Science-Fiction | Frankreich/USA 2021 | 100 Minuten

Regie: Alexandre Aja

Eine Frau erwacht in einer sargähnlichen Röhre. Sie hat keine Erinnerung daran, wie sie in diese missliche Lage gekommen ist, und auch nur ein bruchstückhaftes Wissen über sich selbst. Als Ansprechpartner dient eine künstliche Intelligenz, die ihre Vitalfunktionen überwacht, doch dann wird der Sauerstoff knapper und die Lage immer brenzliger. Der Survival-Thriller verlässt sein klaustrophobisches Szenario fast bis zum Schluss nur für kurze Rückblenden und hält dank einer überragenden Hauptdarstellerin und eines cleveren Drehbuchs durchgehend die Spannung. Eine intelligente Reflexion über das von Projektionen geprägte Verhältnis von Mensch, Körper und Maschine. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
OXYGÈNE
Produktionsland
Frankreich/USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Alexandre Aja
Buch
Christie LeBlanc
Kamera
Maxime Alexandre
Musik
Robin Coudert
Schnitt
Stéphane Roche
Darsteller
Mélanie Laurent (Elizabeth Hansen) · Mathieu Amalric (Stimme M.I.L.O.) · Malik Zidi (Léo Ferguson) · Marc Saez (Ortiz) · Laura Boujenah (Alice Hansen)
Länge
100 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Science-Fiction | Survival-Film | Thriller

Diskussion

Was wäre, wenn sich dieser kurze Moment nach dem Erwachen, in dem die Gedanken noch ungeordnet sind, das Ich formlos ist und man für Augenblick nicht weiß, wer und wo man ist, fortsetzen würde? Dieser Prämisse folgt Alexandre Aja in „Oxygen“. Eine Frau (Mélanie Laurent) erlangt das Bewusstsein in einer sargähnlichen Kammer, die sich als medizinische Einrichtung zur Aufrechterhaltung ihrer Vitalfunktionen entpuppt.

Aja, ein Experte für knallharte filmische Überlebenskämpfe, begann mit dem lesbischen Exploitation-Slasher „High Tension (2003), der ihn zum Mitbegründer der „New French Extremity“-Welle machte. Dann folgten Remakes der Genreklassiker „The Hills Have Eyes“ und „Maniac“, die ihn nach Hollywood führten, wo er „Piranha 3D“ und „Crawl“ drehte. Seine Ausflüge in die verschiedenen Gefilde des Horrors verband er mit einer absolut ernst gemeinten Hingabe an das Genrekino. In „Oxygen“ kehrt er nun nach Frankreich zurück. Der Film handelt vom nackten Überleben und spielt komplett im Inneren einer Kältekammer, deren Cryo-Technologie spätestens seit „Alien“ zum festen Inventar des Science-Fiction-Kinos gehört.

Eine künstliche Intelligenz als einzige Informationsquelle

Die Frage „Wer bin ich?“ stellt auch die Protagonistin nach ihrem Schockerwachen in der Hightech-Röhre und erhält von einer mit Sprachfunktion ausgestatteten Künstlichen Intelligenz namens Milo die Antwort: „Sie sind die Bio-Form Omikron 267“. Mit dieser Mini-Identität will sich die Frau nicht zufriedengeben; es entspinnt sich ein nervenzerrüttender Dialog zwischen ihr und der überfürsorglichen KI, deren Informationspolitik ziemlich restriktiv ausfällt.

Das Grundproblem dagegen kommuniziert Milo ziemlich direkt: Uns geht die Luft aus! Aufgrund eines technischen Defekts ist der Sauerstoffpegel lebensbedrohlich gesunken; kommt nicht bald Hilfe von außen, droht die Frau im Inneren der Kapsel zu ersticken. Ihre ohnehin kaum vorhandene Bewegungsfreiheit ist zusätzlich eingeschränkt, denn die Patientin hängt an allerlei Schläuchen und Zugängen; die Vitalfunktionen der vermeintlich Kranken werden vollständig von den Algorithmen der Maschine gesteuert. Für die Frau gibt es nur eine Möglichkeit: Sie muss ihren Fesseln entkommen und aus der Röhre ausbrechen.

Klaustrophobisches mit hohem Identifikationspotenzial

Das Eingesperrt sein, Klaustrophobie, Isolation und fehlende Luft zum Atmen sind derzeit allesamt Themen, die eine gesteigerte Resonanz erzeugen. Aja verdichtet diese Koordinaten in einem Ein-Schauplatz-Setting, das filmhistorisch durchaus Vorgänger kennt. Alfred Hitchcock verlieh der Form in Filmen wie „Das Rettungsboot“, „Cocktail für eine Leiche“ oder „Das Fenster zum Hof“ Ausdruck; Sidney Lumet pferchte „Die zwölf Geschworenen“ (1957) einen Film lang ins Hinterzimmer des Gerichts; Rainer Werner Fassbinder ließ „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ (1972) beinahe vollständig in einem Schlafzimmer spielen; später arbeiteten Regisseure wie Richard Linklater („Tape“) oder Emma Seligman in „Shiva Baby“ mit dem Mittel intensiver räumlicher Beschränkung. Derart konsequent auf die Spitze getrieben hat es neben Alexandre Aja allerdings nur Rodrigo Cortés, der die Handlung des Horrorschockers „Buried“ (2010) komplett ins Innere eines Sarges verlegte.

„Oxygen“ belässt es nicht allein beim Unbehagen einer extremen räumlichen Einschränkung. Ein besonders zeitgenössisches Grauen gesellt sich hinzu, nämlich der Schauder über die permanente technologische Vermessung der menschlichen Körper. Längst gehören allerhand Bio-Daten-Tracker zum Alltag; ein Markt mit enormen Wachstumsmöglichkeiten, der in der Tat einiges an dystopischem Potenzial birgt, angefangen bei der Sorge um abnehmende menschliche Autonomie.

Dass „Oxygen“ nicht vollständig in den zu erwartenden Maschinen-Albtraum abgleitet, den das Hollywoodkino allzu gerne in Untergangsszenarien ausmalt, zeigt das außerordentliche filmische Geschick von Aja. Ihn treiben nicht so sehr klischierte Horrorvisionen von der Versklavung der Menschheit oder einer Systemübernahme durch künstliche Intelligenz um; Ajas Augenmerk gilt vielmehr den allzu menschlichen Projektionen auf die Maschinen. Denn egal, ob es sich um die Angst vor maschineller Übernahme der Weltgeschicke oder – im positiven Sinne – um den Wunsch nach einer Verlängerung menschlichen Lebens durch Technologie handelt, so sind es doch stets unsere Vorstellungen, Ängste und Wünsche und nicht jene der KI und Maschinen, welche die Technik antreiben. Bei Aja erscheint dieser Bezug am Ende in Form eines ultimativen Phantasmas. Ein Happy End will man es nicht nennen.

Im Hier und Jetzt verankert

„Oxygen“ ist ein äußerst effektiver, konzentrierter Ideen-Thriller. Getragen wird er durch die präzise Körperlichkeit von Mélanie Laurent. Kein Ausraster, kein Schock, kein Erlösungszustand, der aus ihrem Spiel hervorgeht, wirkt überzogen oder gar deplatziert. Ihre Präsenz verankert die Handlung – obwohl in der Zukunft angesiedelt – vollständig im Hier und Jetzt. Ihr Entsetzen vor den Unabänderlichkeiten der Realität ist stets auch unseres.

In solch existenziellen Momenten pflegt in „Oxygen“ die Künstliche Intelligenz mit gezückter Spritze zu fragen: „Wünschen Sie ein Beruhigungsmittel?“ Wahrscheinlich wäre es verdammt guter Stoff.

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