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Freitag, 14.09.2018

Ein Überblick über kreative Aufbrüche im italienischen Kino

Diskussion

Gefühlt ein halbes Jahrhundert in der Kinokrise, erstickt in den riesigen Schatten von Federico Fellini und Pier Paolo Pasolini, von einer korrupten und sexistischen Filmkultur zerrupft, gibt es seit einigen Jahren immer wieder Lichtblicke im italienischen Kino.


Zum einen machen sich ein paar italienische Filmemacher international zwischen Cannes und Hollywood einen Namen. Zu ihnen gehören Luca Guadagnino („Call Me by Your Name“, „Suspiria“), Matteo Garrone („Das Märchen der Märchen“, „Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra“) oder Paolo Sorrentino („La Grande Bellezza – Die große Schönheit“, „Ewige Jugend“, „The Young Pope“). Die Qualität ihrer Arbeit variiert, aber ihre bloße Präsenz auf der großen Bühne des Kinos bewirkt ein gesteigertes Selbstwertgefühl auf der einen Seite – und eine notwendige ästhetische Opposition auf der anderen.


Bürgerlicher Konformismus & der Erfolg bei Festivals

Letztere entsteht vor allem durch den anhaltend bürgerlichen Konformismus ihrer Filme sowie ihre Hinwendung zu fernen bis märchenhaften Welten, die sich nicht wirklich mit den bedenklichen Realitäten in Italien beschäftigen. Stattdessen wählen sie Spektakel und Eskapismus, wobei zumindest Garrone mit seinem Kino immer wieder versucht, Brücken zu schlagen. So spürt man in seinem neuesten Film „Dogman“ (Kinostart: 18. Oktober) sehr wohl gesellschaftliche Probleme hinter der etwas einfallslosen Fabel um einen Hundepfleger der sich in kriminelle Machenschaften verwickeln lässt. Ganz zu schweigen von „Gomorrha“, der vielleicht sogar als Startpunkt eines erneuerten Realitätsbewusstseins im italienischen Kino gelten darf. Andrea Pallaoro, der mit „Hannah“ und „Medeas“ zwei äußerst atmosphärische Arbeiten gedreht hat, und Laura Bispuri („Sworn Virgin“, „Meine Tochter - Figlia Mia“) stehen genau wie Jonas Carpignano („Pio“) bereit, Garrone bezüglich großer Festival-Ehren zu folgen.

"Sworn virgin" von Laura Bispuri
"Sworn virgin" von Laura Bispuri

Äußerst erfolgreich auf Festivals agiert auch ein Filmemacher, der sich sehr konkret mit den Realitäten in Italien und Europa auseinandersetzt, zumindest auf den ersten Blick: Gianfranco Rosi, der für „Sacro GRA“ und „Seefeuer“ die höchsten Preise in Venedig und auf der „Berlinale“ gewann, ist bei genauerer Betrachtung ein Dokumentarist, der nie wirklich zufrieden ist mit dem Bild, dass man sich von der Realität machen kann. Insbesondere in „Seefeuer“, der auf der Insel Lampedusa gedreht wurde, zeigt sich das in seiner ganzen Problematik, da konstruierte Bilder des Insellebens mit der an Ausbeutung grenze

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