Der "Final Cut" von "Apocalypse Now"

Donnerstag, 24.10.2019

Work in progress: Über die Entwicklung von Francis Ford Coppolas Kriegsfilm "Apocalypse Now" bis hin zum "Final Cut"

Diskussion

Im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit ist ein Kunstwerk wie Film grundsätzlich „work in progress“. Hat man das Recht am Final Cut, kann man immer wieder Hand anlegen. Das Werk wächst mit dem Horizont seines Schöpfers. Oder wird es dadurch zerstört? Steven Spielberg („E.T“) oder George Lucas („Krieg der Sterne“) hat man genau dies vorgeworfen. Traditionalisten oder Puristen kämpfen dabei gegen jene, die Neuinterpretationen begrüßen. Auch über „Apocalypse Now“ werden diese Gefechte ausgetragen.

Auf den „Festival Cut“ aus Cannes, der 1979 als „Apocalypse Now“ auch in die Kinos der Welt kam und den Mythos des Films begründete, folgt die „Apocalypse Now Redux“-Fassung des Jahres 2001, als man sich im Zuge der digitalen Revolution auf die technischen Möglichkeit besann, einst gedrehtes, aber verworfenes Material wieder in das Werk einzufügen. Nun liegt „Apocalypse Now Final Cut“ als Ergebnis eines neuerlichen künstlerischen Reifeprozesses vor.

Legandär: Marlon Brando als Colonel Walter E. Kurtz
Legandär: Marlon Brando als Colonel Walter E. Kurtz

Vom Ballast befreit

Francis Ford Coppola, der mit beiden vorherigen Versionen zufrieden war, hat erkannt, dass technische Möglichkeiten und größtmögliche Länge nicht alles sind und ein Kunstwerk durch bloße Quantität auch an Intensität verlieren kann. Deshalb hat die „Redux“-Fassung um gut 20 Minuten von „Ballast“ befreit.

Im Wesentlichen scheinen es zwei längere, 2001 hinzugefügte Szenen zu sein, die nun im „Final Cut“ fehlen: die Playmate-Sequenz sowie die Time-Magazin-Sequenz. Beides höchst interessante Passagen, die bei einer Lauflänge von über drei Stunden jedoch entbehrlich scheinen.

Die „Playmate“-Szene ist weit vor den finalen Szenen angesiedelt, wenn Captain Willard ins „Herz der Finsternis“ vordringt und Colonel Kurtz als Wahnsinn in Person kennenlernt. Die Begegnung mit den Playboy-Starlets zeigt, dass der Wahnsinn schon die Peripherie und den normalen Kriegsalltag erreicht hat, ja dass er aus den USA importiert wurde.

Auf der Flussfahrt erreicht das Boot mit Willard ein zerbombtes Zwischenlager, in dem außer zwei Playmates zur Belustigung der Truppen niemand mehr anwesend zu sein scheint. Eine Station für Diesel und Sex. Die gut zehnminütige Sequenz zeigt, wie entmenschlicht alle Beteiligten auch ohne Colonel Kurtz sind. Eine fast schon surreale Sequenz, die für Coppola nun entbehrlich ist, da ja der gesamte Film diesen Wahnsinn atmet.

Die zweite Szene ist mitten im „Herz der Finsternis“ angesiedelt. Willard ist zu Kurtz vorgedrungen und kauert in einem Verschlag. Kurtz liest dem lethargischen Captain Zeitungsberichte aus der New York Times vor, die das zu fassen versuchen, was den Krieg im Dschungel ausmacht. Am Ende entlässt ihn Kurtz aus seinem Verschlag. Eine eindrückliche Szene, nicht wegen der marginalen Handlung, sondern wegen ihrer Bilder. Denn hier sieht man Kurtz einmal nicht im Schatten oder mit camoufliertem Gesicht, sondern als normalen, glatzköpfigen alten Mann in der Sonne. Er wirkt für einen Moment entzaubert. Vielleicht einen Moment zu viel?




Eine wesentliche Formalie

Neben den inhaltlichen Änderungen gibt es eine Formalie. Die 18 Jahre, die seit dem Re-Release der „Redux“-Fassung vergangen sind, bedeuten mit Blick auf den technischen Fortschritt im Bereich der digitalen Bearbeitung eine Ewigkeit. Einst wurde der Film mittels eines Dolby Stereo 70mm Sechs Spur System produziert und in ausgewählte Kinos im neuen Dolby Optical Stereo System aufgeführt. Schon in der Ursprungsfassung besaß „Apocalypse Now“ ein atemberaubendes Sounddesign von Walter Murch.

Durch die Zusammenarbeit mit Doug Delaney von iO Film und den Dolby Technikern wurde der Ton nun auf den heutigen Stand transferiert und ist mit seiner „Atmos“-Abmischung selbst aktuellen Blockbustern überlegen. Das in 4K gescannte Bildmaster wurde unter Aufsicht von Coppola so bearbeitet, dass die mannigfaltigen Licht- und Schattenspiele auf der Leinwand exakt so erscheinen, wie sie ursprünglich konzipiert waren.

Das macht den entscheidenden Unterschied aus. „Apocalypse Now“ ist als „Final Cut“ im besten Sinne anders – ganz im Geiste seines Regisseurs. Zumindest im Heimkino hat man künftig die Wahl, die Genese dieses Werkes nachvollziehen zu können. Denn im Gegensatz zu seinen Kollegen Spielberg und Lucas war es Coppola von Anfang an wichtig, dass alle Versionen weiterhin zugänglich sind.


"Apocalypse Now" - Final Cut kommt am 15. Juli als Kino-Event auf die große Leinwand; ab 24.10.2019 ist der Film als 4- bzw. 6-Disc Limited Edition mit zahlreichen Bonusmaterialien als DVD, BD & 4kUHD erhältlich.





Fotos: © Studiocanal

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