Szene aus „Conbody vs Everybody“ (© Participant/Still Rolling Prod.)

Die Filme von Debra Granik: Workout als Überlebensprinzip

Zur Werkschau „Über Leben in Amerika – Die Filme von Debra Granik“ im Berliner Kino Arsenal (29.5.-12.6.2026)

Aktualisiert am
01.06.2026 - 09:30:43
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Das Berliner Kino Arsenal zeigt Anfang Juni 2026 eine Werkschau zu Debra Granik. Die US-Regisseurin widmet sich in ihren Arbeiten den Außenseitern der Gesellschaft ihres Landes, bekannt wurde sie mit ihren Spielfilmen „Winter’s Bone“ und „Leave No Trace“. Aber auch im dokumentarischen Bereich hat sie beachtliche Werke inszeniert, zuletzt die über fünf Stunden umfassende Langzeitstudie „Conbody vs. Everybody“ über einen entlassenen Strafgefangenen im Versuch, ein Fitnessstudio aufzubauen. Ein Porträt.

 

Das von Coss Marte betriebene Gym im New Yorker Stadtteil Chinatown ist kein gewöhnliches Fitnessstudio. Nach dem Mugshot an der Rezeption führt eine originale Knastzellentür in einen kleinen, mit schwarzen Matten ausgelegten Workout-Bereich. Hinter dem Design und Branding (#DoTheTime) steht nicht etwa ein neuer Fitnesstrend, sondern die eigene Biografie. Coss und die anderen Trainer, die im ConBody reduzierte, intensive Trainingseinheiten anbieten – gearbeitet wird allein mit dem eigenen Körpergewicht –, zählen zu den 650.000 Strafgefangenen, die in den USA jährlich entlassen werden. Ungefähr zwei Drittel davon landen laut Statistik innerhalb von drei Jahren wieder im Gefängnis – nicht zuletzt, weil sich die Tür zum Arbeitsmarkt spätestens beim obligatorischen Backgroundcheck wieder schließt.

Ein Balkendiagramm, das die Zahlen nach Bevölkerungsgruppen aufschlüsselt, hängt ebenfalls im Eingangsbereich des Studios. Coss, der als Drogendealer ein lukratives Geschäft mit 20 „Angestellten“ betrieb, zählt als Sohn von Einwanderern aus der Dominikanischen Republik zur zweitgrößten Gruppe. Hinter seinem unermüdlichen Kampf, mit einem sozialarbeiterisch motivierten „Prison-Style Bootcamp“ Fuß zu fassen, das auf die eigenen Erfahrungen in der Gefängniszelle gründet, steht auch ein Aufbegehren gegen die Statistik.

Debra Granik beim Filmfestival Venedig 2024
Debra Granik beim Filmfestival Venedig 2024 (© IMAGO/Maria Laura Antonelli / Avalon)

 

Fünfeinhalb Stunden amerikanische Gegenwart

Über acht Jahre, von 2014 bis 2021, hat die US-amerikanische Filmemacherin Debra Granik Coss Marte bei seinem Weg begleitet. Was sich am Anfang noch wie der Blick auf eine singuläre Erfolgsgeschichte ausnimmt, entwickelt sich im Laufe der fünfeinhalb Stunden zu einer komplexen Erzählung über verschiedene Aspekte amerikanischer Realität und Gegenwart: von Alltagsrassismus über Selbstinszenierung und Storytelling in der Start-up-Kultur bis hin zu Gentrifizierung. „Conbody vs. Everybody“ (2025) ist neben vielem anderen auch das Porträt eines Viertels, in dem in den 2010er-Jahren eine traditionell von der Arbeiterklasse und Einwander:innen geprägten Nachbarschaft von überwiegend weißen Akademikern verdrängt wird.

 

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„Conbody vs. Everybody“ entfaltet sich wie ein „urbaner Roman“ (Granik). Im Laufe der drei Kapitel verzweigt sich der Hauptplot um die zentrale Figur in verschiedene Subplots mit Nebenfiguren, manche bleiben, andere tauchen auf und verschwinden, weil sie anders als Coss auf dem Weg zurück in die Gesellschaft straucheln. Ein Mitstreiter bei ConBody bringt den fragilen Grund der Resozialisierung einmal in dem bitteren Satz zum Ausdruck: „Amerika liebt einen großen Niedergang mehr als ein Comeback.“

 

In den Randbereichen der US-Gesellschaft

Nach der Präsentation bei DOK Leipzig im vergangenen Jahr ist die Langzeitbeobachtung nun im Rahmen einer Werkschau zu Debra Granik (29. Mai bis 12. Juni) im Arsenal in Berlin zu sehen. „Conbody vs. Everybody“ ist Graniks erster Stadtfilm und steht doch ganz in Kontinuität zu den anderen vier Arbeiten ihres überschaubaren Werks. Seit ihren Anfängen gilt das Interesse der 1963 geborenen Regisseurin, die vor ihrem Filmstudium an der New York University unter anderem Lehrfilme für Gewerkschaften drehte, den Randbereichen der US-amerikanischen Gesellschaft: Außenseiter, Kriegstraumatisierte, Menschen, die von Gefängnisaufenthalten gezeichnet sind oder deren Leben von Sucht und Armut bestimmt ist. Verwitterte Amerikaflaggen und Slogans, die sich angesichts der realen Lebensumstände wie purer Zynismus lesen („Proud to be an American“) sind allgegenwärtig, auch Haustiere (Katzen, Hunde, Vögel, Schlangen) sind eine Konstante. Und Waffen, die etwa zum Einsatz kommen, um sich in der freien Natur die nächste Mahlzeit zu schießen, wenn das Geld für den Einkauf gerade nicht ausreicht.

„Down to the Bone“ war Debra Graniks erster Spielfilm
„Down to the Bone“ war Debra Graniks erster Spielfilm (© Down to the Bone Prod./Susie Q Prod.)

 

Spiel- und Dokumentarfilm sind bei Granik thematisch eng miteinander verflochten, mit „Stray Dog“ (2014), dem Porträt eines traumatisierten Vietnam-Veteranen und Bikers, drehte Granik ihr Dokumentarfilm-Debüt. Produktionstechnisch und ästhetisch sind beide Gattungen jedoch deutlich voneinander getrennt. Ihr Kino ist keines der hybriden Form, auch wenn in „Winter’s Bone“ (2010) lokale Bewohner:innen der Ozarks in Nebenrollen agieren und in den Dokumentarfilmen immer wieder Spielfilmdramaturgien durchscheinen.

Granik ist an erster Stelle eine Geschichtenerzählerin. Das Spielfilmdebüt „Down to the Bone“ (2004) assoziierte sie unmittelbar mit einem filmischen Realismus – und mit anderen Filmemacher:innen, die an unterschiedlichen Orten der Vereinigten Staaten prekäre Milieus mit dokumentarischer Unmittelbarkeit (oft Handkamera, geringe „Production Values“) erforschten: etwa Matthew Porterfield in „Putty Hill“ (2010) oder Kelly Reichardt in „Wendy and Lucy“ (2008). Im allerweitesten Sinn zu den „Neuen Realisten“ hinzuzählen ließe sich noch Roberto Minervini, der in halb-dokumentarischen Filmen wie „Low Tide“ (2012), „Stop the Pounding Heart“ (2013) und „The Other Side“ (2015) aus dem Inneresten gesellschaftlicher Randzonen im amerikanischen Süden (Texas, Louisiana) erzählte. Doch die nicht nur ästhetischen Unterschiede in den Filmen der Genannten führt einmal mehr die Unspezifität des Wirklichkeitsbegriffs vor Augen. Treffend überschrieb Frieda Grafe 1979 ihren Essay zu Vittorio De Sica und dem italienischen Neorealismus mit: „Realismus ist immer Neo-, Sur-, Super-, Hyper-.“

 

Nahsicht und Identifikation

Graniks Realismus braucht vielleicht kein Präfix, aber doch eine genauere Beschreibung: Er verträgt sich gut mit dem Genrekino und der Held:innenreise und scheut weder das Spiel mit Suspense noch den Einsatz von Musik. Sowohl „Winter’s Bone“ als auch „Leave No Trace“ (2018) basieren auf Literaturvorlagen mit starken Charakteren. Graniks Blick auf gesellschaftliche Strukturen, und das ist für ihr Werk wesentlich, verläuft immer in der Nahsicht auf die individuelle Figur – und über Identifikation. Die Bewegungen dieser Figur sind stets nach vorne, auf eine nahe Zukunft gerichtet, dabei ist die treibende Kraft ihres Tuns nicht die Dynamik von Selbstzerstörung, Resignation und Verfall, sondern Resilienz.

„Winter’s Bone“ machte neben der Regisseurin auch Darstellerin Jennifer Lawrence bekannt
„Winter’s Bone“ machte neben der Regisseurin auch Darstellerin Jennifer Lawrence bekannt (© imago images/Everett Collection)

 

Figuren wie Irene (Vera Farmiga), die drogensüchtige Supermarktverkäuferin und Mutter in „Down to the Bone“, oder die gegen drohende Obdachlosigkeit und gewalttätige Meth-Kocher kämpfende Teenagerin Ree (gespielt von der damals noch unbekannten Jennifer Lawrence) in „Winter’s Bone“ bewegen sich ähnlich wie die ehemaligen Inhaftierten in „Conbody vs. Everybody“ an Kipppunkten – ein negativer äußerer Faktor oder eine falsche Entscheidung (etwa als männlicher Schwarzer auf Bewährung an Demonstrationen gegen Polizeigewalt teilzunehmen) trennen sie von sozialer Exklusion.

Man kann Coss Martes Durchhaltevermögen und Mut gegen die widrigen Umstände (Kündigung der Räume, Finanzierungsabsagen) nur bewundern. Zugleich hat es etwas Deprimierendes, ihm dabei zuzuschauen, wie er sich von Pitch zu Pitch zu Markte trägt und der weißen Mehrheitsgesellschaft unaufhörlich seine moralische Integrität unter Beweis stellen muss. Absurder „Höhepunkt“ seiner unternehmerischen Laufbahn ist ein Pop-Up-Gym in einer Filiale der Luxus-Kaufhauskette Saks Fifth Avenue.

 

Gesellschaftliche Teilhabe und kleine Erfolge

In „Leave No Trace“ werden Fragen nach gesellschaftlicher Teilhabe ganz neu perspektiviert. Der von PTBS betroffene Irakkriegsveteran Will (Ben Foster) lebt mit seiner Teenager-Tochter Tom (Thomasin McKenzie) illegal in einem dicht bewaldeten Naturpark bei Portland, Oregon. Sie sind wohnungs-, aber nicht obdachlos, wie Tom einer Sozialarbeiterin gegenüber bekräftigt, als sie von der Polizei aufgespürt und verhaftet werden. In einem in einem Forstgebiet gelegenen Haus sollen Vater und Tochter in die Gesellschaft zurückfinden: statt Pilze gibt es labbrigen Toast, und die Nadelwälder, die Vater und Tochter ein schützendes Dach waren und sie vor Kälte bewahrten, werden nun massenweise zu Weihnachtsbäumen verwertet. Während Will die erneute Flucht aus der Gesellschaft vorbereitet, nähert sich Tom mit Neugierde und Interesse dem neuen Leben. „Leave No Trace“ erzählt auch von dem Zerfall eines „Wirs“ und der Bildung von neuen solidarischen Gemeinschaften.

Neue Perspektiven auf gesellschaftliche Teilhabe: „Leave No Trace“
Neue Perspektiven auf gesellschaftliche Teilhabe: „Leave No Trace“ (© Sony)

 

Anders als in den Filmen von Minervini, in denen sich die Trump-Ära schon in den Obama-Jahren deutlich abzeichnet, bewegen sich Graniks Filme im politisch Vagen. Im jüngsten Film, der immerhin die gesamte erste Amtszeit Donald Trumps abdeckt, fällt der Name kein einziges Mal. Politische Fragen werden eher allgemein – das US-amerikanische Strafsystem – oder auf lokaler Ebene verhandelt. Im dritten Teil begleitet „Conbody vs. Everybody“ am Rande etwa die „Black Lives Matters“-Proteste infolge des gewaltsamen Todes von George Floyd und die Demonstrationen gegen den Bau des 3,9 Milliarden teuren Manhattan Detention Complex mitten in Chinatown. Im Vordergrund steht jedoch der (erfolgreich endende) Wahlkampf von Coss’ Bruder, dem Demokraten Christopher Marte, um einen Sitz im Stadtrat und das Fortbestehen von ConBody während der Pandemie. Man kann sich das Kino von Debra Granik kaum ohne diese kleinen Erfolge vorstellen. Workout als Lebens-und Überlebensprinzip.

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