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Filmliteratur: „Die Wahrheit des Ekstatischen“ – Werner Herzog

Freitag, 08.10.2021

Ein Reiseführer in das Werk von Werner Herzog

Diskussion

Werner Herzog ist einer der wichtigsten deutschen Filmemacher und im Ausland fast noch angesehener als in der Heimat. Der Filmjournalist Josef Schnelle hat einen „Reiseführer“ für Herzogs Oeuvre geschrieben, vom Debütfilm „Lebenszeichen“ (1968) bis hin zu heutigen Projekten. Dabei liefert der Autor in klarer Sprache mehr Analyseangebote als tiefgründige Wissenschaft und bietet damit einen guten Einstieg in das Werk.


Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland, heißt es schon in der Bibel. Auch auf Werner Herzog, den großen Außenseiter des (Neuen) Deutschen Films, trifft diese Position durchaus zu. Inhaltlich und stilistisch verfügt der Avantgardist über einen breiten Kanon, dessen Stellenwert in den letzten Jahrzehnten in den USA, Frankreich und Italien weit höher als in der Heimat gehandelt wird.

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Der Kölner Filmjournalist Josef Schnelle hat nun einen konzentrierten „Reiseführer“ für das mehr als 60 Werke zählende Oeuvre von Werner Herzog verfasst. Ausgehend von der Auszeichnung für das Lebenswerk 2019 beim Europäischen Filmpreis in Berlin und einem dort geführten Interview macht der Autor Tourenvorschläge für die (Wieder-)Entdeckung von Herzogs Werk. Dabei streut er kurze Filmbeschreibungen und vorsichtige Analyseangebote ein. Konzeption und Ausführung des Bandes verzichten auf tiefgründige, filmwissenschaftliche Einlassungen.


Ein gut lesbarer Einstieg

Schnelle liefert in dem schmalen Band einen soliden, gut lesbaren Einstieg in das Werk des 79-jährigen Kosmopoliten. Hilfreich sind dabei auch die insgesamt 149 Bildmotive. Gut herausgearbeitet wird das titelgebende Motto „Eine Welt ist nicht genug“ durch die sensible Charakterisierung des eingefleischten Geschichtenerzählers, ob dokumentarisch oder fiktional grundiert. Herzog liebt die eigene Kommentierung, den eindringlich-eigenwilligen, philosophisch aufgeladenen Sprachduktus. Der wie die europäischen Seefahrer zu den (Seelen-)Landschaften seiner Protagonisten - spirituell, esoterisch angehaucht -, aufbricht, zu waghalsigen Abenteuern.

Herzog versteht und lebt Filmkunst als Gesamtkunstwerk. Vom schwarz-weißen Debütfilm „Lebenszeichen“ (1968) über „Aguirre, der Zorn Gottes“ (1972) und „Fitzcarraldo“ (1982) bis zum jüngsten Amazonas-Projekt „Fordlandia“ spürt dieser Meister der Selbstinszenierung dem „Blick in uns selbst, in unsere Natur nach“, wie er sagt. Dahinter verbergen sich ein archaisches Weltbild, die Suche und die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies. Zweifellos eine Motivationsquelle im rastlosen Schaffen des von seiner bayerischen Heimat und Kultur geprägten Regisseurs. Zu Recht äußert Schnelle aber Bedenken an der „Einfühl-Methode“ des von Trance und (Alb-)Träumen Inspirierten, um „das Unbegreifbare begreifbar zu machen“.

Fitzcarraldo (© ZDF/Beat Presser)
Fitzcarraldo (© ZDF/Beat Presser)

Mit der im Wortlaut abgedruckten Minnesota-Deklaration geißelte Herzog bereits 1999 eine dem Oberflächenrealismus verpflichtete Wahrheit. In einer Meisterklasse beim Festival in Locarno forderte Herzog 2013: „Das sogenannte cinéma vérité beruht auf dem fatalen Irrglauben, dass Fakten die Wahrheit konstituieren könnten… Wollen Sie etwa die Überwachungskamera einer Bank in den Rang eines Filmemachers erheben? Wir sind Geschichtenerzähler! Wir sind Regisseure! Also sollten wir auch beim Dokumentarfilm gefälligst Regie führen.“

Kadenzen des Ekstatischen finden sich in Herzogs Dokumentationen wie in seinen Spielfilmen – mit und ohne sein Alter Ego Klaus Kinski. Plausibel beschreibt Schnelle das Motiv der Hassliebe dieser dem produktiven Narzissmus verfallenen Männerfreundschaft, in der Frauen keinen Platz haben.

Das Spannungsverhältnis zwischen Mensch und Natur konnotiert bei Herzog schon immer soziologische und ökologische Facetten. Seine Erzählungen von den archaischen Tiefen und Abgründen unserer Zivilisation bieten der Naturbewunderung, dem Lob der Schöpfung, Zeit und Raum. Bei Herzog bleibt aber immer auch ein Rätsel, ein letzter Rest von Unsicherheit, von Zweifel an der Interpretation. Vielleicht eine indirekte Ader ins Mystische seines großen Vorbilds F.W. Murnau: sichtbar als romantisches Leuchten in den frühen (Spiel-)Filmen, überdeckt in den strenger durchkomponierten Doku-Episteln. Dazu passt Herzogs kokettierende Formulierung: „Ich bin kein Künstler, ich bin Soldat.“

Werner Herzog (©: arte/Spring Films)
Werner Herzog (© arte/Spring Films)

Dezidiert widmet sich Schnelle den für Herzogs Arbeiten so wichtigen Kameramännern. Grenzüberschreitungen, das Unerhörte und Ungesehene fängt er mit den kühnsten Kameramännern (Thomas Mauch, Jörg Schmidt-Reitwein und Peter Zeitlinger) ein. Musikalisch zelebrierten ab „Auch Zwerge haben klein angefangen“ (1970) psychedelisch angehauchte Melodien von Florian Frickes Kultband Popol Vuh, später Opern oder seit „The White Diamond“ (2004) die leidenschaftliche Musik von Ernst Reijseger das eigenständige Klanguniversum. Beide Komponenten unterstützen Herzogs „inneren Rhythmus“ wie seine These, dass kein wirklicher Unterschied zwischen Dokumentar- und Spielfilm existiert.

Die Ahnung von der Vergänglichkeit und der Ewigkeit, das Weihevolle, das „Staunen über das Wunder des Lebens“ und die „Sehnsucht nach göttlicher Gnade“, gepaart mit einer Portion Demut: Das rückt den Filmemacher für Schnelle in eine religiöse Sphäre, in eine Art „Fata Morgana“, was wie ein stilles Muster für seine Ästhetik gelten kann. Dahinter verbirgt sich eine extrem subjektive, poetisierte Ausprägung des Autodidakten, der keine Filmschule besucht hat, jedoch in den USA mit „Rogue Film School“ 2009 eine eigene gründete.

Positiv fällt die gut lesbare, klare Sprache des Reiseführers auf. Hilfreich sind eine pointiert kommentierte Filmografie/Biografie, ein (kurzes) Literaturverzeichnis und ein Filmregister.


Literaturhinweis:

Eine Welt ist nicht genug. Ein Reiseführer in das Werk von Werner Herzog. Von Josef Schnelle. Schüren Verlag. Marburg 2021. 176 S., 149 Abb., 19,80 Euro. Bezug: In jeder Buchhandlung oder beim Verlag.

Buchcover
Buchcover (© Schüren Verlag)

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