Die Schauspielerin Nathalie Baye hatte ihren Durchbruch bereits mit 25 Jahren als allgegenwärtige Regieassistentin in François Truffauts „Die amerikanische Nacht“ und stieg dann rasch in die erste Reihe der französischen Darstellerinnen auf. Bescheidenheit und Zurückhaltung verbanden sich in ihrem Spiel mit der Ausstrahlung selbstbestimmt ihren Weg gehender Frauen. In Filmen wie „Schöne Venus“, „Eine fatale Entscheidung“ und vielen anderen lotete sie facettenreich die widersprüchlichen Gefühlswelten ihrer Charaktere aus.
„Wo ist Joëlle?“ Die elementare Frage, die François Truffaut in seinem Film „Die amerikanische Nacht“ (1973) als Regisseur Ferrand dem Team stellt, ist die nach seiner wichtigsten Mitarbeiterin. Joëlles offizielle Berufsbezeichnung ist Scriptgirl, doch ihre Kompetenzen gehen weit über das Beachten von Dialogen und Anschlusskorrektheit hinaus. Joëlle arbeitet bis in die Nacht hinein mit Ferrand das Drehbuch um, betreut schwierige Darsteller, beschafft in Windeseile eine andere Katze, als das eigentlich gecastete Tier vor der Kamera versagt; sie organisiert Fahrten, Drehpläne und vieles andere, hat ihre Augen, Ohren und hilfreichen Hände überall und scheint in ihrem Einsatz fürs Gelingen des Films niemals müde zu werden. Truffaut erwies mit dieser Figur seinerzeit seiner langjährigen Vertrauten Suzanne Schiffman Reverenz, doch bei der Wahl der Darstellerin entschied sich der Regisseur für eine gerade 25-jährige Newcomerin: Nathalie Baye ist in „Die amerikanische Nacht“ erst zum zweiten Mal vor einer Kamera zu sehen; die Tochter eines Malerpaars aus der Normandie hat eher eine Tanzkarriere ins Auge gefasst. In Truffauts Kino-Hommage aber ist die junge Schauspielerin die perfekte Besetzung für die Reife, Quirligkeit und Allgegenwärtigkeit von Joëlle und führt bereits vor, was ein Markenzeichen ihrer Leinwandauftritte wird: Mit unaufdringlichen Mitteln den Eindruck zu erwecken, die treibende Kraft der in ihren Filmen entfalteten Milieus und schlicht unersetzlich zu sein.
Bescheidenheit & Zurückhaltung
Als derartige Stütze besetzt sie Truffaut ein weiteres Mal sehr eindringlich in „Das grüne Zimmer“ (1978). Anders als „Die amerikanische Nacht“ und „Der Mann, der die Frauen liebte“ (1977) ist dies ein Drama mit wenigen Personen und reduzierter Handlung, in dem die Aktrice erneut an der Seite ihres selbst die Hauptrolle übernehmenden Regisseurs spielt. Nathalie Baye als junge Cécilia ist eine Verbündete und zugleich der Gegenpart des Witwers Davenne, den die Trauer um seine Frau und seine im Ersten Weltkrieg getöteten Kameraden nicht loslässt und der seine Gefühle auf nichts anderes ausrichten kann. Cécilias Empfindungen für ihn lassen erstmals einen Ausbruch aus dieser Morbidität wieder möglich erscheinen, was viel mit Bayes warmherziger, still unterstützender Erscheinung zu tun hat.
Bescheidenheit und Zurückhaltung werden in ihrem Spiel auch fortan kultiviert, passend dazu, dass die Darstellerin Starrummel verabscheut – was vor allem die hohe Medienaufmerksamkeit in den 1980er-Jahren als Partnerin des französischen Rockmusikers Johnny Hallyday für sie zur Belastungsprobe macht.
Auf der Leinwand entwickelt sich Nathalie Baye in dieser Zeit zu einer souveränen Interpretin von Frauen, die sich nicht vereinnahmen lassen wollen und ihren eigenen Weg gehen – sogar um den Preis, dass die wichtigsten Bindungen zu Bruch gehen. In „Eine merkwürdige Karriere“ (1981) zeigt sie sich als Frau eines jungen Werbeagenten (Gérard Lanvin) unempfänglich für die Aura seines mephistophelischen neuen Chefs (Michel Piccoli) und gibt lieber die gemeinsame Ehe preis, als die selbstausbeuterischen Tendenzen ihres Mannes mitzutragen. Für diese beifallswürdige Standhaftigkeit gewann Baye 1982 einen „César“; den Preis hatte sie schon im Jahr davor für Jean-Luc Godards „Rette sich wer kann (das Leben)“ erhalten; und 1983 nahm sie die Auszeichnung für den Polizeithriller „La Balance - Der Verrat“ zum dritten Mal in Folge entgegen.
Der äußerst harte, damals für seine Darstellung zynischer Polizeimethoden in der Kritik stehende Film „La Balance – Der Verrat“ hat in Nathalie Baye und Philippe Léotard sein emotionales Zentrum. Als Prostituierte respektive ehemaliger Berufsverbrecher werden sie zwischen den Fronten einer Spezialeinheit der Polizei und der Organisation eines Gangsterbosses aufgerieben. Hier ist es die Loyalität zu einer Beziehung mit fatalen Auswirkungen, der die Darstellerin effektvoll Ausdruck verleiht, ebenso wie im Historiendrama „Die Wiederkehr des Martin Guerre“ (1982). Darin widersetzt sich die von Baye gespielte Bäuerin im 16. Jahrhundert konsequent den Versuchen von anderen, ihr den Mann an ihrer Seite zu rauben. Auch nachdem Zweifel an dem angeblich nach Jahren im Krieg zu ihr zurückgekehrten Martin Guerre das Gericht auf den Plan gerufen haben, bestätigt sie in ruhiger Erhabenheit seine Identität.
Schmerzhafte Entscheidungen
Oft müssen die Figuren von Nathalie Baye schmerzhafte Entscheidungen über ihr Leben fällen, die zugleich Akte weiblicher Selbstbestimmung darstellen. Diane Kurys besetzt die Darstellerin in „Ein Sommer an der See“ (1990) in einer Rolle, die auf der Mutter der Filmemacherin beruht: eine Frau, die Ende der 1950er-Jahre ihre nicht mehr glückliche Ehe beendet und ein neues Leben mit eigenem Beruf und neuem Freund anpeilt. Das Bewusstsein, ihre beiden Töchter damit aus einem behüteten Dasein zu reißen, lässt Nathalie Baye dabei stets als Facette mitschwingen, selbst dort, wo ihre Figur sich ganz der Freude über ihr frisch empfundenes Glück hingibt.
Noch schwieriger stellt sich die Situation in „Weekend für zwei“ (1990) dar, in dem sich die Hauptfigur bereits Jahre vor Einsetzen der Filmerzählung für den Schauspielberuf und gegen das reine Muttersein entschieden hat. Nicole Garcia blickt in ihrem Regiedebüt feinfühlig auf eine Frau, die bei einem Wochenendtreffen spontan entscheidet, mit ihren beiden Kindern zu flüchten, ohne rechtes Ziel, verfolgt von ihrem Exmann und permanent gegen die Unsicherheit ankämpfend, ob sie insbesondere zu ihrem zehnjährigen Sohn wieder einen Zugang finden kann. Eine emotionale Dauerherausforderung, die unter Bayes Filmen wohl nur noch von der Komödie „Schöne Venus“ (1999) übertroffen wird. Was daran liegt, dass Regisseurin Tonie Marshall ihrer Hauptdarstellerin die ungemein facettenreiche Rolle einer Frau in den Vierzigern schenkt, die sich auf Liebe und Beziehungen mit ebenso viel Verletzlichkeit und Misstrauen wie ungebrochener Hoffnung einlässt.
„Schöne Venus“ beflügelte einmal mehr die Karriere von Nathalie Baye. Neben weiteren Filmen, in denen sie „reife“ Figuren mit starker romantischer Ader verkörperte, etwa „Eine pornografische Beziehung“ (1999) oder „Gefühlsverwirrungen“ (2003), führte vor allem die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Xavier Beauvois zu darstellerischen Bravourstücken. Nach dem Sozialdrama „Die Frau des Chefs“ (2000) brillierte sie in „Eine fatale Entscheidung“ (2005) als alkoholkranke Kommissarin, die unter ihren vielen Lebenskrisen auch den Tod ihres Sohnes im Kindsalter ertragen musste und sich mit einem jungen Kollegen in ihrer Einheit anfreundet, nur um durch dessen gewaltsamen Tod einmal mehr in ihre seelischen Abgründe gestoßen zu werden. Was wie eine Ansammlung melodramatischer Schicksalsschläge wirken könnte, erlaubt Nathalie Baye durch die Sachlichkeit von Beauvois’ Inszenierung eine vielschichtige Studie widerstreitender Emotionen, die sich fast ausschließlich in ihrer Mimik widerspiegeln. Nachdem sie dafür ihren vierten „César“ gewonnen hatte, holt Beauvois sie 2017 für „Die Wächterinnen“ ein drittes Mal vor seine Kamera. Auch in diesem Drama, in dem Nathalie Baye eine Bäuerin spielt, die ihren Hof zu erhalten versucht, während Mann und Söhne im Ersten Weltkrieg kämpfen, ist noch einmal eine Frau zu erleben, die ihre Gefühle drosselt, um nicht von ihnen verschlungen zu werden. Tränen fließen nur in Momenten, in denen sie unbeobachtet ist.
Ausflug ins Populäre
Auch in dieser Zeit jedoch lässt sich die Darstellerin nicht einseitig von einem bestimmten Image vereinnahmen. Dankbare Altersrollen bietet ihr insbesondere der Kanadier Xavier Dolan in „Laurence Anyways“ (2012) und „Einfach das Ende der Welt“ (2016). Darin erscheint sie mit schwarzer Perücke, dickem Makeup und blau lackierten Fingern als Mutter, die bei allem exaltierten Auftreten die emotionale Distanz zu ihrem schwulen Sohn (Gaspard Ulliel) schmerzvoll empfindet. Mit Komödien wie „Alibi.com“ (2017) taucht Nathalie Baye aber auch im populären Bereich auf, bei der Serie „Criminal“ (2019) mischt sie ebenso mit wie in dem Frankreich-Abstecher von „Downton Abbey: Eine neue Ära“ (2022). Am 17. April 2026 ist sie im Alter von 77 Jahren an den Folgen einer neurodegenerativen Erkrankung gestorben.