Die schönsten Jahre eines Lebens

Drama | Frankreich 2019 | 90 Minuten

Regie: Claude Lelouch

Eine Frau lässt sich rund fünfzig Jahre nach einer kurzen, intensiven Romanze mit einem Rennfahrer darauf ein, den dementen Mann in einem Seniorenheim zu besuchen. Dieser scheint sie zwar nicht zu erkennen, spricht mit ihr aber so vertraut über die große Leidenschaft seines Lebens, dass es nicht bei dem einen Wiedersehen bleibt. Späte Fortsetzung des berühmten Liebesfilms „Ein Mann und eine Frau“ (1966), die durch die Schauspielkunst der Hauptdarsteller zur anrührenden Coda wird. Der mit einem Minimum an Plot auskommende Film unterhält mit sanftem Humor in den lebhaften Dialogen und unterläuft die Gefahr der Oberflächlichkeit mit subtilen Details. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
LES PLUS BELLES ANNEES D'UNE VIE
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2019
Regie
Claude Lelouch
Buch
Claude Lelouch
Kamera
Robert Alazraki
Musik
Calogero · Francis Lai
Schnitt
Stéphane Mazalaigue
Darsteller
Anouk Aimée (Anne Gauthier) · Jean-Louis Trintignant (Jean-Louis Duroc) · Souad Amidou (Françoise Gauthier) · Antoine Sire (Antoine Duroc) · Marianne Denicourt (Verantwortliche im Heim)
Länge
90 Minuten
Kinostart
02.07.2020
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Liebesfilm

Ein Mann und eine Frau – 53 Jahre später: Eine nostalgische Rückkehr zu den Hauptfiguren von Claude Lelouchs klassischem Liebesfilm aus dem Jahr 1966, die im hohen Alter eine Coda ihrer Romanze erleben.

Diskussion

Gedächtnistraining heißt die Übung. Die Pflegerin nennt Marksteine, die erlebte Geschichte für die Bewohner des Seniorenheims waren: Mondlandung, De Gaulle und Mitterrand, der Unfalltod von Grace Kelly, Yannick Noahs French-Open-Gewinn, der Eurotunnel, 9/11... 50 Jahre im Schnelldurchgang, bei denen die alten Menschen die Jahreszahlen in den Raum werfen sollen. Doch nicht alle beteiligen sich. Für einen der Männer ist der muntere Vergangenheitsparcours eher Anlass zur Melancholie und zum Abdriften in die eigene Erinnerung, an das zurückliegende halbe Jahrhundert und ein wenig darüber hinaus.

Der ehemalige Auto-Rennfahrer Jean-Louis Duroc hat das Dasein lange mit Vollgas ausgekostet; nun lässt ihn sein Gedächtnis immer mehr im Stich, eine Alternative zur Rundumbetreuung gab es daher nicht mehr. Gleichwohl sucht sein Sohn Antoine dem alten Mann das Leben angenehmer zu machen und geht deshalb dem stärksten unter Jean-Louis’ Erinnerungsfetzen nach: Der kurzen, aber intensiven Romanze mit Anne Gauthier, der verwitweten Mutter von Antoines Schulkameradin Françoise, in den 1960er-Jahren.

Eine unverhoffte Wiederbegegnung

Die Liebe hat sich im Oeuvre des französischen Regisseurs Claude Lelouch schon immer ihren Weg durch Zeit und Raum und über alle Hindernisse hinweg zu bahnen gewusst. So wird sie denn auch in „Die schönsten Jahre eines Lebens“, dem 49. Film des mittlerweile über 80-jährigen Regisseurs, zum Anstoß für die unverhoffte Wiederbegegnung zweier Menschen, von denen Lelouch erstmals 1966 in Ein Mann und eine Frauerzählte. 1986 gab es bereits die Fortsetzung Ein Mann und eine Frau – 20 Jahre später; nun sind weitere 33 Jahre bis zur dritten Runde der Romanze ins Land gegangen.

Antoines Suche nach Anne ist erfolgreich, nach ihrer Karriere als Filmproduzentin hat sie in der Normandie einen Laden eröffnet. In kurzer Zeit sind ihre Bedenken gegen ein Treffen mit Jean-Louis ausgeräumt, und so taucht sie bald darauf in dessen Seniorenheim auf. Freundlich erlaubt er Anne, ihm im Garten Gesellschaft zu leisten, doch scheint er sie nicht zu erkennen; stattdessen redet er sie mal als neue Bewohnerin, mal als Ärztin an, mit der er aber sehr vertraut über ihre seltsame „Ähnlichkeit“ mit seiner großen Liebe spricht. Eine früher ungekannte Form der Selbstkritik fließt dabei in die Berichte des alten Charmeurs ein – er sei Anne nicht gewachsen gewesen, erklärt Jean-Louis seiner vermeintlich neuen Bekannten, deshalb habe es letztlich nicht funktioniert. Und überhaupt hätten Geschichten nur im Kino ein gutes Ende.

Lelouchs selbstreflexive Beschäftigung mit dem eigenen Metier klingt hier an, zugleich lässt sich Jean-Louis’ Bemerkung als ironischer Wink des Regisseurs verstehen, der diese Kinoromanze in seiner Karriere bereits zweimal zu einem positiven Filmende gebracht hat, nur um in der Fortsetzung zu enthüllen, dass es mit dem gemeinsamen Glück nach kurzer Zeit wieder vorbei war. In „Die schönsten Jahre eines Lebens“ setzt Lelouch die Erwartungen von Anfang an niedriger an: Die körperliche und mentale Schwäche von Jean-Louis machen ein gemeinsames Lebensende der Liebenden unwahrscheinlich, die Gespräche zwischen den beiden müssen als Beweis ihrer Zweisamkeit genügen.

Mit der „Ente“ durch Erinnerungslandschaften

Viel mehr an Plot fährt Lelouch dann auch nicht auf. Nach dem ersten Treffen folgen weitere Begegnungen, teils in Form von Autofahrten in Annes noch immer benutzter „Ente“ – bei denen offenbleibt, ob diese Ausbrüche aus dem Heim nicht nur in Jean-Louis’ Fantasie stattfinden. Der Austausch über Liebe und Vergänglichkeit ist lebendig, mit Gedichtzitaten und intelligenten Repliken – die Demenz des Mannes hat seinem Witz jedenfalls nicht geschadet. Dazu gibt es schöne Sommerlandschaften, Sonnenuntergänge jenseits der Kitschgrenze und immer wieder Rückblicke auf die alten Zeiten, für die der Film auf „Ein Mann und eine Frau“-Szenen zurückgreift, ergänzt durch Ausschnitte des Kurzfilms „C’était un rendez-vous“ (1976) für weitere Bilder rasender Autos. Doch insgesamt gehört dieses Werk zu den Plot-ärmsten eines Regisseurs, der immer zwischen den Polen schwankte, seine Filme zu überladen oder sie auf ein Minimum an Zutaten einzugrenzen.

Das raubt „Die schönsten Jahre eines Lebens“ allerdings nicht die filmische Kraft. Schon bei „Ein Mann und eine Frau“ beruhte die Faszination auf Lelouchs Entscheidung, die Handlung auf die pure Essenz der Liebe herunterzubrechen, davon aber mit „Nouvelle Vague“-ähnlicher Authentizität – realistische Schauplätze, naturalistisches Spiel – zu erzählen. In der demonstrativen Einfachheit des Titels lag zudem eine Kampfansage ans „Boy Meets Girl“-Prinzip Hollywoods: Für Lelouch war und ist Liebe nichts für Menschen, die geistig noch im Teenageralter stecken, sondern eine Angelegenheit von Erwachsenen.

Den Anschluss an Stil und Stimmung von damals hat der Regisseur möglichst glatt angelegt, vergleichbar dem, was 2018 auch der Musical-Kinderfilm Mary Poppins’ Rückkehr als späte Fortsetzung eines 1960er-Jahre-Klassikers unternommen hatte. Begnügte sich die Disney-Produktion jedoch mit nostalgischer Nachahmung plus zwei Cameo-Auftritten von Stars des ersten Teils von 1964, konnte Lelouch 53 Jahre nach „Ein Mann und eine Frau“ sogar mit denselben vier Darstellern drehen: Antoine Sire und Souad Amidou sind wieder in die Rollen von Antoine Duroc und Françoise Gauthier geschlüpft, die sie schon als Kinder spielten, für die Hauptrollen unterbrachen Jean-Louis Trintignant und Anouk Aimée ihren Ruhestand. Und auch die Musik von Francis Lai inklusive des „Dabadabada“-Ohrwurms darf selbstredend nicht fehlen.

Das Alter tilgt manche Kanten

Für eine satte Untermalung ist damit gesorgt, wenn Trintignant (Jahrgang 1930) und Aimée (Jahrgang 1932) darangehen, noch einmal ihre brillante Charakterisierungskunst für das emotionale Tête-à-Tête aufzubieten. Trintignant ist dabei das hohe Alter eher anzusehen, das einst kantige Gesicht ist weicher und faltig geworden, auch wenn die Augen noch immer strahlen und die Stimme modulationsreich geblieben ist. Bei seiner Partnerin ist die jugendliche Frische in den nur etwas verlangsamten Bewegungen noch deutlicher sichtbar, was Lelouch in einem besonders charmanten Dialog auch thematisiert: Auf Jean-Louis’ Frage „Warum sehen Sie jünger aus als ich?“, antwortet Anne: „Weil ich mich schminke.“ – „Nein“, korrigiert sie ihr früherer Freund daraufhin, „weil Sie sanfter sind als ich!“

Es sind solche subtilen Details, die Reiz und Vergnügen des Films ausmachen und die recht statische Ausrichtung nie zum dramaturgischen Problem werden lassen. Lelouch versagt sich die formalen Spielereien früherer Tage, zeigt aber durch eine fließende Kameraarbeit und das gewiss nicht neue, aber effektvoll variierte Motiv der unklaren Grenze zwischen Filmwirklichkeit und Träumen ausreichend erzählerischen Einsatz, um seine Schauspieler nicht allein zu lassen. Der überstrapazierte Begriff der Altersgelassenheit ist hier einmal vollkommen angebracht, so unangestrengt und kurzweilig präsentiert sich die abschließende Betrachtung einer Romanze mit Ewigkeitsanspruch. Was deren unbedingte Stärke angeht, kennt der Regisseur keine Kompromisse: Bei Claude Lelouch verliert sogar ein Selfie jeden Ruch eitler Selbstbezogenheit und dient allein dem Zweck, zwei Liebende noch enger zusammenzuführen.

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