© Koch Films (Plakat von „A Pure Place“)

Master und Manipulatoren

Montag, 22.11.2021

Gedanken zu „A Pure Place“ von Nikias Chryssos und dem vermehrten Auftreten von Sekten in Thrillern und Horrorfilmen der vergangenen Jahre

Diskussion

Im Kino der letzten Jahre treiben vermehrt reale und erfundene Sekten ihr Unwesen und sind längst nicht auf Thriller und Horrorfilme beschränkt. Aktuell lotet der deutsch-griechische Regisseur Nikias Chryssos in seinem eigenwilligen Drama „A Pure Place (ab 25.11. im Kino) die Untiefen einer Sekte aus, die auf einer griechischen Insel ihre Utopie einer Gesellschaft der „Reinheit“ vom „schmutzigen“ Rest der Welt abgrenzt. Eine Untersuchung des Kinoaufschwungs der Sekten.


Im eleganten weißen Anzug, mit graumeliertem Bart und Goldrandsonnenbrille tritt der Guru Fust (Sam Louwyck) vor seine Anhängerschaft. Lächerlich wie ein alternder Popstar, der außer Selbstinszenierung nichts mehr zu bieten hat, lässt er sich in Nikias Chryssos’ A Pure Place von einer Schar geblendeter Fans singend anhimmeln. Was ist mit ihnen passiert, dass sie den Quacksalber nicht erkennen, der sie mit Taschenspielertricks hinters Licht führt? Eine andere Gruppe, noch im Kindesalter, steht in Plastik-Regenmänteln mit verschmutzten Gesichtern am Rand. Sie sehen dem absurden Treiben (ein fliegendes Stück Seife!) zu, darauf hoffend, dass auch sie eines Tages in den Kreis der Älteren, der Reinen aufgenommen werden. Nur der kleine Paul (Claude Heinrich) durchschaut die Inszenierung und wird seine ältere 14-jährige Schwester Irina (Greta Bohacek) davor bewahren müssen, in die Falle zu tappen.

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Sektenhorror und fiktive Rache

Das Sujet der Sekte hat in den vergangenen Jahren eine Reihe von Thrillern und Horrorfilmen wie etwa Midsommar (2019), Partisan (2015), Colonia Dignidad (2015), Faults (2014) und Martha Marcy May Marlene (2011) hervorgebracht. Wie wir aus einschlägigen Beispielen wissen, ist die wirkliche Praxis von Sekten grausig genug, sodass es nicht wundert, wenn auch ihre Thematisierung in fiktionalisierter Film-Form oft grausam daherkommt. Quentin Tarantino etwa ging so weit, in Once Upon a Time in Hollywood (2019) die historische Realität eines Sekten-Mordes durch ein alternatives Narrativ zu ersetzen: Der real stattgefundene Mord an Sharon Tate und drei Gästen am 8. August 1969 am Cielo Drive in Los Angeles (wo Tate mit Roman Polanski, von dem sie ein Kind erwartete, lebte) wird im Film von einem im Haus nebenan wohnenden Western-Darsteller und dessen Stuntdouble verhindert; Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) und Cliff Booth (Brad Pitt) schlachten die drei Handlanger von Charles Manson dermaßen brutal ab – als müsste den historischen 16 Messerstichen, an denen Sharon Tate starb, wenigstens fiktiv eine adäquate Rache entgegengesetzt werden.

Die Sekte in „A Pure Place“ setzt auf Rituale und strikte Kleidungsregeln (© Koch Films)
Die Sekte in „A Pure Place“ setzt auf Rituale und strikte Kleidungsregeln (© Koch Films)

Bei Tarantino sehen wir Manson selbst nur kurz, in anderen Filmen stehen die Anführer der Sekten im erzählerischen Zentrum des Films. Es geht darum, wie es ihnen gelingt, Menschen zu manipulieren und sie an sich zu binden, selbst dann, wenn sie bereits ganz offensichtlich Gewalt ausüben. Wie sich die Opfer in die Fänge der Verführer begeben, sich immer mehr dem Strudel aus Psycho- und Körperterror aussetzen, so dass Flucht nur noch mit großen lebensgefährlichen Anstrengungen möglich ist, das macht den Horror und den Thrill einiger dieser Filme aus. Kinematographisch spannend ist zudem die Gestaltung des Ortes, an dem die Sekte agiert und sich von der Öffentlichkeit isoliert, um einen eigenen Kosmos mit einem spezifischen Gesellschaftssystem zu schaffen.


Wahnsinn und Gefolgschaft

In dem weniger als Thriller denn vielmehr als Charakterstudie oder Psychodrama angelegten The Master von Paul Thomas Anderson verkörpert Philip Seymour Hoffman Lancaster Dodd, eine an Scientology-Gründer L. Ron Hubbard angelehnte Figur, als einen charismatischen und weltgewandten Heilsbringer, der sich an dem Kriegsheimkehrer Freddie Quell (Joaquin Phoenix) abarbeitet. Letztlich scheitern seine Therapieversuche aber. Horror entsteht dann, wenn Freddie die Wirklichkeit verzerrt wahrnimmt. An einem der Gesellschaftsabende, die Dodd gerne veranstaltet, sind für Freddie alle Frauen nackt. Als könne er in seinem Wahnsinn hinter die Fassade der Gute-Laune-Sekte blicken.

Horror und Thrill entsteht in anderen Filmen, wie etwa in „Midsommar“, dadurch, dass die Sekten kleine, geschlossene Gemeinschaften sind, die gänzlich isoliert leben. Der Sektenführer kann schalten und walten, wie er will. Mit dem Auftauchen der Hauptfigur, meist weiblich und als Opfer der Sekte konzipiert, wird er in Frage gestellt. Zunächst wird sie wie alle anderen vom Wahnsinn des Sektenführers angesteckt, sie folgt ihm wie unter Drogen gesetzt (häufig werden auch explizit Rauschmittel verabreicht). Dann wird ihr bewusst, worauf sie sich eingelassen hat – fast zu spät, um noch entkommen zu können.

Die Faszination, die Sekten und Gurus auf Protagonist:innen ausübt, wird oft mit einer Verletzlichkeit oder Bedürftigkeit der Opfer erklärt: ein Trauma oder eine Verlusterfahrung in der Vergangenheit, schwierige familiäre oder soziale Verhältnisse legen die psychologische Basis für die Verführbarkeit; der Sektenführer dringt in die Leerstelle vor, die von der Gesellschaft nicht gefüllt wird. In A Pure Place kümmert sich niemand um die Armen und Unterprivilegierten, es wird zugelassen, dass Kinder stehlen und am Strand im Müll spielen müssen. Die absolute Perspektivlosigkeit führt in die Fänge der Sekte. Hoffnung auf ein besseres Leben macht sie blind für den Schrecken, dem sie in der schönen neuen Welt des Kults ausgesetzt werden.

Abgeschiedener Ort und große Nähe zur Natur umrahmen die archaischen Vorstellungen: „Midsommar“ (© Weltkino)
Abgeschiedener Ort und große Nähe zur Natur umrahmen die archaischen Vorstellungen: „Midsommar“ (© Weltkino)

Orientiert an realen Vorbildern wie Colonia Dignidad oder der Thelema Society umfasst dieser Schrecken mitunter auch Missbrauch und sexuelle Gewalt ein. Die Sektenanführer, im Film wie in der Realität, sind meist männlich. In „A Pure Place“ vergewaltigt der Guru alle Frauen, die er in seine Gemeinschaft verschleppt. In dem an die Manson Family angelehnten Martha Marcy May Marlene wird der Anführer Patrick (John Hawkes) zunächst als durchaus sympathischer Mann in Szene gesetzt, der wirklich ein Interesse daran zu haben scheint, anderen zu helfen. Die Bedürftigkeit der Frauen nutzt er aber zum geeigneten Zeitpunkt aus, macht sie gefügig und vergewaltigt sie. Midsommar geht einen spannenden anderen Weg, indem Christian (Jack Reynor) dazu genötigt wird, eine Bewohnerin des Dorfes zu schwängern und danach sein Leben als eines von acht Opfern in einem Bärenfell verbrennend auszuhauchen, ein Schauspiel, das seine zur neuen Maikönigin gekürte Freundin Dani (Florence Pugh) zu betrachten gezwungen wird.


Idylle und Schreckensort

In „Midsommar“ wie in anderen Sekten-Filmen ist die Basis für die Gräueltaten der Sekten ein Ort, der abgeschirmt von der Außenwelt eine Art eigenen Mikrokosmos darstellt. In A Pure Place wird zunächst plakativ die „schmutzige“ Welt der Großstadt mit dem Idyll auf der griechischen Insel kontrastiert, wo die Sekte ihr Unwesen treibt. Am zugemüllten Strand der Stadt lesen Kinder von dreckiger Brühe triefende Stofftiere auf, während sie auf der Insel zwischen alten Olivenbäumen bunte Blumen pflücken. Schnell wird aber deutlich, dass auch dieser Naturraum bereits von menschlichen, funktionalen Orten infiltriert ist. Die Kinder sind dazu verdammt, Seife zu produzieren, von deren Wirkungen sie indes noch nicht profitieren dürfen, weswegen sie stets mit verschmutzten Gesichtern herumlaufen müssen. Im Kult der Reinheit, den Fust betreibt, harren die Kinder noch des Status, der sie aus dem Joch der industriellen Arbeit befreit.

In dem australischen Drama Partisansind es auch Kinder, die der von Vincent Cassel gespielte Sektenführer Gregori zusammen mit ihren bedürftigen Müttern einsammelt. Die Kinder werden sodann zu Killern ausgebildet. Auch hier wird die Großstadt als Moloch inszeniert, in dem sich absonderliche soziale Nischen bilden können, etwa eine Sekte, die als Terrorzelle agiert. Ein geheimer Gang stellt die Verbindung zur Außenwelt dar. Es ist folgerichtig, dass hier an der Schwelle zwischen dem Schrecken der Sekte und der Perspektivlosigkeit der Großstadt das Finale platziert wird, in dem die Hauptfigur Alexander sich wird entscheiden müssen, welche Kindheit sie leben will.

In „Martha Marcy May Marlene“ verbirgt sich hinter dem freundlichen Äußeren des Sektenführers Patrick (John Hawkes) ein Tyrann (© Twentieth Century Fox)
In „Martha Marcy May Marlene“ verbirgt sich hinter dem freundlichen Äußeren des Sektenführers Patrick (John Hawkes) ein Tyrann (© Twentieth Century Fox)

Besonders effektiv in Szene gesetzt ist der Ort der Sekte in Midsommar. Die Sonne durchflutet das von hübschen Holzhäusern gesäumte und von Wald umgebene Dorf, das sich nach und nach zu einer Folklore-Hölle verzerrt, wie Jan Künemund im „Spiegel“ schrieb. Auch hier wird eine große Nähe zur Natur propagiert, nachhaltiger als diese Dorfgemeinschaft lässt sich kaum leben. Doch ist ihnen die Tradition genauso wichtig wie die Zukunft. So pflegen sie alte Rituale, die den jungen Besuchern aus den USA die Blässe des Schreckens in die Gesichter schießen lässt. Menschen, die ihr Leben altersbedingt aushauchen müssen, indem sie von Klippen springen und mit einem Hammer den Kopf zertrümmert bekommen, wenn der Sturz noch nicht den Tod herbeigebracht hat, passen ganz und gar nicht in ihr modernes Weltbild. Mit großer Raffinesse kippt der Film die strahlende Hoffnung auf einen alternativen Gesellschaftsentwurf in den gleißenden Horror kultischer Rituale.


Die Sekte als Dystopie

Utopische Gesellschaften wurden gerne auf Inseln angesiedelt, weil sich hier abgeschirmt von der Welt Visionen des gesellschaftlichen Zusammenlebens entwickeln ließen. Inzwischen haben dystopische Entwürfe die utopischen verdrängt. In A Pure Place werden auch die touristisch heißbegehrten griechischen Inseln davon erreicht. Die fiktionale Konstruktion ist dabei essenziell. Denn in der Realität sind es ja in ihrer Heimat verfolgte Menschen, die sich auf griechische Inseln flüchten, um dort nur eine andere Hölle als die zuvor zu erleben. Das Grauen flüchtend hinter sich zu lassen, um in ein neues, noch schlimmeres Grauen zu geraten, hat ein enormes Potential für düstere Erzählungen. Für solche Narrative bieten Sekten ein geeignetes dystopisches Konstrukt. „A Pure Place“ und andere Filme der letzten Jahre inszenieren die scheiternde Suche nach dem besseren Leben, die kranke Utopie als puren Horror.

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