Serie | Südkorea 2021 | 485 (neun Folgen) Minuten

Regie: Hwang Dong-hyuk

Südkoreanische Thriller-Serie um einen glücksspielsüchtigen, verschuldeten Mann, der sich wegen der Aussicht auf ein stattliches Preisgeld auf eine perfide Spielshow einlässt: Zusammen mit 455 weiteren Kandidaten wird er an einen abgeriegelten Ort gebracht und misst sich zur Ergötzung eines superreichen Publikums mit den anderen in traditionellen Kinderspielen - mit der sinistren Volte, dass die Verlierer jeweils getötet werden. Zwar könnten die Spieler gemeinsam beschließen, das fatale Spiel abzubrechen - doch ihre Perspektivlosigkeit im realen Leben ist so groß, dass selbst der Tod eine bessere Aussicht scheint. Der koreanischen Serie gelingt in der ersten Hälfte eine erbitterte, mit drastischen Gewaltszenen arbeitende, formal durchdachte Kritik am neoliberal-kapitalistischen Wirtschaftssystem, die in der zweiten Hälfte durch die Flucht in goutierbare Genremuster allerdings ein Stück weit aufgeweicht wird. - Ab 18.

Filmdaten

Originaltitel
SQUID GAME
Produktionsland
Südkorea
Produktionsjahr
2021
Regie
Hwang Dong-hyuk
Buch
Hwang Dong-hyuk
Musik
Jung Jaeil
Darsteller
Lee Jung-jae (Seong Gi-hun) · Park Hae-soo (Cho Sang-woo) · Wi Ha-Joon (Hwang Jun-ho) · Jung Hoyeon (Kang Sae-byeok) · Oh Yeong-su (Oh Il-nam)
Länge
485 (neun Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 18.
Genre
Serie | Thriller

Die südkoreanische Netflix-Serie begeistert Zuschauer weltweit. Eine Überraschung ist dieser Erfolg aber keineswegs. Die Serie funktioniert auf vielen Ebenen hervorragend; wie es ihr über weite Strecken gelingt, die strukturelle Gewalt des Kapitalismus in verführerischen Bildern zu verdichten, ist beeindruckend. Auf den letzten Metern verschenken die Macher die Chance einer wahrlich subversiven Wendung. Am Ende bleibt von diesem Gemetzel doch nur blutiger Eskapismus. Eine Analyse.

Diskussion

„Squid Game“ ist zu einem gesellschaftlichen Phänomen geworden. Der Hype um die Serie, in der ein hoch verschuldeter Mann und andere verzweifelte Teilnehmer:innen mit der Aussicht auf einen satten Gewinn an makabren „Kinderspielen“ teilnehmen, die die Verlierer das Leben kosten, scheint grenzenlos. Für Netflix ist es der bisher größte Erfolg; laut dem Wirtschaftsnachrichtendienst Bloomberg kann der Streamingdienst nach gut einem Monat Laufzeit – die Serie ist am 17.9.2021 an den Start gegangen – bis 19.10. 142 Millionen Nutzer-Zugriffe auf die Serie verbuchen. Die Wirkung der Serie geht aber weit darüber hinaus. Das Identifikationspotenzial ist hoch. So ist die Nachfrage nach den weißen Sneakern, die von den Insassen der Spielshow, um die es in der Serie geht, getragen werden, dermaßen gestiegen, dass die Verkaufszahlen der Marke Vans förmlich explodieren.

Alles nur ein aufgeblasener Hype, wie kürzlich ein Artikel im Berliner Tagesspiegel nahelegt? Da macht es sich dessen Autor Jan Freitag etwas zu leicht, wird den verführerischen Strategien dieser Show nicht gerecht. Der Erfolg ist kein glücklicher Zufall. Vielmehr geht das Kalkül der Macher auf. Man muss die Serie schon ernst nehmen, um sie auch in ihren durchaus kritischen Momenten angemessen kritisieren zu können. Viel funktioniert in der Art, wie die formalen Elemente den bloßen Plot überformen. Dabei dürfte einer der Gründe für die Begeisterung wohl in dem geschickten und spielerischen Umgang mit den filmischen Vorbildern liegen.

Popkulturelle Nostalgie

„Squid Game“ erschafft keine fremde Welt, in die man sich erst hineinarbeiten muss. Die Serie ist vom ersten Moment an zugänglich, weil sie an ein bereits vorhandenes kulturelles Gedächtnis andockt. Ein dicht gewobenes Netz aus Referenzen schafft einen hohen Wiedererkennungswert und erleichtert narrative Orientierung. Die Geschichte um eine perfide Spielshow, die ihre Teilnehmer in einen tödlichen Wettkampf schickt, spielt gekonnt mit bekannten Motiven aus der jüngsten Filmgeschichte.

Bereits in der ersten Episode fällt in einer U-Bahn-Station ein ikonischer Satz. „Wollen Sie ein Spiel mit mir spielen?“, fragt der adrette Mann im Anzug den liebenswürdigen Verlierer Seong Gi-hun (Lee Jung-jae). Mit dieser Szene, die auf den Killer Jigsaw aus der Horrorreihe „Saw“ anspielt, beginnt der ganze Albtraum. Das „Saw“-Franchise, dessen erster Teil 2004 einschlug wie eine Bombe, war eines der Phänomene der jüngeren Horrorfilmgeschichte. Auch dort werden Menschen in ein tödliches Spiel verwickelt, müssen sich in ausgeklügelten Fallen ihres Lebens würdig erweisen. Mit diesem einen Satz eröffnet „Squid Game“ einen Erwartungshorizont, mit dem die Serie wiederum ihr eigenes Spiel treibt.

Im Verlauf reichert sich „Squid Game“ mit weiteren Bezügen an. Das gibt es die maskierten Superreichen, die auf der Suche nach einem intensiven Kick in einer Loge sitzend das grausame Schauspiel beobachten. Ohne Anteilnahme wetten sie auf das Überleben einzelner Teilnehmer, einem Pferderennen gleich. Diese existenzielle Leere, die sich ihres Seins mittels des Tötens versichern muss, erinnert an die folternden Geschäftsmänner aus Eli Roths „Hostel“, während die zynische Dekadenz der goldenen Masken an die Geheimgesellschaft in Stanley Kubricks „Eyes Wide Shut“ denken lässt. Mit ihrer harschen Kapitalismus-Kritik reiht sich die Serie zudem ein in eine ganze Reihe anderer südkoreanischer Erfolge der letzten Jahre, von Kim Ki-duks „Pieta“ bis zu den Werken von „Oscar“-Preisträger Bong Joon-ho („Snowpiercer“, „Parasite“). Die Zuschauer:innen sind am Haken, weil sie glauben, den Fortgang der Geschichte erahnen zu können. Von Tom Toelles weitsichtigem 1970er-Jahre-Fernsehfilm „Das Millionenspiel“ über „Rollerball“ und „Battle Royale“ bis zum populären „Die Tribute von Panem“ – jede Generation wird Motive wiedererkennen, kann an ihre jeweilige Sehbiografie anknüpfen. „Squid Game“ ist damit bei aller Härte in gewisser Weise eine nostalgische Serie. Netflix hat aus diesem Gefühl bereits Hits wie „Stranger Things“ geformt. Darin liegt ein Schlüssel zum Erfolg.

Unschuldige Kinderspiele

Gleichzeitig macht die Serie auf interessante Weise Nostalgie, die auf die Vergangenheit gerichtete melancholische Sehnsucht, selbst zum Thema; die bekannten Motive, einmal gesetzt, werden auf spielerische Art kombiniert und mitunter überraschend reflektiert. Es ist kein Zufall, dass den Teilnehmer:innen der Spielshow ausgerechnet Kinderspiele als Aufgaben gestellt werden. Die Erinnerung an die Unbekümmertheit der Kindheit ist per se konzentrierte Nostalgie. Mit dem Eintritt in die Welt der Erwachsenen allerdings geht die Unbekümmertheit verloren; alles bekommt einen Zweck und einen Preis. Der Alltag besteht aus Aufgaben; selbst die Freizeit ist von einem Müssen durchzogen. „Squid Game“ infiziert die Spiele der Kindheit in aller Konsequenz mit dem Gift der Notwendigkeit. Wer das Spiel abbricht oder die Aufgabe nicht meistert, der wird gnadenlos erschossen.

Eine suggestive Pervertierung: Die Kinderspiele verlieren ihre Unschuld, werden absorbiert in ein alle Lebensbereiche infiltrierendes, kaltes System der Konkurrenz. Im Prolog erinnert sich die Hauptfigur Gi-hun an das titelgebende „Tintenfischspiel“ und an das Gefühl des Glücks beim Sieg. Er fühlte sich, als würde ihm in diesem Moment die ganze Welt gehören. Genau dieses Verhältnis dreht sich um: Nicht wir besitzen die Welt, die Welt besitzt uns und wird ihrerseits vom Geld regiert, und in so einer Welt sind selbst Kinderspiele keineswegs harmlos: Man bildet sich durch sie in die Gesellschaft hinein; die Gewalt der Zurichtung steckt immer schon in den Kinderschuhen. In „Squid Game“ tritt sie an die Oberfläche. Die Nostalgie, die Sehnsucht nach dem unschuldigen Sieg, ist somit auch ein Motor des kapitalistischen Systems.

Die Gewalt wird von den Machern äußerst explizit in Szene gesetzt. Auf eben diese Brutalität stürzen sich die deutschen Medien derzeit, befeuert durch einen Vorfall in Belgien: Dort haben Schüler die Serie nachgespielt und die Verlierer wurden verprügelt. Da liegt der ewige Kurzschluss nahe: Die brutalen Bilder führen zu einer realen Enthemmung. Der Fokus auf die mediale Gewalt überdeckt jedoch die wesentlichen Fragen danach, welche Faktoren in der Realität den Nährboden für das unreflektierte Nachahmen bilden. Erschreckend an dem Fall aus Belgien ist tatsächlich, dass sich darin genau jene Gnadenlosigkeit und Konkurrenz-Mentalität Bahn bricht, die von der Serie deutlich hinterfragt und kritisiert werden. Wenn wir über etwas diskutieren sollten, dann über die realexistierende kapitalistische Ellenbogenmentalität, die auf dem Schulhof unhinterfragt übernommen wird: The survival of the fittest.

Die strukturelle Gewalt des Kapitalismus

Für die Spieler: innen in „Squid Game“ ist ihre Teilnahme an der Spielshow die letzte Chance, die sie sehen, um noch zu diesen „fittest“ zu gehören. Eigentlich sind sie die Verlierer der Gesellschaft: Alle haben sie hohe Schulden; sozial sind sie, um im Vokabular der Kinderspiele zu sprechen, bereits ausgezählt. All die namenlosen Nummern auf den Trainingsanzügen, die sie in der Serie tragen, sind die Ziffern der unsichtbaren Leben, die der neoliberale Kapitalismus für sein Funktionieren so dringend braucht: Humankapital. In der Serie werden diese Ausgestoßenen einem tödlichen Vergnügungsspektakel zugeführt, sozusagen wiederverwertet. Die strukturelle Gewalt, in der kein Subjekt als Einzeltäter mehr identifiziert werden kann, wird schonungslos offengelegt. Der ökonomische Kreislauf ist intakt, solange Schulden das pochende Herz dieses Systems sind.

Das hat der herausragende Dokumentarfilm „Oeconomia“ von Caren Losmann auf eindringliche Weise nachgezeichnet und der kürzlich verstorbene David Graeber hat darüber ein ganzes Buch („Schulden“) geschrieben. Damit Wachstum gedeihen kann, müssen die Menschen über alle Maße konsumieren. Die private Verschuldung in Südkorea ist enorm. Konsumkredite gehören zum guten Stil. Aus dieser Wirklichkeit baut „Squid Game“ ein bösartiges Tableau. Man muss sich dabei vor Augen führen, dass das Leben der Verschuldeten einem bloßen Überleben gleicht, für das man gar noch rechtfertigen muss.

Prinzipien des „freien“ Marktes

In „Squid Game“ haben die Inszenatoren der Show diese Überlebenden ganz gezielt ausgespäht. Die Kontrollgesellschaft sucht sich ihre Ressourcen; das Todesspiel wird als Chance verkauft, sich zu rehabilitieren, die Teilnahme ist „freiwillig“; den Spielern steht es sogar zu, den Contest ohne Konsequenzen jederzeit abzubrechen, wenn sich dafür eine demokratische Mehrheit unter ihnen findet. Am Ende der ersten Episode gelingt dies sogar. Nur werden die meisten der Spieler:innen am Ende der zweiten Folge zurückkehren, schlicht weil sie keinen anderen Ausweg aus ihrem Schulden-Dilemma sehen. So viel zur Freiheit…

An einer Stelle heißt es, dass im Draußen die eigentliche Hölle wartet. Die Schulden haben das soziale Netz der Figuren zersetzt und eine lebendige Teilhabe an der Gesellschaft verunmöglicht. Die Aussicht auf den Geldgewinn kommt folglich einer Erlösung gleich. Den Menschen wird in dem perversen Spiel ein Ziel gegeben und ein sozialer Raum, der für sie im echten Leben unbewohnbar geworden ist. Für kurze Zeit entstehen im Schlafsaal soziale Bindungen, und die zuvor Unsichtbaren, die Ausgegrenzten, spielen plötzlich eine Rolle. Der Tod ist ohnehin einkalkuliert.

Jeder Tote in diesem System wird mit Geld verrechnet. Schulden werden in „Squid Game“ in eine existenzielle Körperschuld transferiert. Nach jeder Runde steigt die Summe für alle sichtbar an. Da sich der Flaschenhals mit jeder Spielrunde verjüngt, Kandidat um Kandidatin niedergestreckt wird, entfaltet sich eine Eskalationsspirale, die das höllische Außen in den Spiel-Innenraum eindringen lässt.

Das Explizite der Gewalt gerinnt in der Inszenierung zu einer hochreflexiven Form, bei der das Blut in grellen Fontänen aus den Einschusslöchern spritzt und im schönsten Slow Motion gestorben wird. All das ist comichaft überzeichnet. Die andauernden Wiederholungen ermüden – und sollen auch genau das tun. Nein, diese Tode sollen kein Thrill sein. Die Gewalt wird durch die Art der Darstellung ihrer emotionalen Gewalt beraubt. Irgendwann nehmen wir es achselzuckend hin, wie eine menschliche Spielfigur nach der anderen vom Feld genommen wird. Mit diesem formalen Kniff zwingt uns die Serie die perverse Logik des Spiels auf; unser Blick nähert sich jenem der lange unsichtbar bleibenden Gruppe von Superreichen an – und lässt uns dabei hoffentlich vor uns selbst erschrecken. Auf diese Weise wird die ökonomische Grausamkeit der Dramaturgie und ihrer emotionalen Lenkung reflektiert. Denn selbstverständlich fiebern wir mit dem liebenswürdigen Verlierer Seong Gi-hun/Nummer 456 mit. Hoffen auf das Überleben der mysteriösen Kang Sae-byeok / Nummer 067 (Jung Ho-yeon). Oder drücken dem gutmütigen Ali Abdul/Nummer 199 (Anupam Tripathi) die Daumen. All die anderen Figuren rücken notwendigerweise in den Hintergrund und ihr Sterben tangiert uns nicht.

Blutiger Eskapismus

All das ist höchste Serienkunst – bis zur Hälfte der Serie. Und dennoch scheitert „Squid Game“ an sich selbst. All die Kritik, all die hintergründige Reflexion wird nicht zu Ende geführt. Gegen Ende beginnt die Serie die Grausamkeit durch moralische Eindeutigkeit abzufedern, statt den Zuschauer, die Zuschauerin in die Mangel zu nehmen. Vielmehr werden sie aufgefangen, an die Hand genommen. Der Held mag ein tragischer sein. Doch in all seiner Tragik liegt auch ein Trost: Das Spiel findet darin seinen Sinn. Unser Blick wird nicht auf uns selbst zurückgewendet. Die Serie entbindet uns von der Last, als Zuschauer immer auch Kollaborateure zu sein.  

Die strukturelle Gewalt rückt vollends in den Hintergrund, weil die persönlichen Tragödien ausgespielt werden. Mit der Einführung der plump gezeichneten Superreichen gibt es, mögen sie auch maskiert sein, letztendlich eine Personifikation des Bösen. Alles, was vorher weitgehend durch Bilder vermittelt wurde, wird nun ausgesprochen und erklärt. Dem klagenden „Warum das alles?“ wird eine schön übersichtliche Antwort gegeben: Es gibt sie, die Strippenzieher und verkommenen Subjekte. Jegliche Ambivalenz fällt in der Folge in sich zusammen. Vielleicht auch deshalb, weil die Wiederholungsstruktur der Spiele sich abnutzt. Um den Plot am Laufen zu halten, wird dem Suspense-Plot um einen Polizisten, der sich unter die gesichtslosen Wächter mischt, immer mehr zu einem Zentrum.

Dieser Nebenstrang folgt einem klassischen Genremuster, das die klaustrophobische Enge der Spiellogik öffnet und uns Luft zum Atmen schenkt. Eine Hoffnung hält Einzug, die kein bösartiger Twist der Welt mehr umkehren kann. All das ist sehr ärgerlich, weil „Squid Game“ seine eigenen Anlagen der ersten Episoden nicht einlöst. Was als smarte Kapitalismuskritik beginnt, ist am Ende nicht viel mehr als ein blutiger Eskapismus; der gute Mensch gewinnt tragisch. Womöglich wollte man das Publikum nicht verschrecken. Nun ist „Squid Game“ am Ende auch nur ein Serienprodukt: Ein im höchsten Maße konsumierbares, (pseudo-)moralisches Gemetzel. Man denke nur an die Schüler aus Belgien. Oder die weißen Sneaker.

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