Madame Hyde

Drama | Frankreich/Belgien 2017 | 91 Minuten

Regie: Serge Bozon

Eine überforderte, von ihren Schülern und Kollegen nicht ernst genommene Physiklehrerin an einem Gymnasium in einer französischen Vorstadt wird eines Abends vom Blitz getroffen. Daraufhin wandelt sie sich zu einer selbstbewussteren Pädagogin, die ihre aufmüpfigen Schüler motivieren kann, entdeckt jedoch auch übernatürliche Kräfte an sich, die verheerende Wirkung entfalten. Eine leicht makabre, einfallsreiche Variante des „Jekyll & Hyde“-Stoffs, in der Horror- und Superhelden-Fantasy-Elemente nahtlos in ein durchaus ernsthaftes Drama um eine Lehrerin im Kampf für ihre ausgegrenzten Schüler übergehen. Die Hauptdarstellerin lotet die Ambivalenzen ihrer Figur meisterhaft aus. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
MADAME HYDE
Produktionsland
Frankreich/Belgien
Produktionsjahr
2017
Regie
Serge Bozon
Buch
Serge Bozon · Axelle Ropert
Kamera
Céline Bozon
Musik
Benjamin Esdraffo
Schnitt
François Quiqueré
Darsteller
Isabelle Huppert (Marie Géquil) · Romain Duris (Schulleiter) · José Garcia (Pierre Géquil) · Adda Senani (Malik) · Patricia Barzyk (Nachbarin)
Länge
91 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama

Ein Blitzschlag macht aus einer von Schülern und Kollegen gemobbten Physiklehrerin eine im wahrsten Wortsinn flammende Pädagogin: Eine clevere Neuinterpretation des „Doktor Jekyll & Mr. Hyde“-Stoffs vorm Hintergrund der Misere des französischen Schulsystems

Diskussion

In Superhelden-Comics besitzen Lehrer eine beachtliche Affinität für ein Dasein mit übermenschlichen Kräften – vielleicht weil der Vorsatz, Kindern durch Wissen einen Weg in die Herausforderungen des Lebens zu weisen, den Weltverbesserungstendenzen von Superhelden nahe verwandt ist. Freilich gebiert der Frust über pädagogische und andere Misserfolge nicht selten auch Superschurken, sodass ein Charles Xavier mit seiner wohlmeinenden „X-Men“-Schule das eine Extrem und dem Bösen verfallene Lehrer wie Curt Connors/The Lizard aus „Spider-Man“ das andere verkörpern.

Eine Lehrerin als geplagte Außenseiterin

Wohin ihre urplötzlich auftretenden neuen Fähigkeiten sie führen werden, ist auch bei der Physiklehrerin Marie Géquil (Isabelle Huppert), der Hauptfigur in Serge Bozons „Madame Hyde“, keineswegs ausgemacht. Nachvollziehbare Gründe, sie gezielt gegen missliebige Mitmenschen einzusetzen, gäbe es jedenfalls reichlich: Bei ihrer Arbeit an einer Schule in einer französischen Vorstadt wird Madame Géquil von den Jugendlichen in ihrer Klasse tagaus tagein beleidigt, gedemütigt und ausgelacht. Vergleichsweise zurückhaltend sind im Unterricht nur die beiden einzigen Mädchen, die den technischen Zweig gewählt haben; dafür nutzen diese die Konferenz mit dem Lehrerkollegium, um über Madame Géquils Methoden zu klagen. Zaghaft verteidigt sich die Lehrerin, doch Rückhalt findet sie auch nicht bei Kollegen und Rektor, vielmehr zeigen diese ebenfalls ihre Verachtung. Und ihr bis zur Arglosigkeit gutmütiger Mann Pierre ist erst recht keine Hilfe: Selbst als sie eines Abends sichtlich verstört nach Hause kommt, weil sie im Labor von einem Blitz getroffen wurde, fällt ihm nicht mehr ein als ein ratloses „Oooh…“

Marie Géquil jedoch bemerkt rasch, dass das Ereignis sie buchstäblich mit Energie und Hitze aufgeladen hat. Zuerst sind es nur Glühbirnen, die in ihrer Nähe zerplatzen, und Eis, das durch die Berührung ihrer Hand schmilzt. Doch bald schon stellt sie auch an ihrem eigenen Körper immense Veränderungen fest: Bei hoher Konzentration oder Aufregung kann sie sich in eine lebende Flamme verwandeln – mit verheerenden Folgen für aggressive Hunde und rappende Tagediebe.

Die Flamme springt auch auf die Schüler über

Wie zuletzt dem vergleichbar gedemütigten Arthur Fleck in „Joker“ könnte auch Madame Géquil eine weitere Verwandlung in eine Psychopathin bevorstehen, doch lenkt Serge Bozon den Film früh in weniger erwartbare Bahnen. Der französische Filmemacher zeichnete sich schon bei seinen früheren Werken wie „Mods“ und „Tip Top“ durch die fließenden Übergänge von Genrezugängen und Motiven aus, und „Madame Hyde“ ist keine Ausnahme. Die Variation des „Jekyll & Hyde“-Stoffs und die Anleihen bei Superhelden-Fantasy-Motiven – präsentiert mit beachtlichen Effekten – stehen im Mittelpunkt, doch rahmt sie der Film mit dem Plot eines typischen Dramas um eine zuerst unterschätzte, dann aber sehr engagierte Lehrerin, der es mit Einsatz und ungewöhnlichen Ideen gelingt, ihre gleichgültigen und allgemein abgeschriebenen Schüler zu motivieren und ihr verborgenes Potenzial wachzukitzeln.

Marie Géquil nimmt sich dabei vor allem des Jungen an, der ihr das Leben am schwersten macht: Malik heizt die Stimmung der Schüler gegen sie durch ständige Provokationen an, doch beschränkt sich seine Führungsrolle als Quertreiber auf den Unterricht. Der körperlich behinderte Jugendliche kann sich nur mittels einer Gehhilfe fortbewegen und wird so von seinen Mitschülern auf den Schulgängen nicht als gleichwertiger Kamerad angesehen; schon gar nicht findet Malik Anschluss an die bewunderte Clique aus rappenden Halbstarken, die nachts die Banlieue unsicher macht und über Gesellschaft und Bildung lästert.

Der Film bezieht die französische Schulmisere ernsthaft in seinen Fantasy-Plat ein

Zwangsweise kommt es schließlich zum gewaltsamen Zusammenstoß zwischen den Rappern und der entflammenden Lehrerin, die ihrem Schüler gefolgt ist. Der Film besitzt zu diesem Zeitpunkt allerdings längst eine weitere Ebene, auf der Madame Géquil ihre Schüler und speziell Malik mit neu gefundenem Selbstbewusstsein zu erreichen versucht: In ihrem Labor weckt sie seinen Ehrgeiz mit der Lösung mathematischer Rätsel, die restliche Klasse lockt sie mit dem Projekt, zusammen einen faradayschen Käfig zu bauen, aus der Reserve. In mehreren Szenen dürfen die bis dahin unmotivierten Technikschüler dann stolz ihre Erkenntnisse präsentieren, was im besten Sinne etwas von Schulfernsehen hat: physikalische Lektionen, nachvollziehbar und mit ungelenker, aber sympathischer Begeisterung präsentiert.

Denn Bozon und seine vertraute Drehbuchpartnerin Axelle Ropert beziehen bei aller Verspieltheit und thematischen Offenheit die französische Schulmisere sehr ernsthaft ein. Mit einer lustvoll in den Ambivalenzen ihrer Figur schillernden Isabelle Huppert können sie auf eine Hauptdarstellerin zählen, die Mystery- und Fantasyelemente von „Madame Hyde“ auskosten, zugleich aber auch die Tradition geplagter Lehrer aus Werken wie „Die Klasse“ oder „Heute trage ich Rock!“ aufgreifen und damit eine tragische Note in den Film hineintragen kann: Wo alles sich in Fatalismus und Misere eingerichtet hat, wird auch ein Motivationsschub wie der von Marie Géquil nichts von Dauer erreichen. Schauspielerisch mithalten kann mit Isabelle Hupperts Bravourleistung im Übrigen nur Romain Duris, der das vollendete Negativbild eines verkommenen Schulleiters zeichnet: Überheblich, boshaft, empathielos, dazu stets unrasiert, unfrisiert und kreischend hässlich gekleidet, als solle sein Aussehen das Desinteresse an seiner Umwelt und der Zukunft seiner Schüler noch betonen. In manch anderen „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“-Filmen sah so der Arzt nach seiner Verwandlung aus, in Bozons erfrischender Variante des Stoffs liegen die Dinge komplizierter: Es braucht nicht erst den Blitzschlag, der Brutalität und Gefühllosigkeit in die Welt bringt. Sie sind bereits da.

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