Es ist ein Buch mit verrückter Geschichte: Noch während des Drehs zu Murnaus „Faust“-Adaption verwandelte Szenenbildner Robert Herlth 1926 eine Requisitenbibel in ein Fotoalbum, das die Entstehung des Films nachzeichnete. Lange war die „Faust-Bibel“ unter oft mysteriösen Umständen verschollen, erst kürzlich wurde sie wiederentdeckt und restauriert. Nun haben MUBI und die Cinémathèque Française ein tolles Kunstbuch aus ihr gemacht. Wiederbegegnung mit einem einzigartigen Dokument der Filmgeschichte – und seiner dämonischen Kehrseite.
Die einschlägige Szene findet sich schon zu Beginn von Friedrich Wilhelm Murnaus „Faust“-Film. Die Pest ist über das kleine deutsche Städtchen hereingebrochen, ein erster, raffinierter Winkelzug des Fürsten der Finsternis, der mit dem Erzengel Gabriel eine Wette um Faustens Seele abgeschlossen hat. Die Chancen stehen gut: Faust (Gösta Ekman), ein Forscher, Mensch des Wissens, aber auch des Glaubens, versucht, mit allen Mitteln und göttlichem Beistand ein Heilmittel gegen die Seuche zu finden – und scheitert. Gerade ist ihm eine Patientin unter den Händen weggestorben, niedergeschmettert kehrt er nach Hause zurück. Er öffnet die Tür: In seinem Studienzimmer türmen sich die Bücher bis unter die Decke. Gepackt von einem spontanen Zorn gegen Gott und die Güte der Wissenschaft packt er die Wälzer und schmeißt sie stapelweise ins Feuer. Kamerazufahrt auf die Bibel, mit dem großen, eisernen Kruzifix auf dem Einband. Faust nähert sich ihr, öffnet sie, liest ein letztes Mal von der Barmherzigkeit Gottes, über die er nur noch lachen kann, schließt sie und wirft auch sie in die Flammen. Dort öffnet sich neben ihr sogleich ein zweites Buch, das ihm den Weg in die Dunkelheit weist, zum Stelldichein mit Mephisto, gespielt von Emil Jannings.
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100 Jahre nach der Filmpremiere am 14. Oktober 1926
Paris, die Cinémathèque Française, August 2026, 100 Jahre später. Nicht nach dem Ende der Handlung dieser „deutschen Volkssage“, die im Mittelalter spielt, sondern nach den Dreharbeiten zum „Faust“-Film von Friedrich Wilhelm Murnau, der ab September 1925 auf dem Gelände der UFA in Tempelhof produziert wurde (ein paar Kilometer weiter in Babelsberg drehte Fritz Lang parallel dazu „Metropolis“) und am 14. Oktober 1926 im Berliner Ufa-Palast am Zoo uraufgeführt wurde: ein Meisterwerk des deutschen Stummfilms in Chiaroscuro von einem der größten Kino-Ikonographen und Schöpfer filmischer Formen, dessen Filme Eric Rohmer in eine Reihe mit den Werken von Rembrandt, Caravaggio und Vermeer stellte.
Eine Wiederbegegnung in Paris
Es ist ein strahlender Sommermorgen und schon jetzt relativ heiß, aber nicht so heiß, wie es in diesem Sommer in Paris schon einmal war, was gut ist, da die Räume der im Pariser Stadtteil Bercy gelegenen Cinémathèque, die sich während der Ferien in einem Prozess großangelegter Renovierung befindet, kaum klimatisiert sind. In einem Zimmer in einem der oberen Stockwerke wird gerade die Wiederbegegnung mit „dem Buch“ vorbereitet: dem Buch der Bücher aus Murnaus Film und, wie man annehmen darf, demnächst auch der Murnau-Forschung.
Die Requisitenbibel aus der oben beschriebenen Szene, auch „Faust-Bibel“ genannt, ist ein zwölf Kilo schweres, 45 x 52 Zentimeter messendes Ungetüm. Auf dem braunen Einband ist noch der Abdruck des mittlerweile verschwundenen Kreuzes zu sehen; auch die kleinen Eisenbeschläge an den Ecken, im Film gut sichtbar, sind verschwunden. Ursprünglich waren die Seiten leer; die im Film gut sichtbaren „biblischen“ Texte und Abbildungen wurden damals nur in sie hineingelegt und sind heute verloren.
Noch während der Dreharbeiten wandelte Robert Herlth, einer der Szenenbildner, das Requisit in ein Fotoalbum, ein visuelles Tagebuch, um, das auf 412 Fotografien und Illustrationen die Entstehung des Films und der in ihm entworfenen Welt dokumentiert. An der Gestaltung beteiligte sich auch der zweite Architekt des Films, Walter Röhrig, einer der Szenenbildner von „Das Cabinet des Dr. Caligari“, mit dem Herlth seit Beginn der 1920er-Jahre im Team arbeitete. Für Lang hatten sie die Bauten zu „Der müde Tod“ (1921) entworfen, für Murnau schon bei „Der letzte Mann“ (1924) und „Tartüff“ (1925) zusammengearbeitet. Als dritter Ko-Autor der Bibel kann der Kameramann Carl Hoffmann gelten, bekannt für Langs „Mabuse“ und „Die Nibelungen“.
Before „Sunrise“: Vom Abschiedsgeschenk zur Publikation
Bei den Bildern in der Bibel handelt es sich um Setaufnahmen des Fotografen Hans Natge, Fotos der gezeichneten Entwürfe der Szenenbildner sowie Stills aus dem Film, die als Vergrößerungen aus Hoffmanns Originalnegativ gezogen wurden. Zum Abschluss des Drehs wurde die Bibel an Murnau überreicht. Sie erinnert den Regisseur freundschaftlich, aber auch ironisch und selbstbewusst an die gemeinsame Arbeit – und den hohen kreativen Anteil von Filmarchitekten und Kameramann am künstlerischen Endergebnis. Vor allem aber war die „Faust-Bibel“ ein Abschiedsgeschenk, da sich der gefragte Murnau 1926 bereits auf dem Weg in die USA befand, um für die Fox „Sunrise“ (1927) zu drehen. „Faust“ sollte sein letzter Film in Deutschland werden.
Laurent Mannoni, Leiter der Abteilung Filmerbe der Cinémathèque, streift sich weiße Handschuhe über, um gleich die jetzt noch geschlossene Bibel den anwesenden Journalist:innen zu präsentieren. Wir sind auf Einladung von MUBI in Paris. Anlass: Die bevorstehende Buchveröffentlichung von „The Faust-Bible: The Making of F. W. Murnau’s Masterpiece“ in einer englischen und einer französischen Version Mitte Oktober, anlässlich des 100. Geburtstags von Murnaus Film sowie des 90. Geburtstags der 1936 gegründeten Cinémathèque Française, in deren Besitz sich das Original seit 2017 befindet.
Längst ist MUBI, der auf Autor:innenkino, Arthouse-Filme und Filmgeschichte spezialisierte Streamer, auch als Produzent und Verleiher tätig – sowie, mit MUBI-Editions, als Verlag. Nach ersten Publikationen zur Typographie in Experimentalfilmen und Kelly Reichardts „The Mastermind“ wird nun, in enger Kooperation mit der Cinémathèque, die Faust-Bibel publiziert. Nicht als Faksimile, obwohl sich ein solches in miniaturisierter Form am Ende der Publikation findet, sondern als massives, hochwertiges und sehr schön gestaltetes Kunstbuch, in dem sämtliche Inhalte des Bilderatlas reproduziert und kommentiert werden.
Überstandene Desaster, verlorene Spuren
Bevor uns der Inhalt der Originalbibel von 1926 offenbart wird, rekapituliert Mannoni die turbulente Geschichte des Buches und seiner Wiederentdeckung, die er in der MUBI-Publikation in einer Einführung sowie einem instruktiven Essay nachgezeichnet hat (weitere Textbeiträge in der Publikation stammen von Stefan Drössler, Leiter des Münchner Filmmuseums, und K.J. Relth-Miller, Programmdirektor des Academy Museum of Motion Pictures in Los Angeles, zur Produktions- und Wirkungsgeschichte des Films). Nicht die Bibel, die wir nun vor uns haben, wurde damals ins Feuer geworfen, erklärt Mannoni, sondern eine andere; das Original nahm Robert Herlth nach Dreh der Szene an sich, möglicherweise bereits in der Absicht, aus ihr ein Album zu machen. Später würde Murnau die Bibel nicht nach Hollywood mitnehmen, sondern sie mit dem Rest seiner Bibliothek in Berlin lassen, in seiner Wohnung in der Douglasstraße 22.
In Amerika sollte es noch einmal zu einer künstlerischen Allianz zwischen Herlth, Röhrig und Murnau kommen, beim Dreh zu Murnaus zweitem Hollywoodfilm „Four Devils“ (1928), der heute als verschollen gilt und bei dem als dritter Szenenbildner Edgar Ulmer genannt wird. 1931 starb Murnau bei einem Autounfall in Santa Barbara, kurz vor der Premiere seines Films „Tabu“. Während des Krieges verteilte Murnaus Bruder und Nachlassverwalter Robert Plumpe die Bücher und privaten Archive Murnaus über verschiedene Keller in Berlin, um sie besser zu schützen. Als er später zurückkehrte, musste er feststellen, dass das meiste durch Bomben, Überschwemmungen oder Plünderungen zerstört worden oder nicht mehr auffindbar war. Die Bibel überstand ganz offensichtlich alle Desaster, doch ihre Spuren verlieren sich im Krieg; ihr Verbleib in dieser Zeit und bis 1961 lässt sich nicht rekonstruieren. Mannoni vermutet, das Kruzifix und die Ecken aus Eisen seien in der Nachkriegszeit geklaut worden, aufgrund des Materialwertes, den sie für mögliche Plünder:innen besessen haben müssen, im Gegensatz zu den Bildern in ihrem Inneren.
Lotte H. Eisner und die Suche nach dem verschollenen Buch
Bald nach Kriegsende machte sich Lotte H. Eisner auf die Spuren des verlorenen deutschen Filmerbes. Die legendäre Filmkritikerin und -historikerin, die Ende des 19. Jahrhunderts in eine jüdische Berliner Familie hineingeboren wurde und 1933 aus Deutschland nach Paris floh, war eine enge Mitarbeiterin von Henri Langlois, dem Mitbegründer der Cinémathèque. Von 1945 bis 1975 war sie deren Chefkonservatorin – und damit eine Vorgängerin von Mannoni, der, wie er später beim Mittagessen erzählt, als junger Mann selbst noch ihre Bekanntschaft machte. Eisner begann, eine umfangreiche Objektsammlung aufzubauen, wobei dem deutschen Stummfilm eine zentrale Rolle zukam; für die Arbeiten Murnaus hegte sie eine besondere Bewunderung. Im Zuge ihrer Recherchen trat sie in Kontakt mit Robert Herlth, den sie 1952 in München kennenlernte, sowie mit Murnaus Bruder, der ihr originale Murnau-Drehbücher zur Verfügung stellte – darunter eine erste Fassung von „Faust“, versehen mit handschriftlichen Notizen des Regisseurs.
Ob Plumpe von der Bibel wusste, ist nicht bekannt; in seinen Briefen an Eisner bleibt sie unerwähnt. Allerdings ist es wahrscheinlich, dass Eisner durch Herlth von ihrer Existenz erfuhr. Im Frühjahr 1961 geraten die Dinge in Bewegung. Die Berliner Akademie der Künste veranstaltet eine Murnau-Ausstellung, auch Eisner, Herlth und Langlois sind anwesend. Auf der Eröffnung macht ein gewisser Engelbert von Malinckrodt, Angestellter der Akademie, Mitkurator der Ausstellung und Sprössling eines westfälischen Adelsgeschlechts, gegenüber Langlois merkwürdige Andeutungen: Ein Mann in einem Lager habe ihm für 30 DM Fotoalben verkauft, die ursprünglich aus dem Keller von Murnaus altem Wohnhaus stammten. Langlois gibt die Information an Eisner weiter, die offenbar einen Hinweis auf die Bibel wittert und von Malinckrodt in einem Brief darauf anspricht: Ob er denn nun „den Mann mit der Faust-Bibel“ getroffen habe? Doch der Geschichtenerzähler gibt sich bedeckt: Er habe sich noch einmal zu Murnaus Wohnung begeben, doch lediglich den Hausmeister eines Nachbarhauses vorgefunden, der ihm zu verstehen gegeben habe, dass all jene, die Murnaus Keller beträten, kurz darauf ums Leben kämen: „Entweder sie begehen Selbstmord oder verschwinden spurlos.“ Auf die Bibel geht er nicht weiter ein.
Die wunderlichen Geschichten des Engelbert von Malinckrodt
In Wahrheit hatte von Malinckrodt zu diesem Zeitpunkt die Bibel längst erworben. Ein gewisser Rudolf Conscienze hatte sie ihm verkauft, im März 1961 – tatsächlich für 30 DM. Ansonsten bleiben jede Menge Fragen. Wie Conscienze, ein früherer – erfolgloser – Filmproduzent und späterer Kneipenbetreiber, in den Besitz der Bibel kam, ist nicht bekannt; warum von Malinckrodt sich weigerte, über die Bibel Auskunft zu geben und sie nicht einmal auf der von ihm mitorganisierten Ausstellung zeigen wollte, ebenso wenig. Was es mit dem „Lager“ auf sich hatte, weiß niemand. Und was an von Malinckrodts kolportiertem (oder imaginiertem) „Fluch“ bezüglich Murnaus Keller daran ist, darüber kann nur spekuliert werden.
Die Verrücktheit des Films, der Wahnsinn von Faust, der die Bibel ins Feuer wirft, um sich dämonischen Kräften zuzuwenden: All das ist in dieser Geschichte eines verschollenen Buches, die von Umberto Eco oder Roberto Bolaño stammen könnte, immer nur eine Spur von der nicht minder verrückten Wirklichkeit entfernt. Unglaublicherweise verschwand von Malinckrodt wenig später ebenso spurlos, wie er es vorhergesagt hatte. Der Mann, mit dem er zusammengewohnt hatte, nahm die Bibel mit in eine neue Wohnung, wo sie die nächsten 50 Jahre in Papier verpackt auf einem Schrank verstaubte. Robert Herlth starb 1962, Lotte Eisner 1983. Herlth würde die Bibel nie wiedersehen, Eisner sie nie zu Gesicht kriegen. In Eisners 1964 erschienener Murnau-Studie blieb die Bibel unerwähnt. Erst Anfang der 2010er-Jahre wurde sie vom Filmhistoriker Rolf Aurich aufgespürt und gelangte zum Verkauf. Im Bieterrennen waren die Deutsche Kinemathek und die Cinémathèque Française, die schließlich den Zuschlag erhielt und das Buch restaurierte.
Es ist so weit: Die Bibel wird geöffnet
Nun ist es so weit, Mannoni öffnet die braune Lederkladde. Erste Seite: „Entwürfe und Fotos zum Faust-Film“, mit den Namen der drei Schenker, in großer Schrift. Die typographische Gestaltung des Titels scheint – laut MUBI gemeinsam mit einer früheren Buchausgabe von Goethes „Faust“ – auch das Titeldesign des (ebenfalls braunen) MUBI-Einbandes inspiriert zu haben, auf dem sich mit „Faust“ nur ein einziges Wort findet. Weiter geht es mit Herlths Widmung: „Dem lieben Fr. Wilhelm Murnau zur Erinnerung an die Arbeit am Faust“, datiert auf den 24. März 1926, den letzten Drehtag des Films. Eine durch Zeichnungen erweiterte Fotokomposition vereint Herlth, Röhrig, Murnau und Hoffmann und setzt den kollegialen und humoristischen Ton des Bildbandes.
An späteren Stellen ironisieren ähnliche Bild-Text-Collagen, bestehend aus Fotos, Tuschezeichnungen und Zeitungsausschnitten, den künstlerischen Suchprozess und Murnaus Perfektionismus: Wie genau soll Jannings/Mephisto denn nun aussehen? „So?“, „Oder so?“, „Vielleicht so?“ – „Auch nicht!“
Von der Widmung zum Weltflug
Der Aufbau der Bibel gliedert sich entlang der Chronologie des Films in vier Teile: „Teil 1“, „Weltflug“, „Teil 2“ (der damit in Wahrheit der dritte ist) und „Rund um die Kurbel“. Der MUBI-Band übernimmt diese Struktur, weicht von der genauen Paginierung und ursprünglichen Anordnung der Fotos aus ästhetischen Gründen jedoch ab, was die Inhalte aber oft noch besser zur Geltung bringt. Eine schöne Idee ist auch, die reproduzierten Bilder an den oberen und unteren Seitenrändern mit kurzen Textausschnitten zu kommentieren, die unter anderem aus dem Drehbuch, Goethes „Faust“, Publikationen von Herlth und Eisner sowie diversen Filmkritiken stammen.
In der Originalbibel sehen wir in den ersten drei Sektionen auf der rechten Seite die gezeichneten Entwürfe von Herlth und Röhrig und auf der linken, aufgeschlagenen Seite die entsprechenden Pendants dazu: Vergrößerungen aus Hoffmanns Filmstreifen mit den „realisierten“ Einstellungen sowie Setfotos von Natge mit den tatsächlichen Bauten. Bis zu sechs Bilder finden sich auf einer Seite. Da die Größe der originalen Entwürfe den Rahmen der Bibel sprengte, machte Herlth Fotos von ihnen und klebte sie in den Band. Von den ursprünglich 200 Zeichnungen sind heute nur noch etwa 35 erhalten, die sich – dank der Bemühungen Lotte Eisners – ebenfalls in den Sammlungen der Cinémathèque befinden. Der Teil zum „Weltflug“ ist ausschließlich der Herstellung der berühmten Weltumrundung durch Faust und Mephisto auf einem fliegenden Teppich gewidmet; als Gimmick gibt es in der MUBI-Publikation am Ende ein Faltplatt mit Herlths Skizze der komplexen technischen Konstruktion, die den Dreh der Sequenz ermöglichte.
Lichtschwingung als Seelenschwingung
Die Qualität der Bilder ist unbeschreiblich. Sie zeichnen Natur und Werden eines Werkes nach, das sich auf einzigartige Weise in der Tradition einer europäischen – barocken – Kunstgeschichte bewegt. Die frappierende Ähnlichkeit in den Winkeln zwischen den akribischen Zeichnungen und den nicht weniger präzisen Einstellungen im Filmprint wirkt, als würde man einer alchimistischen Metamorphose beiwohnen, die sich im Medium der Fotografie vollzieht, in der Gezeichnetes wie Gefilmtes festgehalten werden und ineinander übergehen. Da ist schon in den Zeichnungen eine klare Vorstellung der Bildgestaltung präsent, während die Fotos die wahre Kunst des Films vermitteln: das Licht – und seine Kehrseite, die Dunkelheit.
Gemeinsam erzeugen Licht und Schatten das, was Eisner als „Stimmung“ in Murnaus Filmen bezeichnete: eine Lichtschwingung als Seelenschwingung. Lichtsetzung und Schattenschaffung waren zentrale Bestandteile von Murnaus Inszenierungsweise und Gesten eines Malers mit der Kamera. In seiner Doktorarbeit „L’Organisation de l’espace dans le ‚Faust‘ de Murnau“ (1977), aus der an den Seitenrändern der Publikation immer wieder zitiert wird, hatte schon Eric Rohmer davon gesprochen, dass die Entnahme eines einzelnen Bildes die Qualität dieses Filmes unbeschadet wiedergebe und sogar gänzlich zur Geltung bringe, gäbe es in ihm doch kein Element, das nicht „wie von einer menschlichen Hand“ gezeichnet wirke.
Blendende Bilder, verbrannte Augen
Der letzte Teil des Bandes zeigt schließlich die Welt „rund um die Kurbel“, das Making-Of: Momente der Arbeit, aber auch Kaffeepausen am Set in Gesellschaft von Gretchen-Darstellerin Camilla Horn und Murnaus exzentrischem Freund Francesco von Mendelsohn (mit dessen tragischer Geschichte man sich einmal gesondert beschäftigen müsste), einen selbst zwischen den Takes diabolisch grinsenden Emil Jannings im Mephisto-Kostüm – und immer wieder Murnau selbst, mit Hut und weißem Kittel. Es ist der Kittel eines Malers, aber auch eines Magiers, Arztes oder Wissenschaftlers, Erforscher eines künstlichen Reichs, dessen Licht blenden und dessen Hitze verbrennen kann. Die verwendeten Kohlebogen- und Quecksilberdampflampen waren grell und heiß, zum Schutz waren dunkle Brillen und Ventilatoren notwendig.
Die Bilder der Bibel: Auch sie tragen die Spur einer Blendung in sich, da sie vielleicht für unsere Augen nie bestimmt waren. Murnau ist in diesen Fotos, die ihn zeigen, seltsamerweise fast immer nur im Profil oder von hinten zu sehen. Um sich zu verbergen? Die „Faust-Bibel“ führt in die Geheimnisse und Mysterien der Werkstatt eines Filmemachers ein, der es verabscheute, sich in die Karten – oder vielmehr hinter die Kamera – schauen zu lassen und seine Spezialeffekte geheim halten wollte. Von „Nosferatu“ existieren keinerlei Setfotos, vom „Letzten Mann“ nur sehr wenige; bei „Faust“ hatte nicht einmal Produzent Erich Pommer Zugang zum Set. Man könnte sagen: Diese Bibel, die weniger zu lesen als zu sehen gibt, ist das 1. Evangelium Murnau nach Herlth, ein heiliges Buch des Kinos, die Schöpfungsgeschichte eines Meisterwerkes, ein Bildatlas der Cinephilie. Aber sie dokumentiert auch eine dämonische Kehrseite, ein bewahrtes Geheimnis, einen Pakt mit dem Teufel. Vielleicht ist es wie im Film, und niemand öffnet dieses Buch ungestraft.
Jedenfalls: ein Schnäppchen
Es gibt jedenfalls, in der Geschichte dieses Artefaktes, eine Reihe von Verdoppelungen. Beginnend damit, dass beim Dreh nicht die Bibel selbst in die Flammen geworfen wurde, sondern eine andere, und dass sich im Film neben der brennenden Bibel ein zweites Buch öffnet, durch das Faust die Anweisungen zum Rendezvous mit Mephisto erhält. An diesem Vormittag in der Cinémathèque halluziniert man dennoch Brandspuren an den Rändern des braunen Einbands. Oder ist es doch einfach zu heiß in Paris? Aber genauso ist es eben: Es gibt den materiellen Band, der vor uns liegt, und den Band im Film, von dem heute nur noch die gespenstischen Abdrücke des Kruzifixes auf dem Einband zeugen. Und so geht es weiter: Stets kreuzt sich das reale Buch mit einem zweiten, imaginären, bis in die seltsamen Geschichten von Malinckrodts hinein, in denen ein auf der Bibel lastender Fluch alle, die mit ihr in Berührung kommen, verschwinden lässt, die Lesenden in eine dämonische Gegenwelt entführt. Die letzte Manifestation dieser Verdoppelungen ist die Publikation von MUBI. Der Preis, 80 Euro, ist beachtlich, aber im Vergleich zu dem, was Mephisto von Faust verlangt, ein Schnäppchen. Man sollte also, wenn man kann, unbedingt ins Feuer langen – und zugreifen.