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Christliche Identität in der Krise

Mittwoch, 02.06.2021

Ein Gespräch mit der Theologin Viera Pirker über die Filmtagung „Christliche Identität in der Krise“

Diskussion

m Kino oder in Serien sind religiöse oder kirchliche Themen ziemlich populär, allen realen Skandalen zum Trotz. Fragen der Haltung und der inneren Überzeugung lassen sich in solchen Settings anscheinend klarer herausarbeiten. Ein Interview mit der Theologin Viera Pirker über eine derzeit stattfindende Tagung, die sich neuen Filmen und Serien mit Bezug zum Christentum widmet.


Worum geht es in der Tagung „Christliche Identität in der Krise“?

Viera Pirker: Uns ist aufgefallen, dass es in den letzten Jahren eine erstaunliche Präsenz an kirchlichen Themen im Kino- und Serienbereich gibt, insbesondere im Arthouse-Segment. Das hat uns herausgefordert. Die Forschungsgruppe „Film und Theologie“ will die verschiedenen Filme, die aus ganz unterschiedlichen Perspektiven auf Religion, religiöse Themen oder das Christentum zugehen, genauer analysieren. Was wollen diese Filme? Was kann man daraus für die Gegenwart ableiten? Was bedeutet dies für das Christsein? Das ist ja fast wie ein Spiegel, eine Art Feedback. Uns interessiert, wie Filmemacher, wie Filmemacherinnen auf Glaubensfragen reagieren; sie machen in ihren Werken Glauben oder das Leben aus einem Glauben heraus mitunter sehr tiefgründig zum Thema.


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Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

Pirker: In Terrence Malicks „Ein verborgenes Leben“ geht es um Franz Jägerstätter, der sich während der Nazi-Zeit dem Kriegsdienst verweigert hat und dafür 1943 in Berlin hingerichtet wurde. Der Film schaut auf eine sehr spezifische Weise auf Fragen des Glaubens und des Zueinanders von christlichen Überzeugungen und der Welt. Hier stellt sich einer aus religiösen Überzeugungen gegen die herrschende politische Ideologie, auch gegen den eigenen Vorteil, und geht in den Widerstand. Ein anderes Beispiel wäre „First Reformed“ von Paul Schrader, in dem ein reformierter Pastor den Glauben verliert und mit der Frage hadert, was das Schicksal oder das Los von Menschen eigentlich ausmacht. Der Geistliche wird dann von einem radikalen Umweltschützer herausgefordert, was ihn zwingt, nach der Wahrheit zu fragen.

Ein Pastor ringt mit der Wahrheit: "First Reformed" von Paul Schrader (imago)
Ein Pastor ringt mit der Wahrheit: "First Reformed" von Paul Schrader (© imago images)

Über die Christlichkeit von „Das verborgene Leben“ könnte man aber so seine Zweifel haben…

Pirker: Malick hat Franz Jägerstätter keinen Gefallen getan, dass er ihn in „Ein verborgenes Leben“ so wenig als einen Menschen zu Wort kommen ließ, der aus dem Glauben heraus handelt. Es gibt eine Reihe von Texten von Franz Jagerstätter, die im Film keine Rolle spielen, aber über die religiösen Überzeugungen des österreichischen Landwirts Auskunft geben. In Axel Cortis „Der Fall Jägerstätter“ kommen diese viel stärker zum Tragen. Deshalb muss man beide Filme zusammen sehen und in Bezug zueinander setzen, was bei der Tagung auch geschehen wird.

Die Frage, welche Religiosität in den Filmen verhandelt wird, ist dennoch nicht ganz so einfach zu lösen.

Pirker: Das ist sicher richtig. Bei Malick ist der katholische Kontext allerdings klar benannt, auch wenn es nicht um konfessionelle Aspekte geht, sondern generelle Überzeugungen ins Spiel kommen, vielleicht in der Art eines allgemeinen Christentums.

Der Tagungstitel spricht zwar von einer christlichen Identität, aber die Filmauswahl nimmt katholische Aspekte stärker in den Blick. Ist das Absicht oder Zufall?

Pirker: Die Forschungsgruppe ist ökumenisch aufgestellt. Dennoch gibt es eine gewisse Arbeitsteilung, weil es meist zwei Treffen pro Jahr gibt. Bei der Expert*innentagung im Januar ist die Perspektive eher ökumenisch, im Sommer tendenziell eher katholisch. Zu den Tagungen erscheinen umfangreiche Publikationen, in denen die unterschiedlichen konfessionellen Aspekte zusammenfließen. Vielleicht hat der „katholische“ Einschlag der Filmauswahl bei der Tagung in Schwerte jetzt auch damit zu tun, dass das Katholische von Filmschaffenden anscheinend eher bevorzugt wird. Glaubensfragen werden in Filmen derzeit eher seltener aus protestantischer Perspektive thematisiert – sehr wohl aber bei „First Reformed“.

Warum ist das so? Weil das Katholische sinnlicher und damit greifbarer ist?

Pirker: So wahnsinnig sinnlich ist es dann ja auch wieder nicht, obwohl dies dem Katholischen nachgesagt wird. Es hängt eher mit der hierarchischen Gestalt der katholischen Kirche zusammen, dem liturgischen Kokon, der ausgeprägten Formensprache, aber auch mit bestimmten Riten und Ritualen. Und ganz sicher auch mit Formen von Machtentfaltung, die Filmemacher anzieht. In dem Film „Die Erscheinung“ von Xavier Giannoli, dem wir auf der Tagung ebenfalls nachgehen, steht beispielsweise der Apparat des Vatikan den Gläubigen entgegen, die in einer Marienerscheinung Hoffnung suchen.

Vincent Lindon als spektischer Reporter in "Die Erscheinung" (Filmperlen)
Vincent Lindon als skeptischer Reporter in "Die Erscheinung" (© Filmperlen)

Maria ist als filmische Figur in der Auswahl auffallend stark vertreten.

Pirker: Ja, das ist ein eigener Schwerpunkt, weil sich in den individuellen Marienerscheinungen die katholische Individualisierung schlechthin niederschlägt; in dieser Figur manifestiert sich sozusagen die katholische Postmoderne.

Das ist eine steile These.

Pirker: Auf der Tagung ist der Dogmatiker Knut Wenzel mit dabei, der in seinem Buch „Die Wucht des Undarstellbaren“ anhand von Christus- und Mariendarstellungen eine ganze Bildtheologie des Christlichen entfaltet und dabei stark auf den marianischen Glauben abhebt. Die Möglichkeit individueller Madonnenerscheinung ist ein Phänomen, das für ihn ganz eng zur Moderne gehört.

Im Tagungsprogramm findet sich auch der Satz, dass kirchliche Settings bestimmte innere Haltungen stärker als andere Milieus hervortreten lassen. Warum ist das so?

Pirker: Weil die kirchlichen Gefäße noch immer moralische Gefäße sind und auf ein bestimmtes Wertesystem zurückgreifen. Der Rekurs auf sie eröffnet einen spezifischen Kontext, aus dem heraus sich viele wichtige Fragen stellen. Innerhalb eines religiös konnotierten Settings sind die Rahmenbedingungen klarer und greifbarer ausgearbeitet. Fehler, also „sündhaftes“ Handeln, erscheinen hier viel größer, weil es die Träger des moralischen Systems sind, die schuldhaft handeln. Es ist wie eine Folie, vor der sich die Fallhöhe stärker abzeichnet.

Generell überrascht es ja oft, wie sehr sich Filmemacher auf christliche Themen einlassen und weder vor religiösen noch theologischen Fragen zurückschrecken.

Pirker: Das ist vielleicht nicht immer von der Hand zu weisen. Es fällt auf, dass die Filmemacher recht frei und auch freimütig mit dem „Stoff“, den biblischen Erzählungen, religiösen Gestalten oder theologischen Fragestellungen umgehen und natürlich auch beißende Kritik üben. Aber auch darin suchen sie oft auch nach neuen Wegen, alternativen Formulierungen und überraschenden Ideen. Filmemacher bedienen sich in diesem Fundus und nutzen ihn für ihre Geschichten. Das ist öfters gar nicht religions-, sondern auf sehr subtile Weise eher glaubens- und institutionenkritisch.

Manchmal hat man fast das Gefühl, dass die Filme näher an die biblischen Erzählungen herankommen als die institutionellen Verkündiger.

Pirker: Ich bin auch oft beeindruckt, wie sehr sich Filmschaffende auf neue Weise an diese alten Geschichten heranwagen und sie ein wenig gegen den Strich bürsten. Sie bringen eine andere Interpretationslinie herein, eine modernere, heutigere Sichtweise. Das ist meistens sehr anregend.

Im Zentrum der Welt: "The Young Pope" (Polyband)
Im Zentrum der Welt: "The Young Pope" (© Polyband)

Bei der Tagung sind auch explizit kirchenkritische Filme zu sehen.

Pirker: Wir haben nach Filmen gesucht, in denen sich gläubige Menschen auf Kirche oder Religion beziehen oder in denen Menschen im Mittelpunkt stehen, die sich bei ihrer Suche nach einem Sinn an religiösen Antworten abarbeiten. Da kommt man um die Institution nicht herum. Deshalb ist der dritte Block der Tagung mit „Whats up, Vatican“ überschrieben, in dem es explizit um filmische Kommentare zum römisch-katholischen Kontext geht. Und zwar zugespitzt in zwei sehr unterschiedlichen Produktionen: der Serie „The Young Pope“ und dem Dokumentarfilm „Verteidiger des Glaubens“. Christoph Röhl bezieht darin eine sehr kritische Position dazu, wohin sich die katholische Kirche in den letzten 40 Jahren entwickelt hat, und Paolo Sorrentino führt das Papsttum ad absurdum, indem er es ganz zu sich selbst bringt, wenn der Papst sich selbst ins Zentrum der Kirche setzt und als Zielpunkt der Sehnsucht der Gläubigen inszeniert. Ein Popstar herrschaftlich-monarchischen Zuschnitts. Ungefähr das genaue Gegenstück zum aktuellen Amtsinhaber, Jorge Mario Bergoglio.

Was ist der generelle Erkenntnishorizont, wenn man sich auf diese Weise mit Filmen auseinandersetzt?

Pirker: Es geht darum, mit einer theologischen Perspektive auf Filme zu schauen und aus Filmen heraus zu lernen, Zeichen der Gegenwart wahrzunehmen. Zu merken, wo die Welt steht, wo der Film steht, wo die Ästhetik steht, wo und wie die medialen Diskurse stattfinden. Es ist eine intensive Befassung mit aktuellen Filmen und ihren Erscheinungsformen, auch in einem religionswissenschaftlichen Sinn. Was Film bedeutet und auch eröffnet, als transzendierende Entität. Schließlich geht es auch um Beziehungsfragen: Wie hängen Religion, Film und Medien zusammen?

Harsche Kritik: "Verteidiger des Glaubens" (Real Fiction)
Harsche Kritik: "Verteidiger des Glaubens" (© Real Fiction)

Viera Pirker ist Professorin für Religionspädagogik und Mediendidaktik an der Goethe-Universität Frankfurt und verantwortet die Tagung gemeinsam mit Joachim Valentin, apl. Professor für Christliche Religions- und Kulturtheorie ebendort sowie Leiter des Haus am Dom, Frankfurt.


Hinweis

Die Tagung „Christliche Identität in der Krise. Gläubige und Kirche im aktuellen Film“ der internationalen Forschungsgruppe „Film und Theologie“ findet vom 2. bis 5. Juni als Online-Veranstaltung statt. Gezeigt werden dabei die Filme „Ein verborgenes Leben“, „Die Erscheinung“ und „Verteidiger des Glaubens“; weitere Filme, die thematisiert werden, sind „First Reformed“, „Ein Himmel voller Wunder“, „Maria Magdalena“, „The Two Popes“ und „Corpus Christi“ sowie die Serien „Ein Wunder“ und „The Young Pope“/„The New Pope“. Veranstalter ist die Katholische Akademie Schwerte.

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