© IMAGO / Everett Collection (aus "Die letzte Versuchung Christi")

Was ist heroisch?

Über erschütterte moralische Gewissheiten, die Hinterfragung von Heldenbildern und den Figurentypus des Antihelden im Film, ausgehend von der Jesus-Figur in Martin Scorseses „Die letzte Versuchung Christi“.

Veröffentlicht am
11. April 2024
Diskussion

Wo moralische Gewissheiten ins Wanken geraten und simple Gut-Böse-Zuschreibungen nicht genügen, kommen auch Heldenbilder ins Wanken. Im Kino gibt es deswegen schon lange neben den strahlenden Helden auch die sogenannten „Antihelden“, die gegebene Wertvorstellungen in Frage stellen und heroischen Idealen menschliche Brechungen entgegenhalten. Wo kommt dieser Figurentyp her? Bei Martin Scorseses Filmen, nicht zuletzt seinem Passionsfilm „Die letzte Versuchung Christi“, ließe sich ansetzen, um sich dann in die Gegenwart vorzuarbeiten.


Wenn es um Antihelden im Film geht, findet sich oft der Hinweis auf den Italo-Western. Die Revolverhelden Clint Eastwoods oder Franco Neros „Django“ haben den Glauben an das Gute im Menschen längst verloren, sie sind Rächer, Zyniker, Egoisten. Sie glauben an sich und ihre Waffe, die sie perfekt beherrschen. Einen Rest Anstand und Sinn für Ungerechtigkeit tragen sie aber noch in sich, weswegen sie sich nicht selten auf die Seite der Mittellosen stellen. Immerhin.

Im US-amerikanischen Kino waren ähnliche Figuren bereits im Film noir angelegt. Das New-Hollywood-Kino machte ab den 1960er-Jahren den Antihelden dann zum Standardprotagonisten. Im Werk von Martin Scorsese sind solche Männerfiguren besonders präsent. Es sind buchstäblich gottverlassene Männer, sei es der „Taxi Driver“, der „Raging Bull“ oder die „Good Fellas“. Findet sich hier die Brutstätte für all die Antiheldenfiguren, die heutzutage die Leinwände und Displays beherrschen? Ist der „Joker“ ein soziopathischer Nachfahre von Travis Bickle, dem „Taxi Driver“? Verweist das „Breaking Bad“ des Walter White auf die Entwicklungen der kleinen und großen Gangster?

Jesus wider Willen

Mit „Die letzte Versuchung Christi“ verwirklichte Scorsese 1988 seinen langgehegten Traum von einer Verfilmung der Passionsgeschichte. Es brauchte mehrere Jahre und neun Drehbuchfassungen, bis sich ein Produzent fand, der die Verfilmung eines Romans des griechischen Autors Nikos Kazantzakis übernahm. Jahrelang wurde das Projekt von religiös-fundamentalistischen Gruppierungen torpediert. Denn was Scorsese auf die Leinwand bringen wollte, war nicht der Jesus, wie man (vor allem als Angehöriger mancher frommen Gruppierung) ihn zu kennen glaubt. Aus der gewiss bedeutendsten abendländischen Heldengestalt machte Scorsese einen ähnlich gebrochenen Mann auf der Suche nach Erlösung wie den „Taxi Driver“. Scorsese ging es darum, den Menschen Jesus zu zeigen, für den die Entscheidung zwischen dem Leben und dem Opfertod von existentieller Bedeutung ist. Nicht voller Überzeugung opfert er sich, sondern voller Zweifel, was er denn tun solle.

Messias wider Willen und voller Zweifel: Willem Dafoe in "Die letzte Versuchung Christi" ( Imago/United Archi)
Messias wider Willen und voller Zweifel: Willem Dafoe in "Die letzte Versuchung Christi" ( © Imago/United Archi)

Der von Willem Dafoe gespielte Jesus ist ein Auserwählter, dem unklar ist, was Gott von ihm will, er ist ein Messias wider Willen. Wenn er zu den Menschen spricht, wie bei der Bergpredigt, dann hofft er inständig, dass Gott ihm die richtigen Worte in den Mund legen möge. Als er am Kreuz hängt, entgeht er der letzten Versuchung nur um Haaresbreite, weil (ausgerechnet!) Judas (Harvey Keitel) ihn davon überzeugen kann, dass der Engel, der ihm ein erfülltes irdisches Leben mit Sex, Frau und Kindern vorgaukelt, eigentlich der Satan sei.

Psychopathen, Gangster und Genies

Was genau ist mit „Antiheld“ gemeint? Der Figurentypus sollte nicht einfach als das Gegenteil des Heroischen gefasst werden. Zwei Phänotypen des Antihelden lassen sich unterscheiden: „Den Antihelden, der dem, was gesellschaftlich als gut betrachtet wird, zuwiderhandelt oder zumindest nicht mit hundertprozentiger Sicherheit auf der ‚richtigen‘ Seite steht; und, zweitens, den Antihelden, den man als Versagertypen bezeichnen könnte“, so die Filmwissenschaftlerin Nora Weinelt. Scorseses Jesus bringt am Ende das heroische Opfer. Anderen Protagonisten des Regisseurs gelingt dies nicht. Traumatisiert und gebrochen, erscheinen sie oft wie Relikte aus einer mythischen Vergangenheit, in der Männer Konflikte mit der Waffe oder mit den Fäusten lösen, doch in der (meist) modernen Welt der Stadt ist die heroische Maskulinität zum Scheitern verurteilt.

Der „Taxi Driver“ (1976) Travis Bickle bezeichnet sich selbst als „Gottes einsamsten Mann“, womit er den späteren Jesus und viele weitere Figuren Scorseses auf den Punkt bringt. Aus dieser Situiertheit erwächst ihr antiheroisches Handeln. Travis Bickle will ein normales Leben führen, eigentlich will er ein guter Mensch sein, nur gelingt ihm dies nicht. Er will ein minderjähriges Mädchen aus den Klauen der Prostitution befreien, was sollte daran falsch sein? Das Problem ist, dass er asozial ist; er hat nicht gelernt, sich für andere Menschen zu interessieren. Und als Vietnam-Veteran kennt er nur Gewalt als Lösung.

Prototyp des Antihelden: Travis Bickle (r.) in "Taxi Driver" (Sony)
Prototyp des Antihelden: Travis Bickle (r.) in "Taxi Driver" (© Sony)

In seiner Verfilmung von Dennis Lehanes Roman „Shutter Island“ (2010) erzählt Scorsese abermals von einer traumatisierten Männerfigur. Doch dieses Mal ist die Hauptfigur nicht nur traumatisiert. Der von Leonardo DiCaprio gespielte US-Marshal ist eigentlich ein anderer, der so massiv unter paranoiden Störungen leidet, dass Ärzte der Klinik für psychisch gestörte Schwerverbrecher auf Shutter Island ihm eine Scheinrealität und eine andere Identität geschaffen haben, mit der Hoffnung, damit zu seiner Heilung beizutragen. In diesem Fall auf die Spitze getrieben, ist es ein neues Verhältnis zum Heroischen, das in der Zusammenarbeit von Leonardo DiCaprio und Scorsese entstanden ist. Robert De Niros Figuren in den Scorsese-Filmen sind meist schon von vornherein gebrochen, und sie sind gewalttätig, um überhaupt noch zu leben. Deshalb macht es auch Sinn, wenn Georg Seeßlen in seinem Buch über Scorsese schreibt, dass die Charaktere Selbstmörder sind, denen der finale Akt nicht gelingt. DiCaprios Howard Hughes in „Aviator“ (2004) und Jordan Belfort in „The Wolf of Wall Street“ (2013) sind größenwahnsinnige Kinder eines Raubtierkapitalismus, denen jedes Mittel recht ist, ihren Weg zu machen. Sie füllen ihren Geldbeutel und entleeren ihre Seele. Genau das macht sie zu Antihelden: sie haben eigentlich das Menschsein hinter sich gelassen, und wir sehen lustvoll dabei zu, ob ihnen das gelingt.

"Die Verhältnisse, sie sind nicht so"

Bösewichter sind häufig schillernde Figuren. Der strahlende Held ist leider allzu oft von langweiliger Einfachheit und Eindimensionalität, während sein Gegenpart alle Register ziehen darf, um sein teuflisches Ziel zu erreichen. Mephistopheles ist spannender (und auch schlauer) als Faust. Das gilt auch für das Superhelden-Genre, weswegen man heutzutage die Protagonisten (bei den Frauenfiguren bislang noch seltener) gerne mit antiheroischen Zutaten ausstattet, um sie interessanter zu machen – Batman als „dunkler Ritter“, Tony Stark aka Iron Man als flamboyanter Lebemann, vom unmöglichen „Deadpool“ ganz zu schweigen. Häufig machen sie Phasen durch, in denen sie ein Dasein als „Nichtmehrhelden“ (Ulrich Bröckling) führen, um später, wenn sie den inneren Zweifel überwunden haben, umso gestärkter ins Geschäft der Rettung der Welt zurückkehren können. In „Logan – The Wolverine“ (2017) ist diese Dramaturgie auf die Spitze getrieben, wenn Charles Xavier, der Gründer der X-Men, an einer Demenz leidet, die sich gegen die Mutanten richtet, weswegen es auch nur noch drei gibt. Eher zu Antihelden werden die Superhelden, wenn sie im Kampf gegen das vermeintlich Böse selbst Schlechtes tun, indem die Schäden, die sie verursachen überhandnehmen. In „The First Avenger: Civil War“ (2016) leidet der Ruf der Avengers in der Öffentlichkeit genau darunter, was dazu führt, dass ungeahnte Ressentiments zutage treten und die Gruppe sich zu entzweien droht. Von Helden wäre eine bessere Krisenkommunikation zu wünschen.

Superhelden im post-heroischen Zeitalter: "Logan - The Wolverine" (Twentieth Century Fox)
Superhelden im post-heroischen Zeitalter: "Logan - The Wolverine" (© Twentieth Century Fox)

Den Bösewicht zum Antihelden zu machen, um dessen Entwicklung zum Bösewicht eines Superheldennarrativs zu erzählen, ist der dramaturgische Clou von „Joker“ in der Regie von Todd Phillips (2019). Arthur Fleck wird so lange von seinen Mitmenschen gegängelt, erlebt im Sekundentakt derart viel Ungerechtigkeit, dass ihm eines Tages die Sicherung durchbrennt und er drei unanständige Männer für ihr diskriminierendes Verhalten brutal bestraft. Für den Antihelden als psychisch gestörten Sozialfall, dem nichts gelingen will, gibt es nach dem ersten Akt des Tötens kein Zurück mehr. Die Metamorphose setzt ein, und am Ende ist er zum Joker mutiert, der die aus seiner Sicht kranke Gesellschaft mit Terror zu retten können glaubt.

Natürlich gibt es auch die komische und burleske Variante des Antihelden. Das Werk der Coen-Brüder ist durchsetzt davon. Ihr Protagonist in Big Lebowski“ (1998), der „Dude“ (Jeff Bridges), ist der Antiheld in Reinkultur, ein Faulpelz, der jeglichem heroischem Verhalten eine Absage erteilt. Er wird dazu genötigt, einen anderen Kurs einzuschlagen, hält aber wacker an seinem Lebensentwurf fest. Der Underdog will hier Underdog bleiben, weil er nicht mehr vom Leben erwartet. Andere wollen jedoch aufsteigen, wie die Familie in Bong Joon-hos „Parasite“ (2019). Ungeahnte kriminelle Energie und beeindruckender Erfindungsreichtum bugsieren sie aus ihrer misslichen Lage. Ihnen wäre es bestimmt lieber gewesen, auch auf andere Weise besser zu leben, doch – mit Bertolt Brecht gesprochen – „die Verhältnisse, sie sind nicht so.“ Also versuchen sie, die Verhältnisse betrügerisch zu ändern.

Die Faszination des Bösen

Es ist auch in der Serienlandschaft auffällig, dass die meisten Figuren, die im Diskurs zum Antihelden auftauchen, männlich sind. Das ist insofern nachvollziehbar, als es ja darum geht, Idealbilder männlichen Heldentums zu verschieben und in Frage zu stellen. In „Breaking Bad“ (2008-2013) ist die Metamorphose klugerweise bereits im Titel untergebracht. Der zunächst als Antiheld gezeichnete Walter White, einst ein verkanntes Wissenschaftsgenie, nun ein gelangweilter Chemielehrer und Familienvater, der sein Dasein also als Normalo fristet, dann aber zum Drogenboss mit enormer krimineller Energie wird, entwickelt sich jedoch nie gänzlich zum Bösen. Er will auch irgendwie der alte Lehrer, der Ehemann und Vater bleiben, doch auch hier scheinen die Verhältnisse einfach nicht dafür gemacht zu sein: Die Welt des organisierten Verbrechens, lässt den, der einmal seinen Fuß hinein gesetzt hat, nicht mehr los, und Walters Ehrgeiz, beim Meth-Mixen geweckt, führt ihn immer tiefer hinein.

Walter White glaubt, dass er mit seinem Handeln schon irgendwie durchkommen wird, und dabei ist er enorm erfinderisch. Ähnliches gilt für Jimmy McGill alias Saul Goodman in „Better Call Saul“ (2015-2022), dem Spin-off von „Breaking Bad“. Saul Goodman ist noch mehr Antiheld als Walter White, weil er eigentlich nichts richtig kann. Er will seinen als Anwalt immens erfolgreichen Bruder nachahmen, bringt es aber nie zu mehr als dem gewitzten Gauner, der er ist. Auch Kim Wechsler, seine Mitstreiterin, kann sich der Faszination am Durchbrechen so mancher Regeln nur schwer entziehen. Beide haben mal mehr, mal weniger Sinn für Gerechtigkeit, aber beim Einsatz der Mittel entfernt vor allem er sich denkbar weit von juristischen und moralischen Gesetzmäßigkeiten, mal lustvoll, mal desillusioniert von der fehlenden Umsetzbarkeit legaler Optionen.

Jenseits von Gut und Böse: Der Tycoon in "Succession" ( Brian Cox  © Home Box Office)
Jenseits von Gut und Böse: Der Tycoon in "Succession" ( Brian Cox, © Home Box Office)

Hauptfiguren, die sich sogar noch mehr in Richtung veritabler Gegenhelden, also von Schurken, entwickeln, sind mittlerweile längst keine Seltenheit mehr. Serien wie „Succession“ (2018-2023) oder „Yellowstone“ (seit 2018) sind gespickt mit mehr als unsympathischen Hauptfiguren – auch weiblichen – denen auf besonders drastische Weise moralische Wertmaßstäbe von „richtig“ oder „falsch“ völlig gleichgültig zu sein scheinen: Die Welt sehen sie als Haifischbecken, in dem es darauf ankommt, so zu agieren, dass man frisst, statt gefressen zu werden. Der Zweck heiligt ihnen die Mittel. Und sogar der Zweck ist oft genug schon fragwürdig. Ihr transgressives Verhalten macht diese Figuren – Sympathy for the Devil! – freilich auch irgendwie attraktiv.

Man soll ja nicht von der Fiktion auf die Realität schließen, doch blickt man auf einen Donald Trump, der sich bekanntlich an fiktionalen Vorbildern orientiert, dann sieht man, wie ein Mensch lustvoll das „Breaking Bad“ zum eigenen Selbstverständnis erklären kann und damit erfolgreicher zu sein scheint als seine Vorbilder. Sind wir an einem Punkt angelangt, wo die Bösewichter zu den (Anti-)Helden werden, die dann in der Realität unsere Geschicke lenken? Ist zu befürchten, dass die Jokers dieser Welt nicht mehr die Antagonisten, sondern die Protagonisten des politischen Establishments werden?

Zum Glück gibt es noch die postheroischen Helden, von denen der Kultursoziologe Ulrich Bröckling in seinem sehr lesenswerten Buch „Postheroische Helden. Ein Zeitbild“ schreibt. Es sind die „Retter- und Helfergestalten“ der Gegenwart, die mit neuen Mitteln (Aktivismus) gegen Ungerechtigkeit vorgehen. Man sollte sich aber nicht drauf verlassen, dass sie den Diktatoren unserer Zeit das Handwerk legen. Und ein Messias ist nicht zu erwarten. Jeder einzelne sollte im Rahmen seiner Möglichkeiten aktiv werden. Das sei hier die Osterbotschaft.

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