© Filmperlen (aus: "Die Erscheinung")

Möglichkeiten zum Aufbruch

Donnerstag, 24.06.2021

Ein Tagungsbericht über das Symposium „Christliche Identität in der Krise“, das die Forschungsgruppe „Film und Theologie“ als Online-Veranstaltung in Kooperation mit der Akademie Schwerte organisierte

Diskussion

Wie sehr eine Krise zu neuen Dingen motiviert, erlebte die Forschungsgruppe „Film und Theologie“ am eigenen Beispiel, als sie ihre 2020er-Tagung „Christliche Identität in der Krise“ ein Jahr später kurzerhand als Online-Veranstaltung durchführte – und davon auch künftig profitieren will. Inhaltlich ging es um aktuelle Filme und Serien, die sich mit kirchenkritischen, aber auch affirmativ religiös-spirituellen Themen auseinandersetzen.


Vor einem Jahr musste die Tagung der internationalen Forschungsgruppe „Film und Theologie“ Corona-bedingt ausfallen. Jetzt konnte das gleiche Konzept umgesetzt werden – als reine Online-Veranstaltung (2.-5.6.2021). Für manche war die digitale Form sogar von Vorteil, denn auf diese Weise wurde eine Teilnahme ohne lange Anfahrt (Veranstalter war die Katholische Akademie Schwerte) möglich. Durch die technischen Rahmenbedingungen der Akademie musste nicht einmal auf das Filmvergnügen verzichtet werden. Neben der Vorführung kompletter Filme per Stream wurde in den Beiträgen auch mit Filmausschnitten gearbeitet. Diese Erfahrungen der Online-Möglichkeiten werden auch für künftige Tagungen sicher eine Rolle spielen.


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Unter dem Titel „Christliche Identität in der Krise“ ging es inhaltlich um die Präsenz von Kirche; deren Vertreterinnen und Vertretern sowie ‚normale’ Gläubigen wurden in Kinofilmen und Serienproduktionen unter die Lupe genommen. Im Mittelpunkt standen dabei Fragen nach der Aktualität des Glaubens in säkularen Gesellschaften, also etwa die Frage, ob sich aus gläubigem oder kirchlichem Handeln zusätzliche Aspekte ableiten lassen, etwa in moralischer Hinsicht. Eine zentrale Frage war auch, ob der christliche Glaube als Konzept und Praxis so sehr in die Krise geraten ist, dass er ganz neu gestaltet werden kann. Denn Krisen- und Bewährungszeiten haben sich für die Entwicklung religiöser Identität schon immer als maßgeblich erwiesen.

Von Terrence Malicks „Ein verborgenes Leben“ über Paul Schraders „First Reformed“ und Xavier Giannolis „Die Erscheinung“ bis hin zu Christoph Röhls „Verteidiger des Glaubens“ wurde ein breites Spektrum an Filmen und Themen aufgespannt. Auch Serienformate wie „Il Miracolo“, „The Young Pope“, „Fear the Walking Dead“ oder „Messiah“ kamen zur Sprache.

"Verteidiger des Glaubens" wirft einen Blick hinter die Mauern des Vatikans zu Zeiten Josef Ratzingers. © Real Fiction
"Verteidiger des Glaubens" wirft einen Blick hinter die Mauern des Vatikans (© Real Fiction)

What’s up, Vatican?

Die drei Moderatoren Viera Pirker, Joachim Valentin und Markus Leniger führten durchs Programm und sorgten dafür, dass das übergreifende Thema im Blick behalten wurde. Die Tagung war in drei Einheiten gegliedert, die nach „Erscheinungsweisen des Christentums“ betitelt waren: „Das religiöse Individuum in der Krise“, „Marianische Identitäten und Fragen nach dem Wunder“ und „What‘s up, Vatican?“. Damit beschritt die Tagung den Weg von der Betrachtung individueller Schicksale (etwa das von Franz Jägerstätter) über religiöse Phänomene wie Marienverehrung und Wunderglaube zu Fragen über die Institution Kirche (fiktional mit „The Young Pope“, dokumentarisch im Film über die Rolle von Papst Benedikt XVI.).

Dabei stand zwar die katholische Konfession stärker im Blickpunkt (der Katholik Jägerstätter, Formen der Marienfrömmigkeit und das Papsttum), doch lassen sich die analysierten Krisen und deren Bedeutung für individuelle Entwicklungen unschwer gesamtchristlich deuten. Immer wieder wurden auch explizit filmwissenschaftliche Überlegungen angestellt. So diente „First Reformed“ als ein Beispiel fürs „Slow Cinema“ oder es wurden die Erkenntnisse aus Paul Schraders Studie „Transcendental Style in Cinema“ für die Analyse von Beispielsequenzen und Deutungsangeboten herangezogen. Form und Inhalt gehen im günstigen Fall eine Einheit ein, um die Aussage des jeweiligen Filmes zu vermitteln. Im Falle von „Ein verborgenes Leben“ wird der (historische) Inhalt des Films der (speziellen filmischen) Form untergeordnet, um vom Einzelschicksal auf Allgemeingültiges verweisen zu können.

Im Widerstand gegen die NS-Unterdrücker suchten österreichischen Katholiken Gottest Beistand. ©: Pandora
Im Widerstand gegen die NS-Unterdrücker suchten österreichische Katholiken Gottes Beistand (© Pandora)

Zeichen der Gegenwart

Mit Regisseur Christoph Röhl stand analog zu früheren Filmtagungen der Forschungsgruppe auch ein Filmschaffender Rede und Antwort. Gerade die Entstehungsgeschichte und Begleitumstände seines kontrovers diskutierten Films „Verteidiger des Glaubens“ boten wichtige Einblicke. Sehr deutlich wurde dabei, wie intensiv die Wechselwirkung von Filmschaffen und gesellschaftlichen (beziehungsweise kirchlichen) Entwicklungen ist.

Die Vielfalt so unterschiedlicher Filme im Gesamt der Tagung ließ sich zwar nicht auf eine zentrale Aussage reduzieren, doch das Bild der Krise als Ursprung von etwas Neuem oder zumindest als dem Aufbrechen von Erstarrtem rückte immer wieder ins Zentrum. „Christliche Identität in der Krise“ ist dabei kein Anlass für reinen Pessimismus; die Krisenerfahrungen – so schmerzhaft oder zerstörerisch sie auch sein mögen – bieten vielmehr Raum für Experimente, für Auf- und Umbrüche und gelegentlich sogar für das Entstehen von etwas gänzlich Neuem. Die Lebendigkeit und Wandlungsfähigkeit christlichen Glaubens wurde in den Filmbeispielen, den Analysen und Diskussionen immer wieder deutlich. Im Interview zur Tagung brachte Viera Pirker dies auf eine eingängige Formel: „Es geht darum, mit einer theologischen Perspektive auf Filme zu schauen und aus Filmen heraus zu lernen, Zeichen der Gegenwart wahrzunehmen.“

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