Drama | Deutschland 2021 | 90 Minuten

Regie: Max Fey

Eine alleinerziehende Mutter kümmert sich aufopferungsvoll um ihren 13-jährigen Sohn, der am Asperger-Syndrom leidet, kontaktscheu ist und Mitmenschen durch seine Wutausbrüche verschreckt. Die Mutter verteidigt ihn mit aller Kraft gegen Vorwürfe und Widerstände und versucht, ihm ein stabiles Zuhause zu erhalten, bis sie schließlich selbst an ihre Grenzen gerät. Der eindringliche Debütfilm schildert mit viel Fingerspitzengefühl das belastende Auf und Ab in einer symbiotischen Bindung. Mitunter scheinen die dramaturgischen Absichten aber allzu deutlich auf. Glaubwürdigkeit gewinnt die konventionelle Geschichte durch gute schauspielerische Leistungen in den Hauptrollen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2021
Regie
Max Fey
Buch
Max Frey · Michael Gutmann
Kamera
Vasco Viana
Musik
Andi Otto
Schnitt
Max Frey
Darsteller
Liv Lisa Fries (Eva) · Jona Eisenblätter (Felix) · Thure Lindhardt (Pelle) · Lena Urzendowsky (Elena) · Corinna Harfouch (Elke Müller)
Länge
90 Minuten
Kinostart
16.06.2022
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama

Eine alleinerziehende Mutter kümmert sich aufopferungsvoll um ihren 13-jährigen Sohn mit Asperger-Syndrom, gerät durch seine unkontrollierbaren Wutausbrüche aber an Grenzen.

Diskussion

Die alleinerziehende Eva (Liv Lisa Fries) und ihr 13-jähriger Sohn Felix (Jona Eisenblätter) bilden eine symbiotische Einheit. Eva, die in einem Supermarkt arbeitet, setzt sich mit Engelsgeduld und einem unbändigen Willen dafür ein, dass ihr Sohn möglichst wenig ausgegrenzt wird. Denn Felix hat das Asperger-Syndrom, eine autistische Entwicklungsstörung, die unter anderem mit einem eingeschränkten Einfühlungsvermögen, mangelhafter sozialer Kompetenz und oft ungewöhnlichen Sonderinteressen einhergeht.

Der Junge wirkt sehr zurückgezogen und lässt nur wenige Menschen an sich heran. Immerhin vertraut er seiner jungen Betreuerin Elena (Lena Urzendowsky), die ihn in die Schule begleitet. Seine plötzlichen Angst- und Wutattacken kosten Eva viele Nerven und machen ihr das Leben schwer. Mehrmals läuft der Junge nach Konflikten in der Schule einfach weg, so dass sie ihre Arbeitsstelle verlassen muss, um ihn zu suchen oder abzuholen, was bei ihrem Chef zunehmend auf Unwillen stößt. Auch in Elternversammlungen, bei Lehrerinnen und Ämtern verteidigt sie ihren Sohn wie eine Löwenmutter gegen Vorwürfe und bittet um Verständnis oder Nachsicht.

Die Trommel der Waschmaschine

Zum Glück findet sie bei dem etwas älteren Nachbarn Pelle (Thure Lindhardt) Unterstützung, der mit selbst hergestelltem Fischfond seinen Lebensunterhalt verdient und ein Auge auf die hübsche Eva geworfen hat. Der ruhige Pelle besitzt auch einen guten Draht zu Felix, weil er ihn so nimmt, wie er ist. Symptomatisch für ihr kameradschaftliche Verhältnis ist, dass Pelle sich manchmal dazusetzt, wenn Felix minutenlang dabei zuschaut, wie sich die Trommel der Waschmaschine dreht.

Eva kennt ihren Sohn und seine Verhaltensweisen sehr gut; sie weiß, wie sie ihn beruhigen kann, wenn er wieder einmal aus scheinbar nichtigem Anlass ausrastet. Doch die Ausbrüche werden heftiger, und der 13-Jährige gewinnt an Größe und Kraft. Eines Tages mündet ein Streit in ein heftiges Handgemenge, bei dem die zierliche Mutter eine Kopfwunde davonträgt. Kurzerhand fährt sie mit ihrem Motorroller in ein Krankenhaus. Allmählich aber schwant ihr, dass es so nicht weitergehen kann.

Der erste lange Spielfilm des Autors und Regisseurs Max Fey ist autobiografisch motiviert. In seinem familiären Umfeld wurde bei mehreren Menschen Asperger diagnostiziert. Bei seinen langjährigen Recherchen begegnete Fey Kindern mit Autismus-Störungen und ihren Eltern und sprach mit Betreuern sowie Beamten und Juristen von Jugendämtern. Seine Ergebnisse flossen in das Drehbuch ein, das er zusammen mit Michael Gutmann schrieb. Darin geht es jedoch weniger um einen Heranwachsenden mit Asperger-Symptomatik als vielmehr um dessen Mutter.

Geradlinig und ohne Schnörkel

Fey erzählt die melancholisch gestimmte Geschichte geradlinig, ohne Schnörkel oder Rückblenden. Die ruhigen Episoden werden von behutsam gesetzten musikalischen Akzenten begleitet. Der portugiesische Kameramann Vasco Viana filmt vorwiegend aus der Hand und erzeugt so eine visuelle Unruhe, die mit der prekären Lebenslage von Mutter und Sohn korrespondiert.

„Zwischen uns“ nimmt nicht Partei für eine Seite, sondern schildert die Ereignisse aus nüchterner Distanz. Fast alle Akteure um Eva meinen es gut, wollen helfen, wissen aber meist nicht wie. Wie sollen sie auch wissen? Wer weiß schon, was in einem Menschen mit Asperger vorgeht? Schließlich hat nicht einmal die moderne Medizin bisher ein Heilmittel gefunden.

Die einfühlsame Inszenierung wird vor allem von einem sicher geführten und solide agierenden Ensemble getragen, allen voran den beiden Hauptdarstellern Liv Lisa Fries und Jona Eisenblätter. Dass Eisenblätter schon einige Kameraerfahrung gesammelt hat, lässt sich kaum übersehen, meistert er die darstellerische Herausforderung doch makellos. So meidet er konsequent Blickkontakte und schaut meist regungslos vor sich hin oder lässt urplötzlich eine erschreckende Aggressivität aufblitzen, ohne exaltiert zu wirken. Seine überraschenden Wutausbrüche erinnern dabei an „Systemsprenger“ (2019) über ein hyperaggressives Mädchen; das Außenseiterporträt von Nora Fingscheidt fiel aber spürbar wuchtiger als „Zwischen uns“ aus.

Fein schattierte Gefühlslagen

Liv Lisa Fries unterstreicht nach Auftritten in Kinofilmen wie „Und morgen Mittag bin ich tot“ (2013) oder der Fernsehserie „Babylon Berlin“ einmal mehr, dass sie zu den überzeugendsten jungen Schauspielerinnen in Deutschland zählt, weil sie mimisch fein schattiert Gefühlslagen zwischen resolut und feinfühlig, wütend und verzweifelt wie wenige andere darzustellen weiß.

Etwas getrübt wird der Gesamteindruck durch den Verzicht auf Hintergründe, etwa eine Familiengeschichte. Der Vater von Felix wird nur einmal in einem Dialog als abwesend erwähnt, und auch Eva scheint sozial nicht gut vernetzt zu sein, da weder Verwandte noch Freundinnen vorkommen. Das ist bei aller Konzentration auf das Mutter-Sohn-Verhältnis doch etwas wenig.

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