© ZDF/Jens Koch (zur Satire-Sendung "ZDF Magazin Royale" mit Jan Böhmermann

Kino der Ohnmacht

Dienstag, 21.06.2022

Über Satire im zeitgenössischen Film

Diskussion

Satirische Filme und Fernsehformate boomen aktuell, ob in Comedy-Talkshows, in Cannes („Triangle of Sadness“), bei Netflix („Don’t Look Up“) oder im Kino, wo kürzlich Bruno Dumonts „France“ über eine skrupellos manipulative Fernsehjournalistin gestartet ist. Voller gewitzter Anspielungen und moralischem Impetus kommen diese Satiren daher, doch hinter all dem Gelächter offenbaren sich oft eher Hilflosigkeit und Selbstgerechtigkeit statt der Wille, etwas an den kritisierten Zuständen zu ändern. Ein Essay über eine Kunstform in einer Krise.


Wenn du den Menschen die Wahrheit sagen willst, sei lustig, oder sie töten dich.

Billy Wilder


Nach einer Vorführung von Martin ScorsesesThe Wolf of Wall Streetbemerkte ich eine Zuschauerin, die sich sichtlich verärgert in Anbetracht der um sie herrschenden Heiterkeit über den Film und dessen versöhnliches Ende echauffierte. Jetzt würden die jungen Burschen wieder glauben, dass dieses von Kapitalismus und Sexismus bestimmte Leben attraktiv sei, sagte sie. Alle würden sich mit dem von Leonardo DiCaprio gespielten Jordan Belfort identifizieren, statt ihn als den lächerlichen, kriminellen Widerling zu erkennen, der er ist. Anfangs konnte ich ihre Unzufriedenheit nicht nachvollziehen. Die Ironie des Films, dieses bitterböse und unablässige Umschwingen zwischen Realismus und Übertreibung musste ihr entgangen sein oder war ihr nicht wichtig genug. Ich ertappte mich dabei, wie ich sie als humorlos einschätzte.


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Gleichzeitig empfand ich gerade das Ende des in seiner Verkehrung des American Dream in einen pervertierten Zirkus durchaus satirischen Films besonders gelungen. Der überführte Belfort setzt seinen Unternehmerdrang fort, indem er nun jungen Möchtegern-Wall-Street-Playern (gegen Geld selbstverständlich) die Basics seines Erfolgs vermittelt. Ein düsterer Ausblick für die Zukunft. Hier offenbarte sich ein sarkastischer Kommentar auf die Wirklichkeit, eine schulterzuckende Ohnmacht, die wir wohl alle kennen, wenn es um die gesellschaftlichen Zustände geht. Man kann sowieso nichts ändern, also lachen wir wenigstens gemeinsam darüber.


Leben in der Kultur des Unernstes

Heute, fast zehn Jahre später und inmitten einer Zeit, die Georg Seeßlen als „Kultur des Unernstes“ umschrieb, denke ich etwas anders über das Filmende und die Reaktion dieser Frau. Tatsächlich beschreibt diese Ohnmacht die schmale, kaum mehr sichtbare Linie zwischen wirksamer Satire und den unzähligen, populistischen Produkten der um sich greifenden Lachindustrie. Das Eingeständnis einer angeblichen Wirklichkeit, gegen die man nichts ausrichten kann, verleitet letztlich zu einem fatalistischen Lachen, einer Verzweiflung, die nur für die Dauer eines Grinsens etwas von ihrer Schwere verliert. Satire aber ist eigentlich eine Form, die sich gegen die innere Verzweiflung aus selbiger erhebt, eine Spielart des Widerstands, wenn man so will. Sie sucht nach einem Ideal und glaubt an die Veränderung.

"The Wolf of Wall Street" (© Universal)
"The Wolf of Wall Street" (© Universal)

Man darf das nicht missverstehen, das Kino und Scorsese haben nicht die Aufgabe, irgendwelchen Ideen von Satire zu entsprechen. Zumal die Wahrnehmung von Satire so stark an Kontexte gebunden ist, dass eine kritische Betrachtung ein Jahrzehnt später mehr als fragwürdig anmuten würde. Trotzdem lassen sich anhand dieses Films Tendenzen erkennen, die das westliche Kino der letzten Jahre, eigentlich seit 9/11, geprägt haben. Ein Kino der Ohnmacht. Ein Kino, das für sich selbst lacht.


Unsere Wirklichkeit ermöglicht die Dauersatire

Darüber nachdenkend, was denn nun Satire sei im zeitgenössischen Kontext, kommt man nicht umhin zu bemerken, dass sich fast alles als Satire, ein ohnehin unscharfer Begriff, qualifiziert. Von der meistgeklickten Netflix-Serie „The Office“ bis zu Ruben Östlunds Cannes-Gewinner Triangle of Sadness, von Superheldenfilmen wie Deadpoolüber unzählige Twitter-Accounts (manche gewollt, andere ungewollt), Autorenfilmern wie Bruno Dumont oder Corneliu Porumboiu, zig Autoren, Musikern, Politikern (manche gewollt, die meisten ungewollt) bis zu TV-Moderatoren wie Jan Böhmermann. Ja, wir leben wirklich in einer Kultur des Unernstes. Längst wird über Satire Politik gemacht. Satire ist angewandte Politik. Statt aufmüpfige Randerscheinung, Aufschrei der Unterdrückten ist sie zum Hauptgenre der Leitmedien geworden. Die Satire bildet die logische Form zeitgenössischen Humors, da sie mit ihrem moralischen Impetus in die moralisierenden Diskurse passt beziehungsweise auf diese reagiert.

Hinzu kommt, dass sich, wie im Fall von The Wolf of Wall Street, oftmals die so bezeichnete Wirklichkeit nicht mehr von der Satire unterscheiden lässt. Dieser stets verteidigte, eigentlich alberne Anspruch von Filmemachern, die Welt so zu zeigen, wie sie ist, ermöglicht quasi eine Dauersatire, die kaum noch überspitzen und schon gar nicht verändern muss, um die inhärente Widersprüchlichkeit, den Irrsinn und die Unverhältnismäßigkeit der Dinge offenzulegen. Im Talkshow-Format ist diese Tendenz besonders frappierend. Während der Trump-Präsidentschaft lieferten die Late-Night-Moderatoren praktisch im Stundentakt politische Aufklärungsarbeit mit mehr oder weniger gelungenen Pointen zwischendurch. Im österreichischen Late-Night-Comedy-Format „Willkommen Österreich“ werden anteilsmäßig deutlich mehr Einspieler von tatsächlichen Aussagen von Politikern eingespielt als solche, die durch Montage oder Synchronisation verfälscht werden. Die Satire ist schon da, man muss sie nur mehr dokumentieren. Böhmermanns „ZDF Magazin Royale“ lotet längst die Grenzen zwischen Investigativjournalismus und Satire aus. Man spricht dann von Realsatire und spürt, dass es kein Entkommen gibt.

Das Problem ist, dass solche Formate oft die Vorurteile oder überhaupt Urteile jener, die ihre Weltsicht teilen (man spricht heute von einer „Bubble“), bestätigen und somit nicht von bloßem Populismus unterscheidbar sind. Man wird mit einer Satire über den nordkoreanischen Diktator auch nicht dessen Volk aufwecken. Dazu spielt der Kontext, in dem eine solche Satire rezipiert wird, eine zu große Rolle. All das erzeugt also nur ein Für-Sich-Selbst-Lachen oder bestenfalls ein Gegeneinander-Lachen. Daraus wiederum entsteht eine Müdigkeit. Der Lärm dieses Lachens lässt einen gar nicht mehr denken. Man traut sich gar nicht mehr, etwas ernst zu nehmen.


Referenzialität dominiert alles

Im Kino gibt es eine große satirische Tradition, man denke nur an Chaplins Moderne Zeitenoder Dergroße Diktator, man denke an Renoir, Kubrick, Lubitsch oder Buñuel, Michael Moore oder Adam McKay. Sie alle haben sich in dieser Kunst geübt, die einer ihrer bedeutendsten literarischen Vertreter, Jonathan Swift, einmal wie folgt beschrieb: „Die Satire ist eine Art Glas, in dem die Betrachter sämtliche Gesichter erkennen außer ihr eigenes.“ Schon anhand der aufgezählten Namen lässt sich leicht erkennen, dass sich etwas verändert hat, in der Machart, aber auch der Wirkweise der Filmsatiren. Statt einer universellen, humanistischen Grundausrichtung dominieren heute Diskurskomödien und Meta-Ebenen. Die (Selbst-)Referenzialität dominiert das, was als satirisch gilt. Satiren zielen bevorzugt auf Medien und alles, was das Rampenlicht sucht. Nicht nur in Don’t Look Up gibt es Gags, die man nicht verstehen kann, wenn man bestimmte Popstars nicht kennt.

"Don't Look up" (© Niko Tavernise/Netflix)
"Don't Look up" (© Niko Tavernise/Netflix)

Wahrscheinlich liegt es im Wesen des Kinos, ein solches Glas im Sinne Swifts zu sein. Schließlich bewegt sich die siebte Kunst seit jeher an den Grenzen zwischen Offenbarung und Verstecken, also dem, was aus der Dunkelheit wie eine Wahrheit hervorspringt und dem, was sich als Unklarheit und Ambivalenz wieder zurück in der Dunkelheit verkriecht. Satire entsteht stets in Verbindung mit dem Licht. Sie zerrt ins Licht, zielt auf das, was sich allzu selbstherrlich im Licht sonnt, beleuchtet und möchte eigentlich die Sonne verdunkeln und den Schatten erhellen. Aber gerade letzterer Impuls ist dem Kino, ja eigentlich der ganzen Kultur, abhandengekommen. Es mutet auch seltsam an, dass wir seit Jahren von einer Krise der Komödie sprechen müssen, aber trotzdem überschwemmt werden von Ironie, Zynismus und Sarkasmus. Filme wollen heute oft lustig oder satirisch sein, ohne etwas zu erwarten. Satire ist Selbstzweck geworden, ein Teil der Lachindustrie. Es geht nicht mehr um eine Veränderung der Welt oder um ein idealistisches Begehren, nein, es geht darum clever zu sein, aufgeweckt und nur ja nichts, schon gar nicht sich selbst, ernst zu nehmen. Zynismus ist letztlich nur Schutz vor der eigenen Dummheit. Wer lacht über die Zustände, glaubt sich über sie zu stellen. Sie ernst zu nehmen, käme einer Auslieferung gleich.


Eher beruhigend als agitatorisch

Man schaue nur, wie „ernste“ Mainstream-Filmemacher wie Denis Villeneuve oder Christopher Nolan heute stets dafür kritisiert werden, dass sie sich zu ernst nehmen würden. Eigentlich wird damit aber nur gesagt, dass man das beziehungsweise ihr Kino nicht mehr ernst nehmen kann und wenn jemand das tut, dann irritiert das. Satire erfüllt heute eher eine beruhigende als eine agitatorische Rolle. Wir lachen über das gleiche, also fühlen wir uns besser. Es hilft, aber verstärkt letztlich die Ohnmacht. Ein wenig wie eine Injektion gegen Schmerzen. So gesehen, hat es sich Scorsese mit seinem Ende in The Wolf of Wall Street leicht gemacht. Seine Realsatire interessiert sich nicht für ihr mögliches utopisches Potenzial. Das Kino hat aufgegeben, man kann es ihm nicht verübeln, es hat nie etwas bewirkt. Satire wird etwas anderes, wenn gesellschaftliche Veränderung unmöglich scheint. US-amerikanische Formate wie „Last Week Tonight with John Oliver“ versuchen dem entgegenzukommen, indem sie in pseudo-dialektischen Dramaturgien am Ende ihrer Sendungen Lösungsansätze präsentieren. Spendenaufrufe, subversive Aktionen, performative Gesangseinlagen, alles, was akut zu helfen scheint, wird mit Verve und Humor inszeniert. An den politischen oder gesellschaftlichen Gegebenheiten ändern sie aber nie etwas. Fast bekommt man das Gefühl einer rituellen Reinwaschung des Gewissens. Die Satire ist die Beichte der Generation Twitter.

Die Ohnmacht der Satire treibt auch in Bruno Dumonts neuem Film France ihr Unwesen. Sein bemerkenswerter, weil Gewissheiten aus den Angeln hebender Film über eine skrupellose und doch nachdenkliche Journalistin/Influencerin, der kein Mittel zu verwerflich scheint, um Karriere zu machen, zeigt das Versagen der Satire. Als ich die ersten Bilder des Films sah, stellte ich mich im Wissen der jüngsten Arbeiten des Regisseurs (Kindkind, Die feine Gesellschaft, Jeannette – Die Kindheit der Jeanne d’Arc) auf herrlich überdrehte, angriffslustige Szenen ein, die sich über mediale Mechanismen und ihre Protagonisten mokieren. Obwohl es derlei Szenen gibt, versiegt das sich eigentlich aufdrängende Lachen unentwegt. Entweder kann man sich der Empathie nicht entziehen, die es trotz allem für diese Journalistin gibt, weil das, was wir verwerflich und lächerlich finden, stets auch menschlich ist. Oder aber, pessimistischer gewendet, sind Satire und wahrhafte menschliche Emotionen so stark miteinander verschmolzen, dass wir sie nicht mehr unterscheiden können. So schaut man diesen Film an und ist sich nicht sicher, was man fühlen soll und darf.

"France" (© MFA/R. Arpajoum, 3B PRODUCTIONS)
"France" (© MFA/R. Arpajoum, 3B PRODUCTIONS)

Sehnsucht nach Ernst

Somit hinterfragt France auch die moralische Deutungshoheit, die den Satirikern heute so anstrengend gemein ist. Der Film führt gewissermaßen zurück in die Komplexität der Zustände, die allzu leicht vorgeführt werden. Es ist ja gerade die Gleichzeitigkeit von Lächerlichkeit und Aufrichtigkeit, die das Leben interessant macht. Wenn alles lächerlich wird, existiert kein Leben mehr. Wenn alles aufrichtig wäre, wäre alles lächerlich. Dumont antwortet in France auf eine Sehnsucht nach Ernsthaftigkeit. Er erfüllt diese Sehnsucht nicht wirklich, er zeigt aber, dass sie nicht weniger lächerlich ist als die Sehnsucht nach Humor.

Im Rückblick verstehe ich die Zuschauerin bei The Wolf of Wall Streetbesser. Dabei stimme ich ihr nicht unbedingt in ihrer Einschätzung des Films bei, aber ihr Verlangen nach ein bisschen Unlustigkeit inmitten des schallenden, johlenden Gelächters scheint mit heute mehr als verständlich. Satire muss in letzter Konsequenz nicht immer zum Lachen bringen, sie könnte auch, wie Sergej Eisenstein schrieb, einem Peitschenhieb gleichen. Wenn im Kino an den falschen Stellen gelacht wird, wenn aus Verlegenheit gelacht wird, wenn diese gute Zeit, die man im Kino verbringen möchte, forciert wird, dann geht etwas verloren, was man als Gewicht, als Bedeutung bezeichnen könnte. So ist es fast mit allem, was Gegenstand von Humor und Satire wird. Man kann es nicht mehr ernst nehmen. Nichts ist mehr ernst. Ein bisschen Ernst muss aber sein.

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