Drama | Schweiz 2021 | 101 Minuten

Regie: Peter Luisi

Ein alkoholabhängiger Mann verweigert seine Zustimmung, als seine Schwester das von beiden geerbte Elternhaus, in dem er wohnt, verkaufen will. Als sie kurzerhand dort miteinzieht, freundet der Alkoholiker sich unerwartet mit ihrer vierjährigen Tochter an, was seinem Leben eine Wendung gibt. Einige Jahrzehnte später ist es an ihm, seiner Nichte bei einem Suchtproblem beizustehen und sie aus einem Gefängnis in der Ukraine zu befreien. Warmherziges, großartig gespieltes Drama über Mitmenschlichkeit, Empathie und die Verantwortung gegenüber dem eigenen Leben und dem der anderen. Vor allem der erste Teil berührt in den Szenen zwischen Onkel und Kind, während der abrupte Wechsel der Tonalität gewöhnungsbedürftig ist, ohne dass der Film an Intensität und Einfühlsamkeit einbüßen würde. - Ab 16.
Zur Filmkritik

Filmdaten

Originaltitel
PRINZESSIN
Produktionsland
Schweiz
Produktionsjahr
2021
Produktionsfirma
Directory Films/Spotlight Media Prod.
Regie
Peter Luisi
Buch
Peter Luisi
Kamera
Ramòn Giger
Musik
Martin Skalsky · Michael Duss
Schnitt
Peter Luisi · Gion-Reto Killias
Darsteller
Matthias Habich (Josef, alt) · Johanna Bantzer (Nina, alt) · Fabian Krüger (Josef, jung) · Lia Hahne (Nina, jung) · Anne Haug (Karin)
Länge
101 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama
Externe Links
IMDb

Emotionales Drama um die liebevolle Beziehung zwischen einem Mann und seiner Nichte, die über mehrere Jahrzehnte hinweg einander in Phasen der Sucht beistehen.

Diskussion

Josef Keller ist am Verludern. Er ist 47-jährig, schwer alkoholsüchtig und lebt alleine im Zweifamilienhaus, das seinen Eltern – oder zumindest seiner Mutter – gehörte. Über Josefs Vorleben wird wenig bekannt in diesem Film von Peter Luisi, der anders als Luisis andere Filme keine Komödie, sondern ein Drama ist. Er erzählt die Geschichte von Josef und Nina. Nina ist Josefs Nichte und bereits vier Jahre alt, als ihre Mutter Karin eines Tages unverhofft an Josefs Tür klingelt.

Josef und Karin haben sich davor jahrelang nicht gesehen. Dass ihrer beider Mutter verstorben ist, Karin ihm eine Todesanzeige geschickt hat und die Mutter bereits bestattet ist, hat Josef in seiner Sucht nicht mitbekommen. Dass Karin nun vor ihm steht und verkündet, dass er ausziehen muss, damit sie das gemeinsam geerbte Haus verkaufen kann, versteht er aber sehr wohl – und weigert sich, es zu tun. Als Karin mit Nina einige Tage später in die Parterrewohnung einzieht, ist Josef verdutzt, bringt aber immerhin ein „Willkommen“ über die Lippen.

Ritter und Prinzessin im Garten

Die ersten Annäherungen zwischen Nina und Josef sind zögerlich und verspielt. Die Kleine besucht um die Ecke einen Kindergarten. Sie ist aufgeweckt und neugierig, wie Kinder ihres Alters es sind, und geht sehr offen auf Josef zu. Josef, der in den Tag hineinlebt, hat viel Zeit für sie. Er spielt mit ihr im verwilderten Garten Ritter und Prinzessin. Geht mit ihr in den Zoo, baut für sie ein Gartenhaus und hilft ihr durchs Fenster in die Wohnung, als Karin, die als Pflegerin arbeitet und nebenher eine Ausbildung macht, es einmal nicht rechtzeitig nach Hause schafft.

Es sind schöne und starke Szenen, die Luisi im ersten Teil dieses Films, den er selber als „Märchen“ bezeichnet, zaubert. Fabian Krüger spielt den stark verkommenen, bald mehr, bald weniger betrunkenen Josef in berührender Weise überzeugend. Die gemeinsamen Szenen mit der bei den Dreharbeiten tatsächlich erst vierjährigen Lia Hahne gehören zu den schönsten und stärksten Interaktionen von Kindern und Erwachsenen im Film, die in den letzten Jahren zu sehen waren. Doch so liebevoll Josef sich auf seine Nichte einlässt und so sehr sich dadurch auch sein zerrüttetes Verhältnis zu Karin entspannt, seiner Sucht entkommt Josef dadurch nicht.

Und so vergisst er manchmal, dass er auf Nina aufpassen soll. Statt sich danach für das Krummgelaufene zu entschuldigen, sucht er Trost bei der Flasche. „Du stinkst“, sagt Nina mit der Unschuld eines Kindes manchmal zu ihm, und vorübergehend ist alles wieder gut. Eines Tages aber geschieht ein von Josef verschuldeter Unfall, nach dem nichts mehr ist wie davor. Noch einmal darf Josef Nina sehen, allerdings nur, weil er Karin verspricht, danach aus dem Haus auszuziehen.

35 Jahre in einer Sequenz

Josef kramt daraufhin seine wenigen Habseligkeiten zusammen. Streift seinen davor im Nachttisch versorgten Ehering über und seine Armbanduhr, die davon zeugt, dass Josef einst auch bessere Zeiten erlebte. Er setzt sich, Reisetasche und Koffer neben sich, noch einmal in den lotterigen Gartenstuhl vor dem Haus und döst ein. Die Kamerablick senkt sich daraufhin auf die blühende Wiese, man hört Bienensummen. In der darauffolgenden Überblendung taucht an einem Tisch im Speisesaal einer Altersresidenz das Konterfei von Matthias Habich auf.

35 Jahre vergehen in dieser einen kurzen Sequenz. 35 Jahre, die der Film nicht erzählt, weil die Geschichte von Nina und Josef in dieser Zeit nicht weitergesponnen wird. Josef, im zweiten Teil des Films 82 Jahre alt, wird nun von Matthias Habich gespielt, die Rolle der nun 39-jährigen Nina hat Johanna Bantzer übernommen. Die Rollen von Nina und Josef haben sich inzwischen sozusagen vertauscht. Josef hat nach dem traumatischen Abschied von Nina den Weg aus der Sucht gefunden. Nina aber hat, wie es ihr Stiefvater und Halbbruder formulieren, sich in der Pubertät auf die falschen Freunde eingelassen. Sie ist in die Drogen und die Kriminalität gerutscht, aktuell sitzt sie, wie Josef bei der Beerdigung von Karin erfährt, in einem Gefängnis in der Ukraine, aus dem sie gegen eine Kaution von 60.000 oder 70.000 Euro wieder freikäme.

Ninas Stiefvater, ihr Bruder und ihre Schwägerin aber weigern sich, diesen Betrag aufzuwenden, und Josef besitzt gar nicht so viel Geld. Doch er hat Nina, als er sie das letzte Mal sah, versprochen, sein ganzes Leben lang für sie da zu sein. Davon erzählt der zweite Teil von „Prinzessin“, in den einzufühlen nach dem ans Herz gehenden ersten Teil nicht ganz einfach ist. Was nicht an den schauspielerischen Leistungen von Habich und Bantzer liegt, sondern an der abrupt wechselnden Tonalität der Erzählung und den großen Veränderungen, die Josef und Nina in diesen 35 Jahren durchmachten und an die zu gewöhnen der Film dem Zuschauer keine Zeit lässt.

Zwischen Liebreiz und Heftigkeit

Tatsächlich vermögen Bantzer und Habich in den Rollen von Nina und Josef genauso zu überzeugen wie Krüger und Hahne. Bantzer spielt die von schwerer Drogensucht Verzehrte im breiten Spektrum zwischen drogenberauschtem Liebreiz und irrwitziger Heftigkeit, plötzlich aufflammender Heiterkeit und tiefer Erschöpfung überaus intensiv. Und Habich an ihrer Seite überzeugt als in die Jahre geratener Mann, der ohne Hörgerät kaum etwas hört, aber alles tut, um seine Nichte nach Hause zu holen: mit einem korrupten Gefängnisdirektor verhandeln, mit Verbrechern saufen, am Steuer eines klapprigen Autos aus dem Separatisten-Gebiet der Ukraine bis in die Schweizer Alpen fahren.

Peter Luisi hat bislang eine Reihe erfolgreicher Komödien wie „Flitzer“, „Schweizer Helden“ und jüngst „Bon Schuur Ticino“ gedreht und in frühen Regie-Jahren auch einige liebenswert versponnene und schräge Love-Storys wie „Verflixt verliebt“ und „Der Sandmann“ („Ein Sommersandtraum“) vorgestellt. Und er hat, meist für Regie und Drehbuch zugleich verantwortlich zeichnend, in all seinen Filmen ein tiefes Verständnis für den einfachen Humor, situative Komik, seelische Zustände und die feinen Töne zwischenmenschlicher Beziehungen bewiesen.

„Prinzessin“ nun aber reiht sich nur bedingt ins Gros seines Schaffens ein. Es ist dem Genre nach keine Komödie, sondern ein Drama, in dessen zweitem Teil Luisi zusätzlich mit Versatzstücken von Thriller und Road Movie spielt. Wo in vielen seiner Filme die heitere Unterhaltung das größte Anliegen scheint, schwingt in „Prinzessin“ anderes obenauf: Mitmenschlichkeit und Empathie. Die Verantwortung, die man als Mensch dem eigenen und dem Leben anderer gegenüber hat. Die unvoreingenommene Lebensfreude eines Kindes und die Geschichte eines vom Leben gebeutelten Mannes, der in einem Alter, in dem andere nur noch an den (wortwörtlichen) Ruhestand denken, noch einmal aufbricht, um zu tun, was er einem anderen Menschen einst versprochen hat: für ihn da zu sein. „Prinzessin“ ist zweifelsohne Luisis bisher sperrigster Film, es ist zugleich aber auch sein zärtlichster und intimster. Denn was Nina und Josef – im ersten und zweiten Teil – miteinander verbindet, ist die große Selbstverständlichkeit und ehrliche Offenheit, in der sie einander begegnen.

Kommentar verfassen

Kommentieren