Der Boden unter den Füßen

Drama | Österreich 2019 | 112 Minuten

Regie: Marie Kreutzer

Eine junge Unternehmensberaterin, die sich in ihrem Job aus Karrieregründen jedes Anzeichen von Schwäche untersagt, verheimlicht vor ihren Kollegen die Existenz ihrer psychisch kranken Schwester. Als diese sie mit ständigen Anrufen zu belästigen scheint, gerät die auf Hocheffizienz und makelloses Auftreten getrimmte Selbstpräsentation der Business-Frau aus den Fugen. Ein zwischen Drama und Psychothriller changierender Film um einen auf Selbstoptimierung und das Funktionieren in einer eiskalten Geschäftswelt getrimmten Lebensentwurf und seine Herausforderung durch das „Gespenst“ menschlicher Schwächen. Dabei gelingt es dem Film über weite Strecken, suggestiv und doppelbödig die zunehmende Verunsicherung der Figur zu vermitteln. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
DER BODEN UNTER DEN FÜSSEN
Produktionsland
Österreich
Produktionsjahr
2019
Regie
Marie Kreutzer
Buch
Marie Kreutzer
Kamera
Leena Koppe
Musik
Kyrre Kvam
Schnitt
Ulrike Kofler
Darsteller
Valerie Pachner (Lola) · Pia Hierzegger (Conny) · Mavie Hörbiger (Elise) · Michelle Barthel (Birgit) · Marc Benjamin (Sebastian)
Länge
112 Minuten
Kinostart
16.05.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama
Diskussion

Eine mit unterschiedlichsten Ebenen und Themen hantierende Charakterstudie über eine Unternehmensberaterin, die aus Karriereüberlegungen ihre psychisch kranke Schwester geheim hält. Regisseurin Marie Kreutzer mischt geschickt Abbilder einer eiskalten Business-Welt mit Elementen eines Psycho-Thrillers.

Just als die Unternehmensberaterin Lola (Valerie Pachner) am Wiener Flughafen am Morgen für den Flug nach Rostock eincheckt, klingelt ihr Smartphone. Am anderen Ende der Leitung: die Notaufnahme einer Klinik. Lolas Schwester Conny (Pia Hierzegger) hat gerade einen Selbstmordversuch mit Tabletten unternommen, konnte aber gerettet werden. Lola verpasst ihren Flieger und eilt stattdessen ins Krankenhaus, wo sie jetzt wieder sehr abgeklärt, professionell und sachkundig das weitere Verfahren mit dem behandelnden Arzt aushandelt.

In Rostock trifft sie dann mit etwas Verspätung ein, um dort im Team an mit größeren Entlassungen verbundenen Umstrukturierungen in einem kriselnden Unternehmen zu arbeiten. Warum sie verspätet eintrifft, erzählt Lola aus guten Gründen nicht, sondern erfindet eine Ausrede. Später im Film wird sie sich, wiederum mit guten Gründen, als „Vollwaise, keine Beziehung, keine Kinder“ beschreiben. Wenn man so will, ist dies das Idealprofil, um in ihrem Job flexibel und erfolgreich einsetzbar zu sein. Doch das Ideal ist eine Fiktion: Dummerweise ist Lola der Vormund ihrer psychisch kranken älteren Schwester und hat zudem eine Affäre mit ihrer Teamleiterin Elise (Mavie Hörbiger), die sich karrierefördernd erweisen könnte. Beide „Schwächen“ versucht sie aus ihrem angespannten Arbeitsalltag herauszuhalten, trägt stattdessen ihre Business-Kostüme wie eine Rüstung.

Sydney oder Hildesheim

Die Filmemacherin Marie Kreutzer, Jahrgang 1977, ist bislang durch die zwei fein gesponnenen Milieustudien Die Vaterlosen und Was hat uns bloß so ruiniert aufgefallen, die allerdings hinten raus immer etwas zu aufgeräumt erschienen. Ob die Nachwehen und Geheimnisse der Antiautoritären oder die Überforderung Wiener BoBo-Pärchen mit dem Erwachsenwerden – immer schlich sich in die präzisen Beobachtungen etwas zu viel Milde und Freundlichkeit ein. Mal ging es um das Komische im Traurigen, mal eher um das Traurige im Komischen. Auch „Der Boden unter den Füßen“ wählt diese Unentschiedenheit, hält gleich mehrere Bälle in der Luft, die zudem in ganz unterschiedliche Richtungen weisen: Arbeit, Familie, Krankheit, Einsamkeit. Da wäre einerseits die Welt der Unternehmensberatung, wo gerne vom Team gesprochen wird, obschon jede/r sein eigenes Süppchen kocht und der Karrierehorizont zwischen den Optionen Sydney oder Hildesheim changiert.

Wer hier einen Fehler macht, wird geopfert, ebenso wie das individuelle Schicksal der Abzuwickelnden in den großen Zusammenhängen nicht von Belang ist und sein darf. Eine attraktive, junge Frau wie Lola darf sich nicht nur keine Blöße geben, sondern muss auch souverän mit sexistischen Avancen von Kunden und Kollegen umgehen können. Den Arbeitsalltag der Unternehmensberatung zeichnet Kreutzer mit den bekannten Klischees von Meetings, ausgedehnten Nachtschichten, Fastfood, Intrigen, Optimierungsrhetorik und Frustrationsabfuhr im Hotel-Fitness-Raum, dessen Eingang verspricht: „Fitter, happier, more productive!“ Für diesen Arbeitsalltag hat Kreutzer geradezu ein Kompendium von „Nicht-Orten“ zusammengesucht: Plätze, Wartehallen, Büros, Hotelzimmer – auch Lolas Wiener Wohnung, zentral gelegen, passt bestens ins Bild. So weit, so erwartbar.

Irritierende Anrufe

Interessanter erscheint ein anderer Erzählstrang, den man etwas altmodisch als Psycho-Thriller bezeichnen könnte. Während Lola darum bemüht ist, ihre Vormundschaft möglichst professionell und „unsichtbar“ wahrzunehmen und Conny „entlastend“ auch gerne einmal für etwas länger in der Psychiatrie abzustellen, macht Conny, ohnehin launisch und extrem selbstsicher, immer wieder nachdrücklich auf sich und ihre Bedürfnisse aufmerksam, bombardiert ihre Schwester geradezu mit Anrufen und scheint sie regelrecht zu stalken.

Irritierend: Wir sehen die Anrufe und hören Connys Stimme, aber in der Klinik wird gesagt, dass die Patientin keinen Zugriff auf ein Telefon habe. Einmal hat es sogar den Anschein, Conny sei nach Rostock geflogen, um Lola zu beobachten. Oder bildet sich Lola das Ganze nur ein? Ist sie überarbeitet oder selbst am Rande einer psychischen Erkrankung? Bei einer ärztlichen Untersuchung wird Lola gefragt, ob es in ihrer Familie Fälle psychischer Erkrankung gegeben habe. Als sie verneint, fragt die Ärztin, warum sie lüge. Auch Einbildung? Als Lola Conny einmal in der Klinik besucht, eskaliert die Spannung zwischen den Schwestern. Am Ausgang wird Lola von einem Arzt angesprochen, der ihr erklärt, dass Conny so klug sei, dass sie permanent versuche, ihre Umwelt zu manipulieren. Doch dann stellt sich heraus, dass der Arzt tatsächlich ebenfalls ein Patient ist. Doch seine Analyse „entlastet“ Lolas schlechtes Gewissen, die sich nun wieder ganz ihrer Arbeit zuwenden kann.

Die Ereignisse überstürzen sich

Dieser Erzählfaden, der sich bereits in den ersten Einstellungen des Films etabliert, wenn Connys Abschiedsbrief aus dem Off verlesen wird, während Lola aus dem Schlaf schreckt, wird mit viel Geschick entfaltet und läuft eigentlich auf eine Mindfuck-Pointe à la Fight Club hinaus. Doch dann überstürzen sich die Ereignisse; der Film vergisst schlicht dieses Potential und findet in die geordneten Bahnen des „Dann und dann“ zurück. Alles, was sich kurzzeitig zu einer elementaren Krise in Sachen Beziehung, Karriere, Krankheit zu verdichten schien, klärt sich überraschend, nimmt mal eine tragische, mal eine glückliche Wendung.

Am Schluss joggt Lola ihrer unsicheren Zukunft entgegen, hört noch einmal Connys Stimme („Ich bin mit mir seit gestern nur noch entfernt verwandt. Mehr gibt’s nicht zu erklären. Mehr gibt’s nicht zu verstehen.“) und blickt sich erschreckt um. Doch da ist niemand. Lola ist jetzt, was sie letztlich immer schon war: ganz allein.

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