-Steine – bisher die ultimative Verkörperung von Macht – nichts weiter sind als funkelnder Plunder, den die Mitarbeiter der Behörde als Briefbeschwerer nutzen?

Die Gretchenfrage: Wer bestimmt das Schicksal?

Es ist freilich nach den ersten zwei Folgen abzusehen, dass Loki ein denkbar unzuverlässiger Helfer sein wird; da schon die schiere Existenz der TVA die Gretchenfrage für ihn aufwirft: Wer, bitte schön, entscheidet denn, wie der Zeitstrahl auszusehen hat? Loki mag zwar im ersten „Avengers“-Film die Freiheit der Menschheit als „trügerischen Schein“ und dem Lebensglück nur abträglich abgetan haben (woran er nun prompt erinnert wird). Wenn es um seinen eigenen freien Willen geht, versteht er aber keinen Spaß; die Vorstellung, dass eine Instanz vorschreibt, wie das Schicksal inklusive seines eigenen sich zu entwickeln hat, ist ihm unerträglich…

Autor Michael Waldron und Regisseurin Kate Herron (u.a. bekannt durch „Sex Education“) machen aus dem Auftakt der Serie ein satirisch-komödiantisches Feuerwerk, wobei die Mixtur aus Fantasy und Zeitreise-/Multiversum-Science-Fiction in Kombination mit dem existenzphilosophischen Horizont (Freiheit vs. Determinismus) das Flair britischer Genre-Ikonen wie Douglas Adams, Terry Pratchett und „Doctor Who“ versprüht und damit dem MCU nach „WandaVision“ und „The Falcon and the Winter Soldier“ eine weitere interessante neue Note verleiht.

Owen Wilson gibt eine gute Reibungsfläche für die Hauptfigur ab

Für den Agenten Mobius M. Mobius stand in den Comics ursprünglich ein realer Mensch Pate, Marvel-Autor Mark Gruenwald, ein Experte in Sachen „Continuity“ für die Handlungsfäden des Comic-Multiversums; von ihm erbt die von Owen Wilson gespielte Serienfigur ihren Schnauzer. Der US-Star mit der verbeulten Nase und der sanft-skeptischen Aura gibt als unprätentiöser Beamtentyp einen großartigen Kontrast zu Loki und eine interessante Reibungsfläche für den divenhaften Trickster ab, den er geschickt dazu bringt, sich mit den eigenen Macken und Motiven auseinanderzusetzen – dass Lokis bisheriger Haupt-Sparringspartner Thor hier keine Rolle spielt, wird da niemand vermissen.

Showrunner Michael Waldron hat als Autor auch beim kommenden „Doctor Strange“-Film „The Multiverse of Madness“ mitgeschrieben; die ersten zwei Folgen von „Loki“ machen nicht zuletzt gespannt darauf, wie er in diesem Zeitreise-Krimi die Multiversums-Thematik ausbaut und dem MCU damit ein neues Spielfeld erschließt. Und welche Gesichter der wandelhafte Titelheld auf diesem Spielfeld noch an den Tag legen wird.

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