Vor dem Untergang: László Nemes über „Sunset“

Dienstag, 11.06.2019

Ein Gespräch über die Herausforderungen des Publikums und die Emanzipation der Ohren

Diskussion

2015 erregte der ungarische Regisseur László Nemes Aufsehen mit seinem vielfach ausgezeichneten Spielfilmdebüt Son of Saul. Anders als das schonungslose Holocaust-Drama ist sein neuer Film Sunset vordergründig eine leichter rezipierbare historische Frauen- und Detektivgeschichte, handelt aber ebenso von Abgründen der Geschichte und ist formal vergleichbar ambitioniert. Ein Gespräch über die Herausforderungen des Publikums und die Emanzipation der Ohren.


„Sunset“ besitzt eine ambitionierte Struktur als doppelte Detektivgeschichte. Die Protagonistin Irisz kommt 1913 als Fremde mit Familiengeschichte nach Budapest zurück und wird für Verbrechen ihres Bruders stigmatisiert, von dessen Existenz sie bislang nichts wusste. Sie beginnt, seinen Spuren nachzuforschen. Der Film ist ihr dabei so nahe auf den Fersen, dass auch die Zuschauer (wie Irisz selbst) versuchen müssen, Spuren zu lesen. Man ist immer versucht, zu glauben, dass man gerade eine zentrale Information verpasst, nur weil sie beiläufig und im Bildhintergrund verhandelt wird. Das ist ziemlich spannend. Manche glauben, dass die Eltern von Irisz vielleicht Opfer eines Pogroms geworden sind.

László Nemes: Danke für die Komplimente! Und nein, es war kein Pogrom; die Eltern haben sich wohl selbst getötet, um etwas für immer zu beenden. Die Gründe dafür bleiben aber mysteriös.

Man spricht bei Detektivgeschichten gerne von einem Whodunit. Im Falle von „Sunset“ wäre wohl die Bezeichnung Whodidwhatandwhy korrekt?

Nemes: Prima! Beim Whodunit bekommt man üblicherweise am Ende eine vollständig befriedigende Antwort, was mich persönlich immer unbefriedigt gelassen hat, weil der Film doch so viel mehr gezeigt hat. Ich mag diese Reduktion nicht. Irisz ist eine junge Frau, die sich plötzlich mit Kräften der Geschichte konfrontiert sieht. Da gibt es die Familiengeschichte, ihre Geschichte und die Geschichte ihres Bruders. Sie muss versuchen, die Puzzleteilchen zu ordnen, zu werten und daraus einen Sinn zu generieren. Vielleicht lauert hinter der schönen Fassade der Familiengeschichte, die bald Risse zeigt, ja etwas Abgründiges. Die

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